Heusenstamm (Hessen)

Datei:Heusenstamm in OF.svg Heusenstamm ist eine Kleinstadt mit derzeit etwa 18.500 Einwohnern im Landkreis Offenbach (Karte Hagar, 2009, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Seit dem 15.Jahrhundert war das Dorf in Besitz der Herren von Heusenstamm, später derer von Schönborn. Um 1450 sind hier erstmals Juden urkundlich nachweisbar, die angeblich bereits zu dieser Zeit über Synagoge, Schule und eigenen Friedhof verfügten. Im nahen Obertshausen sind jüdische Bewohner seit 1572 nachgewiesen. Die Bildung einer eigenen Gemeinde muss in den Jahren des Dreißigjährigen Krieges erfolgt sein. Jüdische Familien am Ort hatten von der Herrschaft zeitlich befristete Schutzbriefe erhalten und mussten dafür bestimmte Regeln einhalten, so durften sie z.B. während der christlichen Gottesdienste nicht ihre Häuser verlassen. Auch führte der Ortspfarrer damals Klage beim Erzstift, weil die Judenschaft fast stärker vertreten sei als die katholische Gemeinde. Im 18.Jahrhundert stellten die Juden immerhin ca. 10% der Ortseinwohner.

Eine mit Erlaubnis des Schlossherrn um 1650 eingerichtete Synagoge wurde später durch einen Neubau in der Eckgasse, danach Kirchstraße, ersetzt und 1829 durch den Offenbacher Rabbiner eingeweiht; am Standort dieses Synagogengebäudes wurde im Jahre 1881 ein neues errichtet. Über die Einweihungsfeierlichkeiten berichtete „Der Israelit” in der Ausgabe vom 5. Oktober 1881:

Heusenstamm bei Offenbach, 13. September. In unserer kleinen Gemeinde fand heute die Einweihung der neuen Synagoge statt. An dieser Feier betheiligten sich fast sämmtliche Einwohner des Ortes und würde das innige Zusammenleben aller Confessionen selbst die besten Anhänger Stöckers außer Fassung gebracht haben. Im Bethause nahm neben dem Rabbinen Herrn Dr. Formstecher, der hochwürdige katholische Geistliche seinen Sitz, an dessen Seite der Oberamtmann, der Bürgermeister und die Gemeinderäte. Nachdem Herr Durlacher aus Frankfurt den lithurgischen Theil in ergreifender Weise vorgetragen hatte, bestieg Dr. Formstecher die Kanzel und beleuchtete in einer trefflichen Weise das Judenthum, das keine politische Tendenz kenne und keinen Staat im Staate bilde, sondern einen Juden, weß Glauben er auch angehören möge, gestatte, den Gottesdienst im Tempel mitzufeiern. Der Redner schloß mit einem ergreifenden Gebet für das Wohl des Kaisers und des Großherzogs.
Nach der Feier begaben sich der Bürgermeister und der Gemeinderath in das Haus des Vorstehers Herrn Fürth, um dort an einem kleinen Imbiß Theil zu nehmen. Hier hatten wir Gelegenheit eine Rede zu hören, welche wir der Öffentlichkeit nicht vorenthalten können. Herr Gemeinderath Ohlig schilderte in beredten Worten das gute Einvernehmen der verschiedenen Confessionen des Ortes und hob speciell - im Hinblick auf die gegenwärtige verabscheuungswerte Bewegung der Antisemiten hervor, dass das Verhältniß der christlichen Bevölkerung den Juden gegenüber seit seiner Kindheit ein äußerst cordiales gewesen sei. Die Beliebtheit und Achtung, die seine jüdischen Mitbürger mit Recht verdienen, bürgten für die ewige Dauer dieses Einvernehmens. Er schloß mit den Worten: 'Hier wird nicht gestöckert!' ...

Eine strenge Synagogenordnung regelte den gottesdienstlichen Ablauf. Die Sitzplätze in der Synagoge wurden unter den Gemeindeangehörigen öffentlich versteigert und verkauft.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2090/Heusenstamm%20Israelit%2008011872.jpg aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. Januar 1872

Langjähriger Lehrer in der Gemeinde war Max (Moses) Eckmann, der fast vier Jahrzehnte den Religionsunterricht für die hiesigen jüdischen Schulkinder (seit 1885) erteilte.

Als im Frühjahr 1924 die Decke der Synagoge einstürzte, wandte sich die kleine Gemeinde mit einem Spendenaufruf an ihre Glaubensgenossen:

                                            aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 17.4.1924

Auf dem jüdischen Friedhof in Heusenstamm - das Gelände war 1669 den hiesigen Juden von Melchior Friedrich von Schörnborn übereignet worden - wurden neben den einheimischen auch Juden aus Dietzenbach, Hainhausen, Jügesheim, Obertshausen und Weiskirchen beerdigt. Die letzte Beerdigung fand hier im Jahre 1938 statt.

Darmstadt, 20. September. Die israelitische Gemeinde Heusenstamm ist noch im Besitze eines altehrwürdigen Friedhofs, der ursprünglich eine Schenkung des Grafen von Schönborn war und auf einige Jahrhunderte zurückzuverfolgen ist. Viel Jahrhunderte war der Friedhof ein Tohuwabohu, bis endlich fromme Männe die Sache in die Hand nahmen und für eine anständige Einfriedigung besorgt waren. Meyer Schwarzschild in Frankfurt, dessen Wiege einst in obiger Gemeinde stand, brachte es durch fleißige Sammlungen endlich dahin, dass eine große Umfassungsmauer gebaut werden konnte und ein allgemeines Denkmal errichtet wurde, wobei Herr Dr. Formstecher im Jahre 1857 die Weiherede hielt. Auch der hochselige Baron W. von Rothschild leistete einen namhaften Zuschuss zu den Kosten und zur Unterhaltung dieser Mauer.

(aus: „Der Israelit“ vom 1.Okt. 1908)

Zur Kultusgemeinde - sie gehörte dem Bezirksrabbinat Offenbach an - zählten auch die wenigen Juden aus Bieber und Obertshausen.

Juden in Heusenstamm:

        --- um 1670 ......................... 20 Juden,

    --- 1828/30 ......................... 89   “  (ca. 11% d. Bevölk.),

    --- um 1850 ......................... 89   “  ,

    --- 1860 ........................ ca. 50   “  ,

    --- 1871 ............................ 35   “  ,

    --- 1880 ............................ 39   “  ,

    --- 1900/05 ......................... 38   “  ,

    --- 1933 ........................ ca. 30   “  (in 8 Familien),

    --- 1935 (Okt.) ..................... 42   “  ,

    --- 1938 (Dez.) .....................  9   “  ,

    --- 1942 ............................  4   “  .

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 1, S. 365

Nach Mitte des 19.Jahrhunderts nahm die Zahl der jüdischen Bewohner deutlich ab; die hier verbliebenen Juden lebten vornehmlich vom Handel mit Bauern der Region, aber auch vom Handwerk. Anfang der 1930er Jahre wohnten noch knapp zehn jüdische Familien in Heusenstamm. Anders als in den meisten Orten bestanden bis 1938 die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Juden und Landwirten fort; so meldete der Bürgermeister an den Landrat im Februar 1936: ... Ein großer Teil der Landwirte ist an hiesige Juden verschuldet und ist daher auch heute noch von denselben abhängig. Es ist daher ein sehr schweres Problem, die Landwirte davon abzubringen, ihre Futtermittel bei Juden zu kaufen. Mit den hier wohnenden Juden haben sich bisher keine Schwierigkeiten ergeben. ...”  Im Dezember 1938 hieß es in einem weiteren „Lagebericht“ des Bürgermeisters: ... Nach wie vor haben die Juden Einfluß auf die Bauern und einen großen Teil der übrigen Bevölkerung. ... Es ist zu hoffen, daß die Juden, die in verhältnismäßig großer Anzahl hier wohnen, bald aus der Gemeinde verschwinden. ...” 

In der Pogromnacht 1938 wurde die Heusenstammer Synagoge zerstört; vornehmlich aus Dietzenbach kommende SA-Angehörige steckten das Gebäude in Brand und vernichteten die Einrichtungs- und Kultgegenstände. Acht jüdische Männer wurden in Haft genommen. Auf dem jüdischen Friedhof wurden zahlreiche Grabsteine umgeworfen oder zerstört. Gegen Kriegsende wurden die Grabsteine vom Friedhof entfernt und für den Bau von Panzersperren benutzt. Die letzten vier jüdischen Bewohner Heusenstamms mussten 1942 ihren Heimatort verlassen; über ihr weiteres Schicksal ist nichts bekannt. Nachweislich wurden 17 gebürtige bzw. länger in Heusenstamm lebende jüdische Bewohner Opfer des Holocaust.

Das schwer beschädigte Synagogengebäude wurde später umgebaut und danach zu Wohnzwecken benutzt.

Ein Denkmal bzw. eine Gedenktafel für die jüdischen Opfer Heusenstamms gibt es bisher nicht; jüngst wurden auf Initiative einer Bürgerinitiative sog. „Stolpersteine“ im Stadtgebiet verlegt.

Der jüdische Friedhof in Heusenstamm weist heute ca. 100 Grabmale auf.

 Blick auf den Friedhof (Aufn. aus: meteo-europ.com, 2012)

... und einzelne Grabsteine http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20162/Heusenstamm%20Friedhof%20188.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20162/Heusenstamm%20Friedhof%20189.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20162/Heusenstamm%20Friedhof%20204.jpg Aufn. J. Hahn, 2008

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 1, S. 365 – 367

Alfred Dittrich, Geschichte der jüdischen Kultusgemeinde in Heusenstamm, in: Heusenstammer Stadtpost Nr. 18,20,22,24 und 25/1972

Heinrich Roth, 750 Jahre Heusenstamm - Geschichte und Entwicklung, Hrg. Heimatverein Heusenstamm, o.J.

Alfred Dittrich, Aus der Geschichte der jüdischen Kultusgemeinde in Heusenstamm, in: Heusenstammer Hefte No.2 - Juli 1989, Hrg. Magistrat der Stadt Heusenstamm in Zusammenarbeit mit dem Heimatverein, Heusenstamm 1989

Heusenstamm mit Obertshausen und Bieber, in: alemannia-judaica.de (mit Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie

Der jüdische Friedhof in Heusenstamm, in: alemannia-judaica.de (mit Aufn. vom Friedhofsareal)

Sabine Richter-Rauch, „Sie wohnten neben uns“ – Die jüdischen Familien in Heusenstamm zwischen 1930 und 1945, Hrg. Initiative Stolpersteine, 2. Aufl., Heusenstamm 2010

Gil Hüttenmeister, „Hier ist verborgen “ - Der jüdische Friedhof in Heusenstamm, 2014 (Anm.: Grabstein-Dokumentation)

Jürgen Roß (Red.), Vor dem Verfall festgehalten, in: „Offenbach-Post“ vom 28.11.2014