Kaldenkirchen (Nordrhein-Westfalen)

Kaldenkirchen - hier leben derzeit knapp 10.000 Menschen - ist seit 1970 ein Ortsteil von Nettetal, einer am Niederrhein gelegenen Kommune im Kreis Viersen.

Erste Belege für Ansiedlungen von Juden in Kaldenkirchen stammen aus dem beginnenden 18.Jahrhundert. In der Folgezeit blieb die Zahl der jüdischen Familien stets nur gering; sie lebten in sehr bescheidenen Verhältnissen. Über die Judenschaft Kaldenkirchens liegt ein Bericht der Bürgermeisterei aus dem Jahre 1843 vor; in diesem hieß es u.a.:

ad 1) Für das hiesige jüdische Cultus- und Schulwesen gelten bloß die bestehenden landesgesetzlichen Bestimmungen und die Judenschaft unterwirft sich ferner in dieser Beziehung aller Anordnungen ihres vorgesetzten Ober-Rabbiners zu Crefeld.

ad 2) Erst vor etwa 70 bis 80 Jahren ließ die erste Judenfamilie von Breyell herkommend dahier in Kaldenkirchen sich nieder, dieselbe beschaffte sich vor etwa 50 Jahren die Gesetzesrollen (oder Buch Moises) und errichtete ... hierselbst eine Judenschule. Seitdem hat dieselbe ununterbrochen hier bestanden, und das Lokal dazu gemiethet resp. in einem Zimmer besteht.

ad 3) Die Bevölkerung der Juden in Kaldenkirchen beträgt jetzt 26. ....

ad 5) Die Gemeinde wird in Beziehung auf ihre Cultusangelegenheiten durch einen von ihrem Consistorium zu Crefeld auf unbestimmte Zeit gewählten Vertreter representiert, ...

ad 7) Die Gemeinde besitzt außer einem Begräbnisplatze weder Grundeigentum noch sonstiges Vermögen. ... Sämtliche Bedürfnisse für den Cultus werden durch freiwillige Beiträge gedeckt. ...

ad 10) Die deutsche Sprache fand bei ihrem Gottesdienst noch keinen Eingang, ebensowenig wird gepredigt. ...

In einem Schreiben des Bürgermeisters vom 20.6.1868 finden sich folgende Angaben über die jüdische Gemeinde:

„ ... Die hiesige israelitische Gemeinde besteht aus 8 Familien mit zusammen 56 Seelen ... Darunter befinden sich 24 Kinder unter 12 Jahren und kann man meines Erachtens annehmen, daß die Synagoge von 32 Israeliten wirklich besucht wird. ... Die Mehrzahl der israelitischen Familien ist arm und ernährt sich von unbedeutendem Handel, so daß sie aus eigenen Mitteln zur Erbauung einer Synagoge nur wenig beitragen können. Wenn dieselben auch bisher ihren Gottesdienst in einer bei einer ihrer Glaubensgenossen gemietheten engen, zu beschränkten Stube abhielten, so halte ich die Erbauung einer Synagoge zwar für wünschenswert, jedoch nicht für Bedürfniß mit Rücksicht auf die geringe Seelenzahl. ...“

Bis 1800 suchten die Juden Kaldenkirchens einen Betsaal in Bracht auf, ehe dann ein solcher in einem Privathaus am Ort (Ecke Rathausgasse/Bahnstraße) zur Verfügung stand. Im Jahre 1873 wurde unweit davon ein neues Synagogengebäude eingeweiht; die Baukosten waren größtenteils aus Gemeindemitteln und Schenkungen aufgebracht worden. Den zeremoniellen Akt der Einweihung des kleinen Synagogenbaus nahm im Juni 1873 der Oberrabbiner Dr. Horowitz unter Teilnahme des Stadtrats und zahlreicher Bürger vor.

In der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts gehörte Kaldenkirchen zu einem israelitischen Schulverband, dem auch Lobberich, Bracht und Breyell angeschlossen waren.

Die Gemeinde verfügte zunächst über ein kleines Friedhofsgelände in der Nähe der heutigen Grundschule (heutige Jahnstraße); nach 1924 wurden die Verstorbenen in der Nachbarschaft des katholischen Friedhofs (Akazienweg) beerdigt.

Juden in Kaldenkirchen:

        --- 1806 .................  2 jüdische Familien (14 Pers.),

    --- 1824 ................. 24 Juden,

    --- 1843 ................. 26   “  ,

    --- 1868 ................. 56   “  (in 8 Familien),

    --- 1888 ................. 53   “  ,

    --- 1926 ................. 55   “  ,

    --- 1933 ................. 44   “  ,

    --- 1936 ................. 36   “  ,

    --- 1939 ................. 23   “  (in 9 Familien),

    --- 1941/42 ..............  ?   “  .

Angaben aus: Leo Peters, Aus der Geschichte der Juden im Gebiet der heutigen Stadt Nettetal, S. 185 f.

Die seit 1858 als Filialgemeinde zur jüdischen Gemeinde Kempen gehörende Kaltenkirchener Judenschaft wurde 1932 dann ganz in die Kempener Gemeinde integriert.

[vgl. Kempen (Nordrhein-Westfalen)]

Anfang der 1930er Jahre lebten ca. 50 Bürger jüdischen Glaubens in Kaldenkirchen. Während des Novemberpogroms von 1938 wurden in Kaldenkirchen jüdische Geschäfte von einheimischen SA-Angehörigen demoliert und der Synagogenraum zerstört; wegen der engen Bebauung verzichteten die Täter auf Brandlegung des Gebäudes. Im Dezember 1941 bzw. Ende Juli 1942 wurden neun jüdische Bewohner nach Riga bzw. Theresienstadt deportiert; nur einer soll überlebt haben.

In einem Verfahren vor dem Landgericht Krefeld wurden 1948 14 Kaldenkirchener angeklagt, an den Ausschreitungen in der “Kristallnacht“ aktiv beteiligt gewesen zu sein. Neun Angeklagte wurden wegen Landfriedensbruchs zu Haftstrafen verurteilt, fünf freigesprochen.

                 Synagogenruine Ende der 1950er Jahre (Aufn. aus: evangelische-kirche-kaldenkirchen.de)

Die Synagogenruine wurde um 1960/1961 abgetragen, ihr Grundriss im Straßenbelag teilweise markiert. Gegenüber dem ehemaligen Synagogengrundstück steht seit 1986 eine Gedenktafel mit stilisierter Menora und reliefartiger Darstellung der Synagoge; die Straße heißt heute „Synagogenstraße“.

                                                Gedenktafel mit Synagogen-Relief (Aufn. bv-kaldenkirchen.de) 

Auf Betreiben des Kaldenkirchener Bürgervereins wurde im Jahre 2000 auf dem ehemaligen jüdischen Friedhof (Jahnstraße) ein aus drei Stelen bestehendes Denkmal gesetzt; zwei Stelen tragen die Namen der deportierten und ermordeten jüdischen Gemeindeangehörigen.

      Drei Gedenkstelen auf dem Friedhof (Aufn. aus: bv-kaldenkirchen.de) http://www.bv-kaldenkirchen.de/bilder/mat_gal_jued_denkmal/jued_denkm101.jpg

http://steinheim-institut.de:50580/daten/picse41/xl/9001gE44_2008-2.png http://steinheim-institut.de:50580/daten/picse41/xl/9001gE44_2008-3.png die beiden Namenstafeln (Aufn. aus: steinheim-institut.de)

Zwei vom Bürgerverein Kaldenkirchen initiierte und konzipierte Informationstafeln für die beiden jüdischen Friedhöfe tragen die folgenden Texte:

An dieser Stelle begruben die Kaldenkirchener Juden auf einem kleinen, schmalen Grundstück ihre Toten. Schon 1824 wurde die Parzelle - Am Juden Kirchenhof - bezeichnet und dann 1840 ausdrücklich belegt. Im Jahre 1900 wird seine Größe mit 3,80 ar angegeben. Er war damals mit einer lebenden Hecke umgeben und mit einem Tor verschlossen, wie das obige Bild aus den 1920er Jahren zeigt. Jede Grabstelle hatte einen Grabstein mit Inschrift. 1924, also genau 100 Jahre nach der Ersterwähnung, wurde ein wesentlich größeres Grundstück am Akazienweg in der Nachbarschaft des katholischen Friedhofs zur Bestattung bestimmt. (am Friedhof Ecke Jahn-/Frankstraße")

Nachdem man seit 1924 den kleinen Judenfriedhof an der heutigen Jahnstraße nicht mehr für Beerdigungen nutzte, wurde dieser Platz am Akazienweg für Beerdigungen ausgewählt. Erhalten sind 13 Grabsteine, überwiegend mit hebräischen Inschriften. Als letztes Mitglied der jüdischen Gemeinde Kaldenkirchen vor ihrer Vernichtung durch die Nationalsozialisten wurde 1937 Simon Sanders beigesetzt. Die parkartige Anlage mit den großen Robinien ist das einzige noch sichtbare Zeichen jüdischer Kultur in Kaldenkirchen.“ (am Friedhof Akazienweg“)

Auf Initiative von Schülern der Gesamtschule Nettetal wurden 2012 die ersten sog. „Stolpersteine“ verlegt; in den Jahren danach folgten weitere, so dass es inzwischen ca. 30 Steine sind (Stand: 2016).

          Nettetal: Nettetaler Erinnerungen an das Pogrom "Stolpersteine" für Familie Lion, Fährstr. (Aufn. Busch, 2012)

   und für das Ehepaar Defries (Aufn. Busch, 2016)   http://bc01.rp-online.de/polopoly_fs/gestern-erinnern-stolpersteine-kaldenkirchen-simon-henriette-1.5776286.1455734011!httpImage/3053534555.jpg_gen/derivatives/d950x950/3053534555.jpg (beide Aufn. aus: rp-online.de)

In Breyell, einem anderen Stadtteil von Nettetal, siedelten sich seit Mitte des 18.Jahrhunderts zeitweilig Juden an; erst gegen Ende des 19.Jahrhunderts ließen sich einige Familien dauerhaft hier nieder. Das im Jahre 1910 errichtete Synagogengebäude wurde vermutlich auch von Juden aus Brüggen, Bracht und Lobberich besucht und wurde während der Pogromnacht von 1938 zerstört.

[vgl. Breyell (Nordrhein-Westfalen)]

Weitere Informationen:

Leo Peters, Geschichte der Stadt Kaldenkirchen, Teil II: Vom Beginn der preußischen Zeit bis zum Ende der Selbständigkeit 1970, Kleve 1998, S. 234 - 251 und S. 379 - 392

Leo Peters, Aus der Geschichte der Juden im Gebiet der heutigen Stadt Nettetal, in: Gerhard Rehm, Geschichte der Juden im Kreis Viersen, Schriftenreihe des Kreises Viersen 38, Hrg. Oberkreisdirektor, Viersen 1991, S. 175 ff.

Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938 in Nordrhein-Westfalen, Ludwig Steinheim-Institut, Kamp Verlag, Bochum 1999, S. 275/276

Elfi Pracht-Jörns, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Teil II: Regierungsbezirk Düsseldorf, J.P. Bachem Verlag, Köln 2000, S. 539 – 543

Leo Peters (Bearb.), Eine jüdische Kindheit am Niederrhein. Die Erinnerungen des Julius Grunewald (1860 - 1929), Böhlau-Verlag, Köln 2009

Bernd Remmler (Bearb.), November 1938: Als der Terror nach Nettetal kam (Aufsatz), online abrufbar unter: lobberich.de

Jüdischer Friedhof in Nettal-Kaldenkirchen, abrufbar unter: steinheim-institut.de

Jüdische Opfer des Nationalsozialismus in Nettetal (ausführliche Darstellung, vor allem personenbezogene Daten), abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Jüdische_Opfer_des_Nationalsozialismus_(Nettetal)

Bürgerverein Kaldenkirchen (Bearb.), Judenfriedhof Jahnstraße, online abrufbar unter: stadt-nettetal.de

Ludger Peters (Red.), Nettetal: Stolperstein für Anne Franks Großtante, in: rp-online.de vom 18.2.2016

Neue Schilder weisen auf jüdische Friedhöfe hin, aus: rp-online vom 8.11.2016