Kalkar (Nordrhein-Westfalen)

Kalkar ist heute eine Kleinstadt mit ca. 14.000 Einwohnern im Kreis Kleve am Niederrhein im Nordwesten des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen.

Möglicherweise waren schon gegen Mitte des 14.Jahrhunderts Juden im niederrheinischen Kalkar ansässig, worauf urkundliche Hinweise im Stadtrecht von Kleve hindeuten. Allerdings dürften sie sich wohl nur zeitlich befristet hier aufgehalten haben, denn während des 15. und 16.Jahrhunderts war Kalkar „judenfrei“. Zu Beginn des 17.Jahrhunderts muss dann eine begrenzte jüdische Zuwanderung erfolgt sein; von der Existenz einer kleinen Gemeinde kann aber erst seit dem 18.Jahrhundert gesprochen werden. Ihren Lebensunterhalt verdienten die Juden Kalkars als Viehhändler in der Region und als Metzger; später spielte dann der Textilhandel eine größere Rolle.

Bis zur Errichtung ihrer Synagoge 1826 diente der jüdischen Gemeinde ein Raum in einem privaten Wohnhaus an der Ecke Kesselstraße/Klosterstege als Gotteshaus. Als die Zahl der Gemeindeangehörigen immer mehr wuchs, wurden größere Räumlichkeiten notwendig; deshalb erwarb die Gemeinde die freigewordene evangelische Kirche in der Hanselaer Straße und ließ diese zur Synagoge umbauen, die im Jahre 1826 eingeweiht wurde. Während im Erdgeschoss etwa 30 Männer Platz fanden, war die Empore für die Frauen bestimmt.

      

Synagoge in Kalkar (Abb. aus: wikimapia) und hist. Postkarte, Hanselaerstr. in Kalkar mit Synagoge rechts im Bild (um 1900 ?)

                                                 Synagoge in Kalkar (Gemälde von A. Dettmar)

Seit ca. 1860 gab es in Kalkar auch eine jüdische Elementarschule (Hanselaerstraße); in den Jahrzehnten zuvor war den Kindern vielfach Privatunterricht erteilt worden. Doch schon bald wurde wegen der finanziellen Belastungen die Schule wieder geschlossen. Erst gegen Ende des 19.Jahrhunderts wurde in einem Schulneubau an der Hohen Straße der Unterricht wieder aufgenommen; auf dem rückwärtigen Gelände soll sich auch die Mikwe befunden haben. Mitte der 1920er Jahre wurde der Unterricht an der jüdischen Schule endgültig eingestellt.

Ihre Verstorbenen begrub die Kalkarer Judenschaft ab dem 19.Jahrhundert auf einem kleinen Areal im Pappelkamp nahe der Stadtmauer.

Juden in Kalkar:

    --- 1622 ..................   4 jüdische Familien,

    --- 1731 ..................   4     “       “    ,

    --- um 1805 ...............  30 Juden,*               * hier vermutlich nur Erwachsene

                ...............  58   “  ,**              ** insgesamt

    --- 1832 ..................  93   “  ,

    --- 1910 ..................  96   “  (knapp 5% d. Bevölk.),

    --- 1925 ..................  69   “  ,

    --- 1933 ..................  62   “  (in 15 Familien),

    --- 1934 ..................  60   “  ,

    --- 1939 ..................  28   “  ,

    --- 1942 (Dez.) ...........  keine.

Angaben aus: J.Bergmann/D.Z.Bondy/A.Pomerance, Juden in Kalkar, S. 26

Bis Ende der 1920er Jahre war Kalkar Hochburg des katholischen Zentrums; erst 1933 stieg die NSDAP zur dominierenden Partei auf; sehr schnell wurde nun die jüdische Minderheit ausgegrenzt.

 Geschäft der Familie Spanier, Monrestraße (hist. Aufn. Aloys Pyn, um 1930)

Vorläufiger Höhepunkt der antijüdischen Politik war auch in Kalkar der Novemberpogrom von 1938: Die wenigen jüdischen Geschäfte wurden verwüstet, das Synagogengebäude in der Hanselaer Straße aufgebrochen, die Inneneinrichtung demoliert und anschließend in Brand gesetzt; wenige Wochen später wurde die Ruine abgebrochen. Im Frühjahr 1939 musste das Synagogengrundstück verkauft werden; etwa zur gleichen Zeit ging das ehemalige jüdische Schulhaus in kommunale Hände über; der Kaufpreis wurde mit den Abbruchkosten der Synagoge „verrechnet“. Die meisten Kalkarer Juden verließen ihre Heimatstadt bis Kriegsbeginn, zumeist nach Holland; diejenigen, die zurückblieben, wurden 1941/1942 deportiert; der letzte der im Juli 1942 aus Kalkar verschleppten Juden war der 76jährige Moritz Spier. Alle 15 jüdischen Familien, die Anfang der 1930er Jahre in Kalkar gelebt hatten, hatten Opfer zu beklagen. Nach Kriegsende kehrte nur ein einziges Mitglied der früheren jüdischen Gemeinde nach Deutschland zurück.

Das letzte Zeugnis jüdischen Lebens in Kalkar ist heute der jüdische Friedhof.

 

Jüdischer Friedhof Kalkar (Aufn. Stadt Kalkar, aus: lokalkompass.de)

Zum 50.Jahrestag der Pogromnacht ließ die Stadt Kalkar eine vom Kalkarer Bildhauer Chr. Welmsen-Wiegmann geschaffene zwei Meter hohe, aus Stein gefertigte Thorarolle als Denkmal im Stadtzentrum Kalkars (zwischen dem ehemaligen Standort der Synagoge und dem Rathaus ) aufstellen. Eine im Boden eingelassene Tafel erinnert mit den folgenden Worten an die ehemalige Gemeinde des Ortes:

Zur Erinnerung und Mahnung an den Untergang der Jüdischen Gemeinde Kalkar.

Mein Haus ist ein Bethaus genannt für alle Völker.’ - Jesaja 56,7 -

stand am Giebel der jüdischen Synagoge,

die am 9./10.11.1938 durch Nationalsozialisten zerstört wurde.

Kalkar, im November 1988

 Seit 2006 gibt es - im Gedenken an die Synagoge der jüdischen Gemeinde – eine von der Künstlerin Eva Sand gestaltete Bildtafel eines achtarmigen Leuchters.

Derzeit sind Überlegungen angestellt, sog. „Stolpersteine“ für während der NS-Zeit verfolgte und ermordete Juden zu verlegen.

Die Juden von Uedem bildeten zusammen mit denen aus Kalkar einen Synagogenbezirk. Eine in Uedem beheimatete kleine mittelalterliche jüdische Gemeinschaft soll durch die Pestpogrome von 1348/1349 vernichtet worden sein. Juden siedelten sich vermutlich im Laufe des 16.Jahrhunderts wieder in Uedem an. Im 19.Jahrhundert umfasste die Zahl der Gemeindeangehörigen maximal ca. 80 Personen (etwa 5% der Bevölkerung).

Zu den gemeindlichen Einrichtungen gehörte seit ca. 1820/1822 ein eigenes Gotteshaus; das Gebäude hatte ursprünglich dem aufgelösten St. Agatha-Kloster als Kapelle gedient, war von der jüdischen Gemeinde aufgekauft und in eine Synagoge umgewandelt worden. In der Folgezeit wurde dieJudenkirche“ - wie die Synagoge im Volksmund genannt wurde - mehrfach umgebaut. Bereits seit ca. 1700 besaß die Uedemer Judenschaft ein Begräbnisgelände am Graf-Johann-Wall, das dann um 1825 wegen Belegung durch ein anderes an der Marienstraße – unmittelbar an den kommunalen Friedhof.

Eine in den 1820er Jahren geschaffene jüdische Elementarschule bestand bis gegen Ende des Jahrhunderts.

Juden in Uedem:

--- 1829 .................  44 Juden,

--- 1857 .................  76   “  ,

--- 1885 .................  37   “  ,

--- 1932 .................  22   “  .

Angaben aus: Michael Lehmann, Schicksal der Uedemer Juden

Um 1930 lebten nur noch sechs jüdische Familien in Uedem, die jeweils ein Geschäft führten: Isidor Forst hatte auf der Keppelner Straße einen Vieh- und Pferdehandel, die Geschwister Bocks führten in der Mosterstraße ein Kurz-, Weiß- und Wollwarengeschäft und die Familien Koopmann am Markt, Axel Devries und Henriette Devries (beide Lohstraße) hatten je eine Metzgerei. Julius Oster betrieb einen Viehhandel.
Emigration und Flucht in die Nachbarländer führten das Ende der Gemeinde herbei. Während der Novembertage 1938 wurde in Uedem u.a. die Metzgerei Devries (Lohstraße) demoliert. Das Synagogengrundstück war bereits fünf Monate vor dem Pogrom von der benachbarten Schuhfabrik Riddermann erworben worden; das Gebäude alsbald abgebrochen. Der Friedhof wurde abgeräumt und eingeebnet.

Seit 1988 erinnert eine Stele – zersplitterndes Glas symbolisierend – an die ehemalige jüdische Gemeinde Uedem und ihre Synagoge am Agathawall. Zudem trägt eine Tafel in der Friedhofshalle die Namen der ermordeten jüdischen Bewohner.

Die „Geschwister-Devries-Grundschule“ ist nach den beiden ermordeten Mädchen Ruth und Hilde Devries benannt.

  „Stolpersteine“ für die Schwestern Devries

Initiiert vom hiesigen Verkehrs- und Heimatverein erfolgte 2013/2014 - allein im historischen Ortskern - die Verlegung von mehr als 40 sog. „Stolpersteinen“; an anderen Stellen im Gemeindegebiet findet man weitere Steine.

Anlässlich des 75.Jahrestages der „Kristallnacht“ wurde an der 1988 errichteten Gedenkstätte zusätzlich eine Namenstafel mit den 37 jüdischen Opfern angebracht.

Weitere Informationen:

Oskar Artmann, Angesehen und wohlhabend, in: Kalender für das Klever Land auf das Jahr 1983, o.O. 1982, S. 39 - 42

Alois Puyn, In Nimwegen ‘untergetaucht’. Das Schicksal eines Kalkarer Juden und seiner Familie 1933 - 1945, in: Kalender für das Klever Land 1984, S. 31 – 36

Dieter Peters, Der jüdische Friedhof in Uedem, Manuskript 1998

Heinrich Ries, Die Uedemer Juden und ihre Namen. Als aus ‘Isaac Isaac’ Isaac Bock wurde, in: Kalender für das Klever Land 1988, S. 72 - 77

G.J.Bergmann/D.Z.Bondy/A.Pomerance, Juden in Kalkar - Gemeindegeschichte und Friedhofsdokumentation, Kleve 1999

Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938 in Nordrhein-Westfalen, Ludwig Steinheim-Institut, Kamp Verlag, Bochum 1999, S. 277/278

Elfi Pracht-Jörns, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Teil II: Regierungsbezirk Düsseldorf, Bachem Verlag, Köln 2000, S. 341 - 346 und S. 364/365

Günther J. Bergmann, „Die Ereignisse der Pogromnacht 1938 in Kalkar und das Schicksal der jüdischen Familien“, Vortrag anlässlich des 70.Jahrestages des Novemberpogroms, Kalkar 2008

Michael Lehmann, Schicksal der Uedemer Juden, in: Uedemer Studien, Band 6, hrg. vom Heimat- und Verkehrsverein Uedem, 2013

Jan Kellendonk (Red.), Thorarolle in Stein, Denkmal in Kalkar von Christoph Wilmsen-Wiegmann, in: lokalcompass.de vom 11.2.2017