Kallstadt (Rheinland-Pfalz)

Kallstadt an der Deutschen Weinstraße ist eine kleine Kommune mit derzeit ca. 1.200 Einwohnern im Landkreis Bad Dürkheim; sie gehört der Verbandsgemeinde Freinsheim an - ca. 30 Kilometer westlich von Mannheim gelegen.

Die Bildung einer jüdischen Gemeinde in Kallstadt reicht in die Zeit des 18. Jahrhunderts zurück, als Kallstadt Mittelpunkt der im unmittelbaren Umland (Ungstein, Herxheim und Erpolzheim) lebenden jüdischen Familien geworden war.

Da sich ein älteres, bereits unter der leiningisch-hartenburgischen Herrschaft benutztes Bethaus in einem inzwischen baufälligen Zustand befand, entschlossen sich die Gemeindeangehörigen dieses zu Gunsten eines Neubaus aufzugeben. Die Bauplanungen gingen über mehrere Jahre, ehe dann 1836 mit dem Bau begonnen werden konnte.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20401/Kallstadt%20Synagoge%2009071836.jpg Ausschreibung zum Bau der Synagoge von 1836

Im Jahre 1837 konnte dann die ca. 150 Angehörige zählende jüdische Gemeinde Kallstadts ihr neues Gebäude in der Neugasse einweihen, das zugleich als Synagoge, Schul- und Wohnhaus diente. Der nach den Plänen von August v. Voit errichtete Bau ähnelte der vom gleichen Baumeister in einem ‚ägyptisierenden Stil’ geschaffenen Synagoge in Rülzheim. 

Dass ein recht einvernehmliches Verhältnis zwischen den Angehörigen der evangelischen und jüdischen Glaubensgemeinschaft geherrscht haben muss, zeigt ein Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. Juni 1862:

"Kallstadt, 11. Mai. Am verflossenen Freitag und Samstag feierte die hiesige israelitische Cultusgemeinde ein gewiss seltenes Fest. Es fand nämlich die Einweihung einer neuen, von Herrn Samuel Lohmann von hier gestifteten Thora statt. Von Nah und Fern strömten Freunde herbei, um der Feier beizuwohnen. Die liturgischen Feierlichkeiten waren ganz der Bedeutung des Festes angemessen. Was uns besonders freute, war, daß wir unter dem Zuge sowie in der Synagoge viele protestantische Mitglieder der Gemeinde bemerkten, unter andern den Herrn Vicar, den Herrn Einnehmer, den Adjunkt, die meisten Gemeinderäthe und die beiden Lehrer. Wohl eine Gemeinde, in der Toleranz im entschiedensten Sinne des Wortes herrscht!"

Zur jüdischen Kultusgemeinde von Kallstadt zählten auch die Glaubensgenossen aus den umliegenden kleinen Dörfern Ungstein, Herxheim, Erpolzheim; nach Auflösung der Freinsheimer Gemeinde (1894) schlossen sich die wenigen verbliebenen Juden ebenfalls Kallstadt an. Die jüdische Schule in Kallstadt existierte bis ca. 1890; sie wurde wegen zu geringer Schülerzahl geschlossen.

Stellenanzeigen aus der Zeitschrift „Der Israelit" vom 23. August 1876, 13. Mai 1886 und 18. Juli 1907

Verstorbene Gemeindeangehörige wurden auf dem jüdischen Bezirksfriedhof in Wachenheim begraben.

Die Kultusgemeinde Kallstadt gehörte zum Bezirksrabbinat Frankenthal.

Juden in Kallstadt:

    --- 1801 ..................  29 Juden,*     * incl. Leistadt

    --- 1808 ..................  39   "  ,

    --- 1825 ..................  51   "   (ca. 5% d. Bevölk.),

    --- 1828 .............. ca. 150 Juden,**    ** incl. Ungstein u. Herxheim

    --- 1836 ..................  26 jüdische Familien,

    --- 1875 ..................  38 Juden,

    --- 1900 ..................  12   “  ,

    --- 1918 ..................  eine Familie.

Angaben aus: Stefan Fischbach, Zur Inventarisation der Synagogenbauten in Rheinland-Pfalz

und                 Kallstadt, aus: alemannia-judaica.de

Bereits in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts war die Zahl der Kallstadter Juden durch Abwanderung stark geschrumpft.

Der Erlös des in Freinsheim veräußerten Synagogengebäudes diente dazu, dass das Kallstadter Gotteshaus noch einmal renoviert werden konnte. Doch gegen Ende des Ersten Weltkrieges löste sich die winzige Kultusgemeinde ganz auf. Das Gemeindeeigentum wurde versteigert, das Synagogengebäude profaniert; letzteres diente nun als Wohn- und Wirtschaftsgebäude. Aus diesem Grunde fiel das Haus auch nicht dem Novemberpogrom von 1938 zum Opfer.

   Ehem. Synagoge (Aufn. um 1985, aus: O. Weber)

1985 wurde das ehemalige Synagogengebäude unter Denkmalschutz gestellt; Teil der Decken- und Wandmalereien sind heute noch vorhanden.

Weitere Informationen:

Bernhard Kukatzki, Selbst die Kristallnacht überstanden, in: ‘Die Rheinpfalz’, Ausgabe Bad Dürkheim vom 13.1.1986

Otto Klamm, Die Juden in Kallstadt, in: Amtsblatt der Verbandsgemeinde Freinsheim, 1988

Stefan Fischbach, Zur Inventarisation der Synagogenbauten in Rheinland-Pfalz, in: SACHOR - Beiträge zur jüdischen Geschichte u. zur Gedenkstättenarbeit in Rheinland-Pfalz, Heft 16 (2/1998), S. 10

Stefan Fischbach/Ingrid Westerhoff (Bearb.), “ ... und dies ist die Pforte des Himmels “. Synagogen. Rheinland-Pfalz Saarland, Hrg. Landesamt für Denkmalpflege, Mainz 2005, S. 202 - 204

Otmar Weber, Die Synagogen in der Pfalz von 1800 bis heute. Unter besonderer Berücksichtigung der Synagogen in der Südwestpfalz, Hrg. Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Pfalz (Landau), Dahn 2005, S. 94

Kallstadt, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)