Kamen (Nordrhein-Westfalen)

Kamen ist eine Stadt mit derzeit ca. 45.000 Einwohnern im östlichen Ruhrgebiet und gehört zum Kreis Unna.

Juden gab es vermutlich in Kamen seit dem hohen Mittelalter. Einen ersten sicheren Hinweis auf die Existenz zumindest eines Juden in Kamen gibt es aus dem Jahre 1348, als der dort herrschende Graf Engelbert III. dem Juden Samuel einen auf acht Jahre befristeten Schutzbrief ausstellte. Aus dem ins Hochdeutsche übertragenen Wortlaut des Schutzbriefes:

„Wir, Engelbert, Grafen von der Mark, wünschen, daß allen bekannt werde, und tun öffentlich kund, daß wir den Juden Samuel von Unna, seine gesetzliche Ehefrau, die Kinder von ihnen, seien sie verheiratet oder nicht, und deren Familie oder Familien zu unseren Juden und unseren Schutz und Schirm und besonders den genannten Samuel zu unseren Dienstmann angenommen haben und annehmen durch den vorliegenden Brief. Wir geben ihnen dabei die volle Erlaubnis, sich in den Städten und Bezirken unseres Herrschaftsbereiches ... aufzuhalten und von jeder Mark wöchentlich drei Pfennige zu nehmen, wie dies in unserer Grafschaft ... üblich ist. ...”

(aus: Klaus Goehrke, „Weil wir Juden waren” - Schicksal der Juden in Kamen, S. 10)

Nach den Pestpogromen sind in Kamen für die Dauer eines halben Jahrhunderts keine Juden nachweisbar.

1413 erlaubte Graf Adolf von Kleve u. Mark per Sammelprivileg erneut fünf jüdischen Familien, sich im Ort anzusiedeln; ob weitere Zuzüge folgten, ist ungewiss.

Für die beiden nächsten Jahrhunderte liegen keine Beweise für Ansässigkeit von Juden in Kamen vor; allerdings kann nicht ausgeschlossen werden, dass sich vereinzelt Juden kurzfristig in Kamen aufhielten.

Nach dem Übergang der Grafschaft Mark an Brandenburg schienen sich auch in Kamen einzelne Juden niedergelassen zu haben; als der Große Kurfürst 47 Juden mit ihren Familien Schutzbriefe in der Grafschaft Mark gewährte, sollen es auch drei aus Kamen gewesen sein, die damals als Geldverleiher hier tätig waren.

Zu Beginn des 18.Jahrhunderts wurden fünf Judenfamilien in Kamen genannt, welche "schlachten und allerhand handlung treiben" und in eher bescheidenen Verhältnissen lebten.

In einem Bericht des Kamener Bürgermeisters aus dem Jahre 1818 wurde die allgemeine Lage der Juden wie folgt beschrieben:... Die große moralische Verdorbenheit, in welcher die Juden (diese asiatischen Fremdlinge) in unserm deutschen Vaterlande bisher lebten, war unvermeidliche Folge des wirklich ungerechten Druckes, unter welchen dies merkwürdige Volk sich beugen mußte. Von allen staatsbürgerlichen Rechten ausgeschlossen und unter der Last ungewöhnlicher Abgaben erliegend - von dem Erwerb des Grundeigenthums ganz entfernt, blieb ihnen nur der Schacher-Handel als einziges Mittel zur Erhaltung übrig. ...“

Der erste Betraum der Kamener Juden war in einem in der Mühlenstraße ausgebauten Scheunengebäude untergebracht; um 1770 soll eine Synagoge in einem Fachwerkhaus an der Kämerstraße bestanden haben, die dann 1830 durch einen Neubau ersetzt wurde. Mit dem Anwachsen der Gemeinde wurde der Bau einer größeren Synagoge zur Notwendigkeit; diese Neubaupläne wurden dann 1901 realisiert: An der Grünen Straße entstand der im neoromanischen Stile gehaltene Synagogenneubau, der im November 1901 feierlich eingeweiht wurde; auf dem oktogonalen Turm der Synagoge war - weit sichtbar - ein Davidstern aufgesetzt.


Synagoge von Kamen (beide hist. Aufn., aus: sesekegefluester.de)

Das alte Synagogengebäude an der Kämerstraße wurde öffentlich versteigert; Anfang der 1970er Jahre wurde das Gebäude abgerissen. Die jüdische Schule, die ab den 1850er Jahren zu einer öffentlichen Elementarschule erklärt wurde, lag neben der Synagoge an der Kämerstraße; aus Raumgründen verlegte man den Schulraum dann in die „Städtische Rectoratschule“; dessen Nutzung endete 1912.

Im Spätmittelalter wurden Kamener Juden in Dortmund begraben. In der ersten Hälfte des 18.Jahrhunderts wurde dann ein eigener Friedhof außerhalb der Stadtmauer (nahe des Westentores) angelegt. Als 1865/1866 der neue städtische Friedhof auf dem Weg nach Overberge (an der heutigen Friedhofstraße) angelegt wurde, erhielt auch die jüdische Gemeinde dort ihre neue Begräbnisstätte zugewiesen

Juden in Kamen:

        --- 1348 .................... eine jüdische Familie,

    --- 1413 ....................    5   “       „    n,

    --- um 1785 ................. 30-40 Juden,

    --- um 1800 .................   43   “   (in 8 Familien),

    --- 1818 ....................   52   “  ,

    --- 1839 ....................   76   "  ,

    --- 1847 ....................  108   “  ,

    --- 1858 ....................  146   "  ,

    --- 1871 ....................  130   "  ,

    --- 1880 ....................  113   “  ,

    --- 1890 ....................  119   “  ,

    --- 1895 ....................  105   "  ,

    --- 1900 ....................  135   “  ,

    --- 1910 ....................  112   “  ,

    --- 1925 ................ ca.   90   “  ,

    --- 1933 ....................   56   “  ,*   *andere Angabe: 78 Pers.

    --- 1938 ....................   33   “  (in 12 Familien),

    --- 1939 ....................   20   “  ,

    --- 1940 ....................   11   "  . 

Angaben aus: Klaus Goehrke, “Weil wir Juden waren” - Schicksal der Juden in Kamen

und                  Hans-Jürgen Kistner (Red.), Kamen, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe, S. 490

Gegen Mitte des 19.Jahrhunderts lebten die Kamener Juden vom Handel und dem Metzgergewerbe. In den folgenden Jahrzehnten nahm die Zahl der jüdischen Einzelhandelsgeschäfte deutlich zu. Die jüdischen Wohn- und Geschäftshäuser befanden sich meist im Stadtzentrum, so im Bereich Bahnhofstraße, Alten Markt und Weststraße.

Anm.: Nennung der einzelnen jüdischen Geschäfte/Gewerbebetriebe in: Hans-Jürgen Kistner (Red.), Kamen, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe, S. 487

Die Juden Kamens, die nur einen geringen Anteil an der Gesamtbevölkerung stellten, waren relativ stark integriert, hoch angesehen und in den bürgerlichen Vereinen überproportional vertreten. Nach 1910 wanderten vermehrt jüdische Bewohner in größere Städte ab, und die jüdische Gemeinde hatte zunehmend Schwierigkeiten, den Kultusbetrieb aufrecht zu erhalten.

Antisemitische Hetze setzte in Kamen erst 1930 ein; dies mag daran gelegen haben, dass die NSDAP in Kamen zunächst nur wenige Sympathisanten hatte. Der reichsweit durchgeführte Boykott jüdischer Geschäfte am 1.April 1933 wurde auch in Kamen durchgeführt, doch schien er wirkungslos verpufft zu sein; denn wenige Monate später sah sich die NSDAP-Ortsgruppenführung genötigt, schärfere Maßnahmen zu ergreifen. Im Juli 1933 gab deren Pressestelle bekannt:

... Seit Dienstag morgen wird von der SA. wieder die Bevölkerung dabei beobachtet, wie weit noch die jüdischen Geschäfte betreten und dort gekauft wird. Eine ganze Anzahl Bewohner Kamens glaubte schon wieder, daß der Kampf der NSDAP. gegen das Judentum eine erledigte Angelegenheit sei. Die neue Kontrolle wird sie hoffentlich eines besseren belehren. Die Geschäfte werden von der Partei aus nicht geschlossen, wie auch niemand am Betreten der Geschäfte gewaltsam gehindert wird. Die Volksgenossen, die aber heute noch glauben, die bemitleidenswerten Juden unterstützen zu müssen, dürfen sich nicht wundern, wenn man sie in Zukunft entsprechend behandelt. Parteimitglieder werden ausgeschlossen. ..

(aus: Mitteilungen der Pressestelle am 4.7.1933, Stadtarchiv Kamen)

In der Folge mieden nun immer mehr Kamener Bürger jüdische Geschäfte und stellten bis dahin bestehende persönliche Kontakte ein; die wirtschaftliche Situation der jüdischen Familien verschlechterte sich zusehends. Zu gewalttätigen Ausschreitungen, Verwüstungen der Synagoge und erste Inhaftierungen von jüdischen Einwohnern kam es ab 1934. Bis 1938 hatten die meisten Juden bereits Kamen verlassen, ihre Geschäfte waren geschlossen bzw. „arisiert“ worden (Mitte 1938 existsierten in Kamen nur noch fünf jüdische Gewerbebetriebe). Das Synagogengrundstück ging bereits kurz vor der „Kristallnacht“ zu einem Schleuderpreis in die Hände der Kommune über; diese wollte das Gebäude abzureißen, was zunächst aber unterblieb.

Wie überall in Deutschland brach sich im November 1938 auch in Kamen „der spontane Volkszorn“ Bahn; Fensterscheiben wurden eingeschlagen, Geschäfte und Wohnungen demoliert und jüdische Männer inhaftiert. Ob auch das ehemalige Synagogengebäude zerstört wurde, lässt sich nicht eindeutig klären; die Ruine wurde auf jeden Fall in den Nachkriegsjahren abgetragen.

Über die Vorgänge in Kamen berichtete die „Kamener Zeitung” am 11.11.1938 in einer kurzen Pressenotiz:

Antijüdische Kundgebungen in Kamen

Die feige jüdische Mordtat in Paris ... hatte auch in unserer Stadt große Erregung hervorgerufen. Nach Bekanntwerden des Ablebens des deutschen Diplomaten zogen Gruppen von Demonstranten vor jüdische Häuser und demolierten die Fensterscheiben usw., besonders bei den Juden Kaufmann an der Rottstraße, Wolf & Sohn am Markt und bei dem Polsterer Reinberg an der Weststraße, wo sämtliche Schaufenster zerstört wurden. Die Juden wurden in Schutzhaft genommen. ...

Zehn Kamener Juden wurden - in einem Sammeltransport von Dortmund aus - ins KZ Sachsenhausen überstellt. 1939 lebten dann nur noch ca. 15 Juden in Kamen; einigen gelang es, in die Emigration zu gehen. Im Laufe des Jahres 1941 wurden die letzten hier lebenden jüdischen Bewohner verhaftet und ins Sammellager Westfalenhalle gebracht; von dort wurden sie „in den Osten“ deportiert. „Kamen ist judenfrei”, hieß es 1943 offiziell. Mindestens 29 gebürtige bzw. länger in Kamen lebende Juden wurden Opfer der Shoa; sechs der Deportierten haben überlebt.

Von den mehr als 100 Grabstätten des jüdischen Friedhofs in Kamen sind heute nur noch weniger als 20 Grabsteine vorhanden.

jüdischer Friedhof (Aufn. bubo, 2014, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

1978 wurde am ehemaligen Standort der Kamener Synagoge eine Gedenktafel mit der folgenden Inschrift angebracht:

Zur Erinnerung an unsere jüdischen Mitbürger,

die in den Jahren 1933 - 1945 Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wurden

Hier stand das am 9. November 1938 zerstörte Gotteshaus der Synagogengemeinde Kamen.

Die Bürger der Stadt Kamen.

Am jüdischen Denkmal in Kamen (Bahnhofstraße) wurde 2015 eine Erinnerungsplatte für die ehemalige Kamener Synagoge platziert.

Die „Julius-Voos-Gasse“ in Kamen erinnert an den hier 1904 geborenen Sohn des Schochet Jacob Voos, der später als Religionslehrer, Kantor und Rabbiner an verschiedenen Orten wirkte. Als letzter Leiter der Marks-Heindorf-Stiftung und Rabbiner der Bielefelder Gemeinde wurde er 1943 mit seiner Familie nach Auschwitz deportiert.

Ca. 50 sog. „Stolpersteine“ (Stand: 2016) erinnern in den Gehwegen der Altstadt an jüdische Opfer des Nationalsozialismus, die in Kamen gebürtig waren bzw. längere Zeit in der Stadt gelebt haben.

Acht weitere sog. "Stolpersteine" wurden 2012/2013 in Bönen, einem Ortsteil von Kamen, verlegt.

http://www.boenen.de/fileadmin/media/bilder/FB_II/Archiv/Stolperstein_407x267.jpg   "Stolpersteine" in Bönen (Aufn. Sabrina Kohl, aus: boenen.de)

Weitere Informationen:

Otto Birkefeld, Das Judentum von Kamen von etwa 1400 - 1939, Kamen 1975 (Maschinenmanuskript)

B. Schneider/I. Müller, Das Judentum in Kamen. Arbeit im Rahmen des “Schülerwettbewerbs Deutsche Geschichte”, Kamen 1980/1981

Diethard Aschoff, “ ... der ungehorsamen Juden wegen”.” Zur Geschichte der Kamener Juden im Mittelalter, in: Der Märker, Jg. 40, Heft 1/1991, S. 3 - 11

Jörg Lamers, „... toe wonende toe Camen in onser stat ...“. Jüdisches Leben in Kamen während des Spätmittelalters und in der frühen Neuzeit, Münster 1992 (unveröffentl. Manuskript)

Hermann-Ehlers-Gesamtschule Kamen (Hrg.), Spuren jüdischen Lebens in Kamen von 1900 bis 1945, ‘Zukunft ohne Vergessen’, Werne 1998

G. Birkmann/H. Stratmann, Bedenke vor wem du stehst - 300 Synagogen und ihre Geschichte in Westfalen u. Lippe, Klartext Verlag, Essen 1998, S. 124

Klaus Goehrke, “Weil wir Juden waren” - Schicksal der Juden in Kamen. Versuch einer Darstellung, Hrg. Stadt Kamen, 2. erw. Aufl., Kamen 1999

Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938 Nordrhein-Westfalen, Ludwig Steinheim-Institut, Kamp Verlag, Bochum 1999, S. 281/282

Rosemarie Kosche, Studien zur Geschichte der Juden zwischen Rhein und Weser im Mittelalter, in: Forschungen zur Geschichte der Juden, Abt. A: Abhandlungen Band 15, Verlag Hahnsche Buchhandlung, Hannover 2002

Elfi Pracht-Jörns, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen – Reg.bezirk Arnsberg, J.P.Bachem Verlag, Köln 2005, S. 626 – 635

Klaus Goehrke (Bearb.), Stolpersteine in Kamen. Zur Erinnerung an die in der NS-Zeit vertriebenen und ermordeten Bürgerinnen und Bürger Kamens, Broschüre von 2008 (2. Aufl. 2014)

Klaus Goehrke, Burgmannen, Bürger, Bergleute. Eine Geschichte der Stadt Kamen, Greven 2010

Barbara Börste, Die Geschichte der Juden in Bönen im 20.Jahrhundert. Zur Erinnerung an die in der NS-Zeit vertriebenen und ermordeten jüdischen Bürgerinnen und Bürger Bönens, Selbstverlag, 2012

Barbara Börste (Bearb.), Stolpersteine gegen das Wegschauen und Vergessen, in: boenen.de (mit Kurzbiografien der betreffenden Personen)

Hans-Jürgen Kistner (Red.), Kamen, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe – Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Arnsberg, Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen, Ardey-Verlag Münster 2016, S. 484 - 496