Kanitz (Mähren)

Die südmährische Ortschaft Kanitz - ca. 20 Kilometer südwestlich von Brünn gelegen - ist das heutige Dolní Kounice mit derzeit ca. 2.500 Einwohnern.

Der Ursprung der jüdischen Gemeinde in Kanitz lässt sich nicht eindeutig datieren; doch ist davon auszugehen, dass bereits in der zweiten Hälfte des 14.Jahrhundert hier jüdische Familien ansässig waren. Der erste namentliche Nennung eines jüdischen Bewohners stammt allerdings erst aus dem Jahre 1581. Bei den jüdischen Familien, die sich in Kanitz niederließen, soll es sich zum einen um Zuwanderer aus dem süddeutschen Raume gehandelt haben, zum anderen um Vertriebene anderer Städte, z.B. aus Wien. Die Angehörigen der spätestens gegen Ende des 15.Jahrhunderts gebildeten jüdischen Gemeinde lebten inmitten der christlichen Bevölkerung in mehreren Gassen; im Laufe der Zeit entstand ein jüdischer Ghettobezirk.Auch die jüdische Gemeinde von Kanitz litt unter den Folgen des Dreißigjährigen Krieges; so wurde ihre unweit des alten Friedhofs gelegene Synagoge 1645 durch schwedische Truppen zerstört. Knapp zehn Jahre später richtete die hiesige Judenschaft inmitten des Ghettos eine neue Synagoge ein; vermutlich wurde ein älterer Betraum umgebaut; das Eingangsportal trägt die Jahreszahl 1652. Im Laufe des 18.Jahrhunderts wurde der Innenraum erneut umfassend renoviert und mit floralen Ornamenten und hebräischen liturgischen Wandinschriften ausgestaltet.

                                Synagogengebäude heute (Aufn. Alba Tatan, 2010)

Gottesdienste wurden in diesem Synagogengebäude bis in die 1930er Jahre abgehalten.

Der bereits aus dem 14.Jahrhundert stammende alte jüdische Friedhof wurde knapp 300 Jahre benutzt, ehe dieser um 1680 durch ein neues Begräbnisareal an einem Hang über dem Ghettobezirk abgelöst wurde; es diente bis 1939/1940 als „Guter Ort“; etwa 1.500 Grabsteine haben die Zeiten überdauert, wobei einige vom mittelalterlichen Friedhof hierher versetzt wurden.

 

                              Eingangspforte (Aufn. Michal Klajban, 2011)                  Teilansicht des jüdischen Friedhofs (Aufn. Mesto Dolni Kounice, 2006)

Dolní-Kounice-židovský-hřbitov2017f.jpg Dolní-Kounice-židovský-hřbitov2017r.jpg Dolní-Kounice-židovský-hřbitov2013o.jpg

sehr alte Grabsteine (Aufn. Ben Skála, 2017, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

Kanitz war ein Zentrum jüdischen Lebens in Mähren; so fanden hier in der zweiten Hälfte des 17.Jahrhunderts mehrmals die mährischen Synodalversammlungen statt.

Juden in Kanitz:

        --- 1674 ...........................   16 Häuser in jüdischem Besitz,

    --- 1751 ............................   22    “         “       (in 78 Familien),

    --- 1787 ............................   32    “         “      ,

    --- 1830 ........................ ca.  800 Juden,

    --- um 1850 ..................... ca.  650   “  ,

    --- 1900 ............................  172   “   (ca. 5% d. Bevölk.),*   * andere Angabe: 206 Pers.

    --- 1921 ........................ ca.   70   "  ,                           

    --- 1930 ............................   53   “  .

Angaben aus: Hugo Gold, Die Juden und Judengemeinden Mährens in Vergangenheit und Gegenwart, S. 268

Großbrände (1823) und Hochwasser (1862) richteten im Laufe des 19.Jahrhunderts verheerende Schäden im jüdischen Viertel an.

      Teil des jüdischen Viertels (Aufn. um 1915, aus: wikipedia.org, CCO) 

Nach der Aufhebung der Patrimonialherrschaft wurde 1849 neben der Marktgemeinde eine politische Judengemeinde in Kanitz gebildet; der jüdische Bürgermeister war eine Zeitlang auch für Kultusfragen zuständig. Zu dieser Zeit bestand die Judengemeinde aus ca. 100 Häusern und erreichte mit ca. 650 Bewohnern die höchste Bevölkerungszahl ihrer Geschichte. 1854 wurde hier eine neue jüdische Schule eingeweiht.

Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg wurde die politische Judengemeinde aufgelöst. Zu Beginn der 1930er Jahre lebten noch verschwindend wenig Juden in der Stadt; sie machten nur 1% der damaligen Einwohnerschaft aus. Während der NS-Zeit wurde die jüdische Restgemeinde ausgelöscht, die in der Stadt verbliebenen etwa 50 Juden wurden Mitte März 1942 ins Ghetto Theresienstadt verschleppt; von hier erfolgte ihr Abtransport in die Vernichtungslager; nur eine einzige Jüdin aus Kanitz überlebte die Deportation. Die Inneneinrichtung der 1940/1941 geschlossenen Synagoge wurde ins Jüdische Museum nach Prag verbracht.

Nach Kriegsende bildete sich hier keine neue Gemeinde.

An der Frontgseite des Synagogengebäudes ist eine Gedenktafel angebracht, die zweisprachig an die jüdischen Opfer während der Jahre 1939 - 1945 erinnert.

Dolní-Kounice-synagoga-plaketa2017.jpg Gedenkplakette für die Holocaust-Opfer (Aufn. Ben Skála, 2017, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

Der geschlossene Bereich des ehemaligen jüdischen Viertels ist baulich bis in jüngste Vergangenheit nahezu erhalten geblieben. Der mehrere Jahrhunderte alte, im Stile des Frühbarock errichtete Synagogenbau, der in der Nachkriegszeit als Lagerraum gedient hatte, ist seit Mitte der 1990er Jahre restauriert worden; seit 2004 dient das Haus als Kulturzentrum.

 restaurierter Innenraum (Aufn. Amic, 2006, aus: cs.wikipedia.org)

  Kanitz ist der Geburtsort des Historikers Gotthard Deutsch (1859–1921). Schon in jungen Jahren erhielt er Zugang zu rabbinischer Literatur. Nach der Schulzeit in Nikolsburg ging er nach Breslau, wo er neben einem Universitätsstudium das dortige Rabbinerseminar besuchte; danach setzte er sein Studium in Wien fort. Seine erste Anstellung erhielt es als Religionslehrer in Brünn, danach in Brüx. Als ihn ein Ruf der Hebräischen Universität von Cincinatti (USA) erreichte, nahm er die dortige Professur für jüdische Philosophie an. Seit Ende der 1880er Jahre bis zu seinem Tode hat Deutsch zahlreiche Bücher verfasst; daneben zeugen Hunderte von Zeitungsartikeln von seiner journalistischen Tätigkeit. Gotthard Deutsch starb 1921 an seiner Wirkungsstätte.

Weitere Informationen:

Heinrich Flesch (Bearb.), Geschichte der Juden in Kanitz, in: Hugo Gold, Die Juden und Judengemeinden Mährens in Vergangenheit und Gegenwart, Jüdischer Buch- und Kunstverlag, Brünn 1929, S. 267 - 278

Hugo Gold, Gedenkbuch der untergegangenen Judengemeinden Mährens, Olamenu-Verlag, Tel Aviv 1974

Jaroslav Klenovský, Židovská obec v Dolních Kounicích [Die jüdische Gemeinde in Kanitz], Dolní Kounice 1997

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 1), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 320

The Jewish Community of Dolni Kounice (Kanitz), Hrg. Beit Hatfutsot – The Museum of the Jewish People, online abrufbar unter: dbs.bh.org.il/place/dolni-kounice

Jewish Families from Dolni Kounice (Kanitz), Moravia, Czech Republic, online abrufbar unter: geni.com/projects/Jewish-Families-from-Dolni-Kounice-Kanitz-Moravia-Czech-Republic/13127