Kelsterbach/Main (Hessen)

Datei:Municipalities in GG.svg Kelsterbach ist heute eine Kleinstadt im äußersten nördlichen Teil des hessischen Kreises Groß-Gerau mit derzeit ca. 14.000 Einwohnern (Karte Hagar, 2009, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Kelsterbach um 1655, Topographia Hassiae M. Merian (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Der Landgraf Ernst Ludwig hatte zunächst versucht, hugenottische Familien zur Belebung der Wirtschaft seines kriegszerstörten Landes anzusiedeln. Nach vergeblichem Bemühen muss er dann jüdischen Familien erlaubt haben, sich hier niederzulassen. Sichere Belege für jüdische Ansiedlungen im Ort liegen aber erst seit Ende des 18.Jahrhunderts vor. Ihre Blütezeit erreichte die jüdische Gemeinde in Kelsterbach gegen Ende des 19.Jahrhunderts. Aus dieser Zeit stammte auch die neu eingerichtete Synagoge in der Neu-Kelsterbacher Straße. Sie war in einem Privathaus untergebracht und verfügte über insgesamt 70 Plätze.

Die Zeitschrift „Der Israelit“ berichtete über die Einweihung in ihrer Ausgabe vom 11.Sept. 1896:

Kelsterbach a.M. Am 21. August fand unter Betheiligung sämmtlicher Confessionen des Ortes die Einweihung unserer neu erbauten Synagoge statt. Zur Abhaltung der Feier war Rabb. Dr. Selver, Darmstadt erschienen, zur Abhaltung des Festgottesdienstes Lehrer Vooß aus Rüsselsheim. Um 5 Uhr Nachmittags wurden die hl. Thorarollen aus dem alten Bethause abgeholt, dann zog man unter Gesang in das neue Gotteshaus ein. Hierauf wurden die üblichen Gesänge intonirt, wonach Herr Dr. Selver die Weiherede hielt. ... Bemerkenswerth ist es, daß auch alle Nichtjuden sich an diesem Feste sehr stark beteiligten, ....“

Anfänglich war ein Betraum in einem der jüdischen Häuser vorhanden; seit 1827 befand sich die Synagoge in einem Fachwerkhaus an der Neukelsterbacher Straße: Während der Männer-Betraum in der ersten Etage untergebracht war, lag die Frauenempore im Dachgeschoss. Wegen des maroden baulichen Zustandes wurde zunächst eine grundlegende Renovierung verworfen; dann aber führte man Mitte der 1890er Jahre an gleicher Stelle doch einen Umbau durch.

Ansicht des Umbaues - Bauskizze, aus: Stadtarchiv Darmstadt

Religiös-rituelle Verrichtungen wurden von einem Seitens der Gemeinde angestellten Lehrer vorgenommen. Die Besetzung der Lehrerstelle war in den letzten Jahrzehnten des 19.Jahrhunderts einem dauerndem Wechsel unterworfen.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20112/Kelsterbach%20Israelit%2024051876.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20193/Kelsterbach%20Israelit%2001121890.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20161/Kelsterbach%20Israelit%2025051891.jpg

Stellenangebote der Gemeinde aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 24.5.1876, 1.12.1890 und 25.5.1891

Seit Mitte der 1890er Jahre besaß die Kultusgemeinde ein eigenes Bestattungsgelände am Ort; dessen Einweihung hatte der Frankfurter Rabbiner Markus Horovitz vorgenommen. Zuvor waren verstorbene Gemeindeangehörige in Groß-Gerau beerdigt worden.

Die Gemeinde gehörte zum orthodoxen Bezirksrabbinat Darmstadt II.

Juden in Kelsterbach:

         --- 1784 .......................... 20 jüdische Steuerzahler,

    --- 1815 ..........................  6 jüdische Familien,

    --- 1827 .......................... 46 Juden (ca. 5% d. Bevölk.),

    --- 1838 .......................... 36   “  ,

    --- 1858 .......................... 72   “  ,

    --- 1871 .......................... 79   “  ,             

    --- 1890 .......................... 83   “  ,

    --- 1905 .......................... 71   “  ,

    --- 1933 .......................... 56   “   (in 17 Familien),

    --- 1939 (März) ................... keine.

Angaben aus: Angelika Schleindl, Verschwundene Nachbarn - Jüdische Gemeinden und Synagogen.., S. 192

Die wirtschaftliche Situation der Kelsterbacher Juden war um 1900 eher bescheiden; sie lebten zumeist vom Handel und betrieben kleinere Geschäfte. Die NS-Boykott- und Ausgrenzungsbemühungen schienen in Kelsterbach keine große Wirkung gehabt zu haben. Dass weiterhin Kontakte zwischen „arischen“ und jüdischen Ortsbewohnern gepflegt wurden, beweist der folgende Artikel aus dem „Stürmer“ von 1934:

Verräter

Die Schande von Kelsterbach

Lieber Stürmer !   In Kelsterbach am Main wohnen einige Judenknechte, deren Treiben in der Bevölkerung viel böses Blut macht. ... Vielen im Dorfe ist es ein Rätsel, daß sich ein Deutscher zu einer Jüdin hingezogen fühlen kann. Noch größer aber ist die Schmach, wenn einer, der das Braunhemd trägt, mit Juden Umgang pflegt. ... Mit immer größer werdender Erbitterung beobachten wir hier in Kelsterbach, wenn ein Mädel des BDM in ihrer BDM-Kleidung mit ihrer jüdischen Freundin verkehrt. Der größte Teil unserer Bauern macht seine Geschäfte immer noch mit Juden. ... Es ist eine Schande, was man in Kelsterbach alles beobachten kann.

Auf Veranlassung des hiesigen Bürgermeisters wurde 1935 der jüdische Friedhof eingeebnet; zuvor waren die Grabsteine zerschlagen worden. Das bereits baufällige Synagogengebäude war noch wenige Wochen vor dem Novemberpogrom von 1938 verkauft worden; so entging es der Zerstörung. Der neue Besitzer baute das einstige Gotteshaus zu Wohnzwecken um. Die letzten jüdischen Bewohner verließen Kelsterbach vermutlich zu Beginn des Jahres 1939; mehrheitlich verzogen sie nach Frankfurt/Main; von hier aus wurden sie zumeist nach Minsk, Riga, Lodz und Theresienstadt deportiert und kamen dort gewaltsam ums Leben. Mindestens 25 gebürtige Juden Kelsterbachs wurden Opfer des NS-Regimes.

An der Mauer des wiederhergerichteten jüdischen Friedhofs erinnert eine Gedenktafel und ein 1951 aufgestellter Gedenkstein an die frühere jüdische Gemeinde.

Gedenkstein (Aufn. aus: synagogen-info) http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20112/Kelsterbach%20GG%20Gedenken%20010.jpg

Anm.: 1941/1942 war der Friedhof auf Veranlassung des damaligen Bürgermeisters mit Hilfe von französischen Kriegsgefangenen abgeräumt worden; die Grabsteine wurden zerstört und die Fläche anschließend eingeebnet.
2014 wurde mit der Verlegung von 24 sog. „Stolpersteinen“ in den Straßen Kelsterbachs begonnen; weitere 27 Steine fanden zwei Jahre später im Gehwegpflaster ihren Platz, die an Überlebende des Dritten Reiches erinnern sollen, die Deutschland verlassen und sich vor dem Naziterror retten konnten.

 

Im unmittelbar benachbarten Hattersheim existierte bis Ende der 1930er Jahre eine kleine jüdische Gemeinde, der auch die jüdischen Familien aus Okriftel angehörten; kurzzeitig bildeten diese eine eigene Gemeinde. Um 1900 bestand die Hattersheimer Kultusgemeinde aus ca. 70 Angehörigen. Erste jüdische Ansässigkeit in Hattersheim ist aus der Mitte des 17.Jahrhunderts, in Okriftel aus dem 18.Jahrhundert belegt. Für Gottesdienste stand seit den 1830er Jahren ein kleines Fachwerkgebäude in der Erbsengasse zur Verfügung. Verstorbene Hattersheimer Juden wurden bis in die 1870er Jahre auf dem jüdischen Friedhof in Niederhofheim, danach auf dem neuangelegten Begräbnisgelände in Bad Soden beerdigt.

Juden in Hattersheim:

         --- 1663 ........................  2 jüdische Familien,

    --- 1715 ........................  3     “       “    ,

    --- 1800 ........................ 18 Juden,

    --- 1843 ........................ 30   “  ,

    --- 1871 ........................ 21   “  ,  

    --- 1885 ........................ 32   “  ,

    --- 1905 ........................ 23   “  ,

    --- 1924 ........................ 17   “  ,

    --- 1933 .................... ca. 15   “  .

                         Angaben aus: Hattersheim, in: alemannia-judaica.de

Anfang der 1930er Jahre lebten in Hattersheim ca. 15 jüdische Bewohner. Die letzten noch in Hattersheim verbliebenen jüdischen Bewohner wurden Anfang September 1942 deportiert.

Im Stadtgebiet von Hattersheim (zumeist im OT Okriftel) wurden im Jahre 2010 erstmals 20 sog. „Stolpersteine“ verlegt; sie erinnern an Opfer der NS-Gewaltherrschaft.

 Stolperstein Johanna Schwarz.jpg Stolperstein Adolf Schwarz.jpg Stolperstein Selma Gotthilf.jpg Stolperstein Wally Löwenberg.jpg verlegt Neugasse (Aufn. GodeNehler, 2018, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Jüdische Gemeinden in Hessen. Anfang, Untergang, Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 1, S. 337/338 und S. 440/441

Harald Freiling, Juden in Kelsterbach - Jüdische Gemeinde und jüdische Familien in Kelsterbach zwischen 1774 und 1945, Kelsterbach 1988

Thea Altaras, Synagogen in Hessen - was geschah seit 1945 ?, Königstein i.T. 1988

Angelika Schleindl, Verschwundene Nachbarn - Jüdische Gemeinden und Synagogen im Kreis Groß-Gerau, Hrg. vom Kreisausschuß des Kreises Groß-Gerau 1990, S. 192 f. und S. 344/345

Anna Schmidt, Hattersheim, Edersheim, Okriftel im Nationalsozialismus, o.O. 2008 

Kelsterbach, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Text- u. Bilddkomenten zur jüdischen Ortshistorie)

Hattersheim, in: alemannia-judaica.de

Barbara Helfrich (Red.), Hattersheim: Stolpersteine werden Wahlkampfthema, in: „Frankfurter Rundschau“ vom 7.2.2011 (Anm.: betr. "Stolpersteine" in Hattersheim) 

Gesa Fritz (Red.), Der Geschichte ein Gesicht geben. Hattersheim: Der Künstler Gunter Demnig verlegt neue Stolpersteine, online abrufbar in: historische-eschborn.de

Stadt Kelsterbach (Red.), 27 weitere Stolpersteine erinnern an ehemalige Mitbürger, online abrufbar unter: kelsterbach.de (2016)

Auflistung der in Hattersheim verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter. wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Hattersheim_am_Main

Geschichte in Kelsterbach: Das bedeuten die neuen Gedenktafeln auf dem Kelsterbacher Friedhof, in: „Frankfurter Neue Presse – Neu-Isenburger Neue Presse“ vom 16.11.2016