Kempen (Posen)

Silesia Map Kempen ist das heutige Kepno in der polnischen Woiwodschaft Poznan (auf obigem Kartenausschnitt südlich von Schildberg bzw. östlich von Groß Wartenberg).

Seit Ende des 17.Jahrhunderts entwickelte sich im Orte Kempen, das dem Fürstbischof von Breslau unterstand, eine jüdische Gemeinde. Nach der Gewährung einer ungestörten Religionsausübung und wirtschaftlicher Betätigung wanderten vermehrt jüdische Familien zu.

Bereits aus der Frühzeit der Gemeinde stammten ein Friedhof und ein Synagogenbau, der 1689 errichtet wurde.

                  Über die jüdische Gemeinde in Kempen liegt ein Bericht des preuß. Kammer-Kalkulators Zimmermann aus dem Jahre 1793 vor:

„ ... Handwerker sind folgende: 15 Schneider, 18 Kirschner, 10 Posamentier, 3 Goldschmiede, 1 Seiffensieder, 6 Bäcker, 11 Fleischer und 2 Schlächter, 1 Sattler, 1 Klemptner, 4 Handschuhmacher, ..., 5 Gelehrte, 10 Schulmeister ... Handel treiben sie mit allen Waaren, was nach Ellen und Gewicht vermessen werden kann, sie halten Salz und Fische so wohl am Marckt als auch an anderen Plätzen feil. Ihre Waaren holen sie in Breslau und Goldberg und verführen sie zum Theil im ganzen nach Warschau und Lendzitz. Heurathen können sie alle ohne Einschränckung. Auch können sie wegziehen, wie sie wollen, ... Die Juden sind, was den Häuser Besitzer anbetrift, auf ein gewisses Terain eingeschränckt, indessen haben doch einige das Recht erlangt, sich auf dem Marckt, oder sonst wo, einzukaufen. ... Die Juden haben eine eigene Spritze, gehen löschen zu allen Zeiten; und besitzen noch eine Synagoge, ein Begräbnis, eine Tulmud-Schule, ein Hospital, Gemein Verpflegung, und die meisten Mitglieder der Gemeinde sind in der Brüderschaft. Ein Fremder, der sich daselbst begraben läßt, muß höchstens 3 Ducaten bezahlen. ... Die Gemeinde hält sich ihre eigene Nachtwächter, ... Die jüdische Gemeinde besteht aus 270 Familien, so etwas über 1.200 Seelen ausmachen, und mit der Zahl der Christen ziehmlich gleich sind. ...

              

      Kempener Synagoge (hist. Aufn. aus: kepnosocjum.pl)

In den Jahren 1814/1815 wurde - am Standort des Vorgängerbaus – nach Plänen der Gebrüder Friedrich und Karl Scheffler eine neue Synagoge in einem spätbarocken klassizistischen Mischstil gebaut, die im Innern durch kunstvolle Schnitzereien am Almemor geschmückt war. Wenige Jahre später wurde eine jüdische Elementarschule eröffnet.

 Der 1806 geborene Samuel Holdheim genoss in Kempen eine traditionell talmudische Ausbildung und entwickelte sich im Laufe seines Lebens zu einem radikalen Reformer. Nach seiner Tätigkeit als Rabbiner in Frankfurt/Oder und als Provinzrabbiner von Mecklenburg-Schwerin trat er 1847 das Rabbinat der Reformgemeinde in Berlin an; hier führte Samuel Holdheim nicht nur grundlegende Änderungen im Gottesdienst ein, sondern reformierte auch Grundsätze der jüdischen Lebensweise. Er starb 1860.

Juden in Kempen:

        --- 1684 ...........................    10 jüdische Familien,

    --- um 1790 .................... ca. 1.500 Juden (ca. 50% d. Bevölk.),

    --- 1821 ........................... 3.556   “   (ca. 80% d. Bevölk.),

    --- 1840 ........................... 3.588   “  ,

    --- 1855 ........................... 3.282   “  ,*         * incl. 33 anderer kleiner Ortschaften

    --- 1871 ........................... 2.449   “  ,

    --- 1895 ........................... 1.237   “  ,

    --- 1900/05 .................... ca. 1.050   “  ,

    --- 1907 ...........................   804   “  ,

    --- 1921 ....................... ca.   160   “  ,

    --- 1939 ....................... ca.   250   “  .

Angaben aus: Heppner/J.Herzberg, Aus Vergangenheit und Gegenwart der Juden und der jüdischen Gemeinden in den Posener Landen, S. 524

Um 1820 besaß Kempen die viertgrößte jüdische Gemeinde in Preußen; sie zählte mehr als 3.500 Angehörige; Juden stellten damit die übergroße Mehrheit der kleinstädtischen Bevölkerung. Mitte des 19.Jahrhunderts wurde Kempen von einer Feuersbrunst heimgesucht; auch zahlreiche jüdische Familien verloren ihr gesamtes Hab und Gut. Zudem dezimierte eine im Jahre 1848 auftretende Cholera-Epidemie die Bevölkerung von Kempen. In den letzten Jahrzehnten des 19.Jahrhunderts war noch ein Drittel der Gesamtbevölkerung mosaischen Glaubens.

http://www.ansichtskarten-pankow.de/bildost/ost30.jpg Zentrum von Kempen (hist. Postkarte, um 1920?)

Mit der nach dem Ersten Weltkrieg erreichten Unabhängigkeit Polens verließen die allermeisten jüdischen Familien die Stadt, um in deutsche Großstädte (vor allem nach Berlin) abzuwandern. Zwar blieb weiterhin eine jüdische Gemeinde in Kempen existent, doch hatte sich die Zahl ihrer Angehörigen auf etwa 100 bis 150 Personen (1921) reduziert.

Die etwa 200 bis 250 jüdischen Einwohner, die kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges in Kempen lebten, wurden im Januar 1940 ins „Generalgouvernement“ abgeschoben; die allermeisten kamen in den Vernichtungslagern ums Leben.

Der große jüdische Friedhof wurde zerstört, die Grabsteine für den Straßenbau bzw. Bau eines Feuerlöschteiches benutzt.

Das während des Krieges teilzerstörte Synagogengebäude wurde inzwischen wieder aufgebaut. Seit 2008 befindet sich in seinen Räumen ein Museum.

baufälliges Synagogengebäude (Aufn. 2008, aus: wikipedia.org, CCO)

Auf einer Freifläche vor dem ehem. Synagogengebäude wurden die aufgefundenen Grabsteinrelikte des jüdischen Friedhofs zu einem Mahnmal gefügt.

       http://www.shabbat-goy.com/wp-content/gallery/kepno-kirkut/the-jewish-cemetery-of-kepno-5.jpg Steinerne Relikte (Aufn. aus: shabbat-goy.com)

 

Wenige Kilometer westlich von Kempen (Kepno) liegt das Städtchen Groß Wartenberg (poln. Syców), in dem sich gegen Mitte des 17.Jahrhunderts eine kleine jüdische Gemeinschaft bildete; um 1860 gehörten ihr knapp 30 Familien an. Um 1820 legte die Gemeinde einen Friedhof (im Norden der Stadt) an und richtete einen Betraum ein, der 1881 durch einen recht unscheinbaren Synagogenneubau ersetzt wurde.

Juden in Groß Wartenberg:

    --- 1860 ........................ ca.  30 jüdische Familien,

    --- 1890 ........................ ca.  70 Juden,

             ........................ ca. 300   “  ,*    * im Landkreis

    --- 1925 ........................ ca. 130   “  ,*

    --- 1933 ........................ ca.  70   “  ,*

--- 1939 ............................  10   “  .*

Angaben aus: Sycow, in: sztetl.org.pl

Zu Beginn der NS-Zeit lebten in Groß Wartenberg noch ca. 50 jüdische Bewohner, die mehrheitlich bis Kriegsbeginn ihre Heimatstadt verließen. Das ehemalige Synagogengebäude dient bis auf den heutigen Tag Wohnzwecken.

 

In Schildberg (poln. Ostrzeszów) - ca. 20 Kilometer nördlich von Kempen gelegen - sind jüdische Familien seit Mitte des 17.Jahrhunderts nachweisbar, die ihren Lebenserwerb zumeist als Handwerker und Kleinhändler bestritten. Noch ehe Schildberg Stadtrechte erhielt, sollen sich bereits im Laufe des 12.Jahrhunderts jüdische Händler im Salzhandel hier betätigt haben (?). Nachdem bei einem Großbrand auch die Synagoge vernichtet worden war, erbaute man eine neue, die 1822 eingeweiht wurde. Ein eigener Friedhof soll zu Beginn des 19.Jahrhunderts angelegt worden sein. Eine jüdische Schule muss seit den 1840er Jahre hier existiert haben.

Die jüdische Bevölkerung erreichte in den 1880er Jahren mit mehr als 400 Personen ihren höchsten Stand; infolge Abwanderung – besonders in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg - sank ihre Zahl stetig. 1939 lebten hier nur noch 15 Bewohner mosaischen Glaubens.

(vgl. Schildberg (Posen)

 

In Weruschau (auch Werstadt, poln. Wieruszów) – östlich von Kempen gelegen und nur kurzzeitig unter preußischer Herrschaft – ist im beginnenden 17.Jahrhunderts erstmals Anwesenheit von Juden dokumentiert. Eine selbstständige Gemeinde bildete sich jedoch erst zwei Jahrhunderte später. Um 1850 wurde in der Stadt eine Synagoge errichtet. In Weruschau sollen im beginnenden 20.Jahrhundert mehr als 2.000 Juden gelebt haben und stellten damit mehr als ein Drittel der Gesamtbevölkerung. Bei der Einnahme der Stadt durch deutsche Truppen wurde im September 1939 die Synagoge zerstört. Im Herbst 1941 richteten die deutschen Okkupationsbehörden in der Stadt ein Ghetto ein, in das mehrere tausend Juden der Region eingewiesen wurden. Das Ghetto bestand bis Sommer 1942.

 

Im Dorfe Kobylagora (auch Haideberg, poln. Kobyla Góra) – es liegt im Grenzgebiet von Großpolen und Niederschlesien nordwestlich von Kempen – gab es eine jüdische Gemeinde, die um die Mitte des 19.Jahrhunderts mit mehr als 200 Personen etwa die Hälfte der Dorfbevölkerung stellte. Anfang des 19.Jahrhunderts wurde in ein eigener Friedhof angelegt, und seit Ende der 1880er Jahre besaß die hiesige Judenschaft ein neues Synagogengebäude.

Juden in Haideberg/Kobylagora:

    --- 1793 .........................  23 Juden,

--- 1820 .........................  66   “  ,

    --- 1840 ......................... 133   “  ,

    --- 1846 ......................... 207   “  ,

--- 1855 ......................... 191   “  ,

    --- 1871 ......................... 160   “  ,

    --- 1890 ......................... 139   “  ,

--- 1910 .........................  65   “  ,

--- 1931 .........................  24   “  ,

--- 1939 .........................  16   “  .

Angaben aus: Kabylagóra, in: sztetl.org.pl

Abwanderung in deutsche Städte und Emigration nach Amerika führten innerhalb weniger Jahrzehnte zu einer deutlichen Verkleinerung der Gemeinde. Die ab 1920 bestehende Zugehörigkeit führte schließlich zum Absterben der Gemeinde. In den 1930er Jahren lebten nur noch etwa fünf jüdische Familien im Dorf. Einen Monat nach Kriegsbeginn wurden die noch im Dorf wohnenden Juden deportiert. Vom einstigen jüdischen Friedhof sind nach dessen Zerstörung nur noch einige Grabsteine bzw. -relikte vorhanden, die man aufgereiht hat.

Aufn. Drzamich, 2008, aus: wikipedia.org, CC BY 3.0)

Weitere Informationen:

A.Heppner/J.Herzberg, Aus Vergangenheit und Gegenwart der Juden und der jüdischen Gemeinden in den Posener Landen, Koschmin - Bromberg 1909, S. 514 - 525

Harold Hammer-Schenk, Synagogen in Deutschland. Geschichte einer Baugattung im 19. u. 20.Jahrhundert, Hans Christians Verlag, Hamburg 1981, Teil 1, S. 35 und Teil 2, Abb. 36/37

Gerhard Wilhelm Daniel Mühlinghaus, Der Synagogenbau des 17. u. 18.Jahrhunderts im aschkenasischen Raum, Dissertation, Philosophische Fakultät Marburg/Lahn 1986, Band 2, S. 213 - 216

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust, New York University Press, Washington Square, New York 2001, Vol.1, S. 463/464 und Vol. 2, S. 614/615 und S. 954

Dirk Drewelow, Das Landesrabbinat des Reformers Samuel Holdheim im Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin (1840 - 1847), Dissertation Universität Rostock, 2003

Lehnsdorf / Karl-Heinz Eisert, Die jüdischen Gemeinschaften, in: Stadt und Kreis Groß Wartenberg (www.gross-wartenberg.de)

Kepno - Kabyla Gora - Ostrzeszów - Syców, in: sztetl.org.pl