Kiel (Schleswig-Holstein)

Schleswig Holstein Karte Kiel ist mit seinen derzeit ca. 245.000 Einwohnern die Landeshauptstadt Schleswig-Holsteins (Karte aus: schlewig-holstein-info.de).

Die Existenz einer jüdischen Gemeinde im Mittelalter und in der frühen Neuzeit kann nicht belegt, aber auch nicht ausgeschlossen werden. Die Geschichte der Juden in Kiel beginnt nachweisbar gegen Ende des 17.Jahrhunderts, als sich wenige „Hofjuden“ in Kiel - gegen den Willen des Magistrats - niederließen; sie standen unter dem Schutz vom regierenden Christian VII., der „seine“ Juden zur Geldbeschaffung einsetzte. Zudem suchten handelstreibende Juden die Fördestadt als Umschlagplatz für ihre Waren auf.

Kiel - hist. Ansicht um 1855 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Erst im Laufe des 19.Jahrhunderts zogen vermehrt Juden nach Kiel, sodass erst seit Mitte dieses Jahrhunderts von einer Gemeinde gesprochen werden kann.

Anfang der 1780er Jahre wurde in der Kehdenstraße im ehemaligen Kaffeehaus der Universität das erste jüdische Bethaus in Kiel eingerichtet; knapp 100 Jahre später bezog die Gemeinde einen dreistöckigen Synagogenbau in der Haßstraße, nachdem in den Jahren unmittelbar zuvor ein Betraum in der Schumacherstraße genutzt worden war. Die Synagoge in der Haßstraße – eingeweiht Ende Dez. 1869 - war ein Backsteingebäude mit einem Betsaal für 85 Männer und einer Frauenempore. „Sie ist in einfacher, schmuckloser, aber würdiger Weise eingerichtet, dem Eingange gegenüber findet sich die heilige Lade, in welcher die Gesetzbücher aufbewahrt werden, in der Mitte ein Gang, zu beiden Seiten die Plätze für die Mitglieder der Gemeinde.“ („Kieler Zeitung“ vom 29.12.1869)

                                    Ehem. Synagoge in der Hassstrasse (Rekonstruktion Chr. Jürgensen)

Doch auf Grund der stark anwachsenden Zahl der Gemeindemitglieder wurde die Räumlichkeit bald zu klein, sodass man Ende 1909 die große Synagoge beim Schrevenpark an der Ecke Goethestraße/Humboldtstraße einweihte; sie war ein imposanter „Tempel“-Bau - entworfen vom Kieler Architekten Johann Theede - und bot mehr als 600 Menschen Platz. Hier befand sich auch die israelitische Religionsschule.

In den „Kieler Nachrichten“ wurde die Einweihung Anfang Januar 1910 wie folgt gewürdigt:

„ ... Die in prächtiger Lage Ecke Goethe- und Humboldt-Straße errichtete neue Synagoge der jüdischen Gemeinde wurde am Sonntagmittag in feierlicher Weise eingeweiht und ihrer Bestimmung übergeben. Unter den geladenen Gästen bemerkte man u. a. Oberbürgermeister Fuß, stellv. Stadtverordnetenvorsteher Rechtsanwalt Döring und mehrere Mitglieder des Magistrats und des Stadtverordnetenkollegiums ... auch war der Oberrabbiner aus Wandsbek anwesend. ... Der Erbauer des Hauses, Architekt Theede, hielt eine Ansprache, in der er darauf hinwies, daß die gestellte Aufgabe nicht leicht gewesen sei. Es habe sich darum gehandelt, mit immerhin beschränkten Mitteln ein Gebäude zu schaffen, das doch als monumentales zu gelten habe. ... Dr. Jacob führte aus, daß das Haus nicht materiellen, sondern lediglich geistigen Zwecken dienen solle; es werde sein ein Lehrhaus und Bethaus. ..., sprach Rabbiner Dr. Cohn ein Gebet für den Kaiser und die Obrigkeit, und darauf wurden die Thorarollen in den heiligen Schrein gehoben. ... Dr. Cohn ... führte aus, daß das neue Gebäude einen dreifachen Zweck erfüllen solle: Es enthalte ein Schulhaus, ein Volkshaus und ein Gotteshaus. Über den Räumen des Lehrens, des Lernens und des Lebens erhebe sich das Gotteshaus, in dem man Erbauung und Sammlung für den Lebenskampf finden werde.“

    Synagoge in Kiel 1938 (Stadtarchiv Kiel)

1852 erwarb die Kieler Judenschaft ein Grundstück in der heutigen Michelsenstraße, um hier eine Begräbnisstätte anzulegen. Die Anfänge der „Chewra Kaddischa” reichen auch in diese Zeit zurück. Zuvor waren verstorbene Kieler Juden in Rendsburg begraben worden.

Jüd. Friedhof (Aufn. M. Süßen, 2017, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)Matthias Suessen Alter juedischer FriedhofKiel-5915.jpg

Juden in Kiel:

    --- 1766 ...........................   37 Juden,

     --- 1835 ...........................   41   “  ,

     --- 1844 ...........................   62   “  ,

     --- 1871 ...........................  187   “  ,

     --- 1905 ...........................  430   “  ,

     --- 1925 ...........................  605   “  ,

     --- 1933 (Jan.) ....................  613   “  (0,3% d. Bevölk.),

              (Juni) ....................  522   “  ,

     --- 1934 (Jan.) ....................  419   “  ,

     --- 1938 (Okt.) ....................  311   “  ,

     --- 1939 (Mai) .....................  227   “  ,

      --- 1946 ..........................   36   “  ,

     --- 1961 ..........................   27   “  ,

     --- 1997 ...................... ca.  250   “  ,*    * gesamte Gemeinde

     --- 2008 ...................... ca.  550   “  .*

 Angaben aus: Julius H. Schoeps (Hrg.), Neues Lexikon des Judentums, S. 461

 und                 Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 - 1945, S. 45/46

Vor dem Ersten Weltkrieg setzte sich die Kieler Gemeinde fast nur aus deutsch-jüdischen Mitgliedern zusammen. Um 1930 war der „ostjüdische“ Anteil auf etwa die Hälfte angewachsen; vor allem in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg waren vermehrt orthodoxe Juden aus Osteuropa zugewandert. Diese Neuankömmlinge ließen sich vor allem in der Kieler Altstadt, im „Gängeviertel“, nieder und verdienten ihren Lebensunterhalt vornehmlich als Hausierer und Kleinhändler. In den 1920er Jahren schufen sich die „Ostjuden“ eigene Betstuben.

Die alteingesessenen Juden dagegen gehörten mehrheitlich der sozialen Mittelschicht an und besaßen – ungeachtet der vorhandenen antisemitischen Ressentiments - gewisses gesellschaftliches Ansehen in der Stadt; mit dem Zuzug der „Ostjuden“ sahen sie ihre soziale Stellung in Gefahr. Umgekehrt galt den „Ostjuden“ die fortgeschrittene Säkularisierung und Assimilation der deutschen Juden als Abkehr von der Religion ihrer Väter. Beide Gruppen blieben deshalb meist unter sich; Kontakte waren eher die Ausnahme. Wegen der unterschiedlichen Vorstellungen über die Ausübung ihrer Religion kam es zwischen den liberalen und orthodoxen Juden zu erheblichen Spannungen. Der seit 1924 die Kieler Gemeinde leitende Dr. Arthur Posner versuchte die beiden „Fraktionen“ zusammenzuführen, indem er insbesondere auf die religiöse Bildung der Jugendlichen setzte. Im Sommer 1933 emigrierte Dr. Posner mit seiner Familie nach Belgien, von dort nach Palästina. Daraufhin brachen die alten Gegensätze zwischen orthodoxen und liberalen Juden in Kiel wieder auf. In Kiel existierten eine Reihe jüdischer Einrichtungen und Vereine, u.a. der „Jüdische Jugendbund“, „Verein für jüdische Geschichte und Literatur“, der „Israelitische Frauenverein“; auch zwei zionistische Organisationen gab es in Kiel.

In Kiel lebten Mitte der 1920er Jahre - bei einer Gesamteinwohnerschaft von ca. 210.000 Menschen - etwa 600 Juden; damit war Kiel die größte jüdische Gemeinde Schleswig-Holsteins. Die Kieler Juden waren in der Mehrheit als Kaufleute, Rechtsanwälte, Ärzte und Hochschuldozenten tätig - ohne nennenswerten politischen und wirtschaftlichen Einfluss in der Stadt.

Wie sehr sich die jüdische Gemeinde der „rechten Gefahr“ bewusst war, zeigte ein „Aufruf an die deutschen Juden Schleswig-Holsteins“, der anlässlich der Reichstagswahl (Sept. 1930) in einer großformatigen Anzeige in den „Kieler Neuesten Nachrichten“ veröffentlicht wurde; darin hieß es: „Jüdische Mitbürger, lasset Euch von niemandem Euer Deutschtum rauben, das durch Geburt, Erziehung und Hinneigung genau so untrennbar von Euch ist, wie von den Staatsbürgern der anderen Glaubensgemeinschaften. Zeiget durch die Ausübung Eures Wahlrechts, wie heilig Euch dieses Bekenntnis zum Vaterlande ist. ...“ Schon vor der NS-Machtübernahme verstärkten sich Übergriffe auf jüdische Bürger und Einrichtungen; so wurde z.B. im August 1932 ein Bombenanschlag auf die Kieler Synagoge verübt. Wenige Wochen nach der NS-Machtübernahme wurden zwei angesehene jüdische Rechtsanwälte, Dr. Friedrich Schumm und Wilhelm Spiegel, ermordet; diese Morde wurden den Nationalsozialisten angelastet. Im März 1933 zielte die NS-Hetze zunächst auf prominente Juden in Kiel; in den folgenden Wochen weitete diese sich aus. Vom lokalen „Aktionskomitee“ wurde der Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933 generalstabsmäßig vorbereitet: das Komitee erstellte eine Liste mit Adressen von 43 Firmen, die in den Kieler Lokalzeitungen veröffentlicht wurden. Doch den Boykotttag in Kiel und im übrigen Schleswig-Holstein wertete die NSDAP als Fehlschlag: So beklagte sich die Kieler Gestapo später wiederholt über „die Unbelehrbarkeit der christlichen Bevölkerung, nicht beim Juden zu kaufen”, die antisemitischen Aktionen hätten „hier keinen großen Widerhall gefunden”. Ab Herbst 1935 durften in Kiel Juden z.B. keine Kinos mehr besuchen. Im April 1938 wurde - im Zuge der „Rassentrennung“ - eine zweiklassige jüdische Volksschule in Kiel eröffnet, die nun eine „Sonderklasse“ ablöste, die ab 1937 für einen Teil der jüdischen Kinder eingerichtet worden war. Doch bereits am 1.10.1939 wurde die jüdische Volksschule - nach nur 18 Monaten - geschlossen.

Die Abschiebung der Kieler „Ostjuden“ im Oktober 1938 war ein Desaster für die NS-Behörden; denn nach kurzem Aufenthalt in Frankfurt/Oder konnten die betroffenen Juden wieder nach Kiel zurückkehren.

Der Novemberpogrom von 1938 besiegelte dann das Ende der jüdischen Gemeinde in Kiel. Der hiesige Polizeipräsident Meyer-Quade hatte den Stabsführer der SA-Gruppe Nordmark, Carsten Volquardsen, angewiesen, mit seinen Männern jüdische Geschäfte, Wohnungen und Bethäuser zu zerstören. Am frühen Morgen des 10.November wurde das Synagogeninnere in Brand gesetzt; die Einrichtung teilweise zerstört, teilweise geplündert.

                   In einem Bericht der in Kiel erscheinenden „Nordischen Rundschau” vom 10.11.1938 hieß es dazu:

Feuer in der Synagoge

In Kiel erfuhr die Bevölkerung die erschütternde Nachricht von dem Tode des Gesandtschaftsrates vom Rath erst aus dem Munde des Kreisleiters, ... Die gesamte Bevölkerung wurde dadurch von einer ungeheuren Wut ergriffen, die sich in allen Teilen der Stadt Luft machte. - Die Schaufenster jüdischer Geschäfte wurden zertrümmert und teilweise die Auslagen durcheinandergeworfen. Gegen 4 Uhr entstand in der Synagoge am Hohenzollernpark ein Feuer. Die Kieler Feuerlöschpolizei rückte mit fünf Löschzügen zur Bekämpfung des Brandes an, der auf seinen Herd beschränkt und niedergekämpft wurde.

   Zerschlagene Synagogenfenster - Spuren der Zerstörung (Stadtarchiv Kiel)

Über die Geschehnisse der Pogromnacht und danach kann einem Brief des später in Sachsenhausen ermordeten Mendel Czapnik an seine Eltern entnommen werden; darin heißt es: "Am Donnerstag (...) hat man die hiesige Synagoge in Brand gesteckt. Man hat das Innere im Sitzungssaal der Synagoge und im kleinen Schulzimmer und (...) oben in der Synagoge alles verbrannt, darunter 9 Thorarollen. Das Feuer war so stark, daß die Fensterscheiben geplatzt haben vor Hitze. (...) Das Gebäude der Synagoge hat die Behörde Beschlag genommen, die verbrannte Eingangstür und die offene Fenster mit Brettern verschlagen (...) Das ist die erste Tat. Dann hat man genommen sämtliche deutsche Juden, alle Männer von 20–60 Jahre ohne Ausnahme, von den Betten heraus und sie verhaftet (...) Dabei hat man (...) zum Teil auch polnische Juden genommen und sie nachher herausgelassen. Es haben sich dabei schreckliche Szenen abgespielt. (...) Den Kuhberg hat man verschont, dort ist man nicht gewesen. Sabbath morgens (...) das Jammern war so groß. Jeder einzelne hat geweint, man hat sich kaum fassen können vor Weinen." (Abschrift aus: Arbeitskreis zur Erforschung des Nationalsozialismus in Schleswig-Holstein)  

Neben 15 jüdischen Geschäften wurden auch einige Privatwohnungen verwüstet. Wenige Wochen später übernahm die Kieler Kommune das äußerlich unbeschädigte Synagogengebäude; im Jahre 1939/40 wurde es abgerissen.

Synagoge unmittelbar vor dem Abriss (Aufn. F.Magnussen/Stadtarchiv Kiel, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Das Synagogengrundstück diente von 1940 bis 1967 als Lagerplatz; danach wurde auf diesem ein Wohnhaus errichtet.

Ca. 55 männliche Juden Kiels wurden festgenommen, etwa zehn von ihnen in den folgenden Tagen einem Konzentrationslager überstellt. Wenige Wochen nach dem Pogrom wurden die letzten jüdischen Geschäfte in Kiel „arisiert“ oder liquidiert. Zwischen 1933 und November 1938 waren bereits ca. 370 jüdische Bürger aus Kiel abgewandert; etwa 150 von ihnen emigrierten ins Ausland, die anderen verzogen innerhalb Deutschlands, vor allem nach Hamburg und Berlin. Nach dem Pogrom setzte eine neue Auswanderungswelle ein, so dass Ende 1939 kaum mehr von einer jüdischen Gemeinde in Kiel gesprochen werden konnte. Bereits 1939 wurden in Kiel verbliebene Juden allmählich in sog. „Judenhäusern“ im „Gängeviertel“ konzentriert: so am Kleinen Kuhberg 25, im Feuergang 2 und in der Flämischen Straße 22a. Anfang Dezember 1941 wurden mehr als 40 Juden aus Kiel und Umgebung - zusammen mit Hunderten aus Hamburg und Lübeck - nach Riga (KZ "Jungfernhof") deportiert. Nachweislich sind ca. 240 Kieler Juden Opfer der NS-Verfolgung geworden.

1947 wurde ein Angeklagter, der maßgeblich an der Zerstörung der Synagoge beteiligt war, zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt; außerdem bestrafte das Landgericht Kiel im gleichen Jahr einen weiteren Angeklagten mit einer geringen Haftstrafe. Der damalige Gauleiter und Oberpräsident Lohse hingegen wurde neben vielen anderen nicht zur Verantwortung gezogen, da die Verfahren eingestellt wurden.

Nach Kriegsende lebten in Kiel nur noch sehr wenige jüdische Bürger; eine selbstständige jüdische Nachkriegsgemeinde hat es in Kiel nicht mehr gegeben. Anfang der 1960er Jahre wohnten in Kiel kaum mehr als 30 Juden - mit abnehmender Tendenz -, so dass die Verwaltung der jüdischen Belange für Schleswig-Holstein gegen Ende des Jahrzehnts an die Jüdische Gemeinde Hamburg übertragen wurde. Erst durch Zuwanderer aus Osteuropa bildete sich in den 1990er Jahren hier eine jüdische Gemeinschaft.

Durch die Gründung anderer jüdischer Gemeinden im Land inspiriert konstituierte sich im Frühjahr 2004 die eigenständige „Jüdische Gemeinde Kiel” und schloss sich dem 2002 gegründeten „Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Schleswig-Holstein K.d.ö.R.” an. Im Oktober des gleichen Jahres bildeten Mitglieder des bisherigen Hamburger Gemeindezentrums in Kiel eine zweite Gemeinde mit eigenem Dachverband. Mit der festlichen Einbringung einer eigenen Thora bezog man im August 2008 ein neues Zentrum am Schrevenpark in der Jahnstraße; dieses liegt in der Nähe des Platzes, an dem bis zu ihrem Abriss die Synagoge in der Goethestraße stand. Derzeit (2015) gehören zur Kieler Gemeinde ca. 500 Mitglieder.

  Gemeindemitglieder lesen die Thora (Aufn. H. Linde-Lembke, 2014, in: Jüdische Allgemeine)

Seit 1989 erinnert an der Ecke Goethe-/Humboldtstraße eine Bronzeplastik der Bildhauerin Doris Waschk-Balz mit einer auf einem Steinsockel angebrachten Gedenktafel an das frühere jüdische Gotteshaus.

                     Bronzeplastik (Aufn. Jocian, 2011, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Hier stand die Synagoge der Jüdischen Gemeinde Kiel

die in der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft durch einen Willkürakt am 9.November 1938 zerstört wurde.

Das bis 1910 genutzte ehemalige Synagogengebäude in der Haßstraße ist das einzige bauliche Zeugnis der Kieler Juden, das nur in Relikten noch erhalten geblieben ist. An einer Mauer informiert eine Tafel über die Historie der ehemaligen Synagoge. Derzeit gibt es seitens eines Initiativkreises Bestrebungen, das marode Gebäude zu erhalten und es für kulturelle Zwecke zu nutzen.

Im Gedenken an jüdische Familien aus dem ehemaligen Kieler „Gängeviertel“ - dort steht heute die Ostseehalle - wurde 2005 eine marmorne Stele aufgestellt, die mit seiner Inschrift an Enteignung, Deportation und Ermordung Kieler Juden erinnert.

Auf dem jüdischen Friedhof in der Michelsenstraße, der ab 1852 in Nutzung war, wurden bis 1941 insgesamt ca. 380 Bestattungen vorgenommen. Das während der NS-Zeit mehrfach geschändete Friedhofsgelände wurde nach Ende des Zweiten Weltkrieges wieder hergerichtet. Da aber danach nur vereinzelt Bestattungen erfolgten, war der Friedhof in der Zeit zwischen 1973 bis Ende 1990er Jahre geschlossen. Erst seit ca. 20 Jahren wird er wieder genutzt, seitdem in Kiel die „Jüdische Gemeinde Kiel und Region“ existiert. Die 2004 gegründete „Jüdische Gemeinde Kiel“ hat ihren Begräbnisplatz auf dem "Eichhof-Friedhof".

Etwa 260 sog. „Stolpersteine“ (Stand: 2019) erinnern in den Gehwegen Kiels an Opfer der NS-Gewaltherrschaft, so vor allem an ehemalige jüdische Kieler Bürger.

 Holtenauer 32 - pietsch.jpg für Fam. Pietsch, Holtenauer Str. (Aufn. Verheule, 2017, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

Ida, Isaak, Josef Baruch, Leo und Toni Metzger Stolpersteine.jpg Bernhard, Esther, Hermann, Isidor und Jonny Klapper Stolpersteine.jpg

für Fam. Metzger, Knooper Weg und Fam. Klapper, Jungfernstieg (beide Aufn. Damske, 2016, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

In Eutin - zwischen Kiel und Lübeck gelegen - lebten seit dem 18.Jahrhundert stets nur vereinzelt jüdische Familien; eine Gemeinde gab es hier zu keiner Zeit. Seit der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts existierte in Eutin ein eigener Begräbnisplatz, den eine jüdische Familie angelegt und dann auch anderen verstorbenen Glaubensgenossen zur Verfügung gestellt hatte. Heute befinden sich auf diesem Gelände am Kleinen Eutiner See zwölf Grabsteine.

                                        http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2074/Eutin%20Friedhof%20100.jpg jüdische Grabstätten in Eutin (Aufn. H.-P-Laqueur, 2006)

2019 wurden an zwei Standorten im Eutiner Stadtgebiet die ersten drei sog. „Stolpersteine“ verlegt; während ein Stein dem Angedenken an den Sozialdemokraten Carl Ullrich gewidmet ist, erinnern die beiden anderen an die Schwestern Alice und Jenny Nathan.

Weitere Informationen:

Arthur P. Posner, Die Anfänge der israelitischen Gemeinde zu Kiel, in: Monatsschrift für die Geschichte und Wissenschaft des Judentums 76/1932, S. 229 f.

Arthur P. Posner, Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde und der jüdischen Familien in Kiel (Schleswig-Holstein), Jerusalem 1957 (unveröffentlicht)

Fritz Maas, Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde in Kiel, in: ‘Wort und Wirklichkeit’, 1976, S. 153 - 169

Arthur P. Posner, Die Vereine innerhalb der Kieler jüdischen Gemeinde seit der Wende zum 20.Jahrhundert, in: Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte 59/1977, S. 171 f.

Dietrich Hauschildt, Juden in Kiel im Dritten Reich, unveröffentlichte Staatsexamensarbeit Kiel, Kiel 1980

Dietrich Hauschildt, Vom Judenboykott zum Judenmord - Der 1.April 1933 in Kiel, in: E.Hoffmann/P.Wulf (Hrg.), “Wir bauen das Reich” - Aufstieg und erste Herrschaftsjahre des Nationalsozialismus in Schleswig-Holstein, Neumünster 1983

Klaus Bästlein, Die Judenpogrome am 9./10.November 1938 in Schleswig-Holstein, in: Grenzfriedensbund (Hrg.), Jüdisches Leben und die Novemberpogrome 1938 in Schleswig-Holstein, Flensburg 1988, S. 9 - 54

Dietrich Hauschildt, Novemberpogrom - Zur Geschichte der Kieler Juden im Oktober/November 1938, in: Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 74, Kiel 1988, S. 129 - 172

Peter Wulf,Die Verfolgung der schleswig-holsteinischen Juden im November 1938, in: Die Juden in Schleswig-Holstein, Gegenwartsfragen 58, Landeszentrale für Politische Bildung in Schleswig-Holstein, Kiel 1988, S. 25 - 38

Gerd Stolz, Zwischen Gestern und heute - Erinnerungen jüdischen Lebens ehemaliger Schleswig-Holsteiner, Heide 1991

Walter Niebergall, Goethestraße 13 - Zur Geschichte der Kieler Synagoge, in: Dokumentation. Zur Geschichte der Kieler Synagoge und des Mahnmales an der Goethestraße 13, hrsg. von der Versorgung und Verkehr Kiel GmbH, Kiel 1992, S. 7 - 32

Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 - 1945, Schleswig-Holstein I (Nördlicher Landesteil), VAS-Verlag, FrankfurtM. 1993, S. 36 ff.

Eckhard Colmorgen (Red.), Die Jüdische Gemeinde, in: Kiel im Nationalsozialismus. Materialien und Dokumente, Hrg. Arbeitskreis „Asche-Prozeß“, 2. Aufl., Kiel 1994, S. 67 ff.

Elke Imberger, Jüdische Gemeinden in Schleswig-Holstein, Hrg. Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte, Wachholtz Verlag, Neumünster 1996

Miriam Gillis-Carlebach (Bearb.), Memorbuch zum Gedenken an die jüdischen, in der Shoa umgekommenen Schleswig-Holsteiner und Schleswig-Holsteinerinnen, Hrg. Verein jüdischer ehem. Schleswig-Holsteiner in Israel, Hamburg 1996

Bettina Goldberg, “ ... und vieles bleibt ungesagt” - Die Israelitische Gemeinde zu Kiel vor und nach 1933, in: Gerhard Paul/Miriam Gillis-Carlebach (Hrg.), Menora und Hakenkreuz. Zur Geschichte der Juden in und aus Schleswig-Holstein, Lübeck und Altona 1918 - 1998, Wachholtz Verlag, Neumünster 1998, S. 49 ff.

Ralph Uhlig, “... da die erforderlichen Messungen s.Z. nicht vorgenommen wurden.” Die Verdrängung von jüdischen Gelehrten an der Kieler Christian-Albrechts-Universität nach 1933, in: Gerhard Paul/Miriam Gillis-Carlebach (Hrg.), Menora und Hakenkreuz. Zur Geschichte der Juden in und aus Schleswig-Holstein, Lübeck und Altona 1918 - 1998, Wachholtz Verlag, Neumünster 1998, S. 215 ff.

Matthias Wieben, “Aus Deutschland sind sie ausgespien für alle Zeiten.” Die Vertreibung jüdischer Studenten der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, in: Gerhard Paul/Miriam Gillis-Carlebach (Hrg.), Menora und Hakenkreuz. Zur Geschichte der Juden in und aus Schleswig-Holstein, Lübeck und Altona 1918 - 1998, Wachholtz Verlag, Neumünster 1998, S. 237 ff.

Julius H. Schoeps (Hrg.), Neues Lexikon des Judentums, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2000, S. 461

Victoria Ladyschenskaja, Jüdische Gemeinde im Aufbau, in: Schleswig-Holstein, Heft 7/8 (2000), S. 75

Bettina Goldberg, Kleiner Kuhberg 25 - Feuergang 2. Die Verfolgung und Deportation der schleswig-holsteinischen Juden im Spiegel der Geschichte zweier Häuser, Vortrag anläßlich einer Gedenkveranstaltung für die Opfer des Holocaust, Kiel 2002

M.Brumlik/R.Heuberger/C.Kugelmann (Hrg.), Reisen durch das jüdische Deutschland, DuMont Literatur- u. Kunstverlag, Köln 2006, S. 265

Bettina Goldberg, Abseits der Metropolen. Die jüdische Minderheit in Schleswig-Holstein, Wallstein-Verlag, Neumünster 2011, S. 120 – 131 und S. 151 ff.

Viktoria Ladyshenski, Unsere Koffer sind ausgepackt. Die Jüdische Gemeinde Kiel und Region, in: J.Liß-Walther/B.Haertner (Hrg.), Aufbrüche. Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Schleswig-Holstein nach 1945, Kiel 2012, S. 171 – 175

Walter Joschua Pannbacker, Jüdische Gemeinde Kiel. Synagoge am Schrevenpark, in: J.Liß-Walther/B.Haertner (Hrg.), Aufbrüche. Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Schleswig-Holstein nach 1945, Kiel 2012, S. 176 – 179

Niklas Wieczorek (Red.), Jüdische Gemeinden in Kiel – Etabliert, aber nicht sorgenfrei, in: „Kieler Nachrichtren“ vom 1.2.2014

Walter Louis Rothschild Kleine Geschichte der Jüdischen Gemeinde Kiel e.V. - Synagoge am Schrewenpark. Festschrift zum 10jährigen Jubiläum, Kiel 2014

Auflistung der Stolpersteine in Kiel, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Kiel

Heide Linde-Lembke (Red.), Platznot am Schrewenpark. Die Jüdische Gemeinde ist zehn Jahre alt und sucht nach einer anderen Bleibe, in: „Jüdische Allgemeine“ vom 25.4.2014

Jürgen Festersen (Red.), Der Jüdische Friedhof in Kiel, online abrufbar unter: kielerleben.de vom 19.7.2016

Jüdisches Leben in Kiel, online abrufbar unter: amgrauenstrand.blogspot.de/2017/02/judisches-leben-in-kiel (längerer Aufsatz mit Bildmaterial)

Udo Carstens (Red.), Projekt Stolpersteine. „Sie lebten einst mitten uns“, in: „Schleswig-Holsteinische Zeitung“ vom 28.6.2018

oha (Red.), Eutin. Premiere: Die ersten „Stolpersteine“ in Eutin, in: „Ostholsteiner Anzeiger“ vom 17.5.2019

Steffen Müller (Red.), Neue Stolpersteine gegen das Vergessen, in: Kieler Nachrichten“ vom 21.5.2019

Heike Linde-Lembke (Red.), Kiel. Zwei Synagogen an der Förde, in: „Jüdische Allgemeine“ vom 29.5.2019