Kirchberg (Rheinland-Pfalz)

Bildergebnis für kirchberg hunsrück postleitzahl karte Kirchberg (Hunsrück) ist eine kleine Kommune mit derzeit ca. 3.200 Einwohnern im Rhein-Hunsrück-Kreis – ca. 45 Kilometer westlich von Bingen/Rhein (Karte aus: suche-postleitzahl.org).

Urkundliche Erwähnungen jüdischer Bewohner in Kirchberg liegen seit dem frühen 14.Jahrhundert vor; damals war ihnen als „Schutzjuden“ der Grafen von Sponheim hier Ansässigkeit gewährt worden. Bei den Verfolgungen um 1340 beteiligte sich aber die gleiche Landesherrschaft an Misshandlungen und Brandschatzungen „seiner“ Juden und bereicherte sich an deren Vermögen. Bereits im Jahre 1287 waren in Kirchberg vier Juden erschlagen worden; deren gewaltsamer Tod stand vermutlich im Zusammenhang der den Juden zugeschriebenen Ermordung des „guten Werner“ von Oberwesel. Für die folgenden Jahrhunderte liegen nur spärliche Belege für die Existenz von Juden in Kirchberg vor. Als sicher gilt aber, dass die Juden im Hunsrück - so auch die in Kirchberg - im Kram- und Viehhandel tätig waren und ein zumeist ärmliches Leben führten.

Erst für den Anfang des 19.Jahrhunderts gibt es wieder eindeutige Belege für jüdisches Leben in Kirchberg. So sind in einer Auflistung, die auf Grund des "Napoleonischen Namensdekrets" (1808) erstellt wurde, für Kirchberg neun jüdische Familien mit 45 Angehörigen aufgeführt, von denen allein fünf Familien vom Viehhandel lebten.

Über ihren ersten Synagogenraum, in der heutigen Glöcknerstraße (vormals Affengasse) in einem schlichten Fachwerkbau untergebracht, verfügten die Kirchberger Juden seit 1817. Aus einem Bericht an die Kgl. Regierung von 1859:

... Das Schullocal befindet sich im Erdgeschoß eines der Kirchberger Judenschaft gehörenden Gebäudes, dessen oberer Stock als Synagoge dient. Zwei kleine Kammern nebst einer kleinen Küche dieses Hauses sind Lehrerwohnung. Sie werden nicht benutzt, da der Lehrer ein eigenes Haus hat. Das Unterrichtszimmer ist im schlechten Zustand, die Risse in den Fensterrahmen sind mit Papier zugeklebt. Die Stubentür ist baufällig. Es gibt keine Subsellien, nur einige Tische und eine Bank. ...

Knapp 70 Jahre später wurde auf den Fundamenten des inzwischen maroden Gotteshauses ein Synagogenneubau mit Hilfe einer überörtlichen Kollekte und eines Darlehens erstellt; der Bau wurde 1883 eingeweiht.

  Synagogengebäude in Kirchberg Bildmitte (aus einer Luftaufnahme, um 1930)

Zur Besorgung gemeindlicher Aufgaben war ein Lehrer angestellt, der neben der religiösen Unterweisung der Kinder auch als Vorbeter und Schächter tätig war. Eine eigene jüdische Elementarschule ist seit den 1830er Jahren belegt; ab den 1870er Jahren wurde diese als Religionsschule weitergeführt.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20157/Kirchberg%20Israelit%2004061879.jpg

Stellenanzeigen aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4.Juni 1879 und vom 19. Sept. 1907

Als weitere gemeindliche Einrichtung existierte am Ort - vermutlich seit Beginn des 19.Jahrhunderts - auch eine jüdische Begräbnisstätte, die an der Metzenhausener Straße lag. Die letzte Beerdigung auf diesem Friedhof fand 1938 statt; der nach 1945 errichtete Grabstein trägt die folgende Inschrift:

                                         Hier ruht die letzte Zeugin einer über 600 Jahre alten Jüdischen Gemeinde in Kirchberg

Johannette Gerson, geb. Isay     08.07.1846     23.09. 1938

Dieses Grabmal ist in ehrendem Gedenken an alle Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Kirchberg,

die der Naziverfolgung zum Opfer fielen, von den Enkeln errichtet.

Zur jüdischen Gemeinde Kirchberg gehörten auch die wenigen Juden aus Lindenschied und Kappel.

Juden in Kirchberg:

         --- 1808 ..........................  38 Juden,

    --- um 1820 .......................  58   “  ,

    --- 1847 ..........................  89   “   (in 19 Haushaltungen),

    --- 1856 ..........................  96   “  ,

    --- 1864 ..........................  91   “  ,

    --- 1895 .......................... 114   “  ,

    --- 1903 ..........................  80   “  ,

    --- 1926 ..........................  95   “   (in 24 Haushaltungen),

    --- 1933 ..........................  67   “  ,

    --- 1939 (Dez.) ...................  keine.

Angaben aus: Manfed Stoffel (Bearb.), Versöhnung braucht Erinnerung. Juden in Kirchberg/Hunsrück, S. 20

Zu Beginn des 20.Jahrhunderts verdienten die Kirchberger Juden ihren Lebensunterhalt zumeist als „Handelsmänner“, Kaufleute und Viehhändler. Jüdische Bürger waren in die Kirchberger Gesellschaft integriert und engagierten sich auch im öffentlichen Leben.

Anzeigen jüdischer Geschäftsleute in Kirchberg um 1920/1925:


Auch in Kirchberg wurde am 1.April 1933 der NS-Boykott durchgeführt; SA-Posten hinderten Kaufwillige am Betreten jüdischer Geschäfte. In der Folgezeit wurden auch zunehmend die jüdischen Händler auf den Kirchberger Märkten ausgeschaltet. Im Laufe der Jahre verließ ein Großteil der jüdischen Bewohner Kirchberg; während die meisten in größere Städte (zumeist nach Köln) übersiedelten, hatten fast alle Emigranten die USA als ihr Ziel. Ihre Geschäfte gingen zumeist in „arische“ Hände über, wie z.B. eine Anzeige aus dem Jahre 1936 zeigt:

Aufruf im „Kirchberger Anzeiger“

                                                                                 Geschäftsübernahme oder "Arisierung" ?

Während des Novemberpogroms von 1938 wurde das Synagogeninnere vollständig zerstört; ein von auswärtigen SA-Angehörigen gelegter Brand wurde von Nachbarn schnell gelöscht. Auf dem Marktplatz wurden die aus der Synagoge stammenden Ritualgegenstände dem Feuer übergeben. Zudem machten SA-Angehörige in Zivilkleidung Jagd auf jüdische Bewohner.

Bis Ende 1938 sollen alle Juden Kirchberg verlassen haben. Der Landwirt Julius Hirsch (er war vermutlich der letzte jüdische Ortsbewohner) wurde in der Pogromnacht in einem Versteck in seiner Scheune aufgespürt und misshandelt; schwer verletzt fand er Zuflucht bei einem hiesigen Bäckermeister, der ihn versteckte und wo ihm ärztliche Hilfe zu teil wurde.

Das Synagogengebäude wurde im Dezember 1938 an die Kommune verkauft und diente zunächst als HJ-Heim (!), später als Unterkunft für französische Kriegsgefangene. Ende der 1950er Jahre wurde das Gebäude renoviert, im Jahre 1972 schließlich abgerissen.

Bis Kriegsbeginn hatten alle jüdischen Bewohner Kirchberg verlassen. Insgesamt sind mindestens 27 gebürtige bzw. länger am Ort lebende jüdische Bewohner dem NS-Terror zum Opfer gefallen. (Anm.: Anderen Angaben zufolge sollen es mehr als 60 Personen gewesen sein, die verfolgt und ermordet wurden.)

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20179/Kirchberg%20Friedhof%20203.jpg Verwitterte Grabsteine Jüd. Friedhof Kirchberg (Hunsrück).jpg

Friedhof in Kirchberg (Aufn. O. Frühauf, 2008) - stark verwitterte Grabsteine (Aufn. W. Horsch, 2014, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0)

Aus Anlass des 60.Jahrestages des Novemberpogroms wurde 1998 auf dem Kirchberger Marktplatz eine steinerne Stele eingeweiht, die neben eingemeißelten jüdischen Symbolen die Namen der 27 ermordeten jüdischen NS-Opfer trägt.

2017 wurden im Stadtgebiet von Kirchberg an vier Stellen insgesamt 22 sog. „Stolpersteine“ verlegt, die an aus Kirchberg stammende Juden erinnern, die während der NS-Zeit vertrieben, deportiert oder ermordet wurden.

[vgl. Laufersweiler (Rheinland-Pfalz)]

Weitere Informationen:

Germania Judaica, Band II/1, Tübingen 1968, S. 398/399

Achim Baumgarten, Mittelalterliche Judenverfolgung auf dem Hunsrück, in: Rhein-Hunsrück-Kalender 1987, S. 82 - 85

Hans-Werner Johann, Die jüdische Schule in Kirchberg, in: Hunsrücker Heimatblätter No.73/1988, S. 88 f.

Yvonne Lang, “ ... das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung”. Juden in Kirchberg bis zur Zeit des Nationalsozialismus, Facharbeit am Herzog-Johann-Gymnasium Simmern, 1993/94

Gustav Schellack, Die jüdische Schule in Kirchberg/Hunsrück, in: Monatshefte für Evangelische Kirchengeschichte des Rheinlandes, 45./46.Jg. 1996/1997, S. 321 - 334

Manfred Stoffel (Bearb.), Versöhnung braucht Erinnerung. Juden in Kirchberg/Hunsrück, in: Schriftenreihe zur Geschichte der Stadt Kirchberg, Band 2, Kirchberg/Hunsrück 2000

Christof Pies, Jüdisches Leben am Rhein - Hunsrück-Kreis, in: 100 Jahre Hunsrücker Geschichtsverein e.V. 1901 - 2001, No. 116 (Sondernummer), Jg. 41/2001, S. 380 - 395

Christof Pies, Jüdisches Leben im Rhein-Hunsrück-Kreis, in: Schriftenreihe des Hunsrücker Geschichtsvereins e.V., No. 40, 2003, S. 196 - 210

Stefan Fischbach/Ingrid Westerhoff (Bearb.), “ ... und dies ist die Pforte des Himmels “. Synagogen. Rheinland-Pfalz Saarland, Hrg. Landesamt für Denkmalpflege, Mainz 2005, S. 206

Harry Raymon*, Einmal Exil und zurück, o.O. 2005  (*war der Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie, 1926 in Kirchberg geboren als Harry Heymann, in den USA als Schauspieler Harry Raymon bekannt geworden)

Kirchberg (Hunsrück), in: alemannia-judaica.de (mit diversen Textdokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Werner Dupuis (Red.), Jetzt mahnen Stolpersteine auch in Kirchberg, in: „Rhein-Zeitung“ vom 7.11.2017

Thomas Torkler (Red.), Kirchberg. Holocaust: Dokumentation erinnert an Stolpersteinverlegung, in: „Rhein-Zeitung" vom 27.11.2018

Die Auslöschung jüdischen Lebens in Kirchberg/Hunsrück in der Zeit des Nationalsozialismus – Dokumentation der 2017 erfolgten Stolpersteinverlegungen, Kirchberg 2018