Kirchen (Baden-Württemberg)

Bildergebnis für efringen kirchen postleitzahl Kirchen ist heute ein Teil der derzeit ca. 1.700 Einwohner zählenden Kommune Efringen-Kirchen im Landkreis Lörrach – nur wenige Kilometer nördlich vom schweizerischen Basel gelegen (Karte aus: suche-postleitzahl.org).

Im Jahr 1736 kamen die ersten Juden - vier Brüder mit Namen „Bloch“ - von Dornach und Arlesheim (Kanton Solothurn) ins Dorf. Sie hatten wegen ständiger Querelen mit ihrer Herrschaft dort ihre Wohnsitze verlassen und waren vom badischen Markgrafen aufgenommen worden. So wurden die Wurzeln der jüdischen Gemeinde in Kirchen gegen Mitte des 18.Jahrhunderts gelegt.

Wegen des Widerstandes der Ortsgemeinde gegen weitere jüdische Ansiedlung blieb die Zahl der jüdischen Familien bis gegen Ende des 18.Jahrhunderts nahezu konstant. Die ökonomische Lage der Juden in Kirchen war bis weit ins 19.Jahrhundert hinein schlecht; der Handel mit meist agrarischen Produkten brachte nur so viel ein, dass sie pünktlich ihr Schutzgeld zahlen und ihren allernotwendigsten Lebensunterhalt bestreiten konnten.

Ihre Verstorbenen begrub die Kirchener Judenschaft zunächst auf dem jüdischen Friedhof in Lörrach* (*andere Angabe: im elsässischen Hegenheim); im Jahre 1865 wurde im Gewann „Kehlacker“ eine eigene Begräbnisstätte angelegt.

Nachdem Gottesdienste zunächst in einem Privathaus und dann in einem angemieteten Betsaal abgehalten worden waren, errichtete die jüdische Gemeinde 1831 einen Synagogenneubau. Über dem Eingangsportal war die Inschrift „Dies ist das Tor zum Herrn, Gerechte ziehen durch es hinein“ angebracht.

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historische Ortsansicht - Synagoge im Hintergrund des Gasthauses "Rebstock" (Abb. Edward Victor)

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Synagoge von Kirchen in Bildmitte und Innenansicht (hist. Aufn., aus: Hundsnurscher/Taddey, die jüdischen Gemeinden in Baden)

Neben dem Synagogengebäude befand sich das jüdische Schulhaus; im Keller war eine Mikwe eingerichtet. Die Besetzung der Lehrerstelle war einem häufigen Wechsel unterworfen.

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Stellenausschreibungen für einen jüdischen Lehrer aus der Zeitschrift "Der Israelit" von 1870, 1878 und 1900

Die Kirchener Gemeinde gehörte bis an ihr Ende zu den religiös-konservativen jüdischen Gemeinden; das alltägliche Leben verlief nach strengen rituellen Gesetzen.

1827 wurde die jüdische Gemeinde dem Rabbinatsbezirk Sulzburg zugewiesen; nach dessen Verlegung (1886) gehörte sie fortan dem Rabbinatsbezirk Freiburg an. 

Juden in Kirchen:

        --- 1738 ..........................   5 jüdische Familien,

    --- 1785 ..........................   8     “        “   ,

    --- 1810 ..........................  60 Juden,

    --- 1825 ..........................  68   “  ,

    --- 1842 .......................... 123   “  ,

    --- 1848 .......................... 147   “   (14,5% d. Dorfbev.),

    --- 1873 .......................... 192   “  ,

    --- 1880 .......................... 160   “  ,

    --- 1895 .......................... 138   “  ,

    --- 1900 .......................... 102   “  ,

    --- 1905 ..........................  86   “  ,

    --- 1925 ..........................  66   “   (6,8% d. Dorfbev.),

    --- 1933 ..........................  63   “  ,*        * incl. Efringen

    --- 1936 ..........................  52   “  ,

    --- 1939 ..........................  31   “  ,

            (Dez.) ....................   2   “  ,

    --- 1940 ..........................   keine.

Angaben aus: Axel Huettner, Die jüdische Gemeinde von Kirchen 1736 - 1940, S. 238

Die höchste Zahl jüdischer Bewohner wurde um 1870 mit fast 200 Personen erreicht; danach setzte eine starke, wirtschaftlich motivierte Abwanderung ein. Neben Basel zog auch die nahegelegene Stadt Lörrach mit ihrer prosperierenden Textilindustrie Kirchener Juden an. Um die Jahrhundertwende war aus der jüdischen Gemeinde von Kirchen eine kleine Gemeinschaft älterer Menschen geworden, der es wirtschaftlich relativ gut ging: sie verfügte über Grundbesitz und betrieb Viehhandel und meist noch eine kleine Landwirtschaft.

Vom reichsweit angeordneten Boykott jüdischer Geschäfte am 1.4.1933 waren in Kirchen nur drei kleine Geschäfte betroffen; die anderen Kirchener Juden betrieben keine Ladengeschäfte, sondern zogen als Viehhändler übers Land. Trotz der sich verschärfender antijüdischen NS-Maßnahmen verließen bis 1936 nur vier Familien ihr Heimatdorf; erst ihr Ausschluss aus dem Wirtschaftsleben und damit der Entzug ihrer Lebensgrundlage erhöhte die Emigrationsquote deutlich; zunächst waren der Elsass und die Schweiz bevorzugte Ziele. 1938 emigrierten dann die meisten Kirchener Juden, vornehmlich in die USA. Während des Novemberpogroms wurden die Synagoge und das danebenstehende Schulgebäude schwer beschädigt; Täter waren auswärtige SA- bzw. SS-Angehörige unter Führung des Haltringer Bürgermeisters. Die jüdischen Bewohner trieb man aus ihren Wohnungen; die Männer wurden auf Lastwagen verladen und ins KZ Dachau verfrachtet, wo sie einige Wochen verblieben.

Aus dem „Oberbadischen Volksblatt”:

Kirchen, 12.November.  Aus Empörung über die feige Mordtat in Paris wurde auch die hiesige Synagoge zerstört. Die in der Synagoge aufbewahrten Bücher und Schriften wurden beschlagnahmt. Es wurden bei der Durchsuchung zwei Schächtmesser vorgefunden, welche nach dem Gesetz seit dem Schächtverbot schon hätten abgeliefert sein müssen. Die noch hier wohnenden männlichen Juden wurden in Schutzhaft genommen.

Bei Kriegsbeginn wurde die gesamte Zivilbevölkerung der in Rheinnähe gelegenen Markgräfler Dörfer evakuiert; drei Monate später kehrten die Dorfbewohner zurück - allerdings nicht die jüdischen Bewohner; diese mussten zumeist in Konstanz leben. Von hier aus wurden sie im Oktober 1940 ins Lager nach Gurs deportiert; zwei Jahre später wurden 14 Kirchener Juden von hier nach Auschwitz verschleppt und dort ermordet. Mindestens 22 Kirchener Juden wurden Opfer der Shoa.

Nach 1945 wurden die Ruinenreste des Synagogengebäudes abgetragen. 

Auf dem jüdischen Friedhof in Kirchen-Efringen erinnert seit 1966 eine Gedenktafel an die jüdischen Opfer der NS-Verfolgung. Auf einer Metalltafel sind - unter einem siebenarmigen Leuchter - die Namen der Opfer aufgeführt. Anfang der 1980er Jahre wurde an der Außenmauer des Friedhofeinganges eine Tafel angebracht; sie trägt die Worte: „Der Busch brannte im Feuer und wurde doch nicht verzehrt (2.Mose 3,2)“ und den Text:

Dem Gedenken der jüdischen Mitbürger und ihrer Synagoge zu Kirchen

Die Bürger der Gemeinde Efringen-Kirchen

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 ältere und abgeräumte Grabsteine des jüdischen Friedhofs in Kirchen (Aufn. J. Hahn, 2003)

Der jüdische Friedhof hat die NS-Zeit weitestgehend unbeschädigt überstanden, wurde aber 1965 von unbekannten Tätern geschändet: mehr als 70 Grabsteine wurden umgestürzt und Namenstafeln zerstört. Zu weiteren Schändungen kam es in den 1970er Jahren.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2051/Efringen-Kirchen%20Synagoge%20190.jpg Seit 1988 erinnert eine Tafel unweit der ehemaligen Synagoge (Aufn. J. Krüger, 2004) an die Geschichte der jüdischen Gemeinde Kirchens; der Inschriftentext lautet:

Zum GEDENKEN

Nur ca. 30 m östlich stand die 1831 erbaute Synagoge unserer jüdischen Gemeinde.

Am 9.November 1938 wurde dieses Gotteshaus geschändet, verwüstet und später abgetragen.

Von 1736 bis in die Jahre nach 1933 lebten in Kirchen Juden und Christen in friedlicher Gemeinschaft miteinander.

Ab 1933 begann für unsere jüdischen Mitbürger der Weg der Verfolgung, Leiden und Tod.

Im Gedenken an sie und die Schändung ihrer Synagoge

die Bürger der Gemeinde Efringen-Kirchen

im Mai 1988

Kastanienallee - Gedenkstein* und Ruhebank erinnern am jüdischen Friedhof in Efringen-Kirchen an das Schicksal ehemaliger jüdischer Bürger (Aufn. Victoria Langelott)

*Anm.: Der Gedenkstein wurde von Mitgliedern der Evang. Jugend im Rahmen des landesweiten Mahnmal-Projektes für die deportierten badischen Juden in Neckarzimmern geschaffen.

Stolpersteine Kirchen Bahnhofstraße 24.jpg 2015 wurden in der Bahnhofstraße drei sog. "Stolpersteine" verlegt, die an Angehörige der Familie Moses erinnern (Aufn. T., 2015, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0).

Weitere Informationen:

Albert Eisele/Fritz Schülin, Efringen-Kirchen. Beiträge zur Orts-, Landschafts- und Siedlungsgeschichte, o.O. 1962

Ludwig Kahn, Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinden von Hegenheim (Elsaß), Kirchen, Müllheim und Sulzburg (Baden), in: Jüdischer Taschenkalender der israelitischen Fürsorge Basel, 1963/1964

F.Hundsnurscher/G.Taddey, Die jüdischen Gemeinden in Baden. Denkmale, Geschichte, Schicksale, Hrg. Archivdirektion Stuttgart, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1968, S. 70 - 72

Joachim Hahn, Erinnerungen und Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, S. 313/314

Barbara Döpp (Bearb.), Der jüdische Friedhof in Efringen-Kirchen, Unveröffentlichte Grunddokumentation des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg, 1992

Axel Huettner, Die jüdische Gemeinde von Kirchen 1736 - 1940. 200 Jahre jüdische Geschichte im Markgräflerland, Hrg. Gemeinde Efringen-Kirchen, Selbstverlag, Wollbach, 3.Aufl.1993

Verena Alborino, Juden auf dem Land: Das Dorf Kirchen, in: ‘Markgräfler Land’ 1/1996, S. 127 - 137

Joachim Hahn/Jürgen Krüger, “Hier ist nichts anderes als Gottes Haus ...” Synagogen in Baden-Württemberg, Teilband 2: Orte und Einrichtungen, Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2007, S. 98 – 100

Efringen-Kirchen, in: alemannia-judaica.de (mit Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie und zahlreiche Aufnahmen vom jüdischen Friedhof)

N.N. (Red.), Efringen-Kirchen. Stolpersteine gegen das Vergessen, in: „Markgräfler Tageblatt“ vom 11.11.2014

Effringen-Kirchen: „Die Juden waren im Dorf integriert“, in: „Badische Zeitung“ vom 6.9.2016

Auflistung der verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Kirchen