Kirchheim (Unterfranken/Bayern)

Datei:Kirchheim in WÜ.svg Kirchheim mit derzeit ca. 2.100 Einwohnern gehört zur Region Würzburg und ist Grenzgemeinde von Bayern zu Baden-Württemberg (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Im ca. 20 Kilometer von Würzburg entfernt liegenden Orte Kirchheim existierte vermutlich schon vom 16. bis zu Beginn des 20.Jahrhunderts eine kleine jüdische Kultusgemeinde. Um 1725 lebten im Dorf neun jüdische Familien, die zu Schutzgeldzahlungen an die Grafen Geyer von Giebelstadt und das Ritterstift St. Burkhard verpflichtet waren. Sie bestritten ihren schmalen Lebensunterhalt vermutlich vom Viehhandel; dabei kam es zu Konflikten mit den christlichen Dorfbewohnern, die sich über den im Dorf durch das Vieh angerichteten Schaden beschwerten.

Zu Beginn des 19.Jahrhunderts wurden knapp 50 jüdische Bewohner in Kirchheim gezählt. Bei der Vergabe der Matrikelstellen (1817) wurden für Kirchheim zwölf jüdische Haushalte berücksichtigt.

In einem um 1665/1670 erworbenen kleinen Gebäude in der Gartenstraße hatte die Gemeinde eine Synagoge, eine Schule und ein rituelles Bad eingerichtet. Der im Obergeschoss, über eine enge Stiege zu erreichende kleine Betsaal war in den Jahren 1739/1740 vom jüdischen Maler Elieser Sussmann künstlerisch ausgestaltet worden. Decke und Wände waren fast vollständig mit hebräischen Texten, Gebeten sowie floralen Ausmalungen geschmückt.

„ Die Synagoge befand sich im Obergeschoß des Anwesens Nr. 19. Sie umfaßte nur einen großen Raum mit einer Länge von 5,40 m und einer Breite von 6,54 m. Die Höhe der tonnengewölbten Decke betrug 3,50 m. Im Erdgeschoß des Hauses war eine Wohnung untergebracht. Der gesamte Innenraum der Synagoge, d.h. Wände und Decke, hatte man mit einer Holzvertäfelung verkleidet. In der Mitte des Raumes stand eine achtseitige Kanzel, ... Von diesem erhöhten Platz wurden während der Gottesdienste die entsprechenden Abschnitte aus der Thora vorgetragen. An der Ostwand befand sich - etwas höher als der Fußboden und über einige Stufen erreichbar - der holzgeschnitzte Thoraschrein. ... Darüber hing ein Misrach, eine Tafel, die dem Gläubigen anzeigte, in welcher Richtung Jerusalem und der zerstörte Tempel lagen. Den Misrach umrahmten die Abbildungen eines Posthorns und einer Trompete eines Postillons. Diese beiden Darstellungen verwiesen auf die Tätigkeiten der [mehrere Generationen lang im Kirchheim beheimateten jüdischen] Familie Friedlein. Sie stellten seit vielen Generationen in Kirchheim die „Postleute“ des Bezirks und sie waren die Verkehrsbesitzer zwischen Bad Kissingen, Bad Mergentheim und Nürnberg. Entlang der Nord- und Südwand der Betstube hatte man Sitzbänke mit Pulten davor für die männlichen Gemeindemitglieder installiert. Die Frauen saßen in einem eigenen Abteil durch ein Holzgitter getrennt an der Nordseite des Raumes hinter den Männern. ...“ 

(aus: J. Sporck-Pfitzer, „Die ehemaligen jüdischen Gemeinden im Landkreis Würzburg“ S. 69)

Für die Erledigung religiös-ritueller Aufgaben war zeitweise ein jüdischer Lehrer angestellt, der auch für die Nachbargemeinde Geroldshausen tätig war.

Ihre Verstorbenen begrub die Gemeinde auf dem jüdischen Bezirksfriedhof in Allersheim.

Einige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg wurde das Synagogengebäude verkauft; danach wurde es zu Wohnzwecken umgebaut und ist heute noch erhalten.

Juden in Kirchheim:

--- um 1725 .........................  9 jüdische Familien,

--- um 1780 .........................  4    “         “    ,

--- um 1800 ......................... 10    “         “    ,

--- 1814/15 ......................... 52 Juden,

--- 1897 ............................  2 jüdische Familien.

--- 1939 ............................  keine.

Angaben aus: Synagogen-Gedenkband Bayern (Unterfranken), Band III/1, Mehr als Steine …, S. 644

Nachdem sich die Gemeinde um die Jahrhundertwende aufgelöst hatte, wurde das Gebäude (mit dem Betraum im Obergeschoss) verkauft.

Zu Beginn der NS-Zeit lebten nur noch zwei jüdische Viehhändler im Dorf; den beiden Brüdern Eduard und Siegfried Friedlein soll es – nachdem sie 1937 ihre Viehhandlungen aufgeben mussten - gelungen sein, mit ihren Familien zu emigrieren.

Die Einrichtung der Synagoge - mitsamt den Malereien - hatte nach der Gemeindeauflösung das Luitpold-Museum in Würzburg, das heutige Mainfränkische Museum, übernommen. Diese Kunstwerke wurde im letzten Kriegsjahr durch Bombeneinwirkung vernichtet. 

 

hist. Aufnahmen der Kirchheimer Synagoge aus dem Luitpold-Museum (Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem)

Im Jahre 1993 wurde in Kirchheim ein ca. 200 Jahre altes jüdisches Ritualbad entdeckt.

Aus einem Artikel in der „Main-Post“ vom 13.8.1993:

200 Jahre altes jüdisches Ritualbad in Kirchheim freigelegt. Eine steinerne Treppe führt zum Grundwasser.
Kirchheim. Beinahe ein Jahrhundert lang hielt es der Lehmboden im Keller von Peter Endres verborgen: Ein jüdisches Frauenbad - eine Mikwe - errichtet in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Aufgelassen und mit Erde aufgefüllt, erinnerte nichts mehr an dieses Kulturdenkmal. Bauarbeiten bei Peter Endres brachten das Ritualbad nun wieder zum Vorschein. Lediglich eine Vertiefung im Kellerboden und alte Pläne hätten auf das Bauwerk unter der Erde hingewiesen. Schon seit längerer Zeit hatte der Kirchheimer Edgar Berthold nach dem Studium dieser Pläne vermutet, dass sich an dieser Stelle die Überreste des Frauenbades befinden könnten. Edgar Berthold war es auch, der im Keller von Peter Endres die ersten Grabungen vornahm. Schon nach kurzer Zeit stieß er auf Mauer- und Gewölbereste der Mikwe. Er verständigte das Landesamt für Denkmalpflege in Würzburg. Bei einem ersten Ortstermin veranlasste der Leiter des Amtes ... Grabungsarbeiten zur Freilegung der gesamten Anlage. Eine Bestandsaufnahme des freigelegten Bauwerks gab es jetzt bei einem erneuten Ortstermin. ... Der tiefste Punkt des früheren jüdischen Frauenbades liegt vier Meter unter dem Niveau des ursprünglichen Kellerbodens. Rund ein Meter hoch steht das Grundwasser in der Mikwe. Nicht nur die Stufen und das Mauerwerk sind gut erhalten, auch der eiserne Handlauf ist noch zu erkennen. darauf hin, daß die Mikwe offenbar bis zu ihrer Verfüllung zum Zeitpunkt der Veräußerung der Synagoge im Jahr 1900 benutzt worden war. ...

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20162/Kirchheim%20PA%20180.jpg aus: "Main-Post" vom 13.8.1993

 

In Geroldshausen - heute zur Verbandsgemeinde Kirchheim gehörig - bestand eine jüdische Gemeinde bis Ende der 1930er Jahre.

[vgl. Geroldshausen (Bayern)]

Weitere Informationen:

Theodor Harburger, Werke jüdischer Volkskunst in Bayern, in: Bayerische Israelitische Gemeindezeitung No. 13 vom 1. Juli 1931, S. 195 - 199

David Davidovicz, Wandmalereien in alten Synagogen. Das Wirken des Malers Elieser Sussmann in Deutschland, Hameln/Hannover 1969

Gerhard Wilhelm Daniel Mühlinghaus, Der Synagogenbau des 17. u. 18.Jahrhunderts im aschkenasischen Raum, Dissertation, Philosophische Fakultät Marburg/Lahn, 1986, Band 2, S. 217 f.

Jutta Sporck-Pfitzer, Die ehemaligen jüdischen Gemeinden im Landkreis Würzburg, hrg. vom Landkreis Würzburg, Würzburg 1988, S. 67 – 69 (Beschreibung der Synagoge) 

Israel Schwierz, Steinerne Zeugen jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation, Hrg. Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1992, S. 81

Edgar Berthold, Die Entdeckung einer Mikwe in der ehemaligen Synagoge zu Kirchheim, Landkreis Würzburg/Unterfranken, in: „Das archäologische Jahr in Bayern" (1993), S. 172 - 174

200 Jahre altes jüdisches Ritualbad in Kirchheim freigelegt. Eine steinerne Treppe führt zum Grundwasser, in: „Main-Post“ vom 13.8.1993 

Hans-Peter Süss, Jüdische Archäologie im nördlichen Bayern. Franken und Oberfranken, in: Arbeiten zur Archäologie Süddeutschlands, Band 25, Büchenbach 2010, S. 74 - 76

Kirchheim, in: alemannia-judaica.de (mit Text- u. Bilddokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Cornelia Berger-Dittscheid (Bearb.), Geroldshausen mit Kirchheim, in: W.Kraus/H.-Chr.Dittscheid/G.Schneider-Ludorff (Hrg.), Mehr als Steine ... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band III/1 (Unterfranken), Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg/Allgäu 2015, S. 640 - 650