Kirchheimbolanden (Rheinland-Pfalz)

Bildergebnis für kirchheimbolanden postleitzahl karte Kirchheimbolanden ist eine Kleinstadt mit derzeit ca. 7.800 Einwohnern im Südosten von Rheinland-Pfalz und Kreisstadt des Donnersbergkreises - knapp 30 Kilometer nordöstlich von Kaiserslautern gelegen (Karte aus: suche-postleitzahl.org).

Wann sich erstmals jüdische Familien in Kirchheimbolanden niederließen, lässt sich nicht mehr genau feststellen; gegen Ende des 16.Jahrhunderts sollen bereits einige Familien in der Kleinstadt gelebt haben. Seit dem 18.Jahrhundert soll es im Ort einen Betsaal gegeben haben; als dieser für die rasch wachsende Gemeinde zu klein wurde, erwarb die jüdische Gemeinde das ehemals herrschaftliche Badehaus und richtete dort Synagoge, Schule und Lehrerwohnung ein; dass nun neben der evangelischen Pfarrkirche das Gotteshaus der jüdischen Gemeinde stand, rief Proteste der evangelischen Kirchengemeinde hervor. Beim großen Stadtbrand von 1833 wurde auch das Synagogengebäude ein Raub der Flammen; deshalb ließ die jüdische Gemeinde zwei Jahre später ein neues Gebäude am Husarenhof errichten: Es war ein massiver Steinbau im neuklassizistisch-maurischen Mischstil mit insgesamt ca. 160 Plätzen im Obergeschoss. Die feierliche Einweihung des Synagogengebäudes fand am 1. September 1836 durch den Bezirksrabbiner Moses Kohn (Cohen) statt.

aus: „Allgemeine Zeitung des Judentums" vom 16. Sept. 1837   http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2067/Kirchheimbolanden%20AZJ%2016091837.JPG

                             Synagoge Kirchheimbolanden, um 1925 (Aufn. aus: O. Weber)

Im 19.Jahrhundert besaß die hiesige Gemeinde einen eigenen Rabbiner; später besorgte dann ein seitens der Gemeinde angestellter Lehrer die religiös-rituellen Aufgaben.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20116/Kirchheimbolanden%20Israelit%2011071877.jpg  http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2067/Kirchheimbolanden%20CV%2020091929.jpg

Anzeigen aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 28.Aug. 1878 u. des „Central-Vereins“ vom 20.Sept. 1929

Ein jüdischer Friedhof wurde vermutlich schon im 17.Jahrhundert „Im Birkental” (etwa 1,5 Kilometer vom Ort entfernt) angelegt; eine Erweiterung des Geländes erfolgte in den 1840er Jahren. Bis Mitte des 19.Jahrhunderts wurden hier auch die Verstorbenen der jüdischen Gemeinden von Marnheim und Albisheim beerdigt. 

Die Religionsgemeinde gehörte zum Bezirksrabbinat Kaiserslautern.

Anm.: Wegen innergemeindlicher Querelen in den 1860er Jahren hatte der Bezirksrabbiner kurzzeitig seinen Sitz von Kaiserslautern nach Kirchheimbolanden verlegt.

Juden in Kirchheimbolanden:

        --- 1718 ........................  10 jüdische Familien,

    --- 1799 ........................   8   “         “    ,

    --- 1806 ........................  13   “         “    ,

    --- 1825 ........................ 201 Juden,

    --- 1835 ........................ 188   “  ,

    --- 1848 ........................ 167   “  (in 31 Familien)

    --- 1875 ........................ 111   “  ,

    --- 1890 ........................ 108   “  ,

    --- 1900 ........................  83   “  ,

    --- 1925 ........................  75   “  ,

    --- 1933 (Jan.) .................  65   “  ,

    --- 1936 ........................  47   “  ,

    --- 1937 ........................  38   “  ,

    --- 1939 (Sept.) ................  16   “  ,

    --- 1940 ........................  11   “  .

Angaben aus: Konrad und Karl Th. Lucae, Kirchheim und seine Bürger, S. 99 ff.

und                 Britta Lehna, Spurensuche - Erinnerungen an die letzten jüdischen Bürger Kirchheimbolandens, S. 6

Nahezu alle in Kirchheimbolanden lebenden Juden waren Geschäftsleute, darunter waren auch ein Mühlenbesitzer, zwei Metzger und ein Schuster.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20243/Kirchheimbolanden%20FrfIsrFambl%2006071906.jpg eine gewerbliche Anzeige von 1906

Der von der Nationalsozialisten reichsweit ausgerufene Boykott jüdischer Geschäfte wurde am 1. 4.1933 auch in Kirchheimbolanden durchgeführt; zur damaligen Zeit wohnten noch 65 Juden im Ort. Am gleichen Tage fand auch eine Kundgebung der Kirchheimbolander Nationalsozialisten statt.

Im „Kirchheimbolander Anzeiger” vom 1.April 1933 erschien die folgende Anzeige:

              

Plakate mit antijüdischen Parolen wurden in der Stadt angeschlagen; als ein Mitglied des Stadtrates öffentlich dagegen protestierte, wurde er „in Schutzhaft“ genommen. Der Boykott wurde anscheinend von einem Teil der Einwohner befolgt und dauerte auch die folgenden Tage an. Da sich ab 1935 die antijüdischen Verordnungen - besonders auf wirtschaftlichem Gebiet - häuften, wurde den Kirchheimbolander Juden ihre Existenzgrundlage mehr und mehr entzogen. Schikanen und Demütigungen durch SA-Angehörige sind Mitte der 1930er Jahre belegt; so wurden Juden gezwungen, Hauswände in der Kleinstadt zu säubern, Parolen von den Häusern zu waschen und dabei das Lied „Morgenrot, Morgenrot, leuchte mir zum frühen Tod! ” zu singen. Auch wurden regelmäßig SA-Männer vor den Türen jüdischer Häuser postiert.

Der Novemberpogrom von 1938 hinterließ auch in Kirchheimbolanden deutliche Spuren: So wurde die hiesige Synagoge am Husarenhof am Morgen des 10.November von SA-Leuten aus Rockenhausen angezündet; der Ortsbürgermeister und damalige NSDAP-Kreisleiter der Stadt Kirchheimbolanden, Albrecht Knieriemen, war bei der Brandstiftung zugegen. Die Ortsfeuerwehr traf erst ein, als das Synagogengebäude bereits ausgebrannt war. Auch jüdische Geschäfte und Wohnungen wurden zerstört. In einem Monatsbericht des Bezirksamtes Kirchheimbolanden vom 1.12.1938 hieß es:

„ ... Im Zuge der Vergeltungsaktion gegen die Juden wurde am 10.November 1938 die Synagoge in Kirchheimbolanden in Brand gesetzt und die Synagoge in Gauersheim abgerissen. In Göllheim beschränkte man sich darauf, die Inneneinrichtung der Synagoge zu zerstören. Im Laufe des Tages wurde die Einrichtung zahlreicher jüdischer Wohnungen im ganzen Bezirk zerstört. Die männlichen Juden wurden nach Weisung der Staatspolizeistelle Neustadt a.d.Weinstraße festgenommen und zwecks Verbringung in das Konzentrationslager Dachau dieser überstellt. ...”

Die Umfassungsmauern der Synagogenruine wurden 1941 gesprengt und abgeräumt; das Gelände ging anschließend in den Besitz der Kommune über.

                     Sprengung des Synagogengebäudes 1941 (Aufn. aus: O. Weber) 

Ende des Jahres 1939 lebten noch elf jüdische Bürger in der Kleinstadt. Ende Oktober 1940 wurden zehn von ihnen ins Internierungslager Gurs deportiert; nur eine „in Mischehe“ verheiratete Jüdin blieb davon verschont. 17 gebürtige bzw. längere Zeit am Ort lebende Bewohner mosaischen Glaubens wurden während der NS-Gewaltherrschaft ermordet.

Nach Kriegsende kehrten vereinzelt Juden nach Kirchheimbolanden zurück, blieben allerdings nur für kurze Zeit.

Am ehemaligen Standort der Synagoge in Kirchheimbolanden - zwischen Paulskirche und Schlossplatz - erinnert eine Gedenktafel an die Jüdische Gemeinde.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20391/Kirchheimbolanden%20Synagoge%20IMG_2130.jpg Gedenktafel (Aufn. Stefan Haas, 2015)

Zur Erinnerung und Mahnung an die NS-Verbrechen wurden Mitte der 1980er Jahre drei Steine aus den Konzentrationslagern Auschwitz, Dachau und Natzweiler-Struthof vor der Gedenktafel aufgeschichtet und in Beton eingelassen; darunter brachte die Kommune eine weitere Tafel mit folgendem Text an:

Der Synagogenbrand weitete sich aus.

Die Steine aus Natzweiler-Struthof, Dachau und Auschwitz sind stumme Zeugen.

                                   Umkehr braucht Erinnerung !       9.November 1988

zweite Gedenktafel (Aufn. Stefan Haas, 2015) http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20391/Kirchheimbolanden%20Synagoge%20IMG_2131.jpg

Auf dem in einem Waldgebiet liegenden, mehr als 4.000 m² großen jüdischen Friedhofsgelände (im „Judental“ ) findet man heute noch ca. 200 Grabsteine.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2049/Kirchheimbolanden%20Friedhof%20054.jpg 

Der jüdische Friedhof Kirchheimbolanden (links: Aufn. J. Hahn, 2004  -  rechts: Aufn. P., 2011, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

 

In Ilbesheim – heute der Verbandsgemeinde Kirchheimbolanden zugehörig – gab es zu keiner Zeit eine jüdische Kultusgemeinde; die sehr wenigen Familien waren der Gemeinde Gauersheim angeschlossen. In der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts sind alle jüdischen Bewohner von Ilbesheim abgewandert.

Heute erinnert noch das ca. 170 m² große Friedhofsgelände, das vermutlich im beginnenden 19.Jahrhundert angelegt wurde, an ehemals hier beheimatete Juden; auf dem kleinflächigen Areal zählt man noch drei Grabsteine.

[vgl. Gauersheim (Rheinland-Pfalz)]

Weitere Informationen:

Hans Döhn, Kirchheimbolanden. Die Geschichte einer Stadt, Kirchheimbolanden 1968, S. 364 - 366

Ulrich Klischat, Die Juden in Kirchheimbolanden und der Nordpfalz, in: “Rheinpfalz” Nov. 1968

Konrad und Karl Th. Lucae, Kirchheim und seine Bürger, Hrg. Verein Heimatmuseum e.V. Kirchheimbolanden 1983, Schriftenreihe des Vereins, Bd. 2, S. 99 ff.

Harold Hammer-Schenk, Synagogen in Deutschland. Geschichte einer Baugattung im 19. u. 20.Jahrhundert, Hans Christians Verlag, Hamburg 1981, Teil 1, S. 259/260 und Teil 2, Abb.181

Karl Fücks/Michael Jäger, Synagogen der Pfälzer Juden. Vom Untergang ihrer Gotteshäuser und Gemeinden, Hrg. Jüdische Kultusgemeinde der Rheinpfalz, Neustadt/Weinstraße 1988, S. 122 f.

Britta Lehna, Spurensuche - Erinnerungen an die letzten jüdischen Bürger Kirchheimbolandens, Hrg. Stadt Kirchheimbolanden, 1990

Elmar Funk, Die Kirchheimbolander Synagoge, in: Donnersberg-Jahrbuch 1990, S. 173 f.

Britta Lehna, Kirchheimbolanden - Die Geschichte einer Stadt, Hrg. Stadt Kirchheimbolanden 1992, Band II, S. 35- 68

Alfred Hans Kuby (Hrg.), Pfälzisches Judentum gestern und heute. Beiträge zur Regionalgeschichte des 19./20.Jahrhunderts, Verlag Pfälzische Post, Neustadt a.d.Weinstraße 1992

Nordpfälzer Geschichtsverein (Hrg.), Jüdisches Leben in der Nordpfalz - Dokumentation, Verlag F.Arbogast, Otterbach 1992, S. 36/37 und S. 65 - 69

Bernhard Kukatzki, Jüdische Kultuseinrichtungen in der Verbandsgemeinde Kirchheimbolanden. Synagogen - Friedhöfe - Ritualbäder in Gauersheim, Ilbesheim, Kirchheimbolanden, Marnheim, Schifferstadt 1997

Bernhard Kukatzki, Vom Architekten des Königs geplant. Die Synagoge von Kirchheimbolanden, in: Donnersberg-Jahrbuch 22/1999, S. 112 - 117

Rüdiger Unger, Die jüdischen Friedhöfe von Göllheim und Kirchheimbolanden, in: Donnersberg-Jahrbuch 22/1999, S. 118 - 125

Stefan Fischbach/Ingrid Westerhoff (Bearb.), “ ... und dies ist die Pforte des Himmels “. Synagogen. Rheinland-Pfalz Saarland, Hrg. Landesamt für Denkmalpflege, Mainz 2005, S. 208 - 210

Otmar Weber, Die Synagogen in der Pfalz von 1800 bis heute. Unter besonderer Berücksichtigung der Synagogen in der Südwestpfalz, Hrg. Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Pfalz (Landau), Dahn 2005, S. 95/96

Kirchheimbolanden mit Marnheim und Morschheim, in: alemannia-judaica.de (mit zahlreichen Text- und Bilddokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

N.N. (Red.), Kirchheimbolanden. Gedenktafel anstelle von Stolpersteinen, in: „Die Rheinpfalz“ vom 22.6.2016