Kleinheubach (Unterfranken/Bayern)

Datei:Kleinheubach in MIL.svg Kleinheubach ist heute eine Marktgemeinde mit derzeit ca. 3.500 Einwohnern im unterfränkischen Landkreis Miltenberg - ca. 30 Kilometer südlich von Aschaffenburg gelegen (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

1336 wurde erstmals ein Jude in Kleinheubach erwähnt; weitere urkundliche Hinweise tauchen erst 1677 wieder auf: dabei handelte es sich um Bürgermeisterrechnungen und Schutzbriefe, die jüdischen Händlern erlaubten, am Ort Handel zu treiben und sich hier niederzulassen. Ein fürstlich Löwenstein’sches Dekret von 1726 sicherte den hier lebenden Juden zu, am Ort eine Kultusgemeinde zu gründen. Zu den gemeindlichen Einrichtungen zählten eine 1728 erbaute Synagoge, ein kleines Schulhaus mit Lehrerwohnung, ein rituelles Frauenbad und ein Friedhof; letzterer war um 1730 im Kleinheubacher Gemeindewald - mainabwärts weit außerhalb der Ortschaft - angelegt worden; dieses Begräbnisareal nutzten auch die Juden aus Erbach, Laudenbach und Miltenberg. In den Zeiten zuvor hatte der „Gute Ort“ im ca. 20 Kilometer (!) entfernten hessischen Michelstadt als Begräbnisstätte gedient. Nach einer bereits im Jahre 1764 erfolgten Erweiterung des Kleinheubacher Begräbnisgeländes wurden 1835 und 1889 weitere vorgenommen. Für das Begräbnis eines Erwachsenen war eine Gebühr von 40 Kreuzern, für Kinder eine von 20 Kreuzern an die Gemeindekasse zu zahlen.

Im Jahre 1808 wurde - vermutlich am Standort des alten Bethauses - eine neue Synagoge errichtet. Nach einer grundlegenden Sanierung des Gebäudes wurde am 10.Sept. 1898 dieses wiedereingeweiht. Die Zeitschrift „Der Israelit“ berichtete am 22.Sept. 1898 darüber wie folgt:

Kleinheubach a.M., 19. Sept. Schon seit Jahren war es unser sehnlichster Wunsch, unserer Synagoge, vor 90 Jahren erbaut, ein besseres und schönes Gewand zu geben. Um die Mittel hierzu zu erlangen, haben einige Gemeindemitglieder vor 2 Jahren einen Verein zur Verschönerung der Synagoge gegründet. Durch Spenden von edelgesinnten Mitgliedern und Nichtmitgliedern wurden wir in den Stand gesetzt, das Gotteshaus schön und zweckmäßig herstellen zu lassen. Am Schabbat Paraschat Nizawim wajelech konnten wir wieder den Gottesdienst in der neu hergerichteten Synagoge abhalten. Unser Lehrer, Herr Schonunger, welcher bereits 30 Jahre zur größten Zufriedenheit hier fungiert, hielt bei dieser Feier einen gediegenen Vortrag, welcher allgemeinen Beifall fand. Derselbe sprach zuerst Gott Dank aus, unter Zugrundelegung der Worte der Haftara, dann sagte er Dank den edlen Spendern der Geldgaben und denen, welche zur Ausstattung der Synagoge beigetragen. Der Frauenverein spendete ein prachtvolles Parochet, andere Frauen spendeten schöne Decken und Verzierungen; ... Dann ermahnte der Vortragende die Gemeinde, dass in der Synagoge Eintracht und Friede, Ruhe, Ordnung und Andacht herrsche und machte aufmerksam auf die Heiligkeit des Gotteshauses und die Wichtigkeit des Gebetes. ...

                                   Schlussstein der 1808 errichteten Synagoge (Aufn. J. Hahn)

Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt. Die in Kleinheubach im 19.Jahrhundert tätig gewesenen Lehrer sind namentlich bekannt; es waren dies: Salomon Abraham Westheimer (1813-1817), Wolf Goldenblum (1818-1821), Moses Ries (1821-1831), Wolf Strauß (1831- 1865), Jakob Wildberg (1865-1868), Emanuel Schonunger (1868-1903). Nach Schließung der jüdischen Elementarschule (1915) war Samuel Gundersheimer noch als Religionslehrer und Vorbeter in der Gemeinde tätig.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20185/Kleinheubach%20Israelit%2024021869.jpg Stellenanzeige aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 24.Febr. 1869

Zu den gemeindlichen Einrichtungen gehörte auch eine Mikwe; die zuletzt benutzte war 1838 am Rüdenauer Bach neu gebaut worden. Dieses Frauenbad wurde bis in die 1920er Jahre genutzt.

Zuletzt unterstand die Gemeinde Kleinheubach dem Bezirksrabbinat Aschaffenburg.

Juden in Kleinheubach:

    --- 1695 ........................    4 jüdische Familien,

    --- 1721 ........................    7     “        “   ,

    --- 1750 ........................   10     “        “   ,

    --- 1775 ........................   12     “        “   ,

    --- 1803 ........................   22     “        “   ,

    --- 1817 ........................   23     “        “   ,

    --- 1838 .................... ca.  140 Juden (in 17 Familien,      

--- 1867 ........................  128   “   (ca. 9% d. Bevölk.),

    --- 1880 ........................  124   “  ,   

    --- 1897 ........................   95   “  ,   

--- 1900 ........................  108   “  ,

--- 1910 ........................   92   “   (ca. 6% d. Bevölk.),

    --- 1925 ........................   45   “  ,

    --- 1933 ........................   36   “  ,*         * andere Angabe: 50 Pers.

    --- 1939 ........................   14   “  ,

    --- 1942 (Mai) ..................   keine.

Angaben aus: Helmuth Lauf, Das Schicksal jüdischer Gemeinden im Main-Spessart-Tauber-Gebiet, S. 14

und                 Synagogen-Gedenkband Bayern (Unterfranken), Band III/1, Mehr als Steine ..., S.418

Gegen Mitte des 19.Jahrhunderts und in der Zeit des Ersten Weltkrieges wanderten Juden vermehrt aus Kleinheubach ab, sodass das erst 1911 eingeweihte jüdische Schulhaus bereits 1922 geschlossen werden musste.

 Geschäftsanzeigen von 1908 und 1915

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20140/Kleinheubach%20Judengasse%20010.jpg„Judengasse" in Kleinheubach (Zeichnung um 1930, aus: Gottlieb Wagner)

Zu Beginn der 1930er Jahre lebten noch etwa 30 bis 50 Personen Juden im Ort. Bereits vor dem Pogrom von 1938 hatte etwa die Hälfte Kleinheubach verlassen. Am 10. November 1938 hatte sich eine Menschenmenge in Kleinheubach zusammengerottet, die durch die Straßen zog und aus deren Mitte einige Personen gewalttätig gegen jüdisches Eigentum wurden. Auch die Einrichtung der Synagoge wurde zerstört; nur durch das Eingreifen eines Nachbarn konnten die Täter von einer Inbrandsetzung des Gebäudes abgehalten werden.*

* Die Marktgemeinde Kleinheubach erwarb 1940 für 600 RM (!) das Synagogengrundstück samt Gebäude und nutzte dieses in der Folgezeit als Feuerwehrgerätehaus.

Die 16 noch im Dorf verbliebenen Juden wurden direkt nach den Gewalttätigkeiten ins Miltenberger Gerichtsgefängnis eingeliefert, die meisten zwei Tage später wieder entlassen. 1942 gab es im Ort keine jüdischen Bewohner mehr; sie waren entweder verstorben, innerhalb Deutschlands abgewandert oder emigriert. Am 30.April 1942 meldete der Bürgermeister an den Landrat: „Ich berichte hiermit, daß Kleinheubach seit 29.April 1942 judenfrei ist.“

Insgesamt sollen mindestens 14 gebürtige Juden Kleinheubachs Opfer der „Endlösung“ geworden sein.

Das einstige Synagogengebäude in der Gartenstraße, der früheren Judengasse, ist heute noch erhalten und wurde jahrzehntelang als Lagerraum genutzt. In den 1990er Jahren wurde die Fassade des Gebäudes - auch mit öffentlichen Mitteln - saniert. Das Haus ist heute Teil des denkmalgeschützten Ortskerns. Eine Tafel weist auf die frühere Funktion des Gebäudes hin.

  Ehem. Synagogengebäude (Aufn. J. Hahn, 2008)

1992 wurde das mit hohem Kostenaufwand restaurierte jüdische Frauenbad (im Fischergässchen am Rüdenauer Bach) der Öffentlichkeit als Gedenkstätte übergeben. Vor dem Gebäude steht ein roter Sandsteinquader, der unter dem Davidstern den Opfern des Nationalsozialismus und aller Gewaltherrschaft gedenkt.

Nordwestlich von Kleinheubach befindet sich der jüdische Friedhof; das ca. 3.000 m² große Begräbnisgelände ist mit einer niedrigen Steinmauer umgeben.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20148/Kleinheubach%20Friedhof%20164.jpg Gesamtansicht des Friedhofs von Kleinheubach (Aufn. J. Hahn, 2008)

Aus der Zeit seiner Anlage sind auf dem jüdischen Friedhof noch mehrere Grabsteine erhalten geblieben.

                Zwei Grabsteine aus der Zeit um 1750 (Aufn. J. Hahn, 2008)

Weitere Informationen:

Gottlieb Wagner, Geschichte der jüdischen Gemeinde zu Kleinheubach am Main, o.O. 1934

Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945. Geschichte und Zerstörung, Oldenbourg-Verlag, München/Wien 1979, S. 337/338

Gerhard Wilhelm Daniel Mühlinghaus, Der Synagogenbau des 17. u. 18.Jahrhunderts im aschkenasischen Raum, Dissertation, Philosophische Fakultät Marburg/Lahn, 1986, Band 2, S. 221

Helmuth Lauf, Das Schicksal jüdischer Gemeinden im Main-Spessart-Tauber-Gebiet, in: Monatszeitschrift ‘Spessart’ 11/1992, S. 14

Israel Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern, Hrg. Bayr. Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1992, S. 85

Israel Schwierz, Zeugnisse jüdischen Lebens in unterfränkischen Gemeinden. Beispiele Memmelsdorf, Kleinheubach, Mainstockheim und Untermerzbach, in: ‘Frankenland’ - Zeitschrift für Fränkische Landeskunde und Kulturpflege, Heft 3/1993, S. 69 f.

Gottlieb Wagner/Bernhard Holl, Die Geschichte der jüdischen Gemeinde zu Kleinheubach, Kleinheubach 1996

Michael Trüger, Der jüdische Friedhof in Kleinheubach, in: Der Landesverband der Israelit. Kultusgemeinden in Bayern, 11. Jg. No. 75 (Dez. 1997), S. 16/17   

Ingild Janda-Busl, Aus dem Leben der Juden in Kleinheubach im 18.Jahrhundert, Selbstverlag, Bamberg 2007

Lothar Mayer, Jüdische Friedhöfe in Unterfranken, Michael Imhof Verlag, Petersberg 2010, S. 96 − 99 

Kleinheubach mit Großheubach, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Text- und Bilddokumenten zur jüdischen Ortshistorie, insbes. zum jüdischen Friedhof)

Axel Töllner/Cornelia Berger-Dittscheid (Bearb.), Kleinheubach, in: W.Kraus/H.-Chr.Dittscheid/G.Schneider-Ludorff (Hrg.), Mehr als Steine ... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band III/1 (Unterfranken), Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg/Allgäu 2015, S. 404 - 423