Königinhof/Elbe (Böhmen)

Die ‘königliche Stadt’ Königinhof a. d. Elbe ist das heutige tschech. Dvůr Králové nad Labem mit derzeit ca. 16.000 Einwohnern - gelegen im Riesengebirgsvorland in der Region Königgrätz.

Die gegen Ende des 13.Jahrhunderts gegründete Ortschaft Hof trug nach 1400 den Namen „Curia Reginae“, was „Hof der Königin“ heißt. Als königliche „Leibgedingstadt“ musste sie keine Juden aufnehmen; deshalb hielten sich bis Mitte des 19.Jahrhunderts in Königinhof hier kaum Juden auf. Erst mit Beginn der Industrialisierung der Region übte die aufstrebende Kleinstadt eine gewisse Anziehungskraft für jüdische Unternehmer und Kaufleute aus, z.B. aus Wien und Prag, die sich dann hier ansässig machten. Aber auch jüngere Leute aus der näheren Umgebung, so aus Horitz und Großbock, sahen in Königinhof bessere wirtschaftliche Perspektiven. Relativ schnell bildete sich eine jüdische Gemeinschaft, die ab 1873 zunächst in einem „Cultusverein” zusammengefasst war; Gottesdienste wurden anfänglich in einem angemieteten Raum abgehalten. Im Jahre 1891 wurde ein Synagogenneubau errichtet.  

                 Synagoge in Königinhof (hist. Aufnahme) 

Als Begräbnisstätte nutzten die hiesigen Juden zunächst die Friedhöfe in Großbock oder Horitz; erst in den 1880er Jahren stand ein eigenes Areal an der Straße nach Arnau zur Verfügung.

Juden in Königinhof:

        --- 1850 ...........................  30 Juden,

             ........................... 174   “  ,*         * Gerichtsbezirk Königinhof

    --- 1875 ...........................  85   “  ,

    --- 1880 ........................... 124   “  ,

    --- 1890 ........................... 190   “  ,

    --- 1900 ........................... 238   “  ,

    --- 1910 ........................... 332   “   (ca. 2% d. Bevölk.),

    --- 1921 ........................... 217   “  ,

    --- 1930 ........................... 182   “  .

Angaben aus: Rudolf M.Wlaschek, Zur Geschichte der Juden in Nordostböhmen unter ..., S. 41

http://static2.akpool.de/images/cards/12/128176.jpg Stadtzentrum - hist. Ansichrtskarte (aus: akpool.de)

Die meisten jüdischen Familien in Königinhof bekannten sich um die Jahrhundertwende zum Deutschtum; sie förderten soziale und kulturelle Einrichtungen, die ‚deutsch’ ausgerichtet waren; so wurde z.B. das 1892 eröffnete „Deutsche Haus” im wesentlichen durch Spenden jüdischer Bürger errichtet. Die „Deutsche Volksschule” in Königinhof, die auch von Kindern ärmerer tschechischer Familien besucht wurde, war durch Spenden jüdischer Unternehmer finanziert worden.

Erst nach Ende des Ersten Weltkrieges bzw. nach 1933 wechselte ein Teil der jüdischen Familien seine Nationalität. Diejenigen, die weiterhin bewusst am Deutschtum festhielten, mussten sich 1918 bzw. 1922 den „tschechischen Volkszorn“ gefallen lassen - u.a. kam es zu Plünderungen; auch wurde es nicht mehr gern gesehen, wenn Deutsch gesprochen wurde.

Bereits im Jahre 1908 war es in Königinhof zu schweren antijüdischem Ausschreitungen gekommen; in der Lokalzeitung wurde darüber wie folgt berichtet: „ ... Nach Schluß der [antisemitischen] Versammlung zog die Menge ... in die Stadt. An der Straßenecke schwenkte ein Teil zum Deutschen Hause ab, ein weiterer Teil zog in der ursprünglichen Richtung weiter zu den Häusern der Juden. ... Von keinerlei Schutzmannschaft belästigt, konnte der Pöbel gründliche Arbeit tun. Ruhig zog er von einem Haus zum anderen, warf kopfgroße Steine durch die Fenster, erbrach Zäune und Türen und benutzte Zaunpfähle und Türpfosten als geeignete Zerstörungswerkzeuge. Jeder Schlag und jeder Steinwurf wurde von dem Rufe ‘Mazte zidy’ (= ‘Haut die Juden’) begleitet. ...

Der wirtschaftliche Niedergang der Stadt nach dem Ersten Weltkrieg führte zur allmählichen Abwanderung jüdischer Bewohner; trotzdem soll das Gemeindeleben in der Stadt weiterhin aktiv betrieben worden sein. Die in der Stadt verbliebenen jüdischen Familien - sie waren zumeist seit der Gründerzeit dort - waren in den 1930er Jahren der oberen Mittelschicht zuzurechnen. Nach dem deutschen Einmarsch begann auch für die jüdischen Bewohner Königinhofs - hierher hatten sich auch jüdische Familien aus dem Sudetenland geflüchtet - der Leidensweg. Unterstützt wurde die antijüdische Politik teilweise auch von tschechischen Kaufleuten. Diskriminierung und „Arisierung“ bzw. Beschlagnahme ihres Besitzes waren die Vorstufe der Deportationen. 1942 wurde die jüdische Gemeinde Königinhof aufgelöst; Anfang 1943 waren alle Juden aus der Stadt abtransportiert worden; eine Reihe jüdischer Familien hatte sich zuvor noch ins westliche Ausland retten können.

Das Synagogengebäude in Königinhof überstand die NS-Herrschaft unbeschadet; doch wurde das Gebäude nach Kriegsende nicht mehr für gottesdienstliche Zwecke benutzt. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion wurde das inzwischen als Denkmal empfundene Bauwerk von den städtischen Behörden Mitte der 1960er Jahre abgerissen, um angeblich Platz für Straßenbaumaßnahmen zu schaffen.

Am Standort der ehemaligen Synagoge – heute eine kleine Parkanlage - wurde ein Mahnmal für die Opfer des Holocaust errichtet.

                            Jüdisches Mahnmal (Aufn. Lenka Simkícová) 

Auch der jüdische Friedhof mit seinen ca. 130 Gräbern wurde in den 1980er Jahren „aus Sicherheitsgründen“ eingeebnet; nur Relikte erinnern heute noch an das Begräbnisgelände.

Weitere Informationen:

Hugo Gold, Die Juden und Judengemeinden Böhmens in Vergangenheit und Gegenwart, Brünn/Prag 1934

Alfred Weiner, Der Judenfriedhof in Königinhof a.d.Elbe, o.O. 1972 (in tschech. Sprache)

Rudolf M.Wlaschek, Zur Geschichte der Juden in Nordostböhmen unter besonderer Berücksichtigung des südlichen Riesengebirgsvorlandes, in: Historische und landeskundliche Ostmitteleuropa-Studien, Bd. 2, Marburg/Lahn 1987, S. 27 ff.

Rudolf M. Wlaschek, Juden in Böhmen - Beiträge zur Geschichte des europäischen Judentums im 19. und 20.Jahrhundert, in: Veröffentlichungen des Collegium Carolinum, Band 66, R.Oldenbourg-Verlag, München 1997