Krautheim/Jagst (Baden-Württemberg)

Bildergebnis für krautheim Krautheim ist heute eine Kleinstadt im Hohenlohe-Kreis mit derzeit ca. 4.500 Einwohnern im Nordosten Baden-Württembergs - ca. 25 Kilometer südwestlich von Bad Mergentheim gelegen (Kartenskizze 'Hohenlohekreis', Hagar 2010, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0).

 

Schon im Mittelalter gab es in Krautheim eine jüdische Gemeinde; dies belegen urkundliche Hinweise über Judenverfolgungen in den Jahren 1298 und 1336; zur Zeit der Pestpogrome von 1348/1349 schienen in Krautheim keine Juden gelebt zu haben. In den folgenden Jahrhunderten waren stets nur wenige jüdische Familien am Orte ansässig - allerdings nicht dauerhaft. In den 1840er Jahren erreichte die Zahl der Gemeindemitglieder mit knapp 90 Personen ihren Zenit. Im Zusammenhang der revolutionären Unruhen im Frühjahr 1848 sollten alle jüdischen Bewohner den Ort verlassen. Ansonsten wurde in anonymen „Brandbriefen“ die Inbrandsetzung des Ortes angedroht; trotz dieser Drohung blieben aber gewaltsame Ausschreitungen aus.

Neben der ca. 1770 errichteten „Judenschule“ besaß die kleine, religiös-orthodoxe Gemeinde seit 1860 in der Brunnengasse eine neue Synagoge, in deren unmittelbarer Nähe sich auch ein rituelles Bad befand.

Ehem. Synagogengebäude (Aufn. um 1960, aus: B.G. Bamberger, Die jüdischen Friedhöfe im Hohenlohekreis)

Für die Verrichtung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Religionslehrer angestellt; gegen Ende des 19. bzw. zu Beginn des 20.Jahrhunderts war die Besetzung der Stelle einem häufigen Wechsel unterworfen.

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Anzeigen in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16.Mai 1894, vom 20.Mai 1901 und vom 19.März 1903

Verstorbene Krautheimer Juden wurden zunächst auf dem jüdischen Friedhof in Berlichingen begraben. Seit 1837 war ein eigenes Bestattungsgelände - nahe des Ortes im Gewann „Zücker“ gelegen - in Nutzung, auf dem auch verstorbene Glaubensgenossen aus Ballenberg und Neunstetten beerdigt wurden.

Die jüdische Gemeinde Krautheim gehörte ab 1827 zum Rabbinatsbezirk Merchingen.

Juden in Krautheim:

         --- um 1630 ........................  6 jüdische Familien,

    --- 1730 ........................... 23 Juden,

    --- 1791 ........................... 63   “  (ca. 14% d. Bevölk.),

    --- 1825 ........................... 57   “  ,

    --- 1855 ........................... 82   “  (ca. 10% d. Bevölk.),

    --- 1880 ........................... 71   “  ,

    --- 1900 ........................... 46   “  ,

    --- 1925 ........................... 16   “  ,

    --- 1933 ........................... 28   “  .

Angaben aus: Die Juden in Tauberfranken 1933-1945 - Quellen und didaktische Hinweise..., S. 19

 

Zu Beginn der 1930er Jahre lebten nur wenige jüdische Familien in Krautheim; neben zwei Viehhandlungen bestanden am Ort drei Geschäfte für den täglichen Bedarf, die jüdische Eigentümer hatten. Den meisten der hier lebenden jüdischen Bewohnern gelang es bis Kriegsbeginn, den Ort zu verlassen; mehrheitlich emigrierten sie in die USA.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vaschem/Jerusalem sind nachweislich 13 gebürtige bzw. längere Zeit in Krautheim ansässig gewesene Juden Opfer der NS-Verfolgung geworden (namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe: alemannia-judaica.de/krautheim_synagoge.htm).

 

Die Gebäude der ehemaligen Synagoge und Judenschule wurden 1940 von der Stadt Krautheim gekauft und für Schulräume und Wohnungen genutzt; später ging das einstige Synagogengebäude in den Besitz der Volksbank über. Mitte der 1970er Jahre wurden beide Gebäude abgebrochen. Das Gelände ist inzwischen mit Stallungen eines landwirtschaftlichen Betriebes neu überbaut.

Der jüdische Friedhof ist weitgehend in seinem alten Zustand erhalten geblieben; auf dem ca. 750 m² großen Gelände sind nahezu 120 Grabdenkmäler vorhanden.

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Jüdischer Friedhof in Krautheim (links: J. Hahn, 2003, rechts: W. Ellsässer, 2015, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

An die mittelalterliche Geschichte der jüdischen Gemeinschaft in Krautheim erinnert eine im Wolfson-Museum in Jerusalem aufbewahrte Thora-Rolle aus dem 13.Jahrhundert; sie soll aus Krautheim stammen und hatte sich lange Zeit im Besitz der jüdischen Gemeinde Karlsruhe befunden.

 

 

 

In Neunstetten - nördlich von Krautheim gelegen - sollen ab Ende des 16.Jahrhunderts einige jüdische Familien gelebt haben, die unter der Herrschaft der Herren von Berlichingen standen. Gegen Mitte des 19.Jahrhunderts setzte sich die winzige jüdische Gemeinschaft aus ca. 30 Personen zusammen, die die kultischen Einrichtungen der Krautheimer Gemeinde mitnutzte. Nach 1900 lebten keine jüdischen Einwohner mehr in Neunstetten

Damit das Dorf nach 1933 ‚judenfrei‘ bleiben sollte, waren 1935 an den Ortseingängen Schilder mit der Aufschrift „Juden sind in Neunstetten nicht mehr erwünscht“ angebracht worden.

 

 

 

Weitere Informationen:

F.Hundsnurscher/G.Taddey, Die jüdischen Gemeinden in Baden - Denkmale, Geschichte, Schicksale, Hrg. Archivdirektion Stuttgart, Band 19, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1968, S. 169/170

Die Juden in Tauberfranken 1933 - 1945 - Quellen und didaktische Hinweise für die Hand des Lehrers, Hrg. Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, 1984

Joachim Hahn, Erinnerungen und Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, S. 260 f.

Jürgen Hermann Rauser, Krautheimer Heimatbuch, o.O. 1986, S. 86 ff.

Eugen Sternad, Ein Beitrag zur Geschichte der Juden in Krautheim, Typoskript, 1995 (Typoskriptensammlung des Kreisarchivs des Hohenlohekreises)

Naftali B.G. Bamberger, Memor-Buch. Die jüdischen Friedhöfe im Hohenlohekreis (2 Bände), Hrg. Landratsamt Hohenlohekreis, 2002

Eva Maria Kraiss/Marion Reuter, Bet Hachajim - Haus des Lebens. Jüdische Friedhöfe in Württembergisch Franken, Swiridoff Verlag, Künzelsau 2003, S. 92 - 97

Gerhard Taddey (Hrg.), ... geschützt, geduldet, gleichberechtigt ... Die Juden im baden-württembergischen Franken vom 17.Jahrhundert bis zum Ende des Kaiserreiches (1918), in: "Forschungen aus Württembergisch Franken," Band 52, Ostfildern 2005, S. 91/92

Joachim Hahn/Jürgen Krüger, “Hier ist nichts anderes als Gottes Haus ...” Synagogen in Baden-Württemberg, Teilband 2: Orte und Einrichtungen, Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2007, S. 264 - 266

Krautheim, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Arbeitskreis Jüdischer Kulturweg. Hohenlohe – Tauber (Bearb.), Krautheim (und weitere Orte) – Broschüre oder online abrufbar unter: juedischer-kulturweg.de (letzte Aktualisierung Mai 2018)