Kettwig (Nordrhein-Westfalen)

Kettwig – seit 1975 im Rahmen der Gebietsreform der Stadt Essen eingegliedert - ist heute der flächenmäßig größte Stadtteil von Essen - gelegen im äußersten Südwesten unmittelbar an der Ruhr.

hist. Karte von ca. 1640 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Die früheste jüdische Ansässigkeit in Kettwig vor der Brücke - es gehörte bis 1805 zum kurpfälzisch-bayrischen Herzogtum Berg, zuvor zur Reichsabtei Werden - datiert aus der ersten Hälfte des 18.Jahrhunderts. Den ersten Schutzbrief stellte im Jahre 1756 die Herrschaft  Nesselrode auf Schloss Hugenpoet aus. Um 1775 lebten im Ort zehn jüdische Familien.

Anm.: Im Archiv Hugenpoet-Fürstenberg sind die Namen der ersten Bewohner aufgeführt: Levi David, Joseph Seligmann, Samuel Benjamin, Salomon Herz, Meyer Gumbrich, Michel Levi, Abraham Philipp, Aaron.

Durch Kettwig vor der Brücke verlief eine alte Handelsstraße (die Kuhstraße), über die die Viehhändler ihr Rindvieh von Dinslaken durch das bergische Land bis nach Hanau trieben. Dies könnte auch die Ursache gewesen sein, dass sich hier Juden niedergelassen haben.

Ein kleines Bethaus an der Landsberger Straße – eine frühere Scheune - war seit 1801 gottesdienstlicher Mittelpunkt der Kettwiger Juden; zunächst gepachtet ging es drei Jahrzehnte später in gemeindlichen Besitz über.

Drei kinderreiche Familien gründeten 1846 eine jüdische Privatschule, die bis Anfang der 1880er Jahre bestand. Die danach eingerichtete kleine jüdische Schule, die in einem Hinterhaus in der Werdener Straße untergebracht war, wurde 1914 mit der evangelischen Volksschule zusammengelegt.

Auf Kettwiger Gebiet gab es zwei jüdische Friedhöfe: Seit ca. 1790 bestatteten die Juden ihre verstorbenen Angehörigen am Blomericher Weg (oberhalb des Schlosses Landsberg), ab ca. 1890 diente dann ein Areal an der Heiligenhauserstraße (Görscheider Weg) als letzte Ruhestätte verstorbener Gemeindeangehöriger.

Die winzige Gemeinde umfasste im Laufe ihres Bestehens kaum mehr als 50 Angehörige, 1871 waren es 23, 1933 mehr als 50 Personen.

Während der „Reichskristallnacht“ wurde das Bethaus von SA-Trupps aus Bochum und Velbert in Brand gesetzt und Wohnungen demoliert, so die der jüdischen Familien in der Arndtstraße und Werdener Straße.

Mitte Juli 1942 wurden die letzten jüdischen Bewohner – gemeinsam mit mehr als 950 anderen aus dem Regierungsbezirk – via Essen und Düsseldorf nach Theresienstadt deportiert.

Dem Holocaust sind 15 jüdische Bewohner Kettwigs zum Opfer gefallen.

Auch in Kettwig erinnern sog. „Stolpersteine“ vor ehemaligen Wohnsitzen an die jüdischen NS-Opfer.

Stolperstein für Otto Salomon Stolperstein für Robert Salomon Stolperstein für Amalie Isaac Stolperstein für Carl Schmitz 

verlegt in der Landsberger Str., Werdener Str. und Wilhelmstraße (Aufn. J., 2016, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

 

Seit 2016 erinnert an der Ecke Landsberger Straße/Mintarder Weg eine Tafel des sog. Historischen Pfades in Kettwig an die ehemalige jüdische Gemeinde - unweit des seit Jahrzehnten dort stehenden Gedenksteins.

Seit der Gebietsreform von 1975 liegt der alte jüdische Friedhof (am Blomericher Weg) auf dem Gebiet der Stadt Ratingen; auf dem ca. 1.400 m² großen Gelände sind heute noch ca. 45 Grabsteine vorhanden.

Der 1888 angelegte jüdische Friedhof Heiligenhaus am Görscheider Weg weist heute ca. 60 Grabsteine auf.

Jüdischer Friedhof am Görscheider Weg (Aufn. aus: rheinruhronline.de)

Weitere Informationen:

Hans Gerd Engelhardt, Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde Kettwig. Zusammengestellt für den Heimatkreis der VHS Essen, Essen 1980

Hans Gerd Engelhardt, Chronik der jüdischen Gemeinde Kettwig/Kettwig vor der Brücke, o.O. 1999

Michael Brocke (Hrg.), Feuer an Dein Heiligtum gelegt. Zerstörte Synagogen 1938. Nordrhein-Westfalen – Gedenkkbuch der Synagogen Deutschland 1938, Kamp-Verlag Bochum 1999, S. 288

Elfi Pracht-Jörns, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Teil II: Regierungsbezirk Düsseldorf. Beiträge zu den Bau- und Kunstdenkmälern im Rheinland, Köln 2000, S. 121/122

Museumsfreunde Kettwig (Bearb.), Die Juden in Laupendahl und Kettwig 1756 – 1943 (Aufsatz), online abrufbar unter: museum-kettwig.de

Hanna Eggerath/Helmut Neunzig, „Ihr Andenken sei ihnen zum Segen“ – Der jüdische Friedhof in Ratingen am Blomericher Weg und die jüdische Gemeinde Kettwig vor der Brücke, Essen 2014

Alter Jüdischer Friedhof am Blomericher Weg”, online abrufbar unter: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital

Sabine Moseler-Worm (Red.), Historischer Pfad – Tafel erinnert an ehemalige jüdische Gemeinde, in: „WAZ – Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ vom 24.2.2016