Kaschau/Košice (Slowakei)

Bildergebnis für Kosice Landkarte Lage von KASCHAU/KOšICE innerhalb der Slowakei (Abb. aus: wikipedia.org)

Das im Südosten der Slowakei liegende Kaschau wurde im 13.Jahrhundert von deutschen Siedlern mitgegründet; es ist das heutige Košice (ung. Kassa) mit derzeit ca. 250.000 Einwohnern und damit zweitgrößte Stadt in der Slowakischen Republik.

Bereits im 15.Jahrhundert lebten jüdische Familien in Kaschau, allerdings war deren Ansässigkeit nicht von Dauer, zumal sich heftige Widerstände seitens des Magistrats und der Gilden gegen jegliche jüdische Niederlassung regten und darin auch erfolgreich waren; denn jedweder Versuch jüdischer Handelsleute, in der Stadt eine dauerhafte Bleibe zu finden, wurde blockiert. Deshalb lebten die Juden in umliegenden Dörfern und betraten Kaschau nur, um hier Geschäfte zu tätigen.

Stadtansicht von Cassovia (Kaschau) um 1620 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Anmerkung: Eines dieser Orte mit relativ großer jüdischer Ansässigkeit war Rozhanovce; eines der letzten Zeugnisse hiesigen jüdischen Lebens, nämlich das Synagogengebäude - wurde bei einem Brand (1930) zerstört.

Erst im zweiten Drittel des 19.Jahrhunderts setzte eine zunächst nur zögerliche jüdische Ansiedlung ein; doch innerhalb nur weniger Jahrzehnte (nach 1843) - nach Aufhebung der restriktiv gehandhabten Aufenthaltsbeschränkungen - war dann ein enormes Anwachsen der Zahl der hier sich niederlassenden Juden zu verzeichnen.

Alsbald kam es zur Spaltung innerhalb der hiesigen Judenschaft, so dass es dann in der Stadt zwei große jüdische Gemeinden gab, die künftig auch über getrennte Einrichtungen (Synagogen/Schulen/Friedhöfe) verfügten.

Noch wenige Jahre vor der Spaltung der Gemeinde wurde im Jahre 1866 ein großer Synagogenbau (500 Plätze) eingeweiht.

Seit Anfang der 1880er Jahre verfügte auch die religiös-orthodoxe Gemeinschaft über eine eigene Synagoge; zudem gehörten zu ihren gemeindlichen Einrichtungen eine eigene Jeschiwa, eine Lehrhaus, eine Mikwe und ein Schlachthaus.

 Bildergebnis für Kosice orthodox synagogue historical Orthodoxe Synagoge in Kaschau, Neubau von 1926/1927)

Den neuen, im Jahre 1882 angelegten Friedhof nutzten beide Religionsgruppen gemeinsamen; allerdings war das Areal in zwei Teile gegliedert.

Die erste jüdische Elementarschule in der Stadt war 1859/1860 eingerichtet worden; zehn Jahre später eröffnete eine größere, die schon in den Anfangsjahren mehrere hundert Kinder beschulte. Unterrichtssprache war ungarisch, da die meisten Kaschauer Juden sich mit der ungarischen Kultur identifizierten.

Das enorme Wachstum der jüdischen Bevölkerung Kaschaus machte in den 1920er Jahren den Neubau einer größeren Synagoge notwendig; das für ca. 800 Menschen konzipierte Bauwerk des Architekten Ludwig Oelschläger konnte die orthodox ausgerichtete Gemeinde im Jahre 1927 einweihen.

Nur zwei Jahre später war ein weiterer Synagogenbau vollendet: Das repräsentative, im Stile der Neuen Sachlichkeit errichtete Bauwerk (Anm. äußerlich der Frankfurter Paulskirche ähnlich) befand sich am Rande der Altstadt und diente der Reformgemeinde als gottesdienstlicher Mittelpunkt.

http://www.infocenters.co.il/gfh/multimedia/GFH/0000099191/0000099191_1_web.jpg Synagoge der Reformgemeinde (hist. Aufn., um 1925/1930)

Auch die chassidische Minderheit besaß in Kaschau ein eigenes kleines Bethaus.

Juden in Kaschau/Košice:

--- 1833 ..........................     24 Juden,*      * Mitglieder der Gemeinde Rozhanovce

--- 1843 ..........................    345   “  ,

--- 1850 ..........................    729   “  ,

--- 1869 ..........................  2.178   “  (ca. 10% d. Bevölk.),

--- 1880 ..........................  2.854   “  ,

--- 1900 ..........................  5.627   “  ,

--- 1910 ..........................  6.723   “  (ca. 15% d. Bevölk.),

--- 1921 ..........................  8.792   “  ,

--- 1930 .......................... 11.504   “  ,

--- 1941 (Dez.) ............... ca. 10.000   “  ,

--- 1944 (Apr.) ...................  7.900   “  ,

         (Juli) ...................  keine   "  ,

--- 1948 ...................... ca.  4.000   “  ,

--- 2000 ...................... ca.    400   “  .

Angaben aus: The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 2), S. 662

und                  Maros Borský, Synagogue Architecture in Slovakia .... , S. 26 - 28

Während der antijüdischen Unruhen im Revolutionsjahr 1848 wurden in Kaschau jüdische Läden und Wohnungen geplündert und das Bethaus geschändet.

Ab Ende der 1860er Jahre beschleunigte sich das wirtschaftliche Wachstum der hiesigen Judenschaft durch die Neugründung von Betrieben und Industrieunternehmen; bis zur Jahrhundertwende hatte sich ihre Wirtschaftskraft noch weiter verstärkt: jüdische Geschäftsleute und Unternehmer kontrollierten praktisch den gesamten Handel, das Bankwesen und das industrielle Aufkommen in der Stadt und des Umlandes; auch in akademischen Berufen (als Ärzte und Rechtsanwälte) waren zahlreiche Juden tätig..

Nach 1900 gewann zionistisches Gedankengut innerhalb der jüngeren Kaschauer Juden immer mehr an Gewicht; bald galt Kaschau als eines der Zentren des ungarischen Zionismus.

Infolge des Münchener Abkommens (1938) wurde das seit 1919 zur neugegründeten Tschechoslowakei gehörende Kaschau (seitdem Košice genannt) von Ungarn annektiert und in Kassa umbenannt.

Kurz danach wurden Hunderte Juden über die Grenze in die Slowakei vertrieben, andere in einem Zwangsarbeiterlager (nach Garany) festgehalten.

Ab 1940 wurden die antijüdischen Maßnahmen verschärft: Geschäfte und Unternehmen fielen der „Arisierung“ anheim, weitere jüdische Männer in ungarische Zwangsarbeiterlager verschleppt oder waren an der Ostfront in Baukolonnen eingesetzt.

Als die Stadt im März 1944 von deutschen Truppen besetzt wurde, richteten die Besatzungsbehörden Ende April ein Ghetto ein; bewacht wurde der auf einem Gelände einer alten Ziegelei untergebrachte Ghettobereich von ungarischer Gendarmerie. Hierher waren ca. 12.000 - 15.000 Juden (auch des Umlandes) verbracht wurden; darunter befanden sich auch die Rabbiner der beiden Gemeinden, die als Geiseln genommen worden waren, um damit der Forderung nach Zahlung einer hohen Geldsumme Nachdruck zu verleihen. Einen Monat später setzten dann die Deportationen nach Auschwitz-Birkenau ein; bereits im Juni 1944 war der Ghettobezirk „judenfrei“.

Bei der Ankunft in Auschwitz-Birkenau wurden 2/3 der hierher Deportierten sofort ermordet.

Anmerkungen: Die von den Deportierten zurückgelassene Habe soll vielfach seitens der Zivilbevölkerung geplündert worden sein. Wohnungen, Güter und Immobilien wurden seitens der ungarischen Behörden ‘umverteilt’.

Da Kaschau ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt war, bestimmten die deutschen Besatzer und die ungarischen Behörden die Stadt zum zentralen ‘Umschlagplatz’ von Deportationstransporten zu machen. Mehr als 130 der ca. 145 Transporte mit fast 380.000 Juden wurden in relativ kurzer Zeit über den Bahnhof Kaschau ‘abgefertigt’.

Von den jüdischen Einwohnern der Stadt Košice hatten ca. 3.000 den Krieg in ungarischen Arbeitsbataillonen und im Untergrund überlebt; knapp 500 kehrten aus Lagern zurück.

1945/1946 gründete sich in Košice eine israelitische Nachkriegsgemeinde, die bis zu 4.000 Angehörige besaß. In den Folgejahren emigrierten die meisten nach Palästina/ Israel und in westliche Staaten; nur einige hundert blieben zurück.

Noch weiter dünnte sich Gemeinde dadurch aus, dass nach 1968 weitere Juden die Stadt verließen; zurückblieben meist nur Menschen der älteren Generation.

Als „steinerne Zeugen“ einer zerstörten Kultur sind die beiden Synagogen baulich erhalten.

Puškinova - Synagóga.jpg  Synagogue Pushkinova 183802.jpg

Aufn. 2009, aus: commons.wikimedia.org, CCO und Aufn. Liadmalone, 2016, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 4.0

Das 1926/27 erbaute Synagogengebäude (in der Glockenstraße) beherbergt heute als „Haus der Kunst“ die Slowakische Nationalphilharmonie. Ein an der Außenmauer des Gebäudes angebrachte Gedenktafel erinnert an das Schicksal der Angehörigen der ehemaligen jüdischen Gemeinde der Stadt.

Auch das alte Synagogengebäude von Košice (Puschkinstraße) ist nach einer eingehenden Restaurierung in einem ansehenswerten Zustand.

Alte Synagoge in der Zvonarska Strasse in Kosice. (picture alliance / Robert B. Fishman, ecomedia) Synagogue at Zvonárska street, Košice, Slovakia - 2

Front der alten Synagoge (Aufn. Robert B. Fishman, aus: Deutschlandfunk Kultur) und Innenansicht (aus: traveltipy.com)

Ehem. Synagoge der Reform-Gemeinde (Aufn. 2014, aus: bruckissammelsurium.blogspot.de)

Zwei jüdische Begräbnisstätten haben sich bis in die Gegenwart erhalten.

Košice Jewish Cemetery - Visit Košice, Slovakia jüdischer Friedhof Košice (Aufn. aus: traveltipy.com/visit-kosice)

 

Krompach, auch Krombach (slow. Krompachy, ung. Korompa) - ca. 30 Kilometer nordwestlich von Kaschau/Košice gelegen - war über Jahrhunderte hinweg bis in die jüngste Vergangenheit ein Zentrum des Bergbaus und Hüttenwesens.

Um die Mitte des 19.Jahrhunderts setzte jüdische Ansiedlung in Krompach ein; es bildete sich bald eine Gemeinde, die nach 1900 eine Synagoge erbauen ließ und eine eigene Elementarschule unterhielt.

Juden in Krompach:

--- 1869 ........................  67 Juden,

--- 1900 ........................ 321   “  ,

--- um 1915 ................. ca. 400   “  ,

--- 1940 .................... ca. 300   “  .

Angaben aus: The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 2), S. 680

Nach der Staatsgründung der Slowakei wurden die jüdischen Einwohner Krompachs Objekte der Unterdrückung und Verfolgung: mit der „Arisierung“ ihrer Geschäfte nahm man ihnen ihre Wirtschaftsgrundlage und mit der im März/April 1942 einsetzenden Deportation (nach Auschwitz und Majdanek) auch ihr Leben.

Nur sehr wenige sollen den Holocaust überlebt haben.

 

http://deacademic.com/pictures/dewiki/79/Okres_gelnica.png Göllnitz – einst Zentrum des spätmittelalterlichen/frühneuzeitlichen Bergbaus - ist eine Kleinstadt in der Ostslowakei (nordwestlich von Kaschau/Kosice, in der Region Zips) - das heutige Gelnica (ung. Golnicbanya). Im Jahre hatte die Kleinstadt knapp 4.000 Einwohner, davon waren mehr als die Hälfte Deutsche.

Die ersten jüdischen Familien erreichten Göllnitz/Gelnica in den 1850er Jahren; eine weitere Zuwanderung verhinderte zunächst der im Ort lebende deutsche Bevölkerungsteil. Erst nach 1900 wuchs die Zahl der Juden an; die Gründung einer Gemeinde folgte alsbald. In den 1920er Jahren öffnete eine Jeschiwa ihre Pforten.

Ein in den Jahren 1929/1930 erstelltes Synagogengebäude stand seitdem der Gemeinde zur Verfügung.

Auch ein eigener Friedhof gehörte zu den gemeindlichen Einrichtungen; eine Chewra Kadischa (Beerdigungsbruderschaft) sorgte für die Begräbnisse.

Juden in Göllnitz:

--- 1880 ........................ 48 Juden,

--- 1930 ....................... 274   “  (ca. 6% d. Bevölk.),

--- 1940 ....................... 231   “  .

Angaben aus: The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 1), S. 422

Neben 14 Geschäften betrieben jüdische Familien auch neun Handwerksbetriebe.

Nach Ausbruch des Krieges war es die deutsche Minderheit, die die Synagoge und die Schule zerstörte; auch der Friedhof wurde geschändet.

Mit der „Arisierung“ ihres Eigentums durch die Behörden verloren die Familien ihre wirtschaftliche Basis; anschließend wurden sie zur Zwangsarbeit verpflichtet.

Deportationen fanden im April/Mai 1942 statt.

Während des Slowakischen Nationalaufstandes sollen deutsche Einwohner elf Juden in Göllnitz ermordet haben.

 

In Moldau a.d. Bodwa (slow. Moldava nad Bodvou, ung. Szepi) - einer Kleinstadt mit derzeit ca. 11.000 Einwohnern ca. 25 Kilometer südwestlich von Kaschau/Košice - sind seit dem frühen 18.Jahrhundert jüdische Bewohner erstmals nachweisbar. Vertreibungen in den 1740er Jahren führten dann dazu, dass die Bergbaustadt ca. acht Jahrzehnte lang keinem Juden ein Wohn- und Bleiberecht zugestand. Erst nach 1820 setzte Ansässigkeit jüdischer Familien ein, die bereits wenige Jahre später eine Gemeinde bildeten.

Eine Synagoge konnte im Jahre 1853 eingeweiht werden; auch eine Religionsschule wurde eröffnet. Ein hinter dem Synagogengebäude befindliches Flüsschen speiste eine Mikwe.

Die Gemeinde schloss sich in den 1870er Jahren der orthodoxen Richtung ungarischer Juden an.

Seit den 1880er Jahren bis zu Beginn des Zweiten Weltkrieges lebten in Moldau etwa 200 bis 220 jüdische Bewohner (ca. 10% d. Bevölkerung), die hier Geschäfte und Handwerke betrieben. Die Moldauer Juden identifizierten sich zumeist mit der ungarischen Kultur.

Zur Gemeinde zählten auch die jüdischen Familien aus ca. 15 umliegenden Dörfern; so wurden 1920/1922 mehr als 600 Gemeindeangehörige gezählt.

Zu Beginn der 1930er Jahre ließ die Judenschaft ein neues Synagogengebäude errichten, die (fast) eine Kopie des brandzerstörten vorherigen Gotteshauses war.

Nach der Annexion der Region durch Ungarn (Nov. 1938) wurden die Juden ihres Eigentums beraubt, mussten Zwangsarbeit leisten und wurden schließlich im Mai/Juni 1944 nach Auschwitz-Birkenau deportiert.

Ehem. Synagogengebäude (Aufn. um 2010, aus: geocaching.com)

Weitere Informationen:

Israel Gutman (Hrg.), Enzyklopädie des Holocaust - Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden, Serie Piper, München/Zürich 1990, Band II, S. 800

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust, New York University Press, Washington Square, New York 2001, Vol. 1, S. 422 (Gelnica) und Vol. 2, S. 662/663 (Kosice), S. 680 (Krompachy) und S. 843 ( Moldava nad Bodvou)

Kosice (Slowakei), hrg. von Beit Hatfutsot – The Museum of the Jewish people (online abrufbar unter: dbs.bh.org.il/place/kosice-slovakia

Moldava nad Bodvou, Hrg. Beit Hatfutsot – Museum of the Jewish People, online abrufbar unter: dbs.bh.org.il/place/moldava-nad-bodvou

Michael Okroy, Kaschau war eine europäische Stadt, in: ‘Kalonymos’ - Beiträge zur deutsch-jüdischen Geschichte aus dem Salomon Ludwig Steinheim-Institut, 7.Jg./2004, Heft 1

Maros Borský, Synagogue Architecture in Slovakia towards creating a memorial landscape of lost community, Dissertation (Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg), 2005, S. 58 ff., S. 161 f.  ,S. 166 und S. 198/199

Angaben der Stadtverwaltung Košice

Košice – Jewish Community Compound, online abrufbar unter: slovak-jewish-heritage.org

Christian Schmidt-Häuer (Red.), Košice war die Rampe zur Hölle, in: Zeit.online vom 2.5.2013

Adolf Stock (Red.), Jüdisches Leben in Košice - Synagogen prägen das Stadtbild - doch sie werden kaum noch gebraucht, aus: Deutschlandfunk.Kultur vom 17.5.2013

Daniela Capcarova-Schwigar (Red.), Juden in der Slowakei heute, in: "Jüdische Rundschau" vom 12.1.2019  (betr. Košice - Interview)