Komorn/Komárno (Slowakei)

SK Komárno.png Kom(m)orn - ungarisch Komárom/Révkomárom, heutige Komárno - war eine der bedeutendsten Festungen des Königreichs Ungarn. Die günstige geographische Lage zwischen Budapest, Bratislava (Preßburg) und Wien förderte die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt sehr. Als Anerkennung dieser ökonomischen Funktion – vor allem Holz- und Getreidehandel - erhielt Komárno am 16. März 1745 von Maria Theresia die Urkunde zur "Freien königlichen Stadt".

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Stadt in einen tschechoslowakischen und einen ungarischen Teil - getrennt durch die Donau - gespalten. Heute ist Komárno das Zentrum der ungarisch-sprachigen Slowakei mit derzeit ca. 35.000 Einwohnern (Kartenskizze Husond, 2008 aus: commons.wikimedia.org CC BY-SA 3.0).

Jüdische Ansässigkeit in Komorn bestand seit dem Mittelalter, war allerdings nicht dauerhaft. Um 1700 wurden die Wurzeln zu der neuzeitlichen israelitischen Gemeinde gelegt; doch blieb die Zahl der Familien zunächst überschaubar. Erst im 19.Jahrhundert setzte ein rasantes Wachstum der Zahl der Gemeindeangehörigen ein.

Auch die im Zusammenhang der Erhebungen von 1848/1849 stehenden Repressionen seitens des österreichischen Staates - verbunden mit wirtschaftlichen Sanktionen - konnten das Anwachsen der hiesigen jüdischen Bevölkerung nicht aufhalten.

In diese nach-revolutionäre Zeit fielen die Eröffnung einer jüdischen Elementarschule und die Einweihung eines neuerrichteten Synagogenbaus (1863).

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Synagoge in Komárno (hist. Aufn., aus: kehreg.com/synagoga-zsinagoga)

Infolge der Spaltung der Gemeinde in einen orthodoxen und einen reformorientierten Zweig errichtete man eine zweite Synagoge (1904), die für die Angehörigen der orthodoxen Richtung als gottesdienstlicher Mittelpunkt diente.

Synagoge der orthodoxen Gemeinde (Aufn. 2013, aus: bruckissammelsurium.blogspot.de)

Juden in Komorn/Komárno:

--- 1850 .............................    849 Juden,

--- 1900 ......................... ca.  2.300   “  ,

--- 1941 ......................... ca.  2.700   “  ,

--- 1944 (Jan.) .................. ca.  2.200   “  ,

--- 1945/46 ...................... ca.    250   “  ,

--- 1948 ......................... ca.    500   “  ,

--- 1949 ......................... ca.    200   “  .

Angaben aus: The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 2), S. 651

Seit dem ausgehenden 19.Jahrhundert bestimmten jüdische Familien weitestgehend die ökonomische Entwicklung in der Stadt; auch im kommunal-politischen Leben war ihr Einfluss im Wachsen.

Nach der Annexion durch Ungarn (Ende 1938)* brach sich auch in Komorn/Komárno die antisemitische Politik offen Bahn, die vor allem von den rechtsextremen „Pfeil-Kreuzlern“ getragen wurde; nun begannen Verfolgungen, Zwangsarbeit (für jüdische Männer), Vertreibungen und Ermordungen.

* Im Zusammenhang mit dem Münchner Abkommen (1938) wurden Teile der Slowakei von Ungarn annektiert.

Im Frühsommer 1944 wurde in der Stadt ein Ghetto eingerichtet, in das auch ca. 2.000 Juden aus der Region verschleppt wurden; von hier aus fuhren im Juni 1944 Deportationstransporte ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Nachweislich sind ca. 1.900 Juden aus dem Stadtgebiet von Komorn/Komárno dort ermordet worden. Das Kriegsende sollen nur wenige hundert überlebt haben.

Nach 1945 gründete sich in Komárno eine aus Überlebenden der Shoa bestehende neue Gemeinde, die 1948 auf etwa 500 Angehörige gewachsen war; doch mit der Emigration in den neugegründeten Staat Israel schrumpfte die Zahl der Gemeindemitglieder immer mehr.

Der jüdische Friedhof mit seinen zahlreichen Grabstelen legt Zeugnis ab von der jüngeren jüdischen Geschichte der Stadt.

Komárom228.JPG  Komárom230.JPG

Jüdischer Friedhof in Komárno (Aufn. Szeder László, 2008, aus: commons.wikimedia.org, GFDL)

Komárno gehört zu den wenigen slowakischen Städten, in den sog. "Stolpersteine" an jüdische Opfer der Shoa erinnern.

Stolperstein für Dr. Ernest Waldmann.JPG Stolperstein für Dezsö Paszternak.JPG Stolperstein für Margit Paszternak.JPG Stolperstein für Maria Paszternak.JPG Stolperstein für Sandor Paszternak.JPG Stolperstein für Zsigmond Paszternak.JPG 

Stolpersteine in Komárno (alle Aufn. Chr. Michelides, 2015, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

 

In Batorove Kosihy – auch Bátorkeszi (ung. Batorkeszi) im Bezirk Komárno - bildeten in der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts die jüdischen Familien - die ersten waren vermutlich bereits im 17.Jahrhundert hier ansässig geworden - eine organisierte Gemeinde.

Als Sitz einer Regionalrabbinats betreute die (orthodoxe) Gemeinde ca. 20 kleinere Ortschaften in der nahen Umgebung.

Um 1840 ließ die hiesige Judenschaft eine Synagoge errichten; zu den gemeindlichen Einrichtungen zählten eine Elementar- und Religionsschule; zudem war hier Gelegenheit, religiöse Studien zu betreiben (Talmud-Thora, Beit Midrasch).

Juden in Batorove Kosihy:

--- 1840 ....................... 324 Juden,

--- 1941 ....................... ca. 100   “  .

Angaben aus: The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 1), S. 92

Nach der Annexion durch Ungarn setzte die Entrechtung der nur noch kaum 100 Personen zählenden Gemeinde ein; mit der Deportation ihrer Angehörigen nach Auschwitz-Birkenau (im Sommer 1944) war das Ende der Gemeinde besiegelt.

Das Synagogengebäude blieb baulich erhalten, diente nach Umbauten zunächst als Kulturhaus des Dorfes, nun als Fabrikhalle.

Bátorkeszi zsidó temető 1.JPG Verfallenes Taharahaus (Aufn. T., 2015, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 4.0)

 

Im Dorfe Allischtal (Dolný Štál, 1948–1990 slow. Hroboňovo, ung. Alistál) – ca. 35 Kilometer nordwestlich von Komárno - lebten bereits im späten Mittelalter Juden; es waren Zuwanderer aus Böhmen u. Mähren, die vom Pferdehandel in der Region lebten. Der Bau eines Bethauses durch die kleine Gemeinde ist 1579 dokumentiert. Erneute Nachweise jüdischer Ansässigkeit stammen dann erst wieder aus der Mitte des 18.Jahrhunderts.

Zu den gemeindlichen Einrichtungen zählte auch ein Friedhof, der um 1800 angelegt worden war.

Nach 1850 bestand eine jüdische Elementarschule (mit Ungarisch als Unterrichtssprache), die auch von Kindern aus dem Umland besucht wurde.

Juden in Allischtal/Dolný Štál:

--- 1746 .........................   2 jüdische Familien,

--- 1767 .........................   5     ”        ”   ,

--- 1828 .........................  89 Juden (ca. 9% d. Bevölk.),

--- 1880 ......................... 115   ”   (ca. 10% d. Bevölk.),

--- 1919 .........................  69   ”   (ca. 6% d. Bevölk.),

         ..................... ca. 400   ”  ,*     * gesamte Gemeinde mit Juden aus dem nahen Umland

--- 1930 .........................  32   ”  ,

--- 1948 ..................... ca.  30   ”  .

Angaben aus: Y. R. Buchler/R. Shashak (Bearb.),Dolny Stal” – Encyclopaedia of Jewish communities, Yad Vaschem Jerusalem 2003

Gegen Ende der 1920er Jahre setzte sich die hiesige jüdische Gemeinde aus ca. 260 Personen zusammen; ihre Angehörigen bestritten zumeist ihren Lebensunterhalt in der Landwirtschaft. Während des Zweiten Weltkrieges wurden die Gemeindeangehörigen zumeist Opfer der Shoa; im Sommer 1944 wurden ca. 30 Personen aus Dolný Štál nach Auschwitz-Birkenau deportiert.

Der Versuch der wenigen Rückkehrer, die Gemeinde neu zu beleben, scheiterte, da die meisten bis 1949 in den neugegründeten Staat Israel auswanderten.

Weitere Informationen:

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 2), New York University Press, Washington Square, New York 2001, Vol. 1, S. 92 (Batorove Kosiky) und Vol. 2 S. 651 (Komárno)

History of the Jewish Community of Komárno, Hrg. Beit Hatsutfot - The Muzeum of the Jewish People, online abrufbar unter: dbs.bh.org.il/place/komarno-slovakia

Yehoshua Robert Buchler/Ruth Shashak (Bearb.), “Dolny Stal” – Encyclopaedia of Jewish communities, Slovakia (Dolný Štál, Slovakia), Yad Vaschem Jerusalem 2003

Maros Borský, Synagogue Architecture in Slovakia towards creating a memorial landscape of lost community, Dissertation (Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg), 2005, S. 141/142

Angaben der Stadtverwaltung Komárno

Marina Apatin (Red.), Komarno Jewish History, 2014, online unter: mydoramac.com/komarno-jewish-history