Mährisch-Aussee (Mähren)

Mährisch-Aussee ist eine kleine Stadt in der Tschechischen Republik, ca. 70 Kilometer nördlich von Brünn/Brno gelegen; sie heißt heute Usov.

Erste urkundliche Hinweise auf jüdisches Leben im Dorfe Mährisch-Aussee liegen seit Mitte des 16.Jahrhunderts vor; gegen Ende des Jahrhunderts lebten die jüdischen Familien in einem kleinen, auf einem Hügel gelegenen Viertel, das sich im Laufe der Jahrhunderte weiter ausdehnte (um 1750 sollen hier etwa 45 zweistöckige Häuser gestanden haben). In den Wirren des Dreißigjährigen Krieges wurde das Viertel zerstört und die jüdische Gemeinde fast völlig vernichtet; sie erholte sich danach nur sehr zögerlich.

Seit ca. 1690 besaß die Gemeinde wieder eine eigene Synagoge. Das friedliche Zusammenleben zwischen Christen und Juden, gestützt auch durch die Schutzherrschaft der Fürsten von Liechtenstein, wurde durch einen Vorfall im Jahre 1721 negativ beeinträchtigt; angeblich soll ein Jude den Kaplan des Ortes tätlich angegriffen haben; in der Folgezeit verschlechterte sich das Verhältnis durch weitere „Vorfälle“ und es kam zu Gewaltakten. Da die „Volkswut“ zur Demolierung der Synagoge geführt hatte, wurden nun gottesdienstliche Zusammenkünfte in Privathäusern abgehalten. Erst 1784 durfte die Judenschaft eine neue Synagoge errichten - und zwar am gleichen Standort der alten.

            Synagoge in Mährisch-Aussee (hist. Aufn. um 1930)

 

Teil eines Vorhangs für den Thora-Schrein (vermutlich aus Mährisch-Aussee)

Überreste des ersten Judenfriedhofs - vermutlich um 1450 angelegt - sind nicht mehr erhalten; gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges legte die Judenschaft im Ghetto-Viertel einen neuen Begräbnisplatz an, der in der ersten Hälfte des 19.Jahrhundert vergrößert wurde und bis in die 1930er Jahre in Nutzung war.

Juden in Mährisch Aussee:

        --- 1564 ...............   7 Juden,*       * möglicherweise Familien

    --- um 1590 ............   9 jüdische Familien,

    --- um 1670 ............  11     “       “    ,

    --- 1753 ...............  59     “       “    ,

    --- um 1830 ........ ca. 110     “       “   (ca. 650 Pers.),

    --- um 1850 ........ ca. 780 Juden,

    --- 1869 ............... 360   “  ,**

    --- 1880 ............... 117   “  ,

    --- 1890 ...............  90   “  ,*      * andere Angabe: 150 Pers.

    --- 1900 ........... ca. 100   “  ,**

    --- 1930 ...............  20   “  ,**

    --- 1938 ...............  19   “  .**          ** Angaben aus: www.jewish.org/bohmor/towns/Usov

Angaben aus: Hugo Gold, Die Juden und Judengemeinden Mährens in Vergangenheit und Gegenwart, S. 318

Marktplatz von Mährisch Aussee (hist. Postkarte) http://static0.akpool.de/images/cards/1001_preview/10019476.jpg

Zwischen 1850 und 1919 bildete die hiesige Judenschaft eine autonome politische Gemeinde. Nach 1850 wanderten vermehrt jüdische Familien aus Mährisch-Aussee ab; Ende der 1920er Jahre lebten nur noch sehr wenige im Ort. Im Gefolge des Niedergangs der Gemeinde schlossen sich die verbliebenen Ausseer Juden der nahen Gemeinde von Mährisch-Schönberg (Sumperk) an.

Bis 1938 fanden noch Gottesdienste in der Synagoge statt; Ende des Jahres zerstörten einheimische Nationalsozialisten die Inneneinrichtung mitsamt des wertvollen Gemeindearchivs. Die NS-Zeit konnte nur ein einziger jüdischer Bewohner von Mährisch-Aussee überleben.

Heute erinnern noch mehr als 500 alte Grabmale des Friedhofs daran, dass in Mährisch-Aussee einst eine große jüdische Gemeinde bestanden hat; die ältesten Monumente stammen aus der zweiten Hälfte des 17.Jahrhunderts.

 

Friedhofseingang (Aufn. aus: panoramio.com) und Teilansicht des jüdischen Friedhofs (Aufn. J. Brachtl)

Das ehemalige Synagogengebäude diente bis Anfang der 1990er Jahre der protestantischen Kirche als Gotteshaus, ehe das Gebäude von einer Privatperson zurückerworben und der jüdischen Gemeinde übereignet wurde. Nach einer mehr als ein Jahrzehnt dauernden Restaurierung ist die Synagoge seit 2008 als museale Stätte der Öffentlichkeit zugänglich; im Gebäude ist auch eine Ausstellung zur jüdischen Geschichte der Region untergebracht.

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Restauriertes Synagogengebäude (Aufn. Tomas Kelár, 2008 und Aleš Matějíček, aus: turistika.cz)

Weitere Informationen:

Oskar Kwasnik-Rabinowicz, Geschichte der Juden in Mährisch Aussee, in: Hugo Gold, Die Juden und Judengemeinden Mährens in Vergangenheit und Gegenwart, Jüdischer Buch- und Kunstverlag, Brünn 1929, S. 331 - 342

Hugo Gold, Gedenkbuch der untergegangenen Judengemeinden Mährens, Olamenu-Verlag, Tel Aviv 1974, S. 81/82

Jiri Fiedler, Jewish sights of Bohemia and Moravia, Prag 1991, S. 191/192

Jaroslav Klenovský, Židovská ctvr v Úsove [Das jüdische Viertel in Mährisch Aussee], Olomouc 1993