Pardubitz (Böhmen)

http://www.icaris.cz/gallery/385/mapa_pardubice.gif Das ostböhmische Pardubitz besaß seit 1340 Stadtrechte; es ist das tschechische Pardubice mit derzeit ca. 90.000 Einwohnern.

Bis Mitte des 19.Jahrhunderts haben nur vereinzelt - und dann auch nur zeitweise - jüdische Familien in Pardubitz gelebt. Der erste Beleg für Ansiedlungen von Juden stammt aber bereits aus dem Jahre 1492; eine kleine jüdische Gemeinschaft soll sich in der ersten Hälfte des 17.Jahrhunderts zusammengefunden haben. Doch in den 1740er Jahren wurde sie - auf Grund eines Dekretes Maria Theresias – erneut aus der Stadt vertrieben, denn bereits 1662 hatten die jüdischen Familien Pardubitz verlassen müssen.

Zu Beginn des 19.Jahrhunderts lebten wieder Juden im Ort, allerdings zunächst nur zwei Familien. Nach 1850 zogen innerhalb weniger Jahre viele Juden aus dem ländlichen Umland in die Stadt; etwa ein Jahrzehnt später gründete sich hier eine Kultusgemeinde, die 1878/1880 ihre Synagoge errichtete.

                                

          Synagoge in Pardubitz (hist. Aufn., aus: ipardubice.sweb.cz , um 1920)      Ausschnittvergrößerung aus einer Postkarte

Ende der 1860er Jahre wurde eine private jüdische Schule mit deutscher Unterrichtssprache eröffnet; nach etwa 30 Jahren wurde sie geschlossen. Die jüdischen Kinder besuchten nun die tschechische Volksschule.

In den 1880er Jahren richtete die Gemeinde eine neue Begräbnisstätte ein, weil ein älteres Areal – es war schon in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges angelegt worden - auf der Grund der wachsenden Bevölkerung und damit der wachsenden Zahl der Todesfälle nicht mehr ausreichte.

                                  Eingangstor zum jüdischen Friedhof - Taharahaus (hist. Aufn.)  

Juden in Pardubitz:

         --- 1801 ...................    2 jüdische Familien,

--- 1849 ...................    2     “       “    ,

    --- 1872 ...................  208 Juden,

    --- 1880 ...................  378   “  ,

    --- 1890 ...................  402   “  ,

    --- 1900 ...................  489   “  ,

    --- 1910 ...................  553   “  ,                     

    --- 1921 ...................  554   “  ,

    --- 1930 ...................  518   “  (ca. 2% d. Bevölk.).

Angaben aus: Rudolf M. Wlaschek, Juden in Böhmen - Beiträge zur Geschichte des europäischen Judentums ..., S. 25

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Marktplatz von Pardubitz (hist. Aufn., um 1920 bzw. 1930, aus: ebay.de bzw. akpool.de)

Mit der deutschen Besetzung ging der schnelle Niedergang der jüdischen Gemeinde einher; kurz vor der Deportation der noch in Pardubitz lebenden Juden wurde deren Gotteshaus geschlossen. Der alte jüdische Friedhof wurde auf Anweisung der deutschen Besatzungsbehörden eingeebnet; die sterblichen Überreste wurden in einem Massengrab auf dem Gelände des Neuen Friedhofs bestattet.

Im Dezember 1942 wurden vom Pardubicer Bahnhof aus in zwei Transporten jeweils etwa 600 Juden aus der Region nach Theresienstadt deportiert; von hier aus führte für die meisten der Weg in die Vernichtungslager.

Nur 28 Personen überlebten den Holocaust und kehrten in die Stadt zurück. Man gründete eine neue Gemeinde, die alsbald in einen Synagogenverein umgewandelt wurde, allerdings Jahre später sich ganz auflöste. Nach Kriegsende wandelte man das Synagogengebäude in ein städtisches Kunstmuseum um; Ende der 1950er Jahre erfolgte im Rahmen der Stadtsanierung dessen Abriss. Als einziges Relikt blieb eine marmorne Inschriftentafel erhalten, die 1900 am Synagogengebäude angebracht worden war.

          Inschriftentafel von 1900

Im Gedenken an den 50.Jahrestag der Deportationen aus Pardubitz erinnert seit 1992 eine Gedenktafel sowohl an die Synagoge als auch an die ehemaligen Gemeindemitglieder. Auf einer großen schwarzen steinernen Gedenktafel - auf dem Friedhofsgelände - sind die Namen der 542 jüdischen Opfer festgehalten.  Auf demselben Gelände stehen 65 wertvolle historische Grabsteine aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, die von dem älteren jüdischen Begräbnisplatz stammen und hierher verbracht wurden.

 

Jüdischer Friedhof in Pardubice (links: Eingangstor, Aufn. Fet'our, 2014  -  rechts: ältere Grabsteine, Aufn. Eva Skálová, 2005)

Außerhalb der Stadt - an der ehemaligen Hinrichtungsstätte der Gestapo - befindet sich heute ein Denkmal für die Opfer des faschistischen Terrors.

Weitere Informationen:

Jaroslav Rokycana, Zur Geschichte der Juden in Pardubitz, in: Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Cechoslowakischen Republik 4/1932

J. Sakar, Pardubitz, in: Hugo Gold (Hrg.), Židé a židovské obce v Cechách v minulosti a prítomnosti, Židovské nakladatelství, Brno - Praha 1934, S. 465 - 472

Ferdinand Seibt (Hrg.), Die Juden in den böhmischen Ländern. Vorträge der Tagung des Collegium Carolinum in Bad Wiessee (November 1981), München/Wien 1983

Rudolf M.Wlaschek, Zur Geschichte der Juden in Nordostböhmen unter besonderer Berücksichtigung des südlichen Riesengebirgsvorlandes, in: Historische und landeskundliche Ostmitteleuropa-Studien, Bd. 2, Marburg/Lahn 1987

Rudolf M. Wlaschek, Juden in Böhmen - Beiträge zur Geschichte des europäischen Judentums im 19. und 20.Jahrhundert, in: Veröffentlichungen des Collegium Carolinum, Band 66, R.Oldenbourg-Verlag, München 1997