Pasewalk (Mecklenburg-Vorpommern)

Pasewalk ist eine Kleinstadt mit derzeit ca. 11.500 Einwohnern im Landkreis Vorpommern-Greifswald – zwischen Neubrandenburg und Stettin (Szszecin) gelegen.

Pasewalk war im 19. und in den ersten beiden Jahrzehnten des 20.Jahrhunderts eines der Zentren jüdischen Lebens in Vorpommern.

Bereits im späten Mittelalter sollen vereinzelt jüdische Familien in Pasewalk gelebt haben; erstmals wurden Juden 1320 in Pasewalk erwähnt, als ihnen der Markgraf Ludwig d. Ältere von Brandenburg Schutzrechte gewährte. Über ihr Schicksal ist nichts bekannt; sicher ist nur, dass die wenigen jüdischen Familien 1492 Pasewalk verlassen mussten.

Erst 1812 ließen sich Juden wieder dauerhaft in der Stadt nieder. Auf Grund des Ediktes Friedrich Wilhelms III. „betreffend der bürgerlichen Verhältnisse der Juden in dem Preußischen Staate” zogen vermehrt Juden aus östlichen Gebieten in diese Region. Seit 1820 bestand in Pasewalk eine eigene Synagogengemeinde, die im Oktober 1834 in einem Hinterhof in der Grabenstraße ihre Synagoge einweihte. Die Existenz einer Synagoge förderte die Ansiedlung weiterer jüdischer Familien in Pasewalk. Gegen Mitte des 19.Jahrhunderts stellte Pasewalk nach Stettin die größte jüdische Gemeinde Vorpommerns. Ein Regierungsbeschluss von 1848 erklärte die jüdische Gemeinde Pasewalk zur „Synagogen-Bezirks-Gemeinde”. Ab 1856 gehörten zur Pasewalker Synagogengemeinde auch alle Juden der umliegenden ländlichen Orten Alt- und Neu-Rothenmühl, Belling, Coblenz, Dargitz, Eichhof, Fahrenwalde, Ferdinandshof, Friedrichshagen, Hammer, Heinrichsruh, Heinrichswalde, Jatznick, Krugsdorf, Liepe, Löcknitz, Müggenburg, Rossow, Sandförde, Sandkrug, Schönwalde, Stolzeburg, Viereck und Zerrenthin. Dabei wohnten in den meisten Dörfern keine jüdischen Familien. Um 1885 löste sich der Synagogenbezirk Pasewalk wieder auf; die Juden der Stadt bildeten daraufhin eine eigenständige Gemeinde. Seit den 1850er Jahren existierte in Pasewalk eine zweiklassige jüdische Religionsschule, die aber in den folgenden Jahrzehnten zunehmend an Bedeutung verlor. Weitere gemeindliche Einrichtungen waren eine Armenkasse, ein Wohltätigkeits- und ein Frauenverein.

Ein jüdischer Friedhof mit einer kleinen Kapelle wurde gegen Ende der 1850er Jahre an der Löcknitzer Straße, in unmittelbarer Nähe des christlichen Friedhofs, angelegt.

Juden in Pasewalk:

        --- 1816 ............ ca.  30 Juden,

    --- 1820 ............ ca.  60   “  ,

    --- 1830 ............ ca. 140   “  ,

    --- 1843 ................ 226   “  ,

    --- 1855 ................ 286   “  (ca. 4% d. Bevölk.),

             ................ 314   “  ,**       ** gesamte Gemeinde

    --- 1861/62.............. 284   “  ,*

    --- 1880 ................ 242   “  ,*

    --- 1900 ................ 162   “  ,

    --- 1910 ................ 106   “  ,

    --- 1925 ................  73   “  ,

    --- 1933 ................  41   “  ,

    --- 1937 ................  36   “  ,

    --- 1939 ................  16   “  ,

    --- 1940 ................   9   “  ,

    --- 1941 ................ keine.

* Bei diesen Angaben dürfte es sich um die Zahl aller Gemeindemitglieder handeln, die in den umliegenden Ortschaften lebten (= Synagogenbezirk Pasewalk).

Angaben aus:   Irene Dieckmann (Hrg.), Wegweiser durch das jüdische Mecklenburg-Vorpommern

und                   Helmut Eschwege, Geschichte der Juden im Territorium der ehemaligen DDR, Band III, S. 1164 f.

Ende des 19./Anfang des 20.Jahrhunderts nahm die jüdischen Bevölkerung in Pasewalk deutlich ab - Folge der Überalterung und der Abwanderung in deutsche Großstädte bzw. Emigration nach Übersee.

http://pasewalk.de/fileadmin/_processed_/csm_Marktstra%C3%9Fe_1935_mit_Nikolaikirche_Kopie_e63125e0ab.gif Marktstraße in Pasewalk (hist. Aufn., um 1930, aus: pasewalk.de)

Trotz des zahlenmäßigen Rückgangs des jüdischen Bevölkerungsanteils gab es in der Zeit der Weimarer Republik in der Stadt noch eine Reihe in jüdischem Besitz stehende Gewerbebetriebe, so zwei Kaufhäuser, vier Konfektionsgeschäfte, je zwei Schuh- und Kurzwarengeschäfte, je ein Möbel-, Uhren- und Kolonialwarengeschäft und eine Fleischerei, zudem einen Pferde-, Vieh-, Getreide- und Altstoffhandel. Von besonderer ökonomischer Bedeutung für Pasewalk war die Eisengießerei und Landmaschinenfabrik von Paul Behrendt; dieses 1872 von Hirsch Behrendt gegründete Unternehmen beschäftigte um die Jahrhundertwende immerhin etwa 120 Menschen.

http://www.deckelschau.de/_bilder/3560_H_Behrendt_Pasewalk.jpg Noch heute erinnern in Pasewalk und zahlreichen anderen Orten Deutschlands Gullydeckel mit der Aufschrift "H. Behrendt Pasewalk" an den ehemaligen Fabrikanten.

Anm.: Paul Behrendt war über viele Jahre hinweg Stadtverordneter und Ratsmitglied in Pasewalk; er erwarb sich auch Verdienste durch den Bau der Städtischen Gasanstalt und die Gründung der Städtischen Sparkasse.

Mit Beginn der NS-Zeit - die jüdische Gemeinde hatte sich weiter verkleinert - verließen weitere jüdische Bewohner die Kleinstadt und gingen zumeist in die Emigration. Letzter Höhepunkt gemeindlichen Lebens war die Feier zum 100-jährigen Bestehen der Synagoge im Oktober 1934.

Während des November-Pogroms von 1938 wurde die Pasewalker Synagoge in Brand gesetzt und völlig zerstört; nach Augenzeugenberichten durfte die lokale Feuerwehr den Brandherd nicht bekämpfen, sondern sollte nur ein Übergreifen der Flammen auf die Nachbargebäude verhindern.

Auch der östlich der Löcknitzer Straße gelegene jüdische Friedhof wurde verwüstet: Gräber geschändet, Grabsteine umgeworfen und die kleine Kapelle niedergebrannt. Wenig später wurde das Areal völlig abgeräumt.

Mitte Februar 1940 wurden neun Juden aus Pasewalk - zusammen mit anderen aus dem Kreise Ueckermünde und des Regierungsbezirkes Stettin - via Stettin - nach Lublin deportiert; keiner von ihnen soll überlebt haben.

In den 1950er Jahren wurde der verwüstete jüdische Friedhof - so gut es eben ging - wiederhergerichtet; teilweise mit Hilfe von Geldspenden von Emigranten und Pasewalker Bürger und Betriebe wurden Friedhofskapelle und -gelände in eine Gedenkstätte umgewandelt. Die Jüdische Landesgemeinde Mecklenburg ließ einen großen Gedenkstein aufstellen; unter einem Davistern befindet sich eine kurzgefasste Inschrift in deutscher und hebräischer Sprache.

 Friedhofseingang (Aufn. 2008, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

1997 wurde neben der Friedhofspforte eine Tafel mit einigen Angaben über die Geschichte der Pasewalker Juden angebracht.

An den ehemaligen jüdischen Fabrikbesitzer und Stadtverordneten Paul Behrendt erinnert seit 1956 ein Gedenkstein nahe der Mühlenstraße.

Zum 50.Jahrestag der Pogromnacht brachte die Stadt Pasewalk unweit der einstigen Synagoge (an der Marktstraße) eine schlichte Gedenktafel an, die folgende Inschrift besitzt:

Am 9.November 1938, in der sogenannten Reichskristallnacht,

wurde auch in Pasewalk die Synagoge, 40 Meter von hier, durch Brand zerstört.

                          Aufn. aus: commons.wikimedia.org, 2008

2005 wurden die ersten sog. „Stolpersteine“ in Pasewalk verlegt; mittlerweile erinnern ca. 70 dieser in den Gehweg eingelassenen Täfelchen an jüdische Opfer der NS-Herrschaft (Stand: 2016).

Weitere Informationen:

Egon Krüger, Über die Juden in Pasewalk nach 1933, in: Das faschistische Pogrom vom 9./10.November 1938 - Zur Geschichte der Juden in Pommern. Kolloquium der Sektionen Geschichtswissenschaft und Theologie der Universität Greifswald am 2.Nov. 1988, Greifswald 1989, S. 124 f.

Helmut Eschwege, Geschichte der Juden im Territorium der ehemaligen DDR, Dresden 1990, Band III, S.1164 f.

Zeugnisse jüdischer Kultur - Erinnerungsstätten in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Berlin, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen, Tourist Verlag GmbH, Berlin 1992, S. 45/46

M.Brocke/E.Ruthenberg/K.U.Schulenburg, Stein und Name. Die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland (Neue Bundesländer/DDR und Berlin), in: Veröffentlichungen aus dem Institut Kirche und Judentum, Hrg. Peter v.d.Osten-Sacken, Band 22, Berlin 1994, S. 544/545

E.Krüger/W.Wilhelmus, Juden in Pasewalk und Umgebung, in: M.Heitmann/J.H.Schoeps (Hrg.), “Halte fern dem ganzen Land jedes Verderben ...” Geschichte und Kultur der Juden in Pommern, Georg Olms Verlag, Hildesheim/Zürich 1995, S. 173 f.

Wolfgang Wilhelmus, Juden in Vorpommern im 19.Jahrhundert, in: M.Heitmann/J.H.Schoeps (Hrg.), “Halte fern dem ganzen Land jedes Verderben ...”, Geschichte und Kultur der Juden in Pommern, Georg Olms Verlag, Hildesheim/Zürich 1995, S. 99 ff.

Wolfgang Wilhelmus, Juden in Vorpommern, in: Reihe Geschichte Mecklenburg-Vorpommern No.8/1996, S. 29 f., hrg. von der Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Mecklenburg-Vorpommern 1996

Egon Krüger, Die jüdische Gemeinde in Pasewalk, in: Irene Dieckmann (Hrg.), Wegweiser durch das jüdische Mecklenburg-Vorpommern, Verlag für Berlin Brandenburg, Potsdam 1998, S. 167 ff.

Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus - Eine Dokumentation II, Hrg. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1999, S. 448/449

Angela Stegemann, Nur wenig erinnert heute an die Juden von Pasewalk, in: ‘Nordkurier’ - Lokales, vom 9.11.2001

Wolfgang Wilhelmus, Geschichte der Juden in Pommern, Ingo Koch Verlag, Rostock 2004

Susann Nelle, Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in Pasewalk. Von den Anfängen bis 1940, Schkeuditzer Buchverlag, Schkeuditz 2008

Die jüdische Familie Lewin in Pasewalk, aus: „Pasewalker Nachrichten“ Ausg.01 – 02/2008

Egon Krüger, Jüdisches Leben in Pasewalk: Familiengeschichten – Familienschicksale – Stolpersteine, Schibri-Verlag, Uckerland 2009

Angela Stegmann (Red.), Letzte Stolpersteine in Pasewalk verlegt, in: „Nordkurier“ vom 27.9.2016