Pattensen (Niedersachsen)

Pattensen ist eine Kleinstadt mit derzeit ca. 14.000 Einwohnern in der Region Hannover – nur wenige Kilometer südlich der niedersächsischen Landeshauptstadt gelegen.

Dass Mitte des 14. Jahrhunderts Juden in Pattensen lebten, belegen mehrere Quellen, z.B. eine Hildesheimer Stadtrechnung; ob allerdings damals im Orte eine funktionierende Gemeinde bestanden hat, kann nicht eindeutig belegt werden. Doch die Tatsache, dass es in Pattensen um 1380 einen „Scholemaster“ gab, weist auf die Existenz einer größeren Zahl jüdischer Familien hin.

Auch ob die hier lebenden Juden von den Pestpogromen betroffen waren, kann nicht nachgewiesen werden; als gesichert gilt, dass sich Mitte des 15.Jahrhunderts erneut mindestens ein Jude in Pattensen kurzzeitig aufgehalten hat. Spätestens seit 1553, als Erich II. in seinem Fürstentum Calenberg die Vertreibung aller Juden anordnete, dürften in Pattensen keine Juden mehr gelebt haben. Die Wurzeln einer neuzeitlichen Gemeinde liegen Anfang des 19.Jahrhunderts; zur offiziellen Konstituierung der jüdischen Gemeinde Pattensen-Hüpede im Landesrabbinat Hannover kam es aber erst 1842/1843. In eigenen Statuten regelte die Kultusgemeinde ihre Angelegenheiten.

1858 wurde eine neue Synagoge hinter dem alten Rathaus eingeweiht; sie löste den zu kleinen Betraum im Hause eines Gemeindemitglieds ab.

                             letzter Vorsänger/Lehrer der jüdischer Gemeinde, Jacob Apt

Eine einklassige jüdische Elementarschule war im Obergeschoss des Synagogengebäudes untergebracht; sie wurde 1930 geschlossen, als kaum noch Kinder beschult wurden. Auch eine Mikwe befand sich im Gebäude.

Der alte jüdische Friedhof in Pattensen an der Göttinger Straße muss um 1815 angelegt worden sein; er wurde bis in die 1880er Jahre belegt. Nach Schaffung einer neuen Begräbnisstätte an der alten Mühle („Auf den Lehmkuhlen“) wurden fortan Begräbnisse dort vorgenommen. Das Areal des alten Friedhofs wurde später eingeebnet und als Gartenland benutzt.

Juden in Pattensen:

        --- 1833 .................... 66 Juden,

    --- 1848 .................... 62   “   (in 15 Familien),

    --- 1871 .................... 69   “  ,

    --- 1885 .................... 82   “  ,

    --- 1895 .................... 76   “  ,

    --- 1905 .................... 75   “  ,

    --- 1920 .................... 68   “  ,

    --- 1925 .................... 59   “  ,

    --- 1933 .................... 43   “  ,

    --- 1938 .................... 27   “  ,

    --- 1939 .................... 24   “  ,

    --- 1941 (Dez.) ............. 11   “  ,

    --- 1942 (März) .............  7   “  ,

             (Juli) ............. ein  “ ().

Angaben aus: Friedel Homeyer, Gestern und Heute - Juden im Landkreis Hannover, S. 100

Die Postkarte von 1909 zeigt, dass auf dem Marktplatz in Pattensen früher auch das Ehrenmal (Mitte) und ein Pumpenbauwerk (hinten) standen. Marktplatz in Pattensen - um 1910 (Abb. aus: „Hannoversche Allgemeine“ Jan. 2017, Quelle: Heimatstube Pattensen)

Viele Pattenser Juden übten den Beruf des Metzgers aus; von insgesamt 41 Juden, die zwischen 1845 und 1930 im Ort lebten, arbeiteten allein 23 im Schlachtgewerbe. Insgesamt lebten die Pattenser Juden in recht bescheidenen Verhältnissen, waren aber gut in die kleinstädtische Gesellschaft integriert, was ihre Teilnahme am öffentlichen Leben des Ortes dokumentierte.

Geschäft von Leopold Jakob (Abb. aus: juden-in-pattensen.de)

Bis Ende der 1920er Jahre zählte die Pattenser Gemeinde knapp 60 Angehörige.

Während der „Reichskristallnacht“ vom November 1938 wurde auch die Synagoge in Pattensen zerstört; angetrieben von SA-Angehörigen mussten die hiesigen Juden - unter aller Augen - ihr eigenes Gotteshaus abreißen; zudem hatten sie die aus der Synagoge zum Marktplatz getragene Thorarolle mit Füßen zu treten. Acht jüdische Männer wurden „in Schutzhaft“ genommen und ins KZ Buchenwald überstellt. Ende März 1942 erging die Anordnung, sieben jüdische Bewohner aus Pattensen zu „evakuieren“; vom Sammellager Hannover-Ahlem aus wurden sie am 31.März vermutlich nach Trawniki bei Lublin deportiert. Die einzige noch in Pattensen verbliebene Jüdin, Emilie Schürmann, musste sich Ende Juli 1942 einem Transport nach Theresienstadt anschließen. Insgesamt kamen mindestens 20 jüdische Bewohner, die in den 1930er Jahren in Pattensen gelebt hatten, in den NS-Vernichtungslagern ums Leben.

In der Hofstraße - am Standort der ehemaligen Synagoge - trägt eine Gedenktafel die folgende Inschrift:

An dieser Stelle befand sich die Synagoge der jüdischen Gemeinde,

die am 10.November 1938 gewaltsam zerstört wurde.

Stadt Pattensen im Jahre 1986

An der evangelischen St. Lucas-Kirche ist eine Gedenktafel angebracht, die folgende Worte trägt:

Im Gedenken an unsere jüdischen Mitbürger

Sie wurden in der Zeit von 1933 - 1945 verfolgt, vertrieben, getötet

Gott, schweige doch nicht !

Gott, bleib nicht so still und ruhig !

                                                                                   Ps. 83

                                            http://www.juden-in-pattensen.de/bild_023_gedenk.jpg Aufn. aus: juden-in-pattensen.de

Inzwischen erinnern 15 sog. „Stolpersteine“ an jüdische Bewohner Pattensens, die der NS-Gewaltherrschaft zum Opfer fielen.

 Stolperstein Paula Frank Pattensen.jpg Stolperstein Martin Cohn Pattensen.jpg

Stolpersteine“ für Fam. Moses, Mauerstr., für Paula Frank und Martin Cohn (Aufn. Clemens Franz, 2012)

Auf dem (neuen) jüdischen Friedhof an der Straße „Zur Alten Mühle“ (zwischen Pariser Allee, Hiddestorfer Straße und Usedomer Straße) befinden sich heute ca. 50 Grabmale.

  einzelne Grabsteine (Aufn. Clemens Franz, 2012, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Weitere Informationen:

Friedel Homeyer, Der jüdische Friedhof in Pattensen, in: Gestern und Heute - Juden im Landkreis Hannover, Hrg. Landkreis Hannover, Hannover 1984, S. 239 - 244

Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 - 1945, Niedersachsen II (Regierungsbezirke Hannover und Weser Ems), Pahl Rugenstein Verlag, Köln 1986, S. 67

Wilhelm Habermalz, Zur Geschichte der Juden in Pattensen, in: Pattensen - zur Geschichte und Entwicklung einer Calenberger Kleinstadt, Hrg. Stadt Pattensen, Pattensen 1986, S. 115 - 118

Dirk Anders, Die jüdische Gemeinde Pattensen und ihr Untergang, Pattensen 1988 (Maschinenmanuskript)

Dirk Anders/Detlev Keunecke, Die Geschichte der jüdischen Friedhöfe in Pattensen, Pattensen 1989 (Maschinenmanuskript)

Albert Marx, Geschichte der Juden in Niedersachsen, Fackelträger Verlag GmbH, Hannover 1995

Christian Stichternath, Den Pogromen der Nazis vor 60 Jahren fiel auch die Pattenser Synagoge zum Opfer, in: Hannoversche Allgemeine Zeitung - Beilage: Leine-Nachrichten) vom 7.11.1998

Nancy Kratochwill-Gertich/Antje C. Naujoks (Red.), Pattensen, in: Herbert Obenaus (Hrg.), Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen, Wallstein-Verlag, Göttingen 2005, Band 2, S. 1260 - 1268

Dirk Anders/Thomas Scheuer (Bearb.), Juden in Pattensen zur Zeit des Nationalsozialismus – Internetpräsentation (unter: juden-in-pattensen.de)