Peine (Niedersachsen)

Datei:Peine in PE.svg Peine ist eine Kreisstadt mir derzeit ca. 50.000 Einwohnern – ca. 25 Kilometer östlich der Landeshauptstadt Hannover gelegen (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Die Geschichte von Juden in Peine lässt sich bis ins 14.Jahrhundert zurückverfolgen; erstmals wurden diese 1379 urkundlich erwähnt. Nach ihrer Ausweisung aus dem Hochstift Hildesheim (1457) siedelten sich erst etwa 150 Jahre später wieder jüdische Familien „Auf dem Damm“, vor der Stadt Peine, dauerhaft an. Sie waren durch ein Privileg des Hildesheimer Bischofs von 1603 abgesichert. Allerdings fand die Judenansiedlung wenig Verständnis beim Rat der Stadt Peine, der sich wiederholt gegen diese ausgesprochen hatte. Anfang des 18.Jahrhunderts lebten im Amt Peine 43 jüdische Familien, die mit in der Regel auf zehn Jahre befristeten Schutzbriefen ausgestattet waren. Neben dem üblichen Kleinhandel betrieben die Peiner "Schutzjuden" auch überregionale Handelsgeschäfte; so bereisten sie die norddeutsche Region, um sich auf den Messen mit Gütern wie Pelzen, Seidenstoffen, Spitzen einzudecken, die sie anschließend zum Weiterverkauf anboten. Sie betrieben aber auch Vieh- und Pferdehandel. Im Laufe des 19.Jahrhunderts verließen immer mehr Juden ihr altes Wohngebiet und zogen in die Stadt; bereits um 1845 lebte etwa die Hälfte im Stadtgebiet Peines.

Der erste Betraum der Peiner Juden befand sich in der Schlossstraße; seit 1714 fanden gottesdienstliche Zusammenkünfte in einem neu errichteten Fachwerkhaus im Garten des Hauses Damm 12 statt. 1907 wurde eine neue Synagoge in der Bodenstedtstraße/Ecke Goethestraße erbaut und im 1908 eingeweiht; sie gehörte vor dem Ersten Weltkrieg zu einem der kunstvollsten Synagogenbauten.  

                      

                 alte Synagoge in Peine, 1714 erbaut (Stadtarchiv)                    neue Synagoge (Aufn. Anfang der 1930er Jahre, Stadtarchiv)

Seit den 1760er Jahren ist die Existenz einer jüdischen Schule nachweisbar; Ende des Jahrhunderts war Samuel Meier Ehrenberg, der spätere Gründer und Leiter der Samson-Schule Wolfenbüttel, in Peine als Hauslehrer tätig. Seit Ende der 1830er Jahre gab es eine öffentliche jüdische Elementarschule, die etwa 30 Jahre bestand. - In Peine existierte das 1913 gegründete „Simonsche Seminar für Gartenbau und Handfertigkeit“, eine Schule, in der künftige Lehrer in praktischen Tätigkeiten wie Land- und Holzarbeiten ausgebildet wurden. Welcher Konfession die Lehramtskandidaten angehörten, war ohne Relevanz.

Auf dem jüdischen Friedhof in Peine-Telgte wurden vermutlich mehrere Jahrhunderte lang verstorbene Peiner Gemeindemitglieder bestattet. Das weit außerhalb der Stadt gelegene Gelände war im 17.Jahrhundert von Peiner Juden angepachtet und im Folgejahrhundert dann erweitert worden. Erst 1905 gelangte es in den Besitz der Kultusgemeinde.

http://www.andere-geschichte.de/uploads/2016/09/J%C3%BCdischer-Friedhof_vor-1933_Stadtarchiv-Peine_2000-1-600x418.jpg Jüdischer Friedhof Peine-Telgte (hist. Aufn., vor 1933, Stadtarchiv)

Juden in Peine:

        --- 1633 ...........................   5 jüdische Familien,*    *Auf dem Damm

    --- 1688 ...........................  12    “         “   ,*

    --- 1708 ...........................  24    “         “   ,

    --- 1744 ...........................  55    “         “   (ca. 275 Pers.),

    --- 1800 ...........................  54    “         “   ,

    --- 1814 ........................... 122 Juden,

    --- 1830 ........................... 180   “  ,

    --- 1852 ........................... 176   “  ,

    --- 1871 ........................... 121   “  ,

    --- 1895 ........................... 121   “  ,

    --- 1900 ........................... 150   “  ,

    --- 1910 ........................... 116   “  ,

    --- 1925 ........................... 124   “  ,

    --- 1933 ........................... 103   “  ,

    --- 1939 ...........................  32   “  .

Angaben aus: Zvi Asaria, Die Juden in Niedersachsen, Verlag Rautenberg, Leer 1979, S. 368

und      Sibylle Obenaus (Bearb.), Peine, in: H. Obenaus (Hrg.), Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen .., Bd. 2, S. 1268

 

Am Markt, um 1910  -  Breite Straße, um 1925 (beide Aufn. aus: Historischer Kalender Peine von 2011)

Zu Beginn des Jahres 1933 lebten in Peine etwa 25 jüdische Familien mit rund 100 Angehörigen. Am reichsweiten Boykotttag am 1. 4.1933 erschien in der „Peiner Tagespost” eine Liste mit 15 jüdischen Geschäften, drei Ärzten und einem Rechtsanwalt; die Bevölkerung wurde dazu aufgerufen, diese „Adressen“ zu meiden. Damals zeigte der Boykottaufruf allerdings kaum Wirkung, doch in den folgenden Jahren verstärkte sich die antijüdische Hetze, so dass die ersten jüdischen Geschäfte bald aufgegeben bzw. „arisiert“ wurden. NSDAP-Mitglieder, die noch 1935 in jüdischen Geschäften einkauften, wurden in Peine öffentlich angeprangert. Neben den beiden größten jüdischen Geschäften, dem Einheitspreisgeschäft „Brunsviga“ am Markt und dem Manufaktur- u. Modegeschäft Spiegelberg in der Rosenthaler Straße gab es an der Breiten Straße zahlreiche weitere kleinere Läden, deren Besitzer Juden waren.

Auf Befehl der Geheimen Staatspolizei Hildesheim wurden am 10.November 1938 etwa 15 männliche Juden verhaftet, wenige Tage später in ein Konzentrationslager eingeliefert. Fast alle Wohnungen jüdischer Familien waren aufgebrochen und das Inventar zerschlagen worden; die Synagoge Peines wurde in Brand gesetzt. Anschließend wurde dem Vorsteher der jüdischen Gemeinde, Louis Fels, aufgetragen, die Kosten des Abrisses der ausgebrannten Synagoge aus Mitteln der Gemeinde zu tragen.

 

Die brennende und ausgebrannte Synagoge (Aufn. Walter Bitter, Stadtarchiv Peine)

Zuvor hatte ein SS-Angehöriger den jungen Juden Hans Marburger erschossen; seine Leiche verbrannte in der Synagoge; anschließend wurde sie - um Spuren zu verwischen - in den Mittellandkanal geworfen. (Anm.: Die beteiligten Männer des Peiner SS-Sturms mussten sich im Frühjahr 1949 vor dem Schwurgericht in Hildesheim dafür verantworten; der Hauptverantwortliche erhielt eine lebenslange Haftstrafe.) Bei den gewaltsamen Vorgängen des Novemberpogroms in Peine sollen vor allem SS-Angehörige aus Braunschweig eingesetzt worden sein, weil man angeblich den Peinern SS-Angehörigen nicht vertraute. Die wenigen in Peine noch verbliebenen Juden - sie waren inzwischen in einer Baracke in der Woltorfer Straße zusammengetrieben worden - wurden im Laufe des Jahres 1942 deportiert; nur sehr wenige überlebten. Die „in Mischehe“ lebenden Juden und „Halbjuden“ wurden 1944/1945 nach Theresienstadt verschleppt.

Nach Kriegsende kehrten nur drei Juden nach Peine zurück, von denen zwei bis 1949 emigrierten. Die letzte jüdische Einwohnerin Peines verstarb 1960.

Im alten Teil des versteckt liegenden jüdischen Friedhofs stehen heute noch sieben Grabsteine; der älteste datiert aus dem Jahre 1808.

Außer einem kleinen Mahnmal, das auch an das Schicksal von Hans Marburger erinnert, findet sich auf dem zerstörten jüdischen Friedhof in Peine-Telgte ein weiteres Mahnmal mit der folgenden Inschrift:

Zum ewigen Gedenken

Blicket her und sehet, ob ein Schmerz ist

wie mein Schmerz, der mir angetan worden ist.

Klagelieder I, 12

Den Märtyrern der Jahre 1933 - 1945 zum ewigen Gedenken

Zur Erinnerung an alle Mitglieder der Synagogen-Gemeinde Peine,

die auf diesem Friedhof seit mehreren hundert Jahren ihre Ruhe gefunden haben.

Eine Mahnung aller an eine Zeit,

in der die Liebe und Achtung vor den Menschen gestorben waren.

Allen unvergeßlichen fern der Heimat umgekommenen Opfern zum ewigen Gedenken.

Ehem. Peiner Synagoge (Illustration) aus: V. Baltrusch, Malerische Erinnerungen an Alt-Peine

 Am ehemaligen Standort der Peiner Synagoge errichtete die Stadt ein Mahnmal, das die Worte trägt:

Hier stand die Synagoge,

die am 11.11.1938 von unberufenen Händen zerstört wurde.

Seit 1980 trägt ein Teil der Bodenstadtstraße den Namen „Hans-Marburger-Straße“. Seit 2004 werden auch in Peine sog. „Stolpersteine“ verlegt; inzwischen sind es etwa 55 solcher Gedenktäfelchen (Stand 2017), die an Angehörige verschiedener NS-Opfergruppen erinnern.

"Stolpersteine“ für Fam. Hertz am Markt (Aufn. J. Binner)

http://4.bp.blogspot.com/-4dPVtTlsW34/U68g4zSGpmI/AAAAAAAADJg/UlSBUolN-bM/s1600/gk29ww_530_396.jpg Sally Perel, dessen Autobiografie „Ich war Hitlerjunge Salomon“ Berühmtheit erlangte und in einer TV-Dokumentation festgehalten wurde, wurde 1925 in Peine geboren. Er erhielt im Jahre 2000 den Ehrenring der Stadt Peine.

Weitere Informationen:

Th. Müller/A.Zechel, Die Geschichte der Stadt Peine (in drei Bänden), Hannover 1972/1983

Peine unterm Nationalsozialismus - Antifaschistischer Stadtführer, Hrg. Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Kreisverband Peine, o.J.

Zvi Asaria, Die Juden in Niedersachsen - Von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart, Verlag Gerhard Rautenberg, Leer Ostfriesland 1979, S. 367 f.

Bernd-Detlef Mau/Christiane Schikora, Die Geschichte der Peiner Juden unter besonderer Berücksichtigung der Zeit von 1933 bis 1945, Prüfungsarbeit 1979 (einzusehen beim Peiner Stadtarchiv)

Schicksale Peiner Juden während der Nazi-Diktatur, Hrg. Dokumentationsstätte zu Kriegsgeschehen und Friedensarbeit, Sievershausen 1988

Hans-Peter Schwarz (Hrg.), Die Architektur der Synagoge. Ausstellungskatalog Dt. Architekturmuseum Frankfurt/M., Frankfurt/M. 1988, S. 259

Albert Marx, Geschichte der Juden in Niedersachsen, Sonderausgabe für die Nds. Landeszentrale für politische Bildung, Fackelträger Verlag GmbH, Hannover 1995

Germania Judaica, Band III/2, Tübingen 1995, S. 1093

Helga Brand, Die Geschichte von Stadt (und Amt) Peine (Anm.: bis ca. 1800), online abrufbar unter: kreisheimatbund.de/Stadtgeschichte/Geschichte der Stadt Peine

Jens Binner, Die neue Synagoge in Peine 1907 – 1938, Hrg. Kreismuseum Peine, 1999

Peter Schulze, Mit Davidschild und Menora: Bilder jüdischer Grabstätten in Braunschweig, Peine, Hornburg, Salzgitter und Schöningen (Ausstellungen 1997 - 2002), Braunschweig 2003

Jens Pinner, Ein Spaziergang durch das jüdische Peine, Peine 2003

Jens Binner, Die jüdische Gemeinde in Peine vom Mittelalter bis 1942. Geduldet – Verachtet – Vernichtet, Sonderblatt hrg. von der Stadt Peine, 2003

Herbert Obenaus (Hrg.), Landjuden in Nordwestdeutschland. Vorträge des Arbeitskreises Geschichte der Juden in der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen, Hannover 2005

Sibylle Obenaus (Bearb.), Peine, in: Herbert Obenaus (Hrg.), Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen, Wallstein-Verlag, Göttingen 2005, Band 2, S. 1268 – 1288

Jens Binner, Die jüdische Gemeinde in Peine vom Mittelalter bis 1942, hrg. vom Kreisheimatbund, Peine 2009

Jens Binner/Michael Utecht, Stolpersteine in Peine, in: Archiv-Sonderblatt 3/2009, Hrg. Kreismuseum Peine 2009

N.N. (Red.), Peine bekommt neue Stolpersteine, „Peiner Allgemeine“ vom 15.9.2015

Peter Baumeister /Red.), Fünfte Stolpersteinverlegung in Peine, Hrg. VVN – Kreisvereinigung Peine vom 26.2.2016

Frederick Becker (Red.), Nur Grabsteine erinnern an Peines jüdische Geschichte, in: „Peiner Nachrichten“ vom 9.10.2016

Jens Binner (Red.), PEINE – Novemberpogrome 1938 in Niedersachsen, Hrg. Stiftung niedersächsischer Gedenkstätten, online abrufbar unter: pogrome1938-niedersachsen.de/peine/