Petershagen/Weser (Nordrhein-Westfalen)

Datei:Petershagen in MI.svg Petershagen – nördlich von Minden/Weser - ist heute eine Kommune mit ca. 25.000 Einwohnern im äußersten Nordosten Nordrhein-Westfalens (Karte TUBS, 2008, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Petershagen – Stich um 1650 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Mitte des 16.Jahrhunderts wurden erstmals Juden erwähnt, die sich nahe der bischöflichen Residenz in Petershagen niedergelassen hatten und dem Landesherrn, dem Mindener Fürstbischof Franz von Waldeck, zu Diensten waren. Um 1600 müssen insgesamt vier Familien hier gewohnt haben; eines der Familienoberhäupter fungierte damals als Sprecher der Landjudenschaft im Fürstbistum Minden. Die Existenz eines Betraums, einer sog. "Stubensynagoge", ist aus dem Jahre 1652 urkundlich belegt. Auch der jüdische Begräbnisplatz muss im 17.Jahrhundert angelegt worden sein; 1692 ist erstmals von einem „Judenberg“ die Rede. Anstelle eines baufällig gewordenen Fachwerkbaues ließ die Judenschaft Petershagens am gleichen Standort 1845/1846 in der Goebenstraße einen massiven Synagogenneubau erstellen. Dem Backsteingebäude war eine kleine Schule angeschlossen, deren Gründung als „Israelitische Elementar-Gemeindeschule“ ein Jahr zuvor (1844) erfolgt war. In ihr wurde bis zum Ersten Weltkrieg Grundschul- und Religionsunterricht erteilt. Hier war auch ein Ritualbad vorhanden, das vom Grundwasser gespeist wurde. 

 Ausschreibung der Lehrerstelle (um 1875)

ehem. Synagogengebäude (Aufn. U. Westermann, 2010)

Etwa zeitgleich konstituierte sich die Synagogengemeinde Petershagen, der auch die jüdischen Einwohner der Ortschaften Bierde, Cammer, Frille, Heimsen, Ovenstädt, Quetzen, Schlüsselburg und Windheim angeschlossen waren. Aus dem Jahre 1865 stammt die aus 25 Paragraphen bestehende Synagogenordnung, die ein Jahr später von der „Königlichen Regierung, Abtheilung des Inneren“ genehmigt wurde.

Juden in Petershagen:

        --- um 1600 ........................   4 jüdische Familien,

    --- um 1685 ........................   8     “       “   (ca. 40 Pers.),

    --- um 1710 ........................   9     “       “    ,

    --- um 1760 ........................  10     “       “    ,

    --- um 1790 ........................  25 Juden,

    --- 1812 ...........................  46   "   (in 7 Familien),

    --- 1828 ...........................  56   "   (in 11 Familien),

    --- 1843 ...........................  76   "  ,

    --- 1868 ........................... 199   "  ,*

    --- 1871 ...........................  82   “   (4,6% d. Bevölk.),

    --- 1875 ........................... 208   “  ,*

    --- 1888 ........................... 200   “  ,*

    --- 1905 ...........................  60   “   (ca. 3% d. Bevölk.),

    --- 1933 ...........................  43   “  ,

             ...........................  99   “  ,*        * im gesamten Synagogenbezirk Petershagen

         --- 1943 ...........................  keine.

Angaben aus: Wilhelm Linnemeier, Stichworte zur jüdischen Geschichte im Raum Petershagen

Seit Ende des 19.Jahrhunderts engagierten sich besonders wohlhabende jüdische Bürger von Petershagen im gesellschaftlich-sozialen Leben des Ortes, z.B. als Mitglieder von Vereinen; auch unter den Stadtverordneten waren jüdische Bürger zu finden.

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Zu Beginn des Jahres 1933 lebten in Petershagen 43 Juden, im gesamten Synagogenbezirk waren es knapp 100 Personen.

Zum Boykott hatte am 30.März die Lokalzeitung des „Boten an der Weser” aufgerufen; dieser wurde vermutlich auch in Petershagen befolgt, denn in einem Bericht des Amtsbürgermeisters vom 3.4. 1933 hieß es: „... Die Boykottbewegung gegen jüdische Geschäfte wickelte sich hier in Ruhe und Ordnung ab. Besondere Erfahrungen sind nicht gesammelt.

In einem Antrag vom November 1937 forderte der Lehrer Bähre, führendes NSDAP-Mitglied in Petershagen und Kreisschulungsleiter der NSDAP, die „Ausgliederung“ jüdischer Kinder vom allgemeinbildenden Schulunterricht im Landkreis Minden:

                                                                                                                                                                        Petershagen, den 26.November 1937

An die Regierung

Minden i.Westf.

Abtlg. Schulwesen

.... fühle ich mich verpflichtet, der Regierung meine Erfahrungen und Eindrücke zu unterbreiten, ..: Vom ersten Tage ... an hatte ich den quälenden Eindruck, daß die jüdischen Kinder wie ein Fremdkörper im Klassenunterricht wirkten, ... Aus der Elternschaft wie auch von unseren Schülern selbst wurde wiederholt der Wunsch zum Ausdruck gebracht, dahin vorstellig zu werden, daß die jüdischen Schüler aus unserer deutschen Volksschule entfernt werden möchten. Die bestehende Trennung der Schüler im Religionsunterricht allein wird nicht dem nationalsozialistischen Erziehungsziel gerecht, da es nach nationalsozialistischer Weltanschauung je nicht die Religion ist, die uns Arier vom Juden trennt, sondern eben die Rasse, das Blut, die erbgebundene Weltanschauung. ... Ich erlaube mir daher den Vorschlag, alle jüdischen Kinder des Kreises in einer jüdischen Schule, beispielsweise in Minden, zu vereinigen, um sie dort einem jüdischen Lehrer zu übergeben, ... , so müßte ... im nationalsozialistischem Staate eine Möglichkeit bestehen, für den gesamten Kreis Minden eine jüdische Schule zu schaffen, um diesen pädagogisch und weltanschaulich unmöglichen Verhältnissen ein Ende zu bereiten. ..

(aus: K.K.Rüter/Chr. Hampel, Schicksale 1933 - 1945. Verfolgung jüdischer Bürger in Minden, Petershagen, Lübbecke, S. 138 f.)

Der Vorschlag Bähres wurde von den NS-Behörden schnell aufgenommen und umgesetzt.

Während des Novemberpogroms von 1938 demolierten Nationalsozialisten die Inneneinrichtung der Synagoge und entwendeten einen Teil der Kultgegenstände; zu der geplanten Brandlegung kam es aber wegen der engen Bebauung nicht. Auch der jüdische Friedhof wurde geschändet; Grabsteine zerstört bzw. entwendet. Ebenfalls wurde jüdischer Privatbesitz zerstört, wie der Bürgermeister 17.11.1938 an die Gestapostelle Bielefeld schriftlich mitteilte. Bereits gelegte Brände waren von der Feuerwehr im Keime erstickt worden. Die jüdischen Männer wurden festgenommen und ins KZ Buchenwald verschleppt. Im Zuge der „Arisierung“ wechselte das Synagogengrundstück mitsamt Gebäuden für 1.000,- RM den Besitzer. Zu den Mitte Dezember 1941 nach Riga deportierten Juden gehörten auch sieben aus Petershagen. Anfang des Jahres 1943 lebten am Ort keine jüdischen Bewohner mehr; die letzten waren ebenfalls verschleppt worden.

Auf dem Gelände des ehemaligen jüdischen Friedhof an der Ecke Lambertsweg/Marienweg - es wurde 1938 eingeebnet - sind mehr als 260 NS-Opfer, zumeist Häftlinge aus dem Arbeitserziehungslager Lahde, bestattet worden. Ein 1949 dort aufgestellter Gedenkstein trägt eine Tafel mit der folgenden Inschrift:

Zum Gedächtnis von

...

und ungezählten Namenlosen, die dem NS-Regime zum Opfer fielen.

Im jahrzehntelang als Lagerraum genutzten, inzwischen stark verfallenen ehemaligen Synagogengebäude in der Goebenstraße begannen im Jahre 2000 - auch auf Initiative der „Arbeitsgemeinschaft Alte Synagoge Petershagen e.V.“ - Restaurierungsarbeiten; das seit 1988 unter Denkmalschutz stehende Gebäude dient seit 2002 als Informations- und Dokumentationszentrum zur jüdischen Orts- und Regionalgeschichte und steht zudem für kulturelle Veranstaltungen zur Verfügung. Auch das ehemalige Schulhaus steht seit 2004 unter Denkmalschutz und wurde u.a. mit Mitteln der NRW-Stiftung und Spenden saniert. Bei archäologischen Untersuchungen wurde in der alten jüdischen Schule im Frühjahr 2008 unter einer Betonsohle eine vollständig erhaltene Mikwe von 1796 entdeckt und freigelegt. Das gesamte jüdische Ensemble der ehemaligen Landgemeinde konnte 2012 eröffnet und eingeweiht werden.

2009 wurden in der Petershagener Altstadt die ersten sog. „Stolpersteine“ verlegt; gegenwärtig sind es ca. 30 (Stand 2018). Auch in einigen Ortsteilen (Ovenstädt und Quetzen) findet man derartige Erinnerungsquader.

für Fam. Gans, Mindener Straße aus: synagoge-petershagen.de

Hinweis: Für die Familie Gans sind ebenfalls in Emmerich drei „Stolpersteine“ verlegt worden.

Stolperstein Petershagen Mindenerstraße 12 Moritz Oppenheim Stolperstein Petershagen Mindenerstraße 12 Johanna Oppenheim Stolperstein Petershagen Mindenerstraße 12 Hans Oppenheim Stolperstein Petershagen Mindenerstraße 12 Edith Oppenheim Stolperstein Petershagen Mindenerstraße 12 Fritz Oppenheim 

verlegt in der Mindener Straße für Angehörige der Fam. Oppenheim (Aufn. Gmbo, 2016, aus: wikipedia.org, CCO)

 

In den heutigen Ortsteilen Frille, Schlüsselburg und Windheim lebten bis Anfang des 20.Jahrhunderts auch einige jüdische Familien.

Die Friller Juden verfügten - trotz geringer Anzahl - auch über eine eigene Synagoge; an hohen Feiertagen suchten sie allerdings die Synagoge in Petershagen auf. Ab 1864 waren sie der Gemeinde Petershagen angeschlossen. Die wenigen jüdischen Familien in Schlüsselburg – erstmals sind sie seit 1722 nachgewiesen - waren seit den 1850er Jahren nominell der Gemeinde Petershagen angeschlossen, seit 1925 gehörten sie der Synagogengemeinde Stolzenau an. Ein seit 1817 benutzter Betraum wurde 1876 durch eine neue Synagoge ersetzt, die bis Mitte der 1920er Jahre benutzt wurde.

Auf dem jüdischen Friedhof in Frille (am Friller Brink/Brunnenweg), der in der Mitte des 19. Jahrhunderts angelegt wurde, liegen Angehörige der ehemaligen Synagogengemeinde aus den Dörfern Cammer, Quetzen und Frille begraben. Das Areal weist heute noch ca. 45 Grabsteine auf. Seit 1988 steht der Friedhof auf der Denkmalsliste der Stadt Petershagen.

 

Jüdischer Friedhof in Frille (links: Aufn. aus: "Schaumburger Nachrichten"  -  rechts: Aufn. D. Meinhardt, aus: "Mindener Tageblatt")

In Heimsen - ebenfalls Ortsteil von Petershagen - gibt es auch einen jüdischen Friedhof, dessen Anlage gegen Mitte des 19.Jahrhunderts und dessen letztes Begräbnis 1932 erfolgte. Auf dem Gelände findet man heute ca. 30 Grabdenkmäler.

Weitere Informationen:

Karl Großmann, Die Juden in Petershagen, Stadtarchiv Petershagen (Maschinenmanuskript von 1942)

K.K.Rüter/Chr. Hampel, Schicksale 1933 - 1945. Verfolgung jüdischer Bürger in Minden, Petershagen, Lübbecke, Hrg. Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Minden e.V., Minden 1986

Kristan Kossack, Die jüdische Gemeinde Petershagen im “Dritten Reich”, in: Mindener Heimatblätter 1995 (Sonderdruck), Mitteilungen des Mindener Geschichtsvereins, Hrg. Stadt Petershagen, 1995

Elfi Pracht, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Regierungsbezirk Detmold, J.P.Bachem Verlag, Köln 1998, S. 403 - 412

Bernd Wilhelm Linnemeier, Stichworte zur jüdischen Geschichte im Raum Petershagen. Zahlen, Daten und Fakten ..., Münster 1999

Bernd Wilhelm Linnemeier, Die jüdische Gemeinde Petershagen und ihre Synagogen, unveröffentlichtes Manuskript, Petershagen 1999

G. Birkmann/H. Stratmann, Bedenke vor wem du stehst - 300 Synagogen und ihre Geschichte in Westfalen und Lippe, Klartext Verlag, Essen 1998, S. 185/186

Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938 Nordrhein-Westfalen, Ludwig Steinheim-Institut, Kamp Verlag, Bochum 1999, S. 427/428

Ruth Lemmer, Leben unter dem Davidstern, in: Geschichte(n) im Boden. Verborgene Schätze. Die NRW-Stiftung - Naturschutz, Heimat- und Kultuspflege, Magazin 2/2001, S. 22 f.

www.synagoge-petershagen.de

Landsynagogen. Zwischen Kulturdenkmal, Gedenkstätte und Lernort. Eine Dokumentation der Tagung in Waren an der Müritz, April 2002, S. 41/42

Uwe und Wolfgang Battermann (Hrg.), Alte Synagoge Petershagen. Menschen – Spuren – Wege. Historisches Jahrbuch Petershagen 2003/2004, Selbstverlag der Ortsheimatpflege, Petershagen 2004

Bernd-Wilhelm Linnemeier (Bearb.), Petershagen und Rahden. Zwei jüdische Landgemeinden des Fürstentums Minden im historisch-strukturellen Vergleich, in: Stefan Baumeier/Heinrich Stiewe (Hrg.), Die vergessenen Nachbarn. Juden auf dem Lande im östlichen Westfalen, Schriften des Westfälischen Freilichtmuseums Detmold, Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2006, S. 217 – 236

Bernd-Wilhelm Linnemeier, Petershagen, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe. Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Detmold, Ardey-Verlag, Münster 2013, S. 590 – 624 (incl. Frille, Schlüsselburg und Windheim)

Arno Herzig, Jüdisches Leben in Minden und Petershagen, in: „Mindener Beiträge“ des Mindener Geschichtsvereins, Band 31/2012

Bernd-Wilhelm Linnemeier (Bearb.), Petershagen, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe. Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Detmold, Ardey-Verlag, Münster 2013, S. 590 – 624 (incl. Frille, Schlüsselburg und Windheim)

Wolfgang Battermann/Tara Schuch/u.a., Alte Synagoge und ehemalige jüdische Schule Petershagen (Fotoband), 2015

Dorothee Meinhardt (Red.), Aufgesperrt: Der alte jüdische Friedhof in Frille, in: „Mindener Tageblatt“ vom 18.6.2016

Auflistung der in Petershagen verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Petershagen