Pfersee/Schwaben (Bayern)

 Pfersee ist seit 1911 ein Stadtteil von Augsburg (hist. Karte vor 1830, aus: wikipedia.org, gemeinfrei).

Unmittelbar vor den Toren der Reichsstadt Augsburg liegt das Dorf Pfersee, in dem sich um 1570 (oder bereits 1530 ?) erstmals eine jüdische Familie niederließ; ihr folgten weitere Familien aus Günzburg nach. Gegen den Willen der damaligen Ortsherrschaft, die "das schädliche Judengesind“ nicht am Ort haben wollte, setzten die Vögte der Markgrafschaft Burgau - der österreichische Erzherzog war hier Souverän - die Ansiedlung der Juden durch. Im Jahr 1618 erließ der Kaiser außerdem ein umfassendes Privileg, wonach den Juden aus Pfersee wie denen aus Binswangen, Hürben, Ichenhausen und Thannhausen ein ungehindertes Wohnrecht im Dorfe eingeräumt wurde; als Gegenleistung wurde dem Kaiser die Zahlung eines jährlichen „Opferpfennigs“ zugesagt. Dieses kaiserliche Privileg garantierte den jüdischen Gemeinden in den schwäbischen Adelsherrschaften eine kontinuierliche Entwicklung; es wurde durch einen „General-Schutzbrief“ vom Kaiser Karl VI. 1717 nochmals bestätigt.

                             Dorfansicht, Stich (Abb. aus: pfersee.de)

Die oft wechselnden Ortherrschaften beachteten zwar das kaiserliche Privileg, doch versuchte man, die Zahl der jüdischen Familien zu begrenzen. 1713 wurde vertraglich eine Höchstzahl von 28 Familien festgelegt. Die jüdischen Dorfbewohner Pfersees bildeten - auf Grund ihres unterschiedlichen ökonomischen Status - strukturell keine geschlossene Gruppe.

Die Familie des „Hofjuden“ Ulman war die angesehenste jüdische Familie in Pfersee; er und seine Nachkommen unterhielten weitreichende Geschäftsverbindungen, die ihnen zu Ansehen und Wohlstand verhalfen; als Bankiers hatten sie Zugang zu den höchsten Kreisen. Über viele Jahrzehnte hinweg bestimmten Angehörige der Familie Ulman maßgeblich die Geschicke der jüdischen Gemeinde Pfersee. Ebenfalls großen Einfluss hatte die Familie Kitzinger; die jüdische Gemeinde war eine Zeitlang sogar in zwei feindliche Lager gespalten.

Zu Gottesdiensten versammelte sich die Pferseer Judenschaft zunächst im Raume eines Privathauses im Dorfzentrum; bei dem Neubau musste die Judengemeinde auf die christliche Dorfbevölkerung „Rücksicht“ nehmen; sie durfte diesen nur „in angemessener Entfernung“ zur Kirche errichten; dieses neue Synagogengebäude (Ecke Leitershofer Straße/Fröbelstraße) war bis zur Auflösung der jüdischen Gemeinde ihr gottesdienstlicher Versammlungsort. Wie aus einem Schreiben der Vorsteher der jüdischen Gemeinde vom 27.Juli 1765 an den Augsburger Bischof hervorging, war die Synagoge mehrfach Ziel nächtlicher Angriffe und Beraubungen gewesen; ob der Bitte „um Aufstellung von Soldaten zur Gewährleistung der Sicherheit im Ort“ Folge geleistet wurde, ist nicht bekannt. 

Zur Besorgung religiös-ritueller Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt; der letzte jüdische Lehrer der Gemeinde, Max Günzburger, starb 1874. 

Verstorbene Pferseer Juden wurden auf dem jüdischen Friedhof in Kriegshaber beerdigt; auf diesem Gelände fanden auch Juden aus Steppach und Fischach ihre letzte Ruhe. 

Ab der zweiten Hälfte des 17.Jahrhunderts war Pfersee Sitz des Landesrabbinats. Zu den bedeutendsten Rabbinern zählten Jehuda Löb bar Henoch (geb. 1660 in Oettingen, gest. 1707 in Pfersee) und dessen Sohn Henoch bar Jehuda Löb (geb. 1681), der in Schnaittach lehrte. Letzterer verausgabte mehrere Schriften, in denen u.a. Synagogal-Vorträge und zahlreiche rabbinische Rechtsgutachten in einer Sammlung zusammengestellt sind.

                    Seite des Memorbuches von 1631 (Abb. Th. Harburger)

Rabbi Ber Ulmo (auch Bernhard Ber Ullmann, geb. 1751 in Pfersee, gest. 1837) war von 1781 bis zu seinem Tode – mehr als ein halbes Jahrhundert - Vorsteher der jüdischen Gemeinde Pfersee; zudem war er auch tätig als Beschneider, praktischer Arzt und Wechselhändler (in Augsburg). Im Jahre 1803 wurde er von den Behörden unter dem Vorwurf, Wiener Bancozettel gefälscht zu haben, festgenommen. Zeitgleich wurden in anderen Orten Schwabens weitere Mitglieder jüdischer Gemeinden inhaftiert. Obwohl die Beschuldigungen haltlos waren, kamen sie erst nach mehr als 200tägiger Haft wieder frei. Während der Haftzeit „verschwand“ die berühmte „Pferseer Handschrift“ - weltweit die älteste, fast vollständig erhaltene Talmud-Handschrift. 1737 verstarb Rabbi Ber Ulmo und wurde – wie viele andere aus seiner Familie – auf dem jüdischen Friedhof in Kriegshaber beigesetzt.

Über seine Haftzeit hatte er einen Augenzeugenbericht verfasst, der als authentisches Zeugnis jüdisch-schwäbischer Literatur aus der Umbruchzeit der Napoelonischen Epoche gilt.

  Grabstein des Ber Ulmo auf dem jüdischen Friedhof in Kriegshaber (aus: wikipedia.org)

Anmerkungen zur „Pferseer Handschrift“:

Die 1342 in Nordfrankreich entstandene, fast 600 Blätter umfassende Pergamenthandschrift enthält den „Babylonischen Talmud“, der im 7. Jahrhundert von jüdischen Gelehrten der Diaspora im Zweistromland aufgeschrieben wurde. Diese nahezu vollständig erhaltene mittelalterliche Sammlung von Gesetzen und religiösen Überlieferungen des nachbiblischen Judentums (mit Erklärungen und Erörterungen) gelangte via Italien um 1590 in den Besitz des Salomon Ullmann aus der jüdischen Familie Ulmo-Ginsberg in Pfersee und blieb bis ins 18. Jahrhundert im Besitz dieser Familie. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gelangten die Handschriften in die Münchener Hofbibliothek; heute ist die „Pferseer Handschrift“ eine der kostbarsten hebräischen Handschriften der Bayerischen Staatsbibliothek in München.

Juden in Pfersee:

         --- 1608 ...........................   4 jüdische Familien,

    --- 1701 ...........................  28     “        “   (ca. 90 Pers.),

    --- 1741 ...........................  23     “        “   ,

    --- um 1750/60 .....................  28     “        “   ,

    --- um 1800 ........................   ?

    --- 1830 ....................... ca. 140 Juden,

    --- um 1870 .................... ca.  45   “  ,

--- 1888 ...........................  13   “  .

Angaben aus: S. Ullmann, Nachbarschaft und Konkurrenz. Juden und Christen in Dörfern der Markgrafschaft Burgau ..

Um 1870 lebten nur noch knapp 50 Juden in Pfersee. Die wohlhabenderen jüdischen Familien verkehrten häufig geschäftlich mit der Kaufmannschaft des nahegelegenen Augsburg. Nach offizieller Auflösung der Pferseer Gemeinde schlossen sich 1873 die verbliebenen Mitglieder der Augsburger Synagogengemeinde an. Der letzte jüdische Lehrer und Schächter Max Günzburger starb 1874. Zwei Jahre später wurde das Synagogengebäude in der Leitershoferstraße an Privatleute verkauft, die es alsbald abbrechen ließen.

Bis in die NS-Zeit waren in Pfersee noch mehrere jüdische Gewerbe- bzw. Industriebetriebe von wirtschaftlicher Bedeutung vorhanden, so die 1888 gegründete Appretur- und Schlichtemittelfabrik R. Bernheim/Chemische Fabrik Pfersee. 1933 wurde der Inhaber Willy Bernheim wegen angeblichen Devisenvergehens inhaftiert, die Firma bald „arisiert“. Größere Bedeutung hatte über Jahrzehnte hinweg auch die Buntweberei Raff & Söhne, die aus der Süddeutschen Trikotwarenfabrik AG hervorging, 1896 von David Raff und Isaak Lehmann gekauft und in eine Buntweberei umgewandelt wurde. 

Briefkopf: Buntweberei David Raff & Söhne, 1915 (Abb. aus: Sammlung W. Konrad, Augsburg)

vgl. Augsburg (Bayern)

Weitere Informationen:

Joseph Perles, Das Memorbuch der Gemeinde Pfersee, in: Monatszeitschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums, Band 22/1873, S. 508 ff.

Andreas Müller, Ortsgeschichte von Pfersee, Lechhausen 1896

E. Bernheim, 90 Jahre Pfersee, in: Pfersee aktuell 1978, Heft 2

Israel Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern - Eine Dokumentation, Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, 2.Aufl., München 1992, S. 250

Sabine Ullmann, “Über der Juden schändlichen Wucher und Kipperey”: die Beziehungen der Judengemeinden in Kriegshaber und Pfersee zur Reichsstadt Augsburg im 17.Jahrhundert, Magisterarbeit, Universität Augsburg, 1992

Wolfram Baer, Zwischen Vertreibung und Wiederansiedlung. Die Reichsstadt Augsburg und die Juden vom 15. bis zum 18.Jahrhundert, in: R.Kießling (Hrg.), Judengemeinden in Schwaben im Kontext des Alten Reiches, Colloquia Augustana, Band 2, Institut für Europ. Kulturgeschichte der Universität Augsburg, Berlin 1995, S. 110 - 127

Renate Weggel, Pfersee: Dorf - Industrieort - Vorort. Materialien zur Geschichte des bayr. Schwaben, Band 22, Augsburg 1995

Sabine Ullmann, Zwischen Fürstenhöfen und Gemeinde: Die jüdische Hoffaktorenfamilie Ulman in Pfersee während des 18.Jahrhunderts, in: Zeitschrift des Historischen Vereins für Schwaben 90/1998, S. 159 - 187

Sabine Ullmann, Nachbarschaft und Konkurrenz. Juden und Christen in Dörfern der Markgrafschaft Burgau 1650 bis 1750, Göttingen 1999

R.Kießling/Sabine Ullmann (Hrg.), Landjudentum im deutschen Südwesten während der Frühen Neuzeit, Colloquia Augustana, Band 10, Institut für Europäische Kulturgeschichte der Universität Augsburg, Berlin 1999

Pfersee (Stadt Augsburg), in: alemannia-judaica.de (mit Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Die „Weisen von Pfersee“: Isaak Seckel Etthausen und Simon Wolf Wertheimer, hrg. vom Jüdisch Historischen Verein Augsburg, o.J., online abrufbar unter: jhva.wordpress.com/2011/05/24/die-weisen-von-pfersee-isaak-etthausen-und-simon-wertheimer

Renate Weggel, Eine kurze Reise durch 200 Jahre Pferseer Geschichte längerer Aufsatz), 2000 (online abrufbar: pfersee.de)

Sabine Ullmann, Das Ehepaar Merle und Simon Ulman in Pfersee. Eine jüdische Familie an der Grenze zum Betteljudentum, in: M.Häberlein/M.Zürn (Hrg.), Minderheiten, Obrigkeit und Gesellschaft in der frühen Neuzeit. Integrations- und Abgrenzungsprozesse im süddeutschen Raum, St. Katharinen 2001, S. 269 – 291

Yehuda Shenef, Das Haus der drei Sterne. Die Geschichte des jüdischen Friedhofs von Pfersee, Kriegshaber und Steppach bei Augsburg, Kokavim-Verlag, Augsburg 2013