Pflaumloch (Baden-Württemberg)

Datei:Riesbürg in AA.svg Pflaumloch - zwischen Bopfingen und Nördlingen gelegen - ist heute ein Ortsteil von Riesbürg im Ostalbkreis (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org CC BY-SA 3.0).

Die Anfänge der jüdischen Gemeinde zu Pflaumloch liegen um 1500. Die Ansiedlung jüdischer Familien im Dorf hatten die Landesherren, die Grafen von Oettingen, gegen regelmäßige Schutzgeldzahlungen und anderen Sachleistungen erlaubt. Nach dem Dreißigjährigen Krieg wuchs die Zahl der jüdischen Familien an; Ende des 17.Jahrhunderts wohnten knapp 20 Familien hier. 1810 wurde Pflaumloch württembergisch. In den Jahrzehnten danach stieg der Zahl der jüdischen Dorfbewohner stark an. Mitte des Jahrhunderts waren mehr als 250 der insgesamt ca. 560 Pflaumlocher Dorfbewohner mosaischen Glaubens. In diesen Jahren war der Jude Markus Ellinger Bürgermeister von Pflaumloch. Das Wohngebiet der Pflaumlocher Juden konzentrierte sich bis ins 19.Jahrhundert hinein um das Synagogengebäude in der Hauptstraße.

Bereits um 1600 soll in Pflaumloch eine Synagoge gestanden haben, die Mitte des 18.Jahrhunderts durch einen Neubau ersetzt worden war. Bei einem Großbrand 1803 wurde auch die Synagoge zerstört; an gleicher Stelle errichtete die Ortsjudenschaft 1804 einen Neubau. Als sich dieser Bau nach einigen Jahrzehnten als zu klein erwies, wurde an zentraler Stelle des Dorfes 1845/1846 eine neue Synagoge gebaut; deren hohe Kosten konnten nur durch Umlagen, Schenkungen, Verkauf der Synagogenstühle u.a. aufgebracht werden.

  Blick auf Pflaumloch mit Kirche und Synagoge (hist. Postkarte)

Über die Einweihung der Synagoge berichtete die Zeitschrift "Der Israelit“ vom 7. Februar 1847:

(Vom Ries, Pflaumloch, im Königr. Würtemberg). – Am 18. Dec. 1846 fand in Pflaumloch die Einweihung der neu erbauten Synagoge statt. Die Familie Pflaum stiftete zu dem Zwecke ein Kapital von 1.000 fl. (Anm.: Gulden) und der Kirchenvorsteher Elias Pflaum war bemüht, den Neubau einer Synagoge zu bewerkstelligen. Nur dessen unausgesetzten Bemühungen konnte es, trotz gemeiner Gegenbestrebungen, gelingen, der Oberkirchenbehörde den Plan zum Neubau vorzulegen, die ihn auch gestattete. Die Synagoge wurde mit einem Kostenaufwande von circa 25.000 Gulden erbaut. Sie ist im byzantinischen Stil aufgeführt, ein architektonisches Meisterwerk; Uhr und Glocken zieren sie. Das Innere, mit einem schönen Chor, dessen bemalte Fenster einen mystischen Schein auf die heilige Lade fallen lassen, die Männerhalle und die Frauen-Gallerien, die prachtvollen Kronleuchter usw., ist imposant. Kein Almemor stört die Symmetrie und schön angebrachte Subsellien ersetzen die geschmacklosen beweglichen Ständer; Kanzel und Betpult für den Vorsänger stehen vor der heiligen Lade. Für den Chor sind besondere Räume geschaffen, in denen die männliche und weibliche Jugend beim Gesange mitwirkt. Für eine aufzustellende Orgel ist schon Raum gelassen und es wird wohl nicht lange anstehen, bis sie wirklich eingeführt wird. Die Feierlichkeit der Einwehung begann am Freitag, den 18. Dec., Mittags 1 Uhr. In der alten Synagoge wurde ein deutscher Choral gesungen, darauf hielt Lehrer Löwenstein eine meisterhafte religiöse Betrachtung und dann ordnete sich der Festzug, die Thorarollen unter einem Baldachin voran, die Beamten, der Chor, die Gemeinde und die vielen Gäste nach, zur neuen Synagoge. In derselben angelangt, wurde eine Festhymne, komponirt von dem jungen Pflaum aus München, mit Musikbegleitung abgesungen. Herr Oberamtmann Preu, ein Mann, der unermüdlich für die bürgerliche und religiöse Hebung der Israeliten wirkt, übergab den Tempel im Namen des Königs der Gemeinde. Er sprach über den Zweck der Synagoge Worte der tiefen Beherzigung werth. Nach ihm bestieg Rabbiner Adler, Bruder des Londoner Rabbinen – die Kanzel … Einen minder guten Eindruck brachte der Vortrag des Oberamtsrichters Ostertag hervor, der zwar sehr schön gehalten war, aber, wer zwischen den Zeilen zu lesen verstand, erkannte das aristokratische Vorurtheil gegen Juden. – Der Gottesdienst selbst war sehr erhebend, die Gesänge meisterhaft ausgeführt, dirigirt und eingeübt von Markus Pflaum, der zwar nur Dilettant, aber durch unausgesetzte Bemühungen einen gut geübten Chor für den Synagogengesang gebildet hat. Alexander Elsässer hatte einige Gedichte als Festschrift erscheinen lassen, die vielleicht durch Zeitschriften veröffentlicht werden dürften. Die Gemeinde war bemüht, dem Feste die rechte Weihe zu heben und scheute kein Opfer. Von München, Augsburg u.a.O. wurden Gegenstände zur Ausschmückung der Synagoge gestiftet, besonders zeichneten sich die Familien Pflaum und Friedmann aus. Daß der unwissende Egoismus bei solcher Gelegenheit sich auch spreizte, konnte natürlich nicht ausbleiben. Zum besonderen Vergnügen gereichte es manchem, der am Sonntag früh vom Feste heimkehrte, daß der Gemeindepfleger und Frohnmeister, Markus Ellinger – ein Israelite – an der Spitze vieler Bürger, bemüht war, die Straße durch die Schneemassen zu bahnen; es war ein Beweis, daß Einigkeit unter den verschiedenen Confessionen zu Pflaumloch herrscht; da man einen Israeliten in freier Wahl in die Gemeindeverwaltung gesetzt hat.'

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  Synagogengebäude (Postkartenausschnitt um 1900) und hist. Postkarte (aus: Sammlung Peter Karl Müller)

Aus einer Beschreibung der Pflaumlocher Synagoge: ... die neu erbaute Synagoge in Pflaumloch (zeigt), daß das Judentum aus dem Ghetto herausgetreten ist und mit der allgemeinen Kultur sich amagalmiert hat. Die Außenseite der Synagoge byzantinisch mit hochgewölbten Fenstern, die Uhr mit den Glocken, das Innere mit dem schönen Chor und den freundlichen Galerien, auf denen die Frauen nicht orientalisch abgesperrt sind, die prachtvollen Candelaber und die kirchlich geschmückten Wände. Alles dies stellt dem Auge ein anmuthiges Bild dar.”  (aus: „Der Israelit” No. 45/1862)

Die Schule mit Lehrerwohnung und eine Mikwe waren im jüdischen Gemeindehaus untergebracht.

  Stellenangebote der Gemeinde von 1879 u. 1900

Bis in die 1830er Jahre beerdigte man die Verstorbenen auf dem jüdischen Friedhof im bayerischen Wallerstein; danach erwarb die hiesige Kultusgemeinde ein Bestattungsgelände neben dem christlichen Friedhof am Ort, das bis in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg belegt wurde.

Im 18.Jahrhundert war Pflaumloch dem Rabbinat Wallerstein zugeordnet; ab den 1830er Jahren gehörte es zu Oberdorf.

Juden in Pflaumloch:

         --- um 1560 ........................   6 jüdische Familien,

    --- um 1670 ........................   7     “        “   ,

    --- um 1685 ........................  18     “        “   ,

    --- 1735 ...........................  15     “        “   ,

    --- 1806 ....................... ca.  35     “        “   ,

    --- 1812 ........................... 112 Juden,

    --- 1824 ........................... 187   “  ,

    --- 1831 ........................... 221   “  ,

    --- 1854 ........................... 255   “   (ca. 40% d. Dorfbev.),

    --- 1886 ...........................  47   “  ,

    --- 1899 ...........................   7 jüdische Familien,

    --- 1908 ...........................   keine.

Angaben aus: Felix Sutschek, Zur Geschichte der Juden in Pflaumloch, S. 169

Schon wenige Jahre nach der Einweihung der neuen Synagoge wanderten nach und nach immer mehr Juden ab; vor allem jüngere und vermögendere Juden sahen ihre wirtschaftliche Zukunft in größeren deutschen Städten oder in Nordamerika. Zwischen 1850 und 1875 verließen ca. 60 Juden ihr Heimatdorf. Im Laufe der nächsten Jahre verkleinerte sich die jüdische Gemeinde noch mehr, die nun immer mehr verarmte; 1906 wurde die Kultusgemeinde Pflaumloch schließlich aufgelöst.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20129/Pflaumloch%20Frf%20IsrFambl%2008111907.jpgaus: "Frankfurter Israelitisches Familienblatt" vom 8.Nov.1907

Nach Abwanderung fast aller jüdischen Ortsbewohner ging das Synagogengebäude als Stiftung an die Kommune über; der Stifter, Alexander von Pflaum, hatte verfügt, dass das Gebäude nach Umbaumaßnahmen für kommunale Zwecke genutzt werden sollte. Seit den 1960er Jahren diente das Gebäude als Rathaus; seit der Gebietsreform ist es ein Verwaltungsgebäude der Kommune Riesbürg.

 Die Familie Pflaum war einer der bekanntesten jüdischen Familien in Pflaumloch. Elias Pflaum gründete 1855 das gleichnamige Bankhaus in Stuttgart. In seinem Testament verfügte er, dass eine Stiftung den israelitischen Gemeinden Württembergs regelmäßige Zahlungen zuwies. Sein 1839 geborener ältester Sohn Alexander übernahm das Bankhaus und besaß in dieser Funktion großen Einfluss auf das württembergische Bankwesen. Noch zu Lebzeiten schenkte er das nicht mehr benutzte Synagogengebäude der Kommune Pflaumloch; es wurde 1964 zum Rathaus umgebaut. Alexander von Pflaum - aufgrund seiner Verdienste vom König geadelt - starb 1911.

Der jüdische Friedhof in Pflaumloch weist noch eine Reihe von Grabsteinen auf, deren Erhaltung zumeist aber nicht gut ist, da auf Grund von Witterungseinflüssen deren Inschriften kaum mehr lesbar sind.

https://jhva.files.wordpress.com/2010/11/juedischer-friedhof-pflaumloch-jewish-cemetery-14.jpg Jüdischer Friedhof Pflaumloch (Aufn. um 2010, aus: jhva.wordpress.com)

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Ehem. Synagogengebäude, heute Rathaus (Aufn. aus: Sammlung P. K. Müller, 1980 bzw. J. Hahn, 2003)

Eine am Eingang des Rathauses angebrachte Tafel erinnert seit 1984 an die Geschichte dieses Gebäudes.

Ehemalige Synagoge der Jüdischen Gemeinde Pflaumloch

Der ehemalige Bürger Kommerzienrat Alexander von Pflaum

Inhaber des Bankhauses Pflaum & Co. in Stuttgart

schenkte dieses Gebäude im Jahre 1907 der bürgerlichen Gemeinde Pflaumloch

Alexander von Pflaum

geb. 4.Juni 1839 in Pflaumloch, gestorben 14.Dezember 1911 in Berlin

Zudem ist eine Straße an den um seine Heimatgemeinde verdienten Ehrenbürger benannt.

Seit 2007 beherbergt das ehem. Synagogengebäude eine Dauerausstellung zur jüdischen Geschichte. Die unter dem Dach von einer Zwischendecke verborgenen Deckenmalereien (farbige Ornamente) aus dem Jahre 1837, die dem Verfall preisgegeben und teilweise schon unwiederbringlich zerstört sind, sollen für die Nachwelt gesichert werden.

Weitere Informationen:

L.Müller, Aus 5 Jahrhunderten. Beiträge zur Geschichte der jüdischen Gemeinden im Ries, in: Zeitschrift des Historischen Vereins für Schwaben und Neuburg 25/26 (1898/1899)

Eugen Stäbler, Pflaumloch im Ries - eine Ortsgeschichte, Nördlingen 1956, S. 59 f. (Neuauflage 1996)

Paul Sauer, Die jüdischen Gemeinden in Württemberg und Hohenzollern. Denkmale - Geschichte – Schicksale, Hrg. Archivdirektion Stuttgart, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1966, S. 149/150

Utz Jeggle, Judendörfer in Württemberg, Dissertation Philosophische Fakultät Universität Tübingen, 1969

Marion Illenberger, Die Synagoge in Pflaumloch aus dem Jahre 1846, Universität Stuttgart 1984

Joachim Hahn, Synagogen in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1987, S. 90/91

Joachim Hahn, Geschichte der Juden im West-Ries, in: Rieser Kulturtage, Band VII, 1/1988

Joachim Hahn, Erinnerungen und Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, S. 427 - 429

Felix Sutschek, Zur Geschichte der Juden in Pflaumloch, Vortrag anlässlich der 750 Jahr-Feier von Pflaumloch

Pflaumloch, in: alemannia-judaica.de (mit zahlreichen Text- u. Bilddokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Gert Wildensee (Bearb.), Dokumentation des jüdischen Friedhofs in Riesbürg-Pflaumloch, Unveröffentlichte Grunddokumentation des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg, 1999

Felix Sutschek, Zur Geschichte der Juden in Pflaumloch, in: Peter Fassl (Hrg.), Geschichte und Kultur der Juden in Schwaben II, Irseer Schriften, Band 5, S. 161 ff., Verlag Thorbecke, Stuttgart 2000

Dietrich Bösenberg, Jüdische Friedhöfe im Ries (Aufsatz)

Felix Sutschek, Zur Geschichte der Juden in Pflaumloch, in: ‘Ostalb-Einhorn’ 30/2003, S. 15 - 27

Joachim Hahn/Jürgen Krüger, “Hier ist nichts anderes als Gottes Haus ...” Synagogen in Baden-Württemberg, Teilband 2: Orte und Einrichtungen, Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2007, S. 399

Inge Barth-Grözinger, Alexander (Roman), Thienemann Verlag GmbH, Stuttgart 2009

N.N. (Red.), Wertvolle Deckengemälde vor dem Verfall retten, in: „Augsburger Allgemeine“ vom 20.1.2009