Pirnitz (Mähren)

Pirnitz - ca. zwölf Kilometer südöstlich von Iglau (Jilhava) gelegen - ist die heutige tschechische Kleinstadt Brtnice mit derzeit ca. 3.800 Einwohnern.

Erste Hinweise darauf, dass Juden sich im Marktflecken Pirnitz aufgehalten haben bzw. hier wohnten, stammen aus der Zeit des 14.Jahrhunderts. Mit Sicherheit siedelten sich jüdische Familien ab dem ausgehenden 16./beginnenden 17.Jahrhundert dauerhaft in Pirnitz an und bildeten schon früh eine Gemeinde. Im 18. Jahrhundert lebten die hiesigen Juden getrennt von der christlichen Bevölkerung in einem eigenen Viertel mit ca. 45 Häusern.

Aus der zweiten Hälfte des 16.Jahrhunderts stammt der weit vor der Ortschaft gelegene Begräbnisplatz; dieser war als Ersatz für den auf Anweisung der Obrigkeit eingeebneten älteren Friedhof (nahe der Pfarrkirche) angelegt worden; angeblich soll der Blick auf den jüdischen Friedhofs die damalige Fürstin derart gestört haben, dass sie eine Verlegung der alten Begräbnisstätte an den Ortsrand durchsetzte. Ab den 1860er Jahren nutzte man nach deren Belegung in unmittelbarer Nähe ein (drittes) neues Areal, das bis zur Auflösung der Gemeinde Verstorbenen als letzte Ruhestätte diente.

Starý ŽH Brtnice (13).jpg Starý ŽH Brtnice (09).jpg

 Grabsteine auf dem alten Friedhof (Aufn. Jitka Erbenová, 2015, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0)

Die Synagoge der Pirnitzer Juden befand sich ebenfalls im Ghettobereich; der Bau soll bereits aus der Mitte des 17.Jahrhunderts stammen. In den 1880er Jahren erfuhr die Synagoge eine Erweiterung; eine Frauengalerie ergänzte das Gebäude.

Die jüdische Schule in Pirnitz – Unterrichtssprache war Deutsch - schloss 1918 ihre Pforten, nachdem der langjährige Lehrer Josef Glaser verstorben war. Die Kinder besuchten fortan die lokale tschechische Schule; Religions- und Deutschunterricht wurden durch Privatlehrer vermittelt.

Juden in Pirnitz:

        --- 1834 ...........................  418 Juden (ca. 12% d. Bevölk.),

    --- 1857 ...........................  540   “  ,

    --- 1900 ...........................  123   “  ,

    --- 1921 ...........................   52   "  ,

    --- 1930 ...........................   33   “  .

Angaben aus: Hugo Gold, Zur Geschichte der Juden in Pirnitz

Mitte des 19.Jahrhunderts erreichte die Pirnitzer Judenschaft mit mehr als 500 Gemeindeangehörigen ihren absoluten Höchststand. Doch innerhalb weniger Jahrzehnte verlor die Gemeinde durch Abwanderung die Mehrzahl ihrer Angehörigen. Auch ein schwerer Stadtbrand (1899) verstärkte noch die Abwanderungstendenzen.

Im Jahre 1925 brannte das Dach der Gebetshalle und eines benachbarten Hauses; das Feuer zerstörte das gesamte Archiv, Formulare und Satzungen der jüdischen Gemeinschaft in Pirnitz. Zu Beginn der 1930er Jahre lebten nur noch wenige jüdische Familien in Pirnitz.

Nach der deutschen Okkupation (1939) wurden die beiden steinernen Gebotstafeln vom Synagogengebäude entfernt und anschließend zerstört. Das verwaiste Gebäude diente danach als Lagerraum.

Auch die jüdischen Bewohner von Brtnice wurden via Theresienstadt in die Vernichtungslager deportiert; nur zwei haben überlebt.

Ende der 1980er Jahre wurden die Reste des ehemaligen jüdischen Wohnbezirks abgerissen, darunter auch das ehemalige Synagogengebäude, das dem Bau eines Einkaufszentrums weichen musste.

   

Ehem. Synagoge kurz vor dem Abriss (Aufn. aus: brtnice.cz/historicke-pamatky, um 1985)

Seit 2007 erinnert eine in drei Sprachen abgefasste, mit einem Relief des Synagogengebäudes versehene Gedenktafel an das ehemalige jüdische Gotteshaus; die Inschrift lautet: "Hier stand die Synagoge der jüdischen Gemeinde in Pirnitz aus dem 17.Jahrhundert - abgetragen 1988".

 

 

 

 

 

Auf dem jüdischen Friedhofsgelände - seit Ende der 1980er Jahre als Kulturdenkmal eingestuft - befinden sich heute noch ca. 250 Grabsteine bzw.-stelen.

  

Blick auf den (zweiten) jüd. Friedhof (Aufn. Ben Skála, 2011) - ehem. Taharahaus (Aufn. 2013, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Weitere Informationen:

Bertold Bretholtz, Die Judenschaft einer mährischen Kleinstadt Markt Pirnitz im XVIII. Jahrhundert, in: Rocenka Spolecnosti pro dejiny Židu v Ceskoslovenské republice, 2/1930, S. 391 - 443

Hugo Gold, Zur Geschichte der Juden in Pirnitz, in: Zeitschrift für die Geschichte der Juden in der Tschechoslowakei, Jg. 1, 1/1930, S. 51 – 53

Vlastimil, Svěrák, Prameny k dějinám židů na Jihlavsku ve Státním okresním archivu v Jihlavě [Quellen zur Geschichte der Juden in der Region Iglau im Staatlichen Bezirksarchiv Iglau], in: Dotyky. Židé v dějinách Jihlavska [Kontakte. Juden in der Geschichte der Region Iglau]. Jihlava Muzeum Vysočiny 1998, S. 213 - 233

Ladislav Vilímek, Židé v Brtnici [Juden in Pirnitz], in: Dotyky. Židé v dějinách Jihlavska Jihlavska [Kontakte. Juden in der Geschichte der Region Iglau],  Jihlava Muzeum Vysočiny 1998, S. 67 - 71 (auch online abrufbar unter: zjihlavy.cz/zc1-zide-v-brtnici)

The Jewish Community of Brtnice (Pirnitz), Hrg. Beit Hatfutsot – The Museum of the Jewish People, online abrufbar unter: dbs.bh.org.il/place/brtnice

Jewish Families from Brtnice (Pirnitz), Moravia, Czech Republic, online abrufbar unter: geni.com/projects/Jewish-Families-from-Brtnice-Pirnitz-Moravia-Czech-Republic/13142

Tomáš Plešinger, Brtnice (2009), online abrufbar unter: zidovskehrbitovy.cz/index.php?id_cat=15&new=200