Pisek (Böhmen)

Písek CZ, Bildquelle: MCU Nördlich von Budweis (České Budějovice) und ca. 45 Kilometer westlich von Tabor liegt die im 13. Jahrhundert gegründete Stadt Písek a. d. Otava, die heute ca. 30.000 Einwohner besitzt (Karte aus: visitpisek.cz/de/pisek-auf-der-karte).

Innerhalb der Mauern von Písek war eine jüdische Gemeinde beheimatet; allererste Hinweise auf Anwesenheit von Juden stammen bereits aus dem 12./13.Jahrhundert. Im Gefolge der Hussitenkriege erfolgte kurzzeitig deren Vertreibung aus der Stadt. Nach 1505 lebten in Pisek offenbar keine Juden mehr.

Pisek od pracharny.jpg Pisek um 1850, Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei

Die neuzeitliche israelitische Gemeinde, deren Anfänge in der ersten Hälfte des 18.Jahrhunderts anzusetzen sind, erreichte ihren zahlenmäßigen Zenit mit etwa 400 Angehörigen um 1900.

In Písek war in den 1860er Jahren die erste jüdisch-tschechische Schule Böhmens ins Leben gerufen worden. 1871 wurde das neue Synagogengebäude eingeweiht, das einen älteren Betraum aus dem 18.Jahrhundert ersetzte. Das im maurischen Stil - mit neoromanischen Elementen versehen - errichtete neue Gotteshaus besaß im Innern eine prächtige Ausmalung. 2001 wurde das Gebäude in die Liste der schützenswerten Kulturdenkmale aufgenommen.

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 Westfassade Synagoge von Pisek (links: Aufn. GFreihalter, 2017 - rechts: Aufn. B.Skàla, 2009, beide Aufn. aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Sieben Jahre später wurde ein Friedhof angelegt worden, der bis 1942 in Nutzung war.

Anfang der 1930er Jahre setzte sich die Gemeinde aus etwa 250 Mitgliedern zusammen. Nach der deutschen Okkupation wurden die in der Stadt lebenden Juden nach Theresienstadt und von hier weiter in die Vernichtungslager im besetzten Polen verschleppt.

Im nahegelegenen Lety bestand seit Sommer 1940 ein Internierungs- und Arbeitslager für Roma.

Der jüdische Friedhof wurde 1969/1970 zerstört und das Gelände teilweise mit Plattenwohnbauten bestückt; etwa 25 Jahre später wurde ein Teil des Areals wieder als ehem. Begräbnisstätte sichtbar gemacht.

 Jewish cemetery in Pisek in winter (4).JPG Jewish cemetery in Pisek in winter (10).JPG

Jüdischer Friedhof in Pisek (Aufn. Ch., 2011, aus: commons.wikimedia.org, CC BY 3.0)

Das Synagogengebäude wurde umgebaut (eine Zwischendecke eingezogen) und diente lange Jahre als Lagerhaus. In den 1990er Jahren – inzwischen war es in den Besitz der Jüdischen Gemeinde Prag übergegangen - wurde dessen Fassade restauriert; ein Jahrzehnt später wurde damit begonnen, den Innenraum mit seinen Malereien wiederherzustellen; allerdings sind die Arbeiten bis auf den heutigen Tag noch nicht abgeschlossen (Stand: 2015).

 Pisek war die Geburtsstadt des Journalisten und Schriftsteller Richard Weiner (geb. 1884), der als Sohn einer wohlhabenden jüdischen Familie im Jahre 1884 geboren wurde. Nach seiner Ausbildung zum Chemiker/Ingenieur entschied er sich 1911 zu einer journalistischen Tätigkeit. Zunächst arbeitete er in Paris, wurde 1914 in Prag zum Kriegsdienst auf dem Balkan verpflichtet, kehrte wenige später nach Prag zurück, wo er als Redakteur bei mehreren Tageszeitungen tätig war. Nebenher veröffentlichte er einige Prosabände. 1919 kehrte er nach Paris zurück. Zu Lebzeiten als „Außenseiter der tschechischen Literatur“ angesehen verstarb Richard Weiner 1937 in Prag.

 

Ca. 20 Kilometer südwestlich von Písek liegt die kleine Ortschaft Tschichtitz (tsch. Čechtice), in der seit Beginn des 18.Jahrhunderts eine kleine Gemeinde nachweisbar ist. Ein Betraum wurde erstmals 1724 erwähnt. Ihren zahlenmäßigen Höchststand erreichte die hiesige Judenschaft mit etwa 25 Familien im 19.Jahrhundert. Durch Abwanderung in die Städte löste sich die Gemeinde nach der Jahrhundertwende schließlich ganz auf. Einziges bauliches Relikt ist der kleine, aus der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts stammende Friedhof mit etwa 120 Grabsteinen.

 

In Mirotitz (tsch. Mirotice) – ca. 25 Kilometer nordwestlich von Pisek – sind Juden erstmals 1547 erwähnt; im 18. und in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts lebten hier kaum mehr als zehn jüdische Familien. Um 1900 hatte sich die kleine Gemeinschaft infolge Abwanderung aufgelöst. Eine Begräbnisstätte – angelegt vermutlich um die Mitte des 17.Jahrhunderts – und eine Synagoge aus der Zeit um 1750 zählten zu den gemeindlichen Einrichtungen. Anfang der 1930er Jahre lebten im Ort noch 14 Juden; fast alle wurden Opfer der Shoa. Das Synagogengebäude wurde 1945 zerstört.

 

In der Ortschaft Wodnian (tsch. Vodňany) - 20 Kilometer südlich von Pisek - ist jüdisches Leben erstmals 1500 bezeugt; dabei handelte es sich um zwei Familien, die um 1540 aber vertrieben wurden. Erst während der Zeit des Dreißigjährigen Krieges erhielten Juden hier erneut eine Bleibe; sie standen unter dem Schutz adliger Familien. Um die Mitte des 19.Jahrhunderts zählte die hiesige jüdische Gemeinde 22 Familien; ihre Anzahl erhöhte sich noch bis 1900 auf ca. 150 Personen (3% d. Bev.).

Ein Bethaus – aus den 1740er Jahren stammend – wurde durch einen Synagogenneubau Mitte des 19.Jahrhunderts ersetzt. Ein Friedhof befand sich einige Kilometer von der Ortschaft entfernt. Seit den 1830er Jahren war Wodnian Sitz eines Bezirksrabbiners. Anfang der 1920er Jahre lebten in der Kleinstadt ca. 140 Bewohner mosaischen Glaubens; etwa ein Jahrzehnt später waren es kaum weniger.

1942 wurden die Juden Vodnanys - via Theresienstadt - in die Konzentrations- u. Vernichtungslager deportiert; die allermeisten kamen ums Leben.

Nach dem Krieg gründete sich hier keine jüdische Gemeinde mehr. In der früheren Synagoge ist seit Mitte der 1950er Jahre das städtische Museum untergebracht. 

 

Friedhofseingang und Teilansicht der Gräberreihen (Aufn. Fet'our, 2011, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Im Stadpark erinnert heute ein Denkmal an die Opfer des Nationalsozialismus.

Weitere Informationen:

Moritz Grünwald, Zur Geschichte der jüdischen Gemeinden in Pisek und Mirowitz, o.O. 1886

Jaroslav Rokycana, Písek – Contribution to tzhe History of Jews in Czech Countryside, Special edition of the Czech jewish Calendar, 1931

Jaroslav Polák-Rokycana (Bearb.), Dejiny Zidu v Pisku, in: Hugo Gold (Hrg.), Die Juden und Judengemeinden Böhmens in Vergangenheit und Gegenwart, Brünn/Prag 1934, S. 589 – 501

Jaroslav Polák-Rokycana (Bearb.), Wodnian, in: Hugo Gold (Hrg.), Židé a židovské obce v Čechách v minulosti a přítomnosti, Židovské nakladatelství, Brno - Praha 1934, S. 699 - 701

Jiri Fiedler, Jewish Sights of Bohemia and Moravia, Prag 1991, S. 117/118 (Mirotitz) und S. 199 (Wodnian)

Germania Judaica, Band III/2, Tübingen 1995, S. 1110/1111

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 2), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 998

Jewish Families from Písek, Bohemia, Czech Republic, online abrufbar unter: geni.com/projects/Jewish-families-from-P%25C3%25ADsek-Bohemia-Czech-Republic/15313

Jewish Families from Mirovice and Mirotice (Mirowitz und Mirotitz), Bohemia, Czech Republic, online abrufbar unter: geni.com/projects/Jewish-families-from-Mirovice-and-Mirotice-Mirowitz-und-Mirotitz-Bohemia-Czech-Republic/15337

The Jewish Community of Vodňany (Wodnian), Hrg. Beit Hatfutsot – The Museum of the Jewish People, online abrufbar unter: dbs.bh.org.il/place/vodnanay

Jewish Families from Vodňany (Wodnan), Bohemia, Czech Republic, online abrufbar unter: geni.com/projects/Jewish-families-from-Vod%25C5%2588any-Wodnan-Bohemia-Czech-Republic/15178