Polzin (Hinterpommern)

(Bad) Polzin - östlich von Schivelbein gelegen - war eine Stadt im Kreis Belgard, die sich auf Grund ihrer 1688 entdeckten Heilquellen zum Kurort entwickelte; es ist das heutige Polczyn Zdrój mit knapp 9.000 Einwohnern.

1711 erhielt der erste Jude, Jochim Salomon, ein Wohnrecht in der Stadt; ein Privileg garantierte ihm die Ausübung einer Handelstätigkeit mit Ellenwaren und Fellen. Bereits vor 1700 hatten sich zeitweilig Juden im Ort aufgehalten, um hier ihren Geschäften nachzugehen. Gegen Mitte des 18.Jahrhunderts lebten in der sich zum Kurort entwickelnden Kleinstadt vier jüdische Familien.

Die jüdische Gemeinde verfügte über eine Synagoge in der Mühlenstraße, der eine Religionsschule angeschlossen war. Seit den 1820er Jahren gab es in Polzin eine eigene jüdische Elementarschule in der Grabenstraße, die bis 1849 geführt wurde; anschließend besuchten die Kinder die hiesige Stadtschule.

Vermutlich wurde gegen Mitte/Ende des 18.Jahrhunderts westlich der Ortschaft eine jüdische Begräbnisstätte angelegt.

Juden in (Bad) Polzin:

    --- um 1765 ....................   4 jüdische Familien,

    --- 1812 .......................  22     “       “    ,

    --- 1831 ....................... 164 Juden,

    --- 1843 ....................... 248   “  ,

    --- 1852 ....................... 185   “  ,

    --- um 1880 ................ ca. 220   “  ,

    --- 1895 ....................... 128   “  ,

    --- 1909 ....................... 120   “  ,

    --- 1925 ....................... 140   “  (ca. 2% d. Bevölk.),

    --- 1932 ....................... 120   “  ,

--- 1939 (Mai) ............. ca.  30   “  .

Angaben aus: M.Heitmann/J.H.Schoeps (Hrg.), “Halte fern dem ganzen Land jedes Verderben ...”, S. 59/60

und             Wolfgang Wilhelmus, Geschichte der Juden in Pommern, Statistik S. 252

hist. Postkarte, um 1900 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Wie in zahlreichen anderen hinterpommerschen Orten war es im Sommer 1881 auch in Polzin zu antijüdischen Ausschreitungen gekommen, die sich vor allem gegen das Eigentum der hiesigen Juden richteten.         

Bad Polzin war Ziel jüdischer Kurgäste aus Posen und galt als „judenfreundlich“. Mehrere von Juden geleitete Kurhäuser prägten das Ortsbild, so das Cecilienbad, das große Kurhaus von Dr. Neuberg und das Kurhaus Finkelstein.

Während des Novemberpogroms von 1938 wurde die Synagoge demoliert; anschließend diente das Gebäude als Lagerraum; später wurde es abgerissen. In der Pogromnacht wurde ein jüdischer Einwohner von einem SA-Angehörigen erschossen; 15 wurden inhaftiert und ins KZ Sachsenhausen verschleppt. Über das weitere Schicksal der Polziner Juden liegen kaum gesicherten Angaben vor.

                       Synagogengebäude kurz vor dem Abriss (Aufn. aus: sztetl.org.pl)

In Groß Poplow, früher Popplau (poln. Popielewice) - ca. zehn Kilometer südöstlich von Polzin - ließen sich um 1660 die ersten jüdischen Familien nieder; sie wurden dazu von der adligen Grundherrschaft wegen ihrer zu zahlenden Abgaben „geschätzt“. Um 1775 lebten im Dorf immerhin ca. 40 Familien, die ihren schmalen Lebensunterhalt im Grenzhandel mit Schnitt- und Kurzwaren bestritten. Trotz kgl. Dekrets von 1776, dass Juden auf dem „platten Lande“ nicht mehr wohnen durften, blieb in Groß Poplow zunächst alles beim alten. Erst nach 1816 verließen die allermeisten Juden das Dorf. 

Neben einem eigenen, relativ großen Friedhofsgelände gab es im Dorf zwei Synagogen, die auch von Bewohnern umliegender Orte aufgesucht wurden. Nach 1900 wohnten in Groß Poplow zwei jüdische Familien, die der Gemeinde von Polzin angehörten. Von einstiger jüdischer Ansässigkeit sind heute keinerlei Spuren mehr vorhanden; der Friedhof ist verfallen, alle Grabsteine längst abgeräumt.

Weitere Informationen:

Gerhard Salinger, Die jüdische Gemeinde Polzin , in: M.Heitmann/J.H.Schoeps (Hrg), “Halte fern dem ganzen Land jedes Verderben ...” Geschichte und Kultur der Juden in Pommern, Georg Olms Verlag, Hildesheim/Zürich 1995, S. 59/60

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 1), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 76

Wolfgang Wilhelmus, Geschichte der Juden in Pommern, Ingo Koch Verlag, Rostock 2004

Gerhard Salinger, Die einstigen jüdischen Gemeinden Pommerns. Zur Erinnerung und zum Gedenken, New York 2006, Teilband 3, Teil III, S. 616 – 627 und S. 867 – 870 (Groß Poplow)

Polczyn Zdrój, in: sztetl.org.pl