Prestitz (Böhmen)

Das böhmische Prestitz - ca. 20 Kilometer südlich von Pilsen (Plzeň) gelegen - ist das heutige tschechische Přeštice mit derzeit ca. 7.000 Einwohnern.

In Prestitz siedelten sich Juden nachweislich bereits im 17.Jahrhundert an; doch möglicherweise könnte die jüdische Siedlungstätigkeit noch wesentlich älter sein und sogar bis ins 15.Jahrhundert zurückreichen.

Nachdem aus den umliegenden ländlichen Gemeinden Ende 19.Jahrhundert jüdische Familien nach Prestitz gekommen waren, bildete sich im Jahre 1881 eine selbstständige israelitische Kultusgemeinde, die zum religiösen Zentrum von sieben umliegenden kleineren Landgemeinden wurde. Dies belegten die Anlage eines jüdischen Friedhofs um 1900 und einer Synagoge 1910 in Prestitz.

Synagoge von Prestitz (hist. Postkarte, Sammlung Frantisek Banyai)

Das in Prestitz eingerichtete Rabbinat und die neue jüdische Schule, an der Deutsch gesprochen wurde, war für die gesamte Region zuständig. Doch bereits nach wenigen Jahren schloss die jüdische Schule ihre Pforten, die Schüler besuchten fortan öffentliche Schulen.

Juden in Prestitz:

        --- um 1860/65 ................. ca. 750 Juden,*    * im Distrikt Prestitz

    --- 1890 ........................... 303   “  ,

    --- um 1900 .................... ca. 430   “  ,*

    --- 1921 ........................... 185   “  ,

    --- 1930 ....................... ca. 220   “  ,*

             ...........................  99   “  ,

    --- 1933 ...........................  13 Familien,

    --- 1942/43 ........................  keine.    

Angaben aus: Hugo Gold (Hrg.), Gedenkbuch der untergegangenen Judengemeinden Böhmens, S. 516

Die Juden von Prestitz lebten in gesicherten ökonomischen Verhältnissen und nahmen Anteil am Aufschwung von Handel und Industrie; zahlreiche Familien lebten vom Textilhandel. Die in den Umlandgemeinden lebenden Familien arbeiteten als Landwirte und Viehhändler. Zu Beginn der 1930er Jahre zählte die jüdische Kultusgemeinde kaum mehr als 200 Angehörige. Mit der deutschen Besetzung war der Nieder- bzw. Untergang der kleinen Gemeinde besiegelt; nach ihrer Entrechtung und dem Verlust ihrer ökonomischen Basis wurden die Juden aus Prestitz im Laufe des Jahres 1942 deportiert; über Theresienstadt führte der Weg für die ca. 40 noch verbliebenen in die Vernichtungslager; nur drei von ihnen sollen das Kriegsende überlebt haben.

Nach 1945 bildete sich in Přeštice keine neue Gemeinde.

Das Synagogengebäude, das die NS-Zeit überdauert hat, wurde auf Weisung der tschechischen Behörden in den 1970er Jahren abgerissen. Der jüdische Friedhof ist dagegen heute noch erhalten; dank privater Initiative ist es gelungen, die das Begräbnisgelände umgebene Mauer und zahlreiche Grabsteine vor dem Verfall zu retten. Das Gelände macht heute einen relativ gepflegten Eindruck.

http://www.jewish-route.eu/deutsch/photogallery/hr-prestice2.jpg File:Přeštice Jewish Cemetery 01.JPG

Jüdischer Friedhof in Přeštice (Aufn. aus: jewish-route.eu) - ehem. Taharahaus (Aufn. Fet'our, 2011, aus: commons.wikimedia.org, gemeinfrei)

Etliche Thora-Rollen, die einstmals der Prestitzer Gemeinde gehörten, sind heute in verschiedenen Ländern zu finden; so werden diese heute noch von jüdischen Gemeinden in den USA, in Großbritannien und in Israel benutzt.

http://www.kohoutikriz.org/images/weise15.jpg Georg Leopold Weisel wurde 1804 in Prestitz geboren und übte den Beruf eines Arztes aus. Als Schriftsteller, Sammler und Herausgeber alter jüdischer Geschichte (u.a. Sammlung jüdischer Erzählungen/Märchen) machte er sich später einen Namen. Weisel, der bei seiner literarischen Tätigkeit stets an die Traditionen der böhmischen Juden erinnern wollte, verstarb 1877.

 

Eine der zum Prestitzer Synagogenbezirk zählenden Ortschaften war Malinetz (tsch. Malinec) - etwa 15 Kilometer südöstlich von Prestitz gelegen; hier waren Juden seit Mitte des 18.Jahrhunderts ansässig. Um 1840 lebten in Malinetz etwa 15 jüdische Familien; um 1890 waren es nur noch sechs Familien. Verstorbene wurden auf dem etwa sechs Kilometer entfernt liegenden jüdischen Friedhof in Schwihau (Svihov) begraben. Ab den 1890er Jahren verzogen fast alle Familien in größere Städte.

 

In Pomuk (tsch. Nepomuk) ist eine jüdische Gemeinschaft erst im 19.Jahrhundert nachweisbar; hier lebten um 1890 ca. 150 Juden. In einem Privathause befand sich ein Gebetsraum. Gegen Ende des 19.Jahrhunderts existierte in Nepomuk eine private jüdische Schule, die aber wenige Jahre später einging; fortan suchten die jüdischen Kinder die staatliche Schule auf. 

Über die Schicksale der jüdischen Familien Nepomuks liegen kaum Informationen vor. Auch Spuren jüdischer Geschichte gibt es heute in Nepomuk nicht mehr.

Weitere Informationen:

Hugo Gold, Die Juden und Judengemeinden Böhmens in Vergangenheit und Gegenwart I, Brünn/Prag 1934, S. 515/516

Hugo Gold (Hrg.), Gedenkbuch der untergegangenen Judengemeinden Böhmens, Aviv 1975

Jiri Fiedler, Jewish sights of Bohemia and Moravia, Prag 1991

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 2), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 1025

The Jewish Community of Prestice (Prestitz), Hrg. Beit Hatfutsot – The Museum of the Jewish People, online abrufbar unter: dbs.bh.org.il/place/prestice

Hillel J. Kieval/Daniel Polakovic, Leopold Weisel, in: The Yivo encyclopedia of Jews in eastern Europe, 2010 (online abrufbar unter: yivoencyclopedia.org/article.aspx/Weisel_Leopold)

Jewish Families from Přeštice (Prestitz), Bohemia, Czech Republic, online abrufbar unter: geni.com/projects/Jewish-families-from-P%25C5%2599e%25C5%25A1tice-Prestitz-Bohemia-Czech-Republic/15308 (Anm. mit namentlicher Nennung der Holocaust-Opfer)

Jews in Malinec, online abrufbar unter: jewishgen.org/AustriaCzech/towns/Malinek.htm

Daniel E. Smith (Bearb.), The Lives of the Jews of Přeštice, Westminster Synagogue, 2013