Pyritz (Hinterpommern)

   Pyritz - südwestlich von Stargard gelegen - ist das heutige polnische Pyrzyce mit derzeit etwa 13.000 Einwohnern.

Hinweise auf vorübergehende Ansiedlung von fünf jüdischen Familien datieren aus dem Jahre 1481; knapp zwei Jahrzehnte später mussten sie den Ort - ebenso andere pommersche Städte - wieder verlassen.

(PYRZYCE). Pyritz. "Pyritz in Pommern".

Erste urkundliche Belege von der dauerhaften Anwesenheit jüdischer Familien im Kreise Pyritz stammen aus dem ausgehenden 17.Jahrhundert.

Eine behördliche Befragung der hiesigen Ritterschaft stellte den damals hier lebenden und Handel treibenden Juden ein gutes Zeugnis aus; darin hieß es u.a.: ... daß sie über keinen Juden bishero zu klagen, sondern es hätten sich dieselbe sowohl bei dem Adel als Gemeinen in Handelungen wohl und löblich verhalten, alles was sie gekaufet, ehrlich und aufrichtig bezahlet, dergestalt, daß in diesem Kreise ihnen nichts Übles kann nachgesaget oder erwiesen werden, sondern seind im Handel vielmehr den Einwohnern nützlich als schädlich gewesen. ...”

Zu Beginn des 18.Jahrhunderts wohnten sieben jüdische Familien in Pyritz; sie waren seitens der hiesigen Kaufmannschaft mancherlei Anfeindungen ausgesetzt, die ihrerseits um ihre Geschäfte fürchtete.

Als erste Einrichtung der sich bildenden Gemeinde wurde um 1735 ein eigener Friedhof nahe dem Mühlengraben angelegt. Gegen Ende des 18.Jahrhunderts richtete die Gemeinde eine schlichte Synagoge in der Kleinen Wollweberstraße ein, die etwa 80 Jahre genutzt wurde; 1870/1871 wurde diese durch einen größeren Neubau ersetzt.

                         Synagoge in Pyritz (Lithographie um 1880)

Die jüdische Gemeinde Pyritz hatte sich im Laufe des 19.Jahrhunderts zur zweitgrößten Pommerns entwickelt.

Juden in Pyritz:

    --- um 1705 .......................   7 jüdische Familien,

    --- 1728 ..........................   5     “       “    ,

    --- um 1765 .......................  12     “       “    ,

    --- 1812 ..........................  34     “       “    ,

    --- 1816 ..........................  80 Juden,

    --- 1831 .......................... 203   “  ,

    --- um 1840 ....................... 236   “  ,                                           

    --- 1861 .......................... 299   “  ,     

--- 1871 .......................... 327   “  ,

    --- 1880 .......................... 265   “  ,

    --- 1895 .......................... 268   “  (ca. 3% d. Bevölk.),

    --- 1909 .......................... 146   “  ,

    --- 1925 ..........................  83   “  ,

    --- 1939 (Mai) ................ ca.  30   “  .

Angaben aus: M.Heitmann/J.H.Schoeps (Hrg.), “Halte fern dem ganzen Land jedes Verderben ...”, S. 60

und                 Wolfgang Wilhelmus, Geschichte der Juden in Pommern, Tabelle S. 252

Die Pyritzer Juden wurden 1840 in einer jüdischen Zeitung wie folgt beurteilt: „Die Juden in Pyritz sind die trefflichsten Stadt- und Staatsbürger, sie lieben ihren König und achten seine Gesetze hoch als die eines Gottesgesalbten, sie tragen nach Kräften zu den Kommunallasten und steuern oft doppelt zur Armenkasse, aber sie verschmähen fast jede Teilnahme an den städtischen Ehrenämtern, deren Führung ihnen unangenehm sein würde. ... Die Pyritzer Juden sind streng orthodox.”

Dass die jüdische Gemeinde zunehmend in die Pyritzer Kleinstadtgesellschaft integriert war, belegt um 1850 die Wahl des Vorstehers der jüdischen Gemeinde zum Ratsherrn. Gegen Ende des 19.Jahrhunderts war die Zahl der Gemeindeangehörigen stark rückläufig.

Pyritzmarkt.jpg Postkarte aus Pyritz, um 1890 (aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Anfang der 1930er Jahre lebten nur noch wenige jüdische Familien in Pyritz. Sie mussten miterleben, wie im April 1935 eine Gruppe der HJ zahlreiche Fenster der Synagoge zerstörte; die Jugendlichen hatten sich in ihrem Handeln von der NS-Propaganda leiten lassen, die einen Monat zuvor in der Pyritzer Zeitung verkündet hatte: „Die Juden sind die Totengräber des deutschen Volkes! Meidet jüdische Geschäfte! Kauft nur bei arischen Geschäftsleuten und berücksichtigt vor allem deutsche Handwerksmeister!” Auf Grund der Boykott- und Ausgrenzungsmaßnahmen gewannen zionistische Ideen unter der Judenschaft in Pyritz zunehmend Einfluss. Während des Novemberpogroms von 1938 wurde die Synagoge niedergebrannt.

Über das Schicksal der in Pyritz noch verbliebenen jüdischen Bewohner lassen sich keine gesicherten Angaben machen; einige verzogen in größere deutsche Städte, andere bis 1940 in der Stadt verbliebene Personen wurden von hier aus deportiert.

  Salomon Neumann, der später als Sozialmediziner und Gesundheitspolitiker sich einen Namen machte, wurde 1819 als Sohn eines Kleinhändlers in Pyritz geboren. Nach dem Abitur machte er ein Medizinstudium in Berlin und Halle-Wittenberg, das er mit der Promotion abschloss. Als praktizierender Arzt ließ er sich 1845 in Berlin nieder, wo sich sein sozial-politisches Engagement (als „Armenarzt“) zeigte: er war Mitbegründer des Gesundheitspflegevereins der Arbeiter und regte die Schaffung der ersten kommunalen Krankenhäuser in Berlin an. Fast ein halbes Jahrhundert gehörte Neumann als unabhängiger Linksliberaler der Berliner Stadtverordnetenversammlung an. Zeitlebens setzte sich Salomon Neumann für jüdische Belange jeder Art ein; u.a. gehörte er viele Jahre dem Berliner Lokalkomitee der „Alliance israélite universelle“ an; zudem war er Vorsitzender des Kuratoriums der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums. 1908 verstarb er hochbetagt in Berlin. Noch zwei Jahre zuvor hatte er die "Salomon Neumann-Stiftung für die Wissenschaft des Judentums" ins Leben rufen können, die bis in die NS-Zeit wissenschaftliche Projekte finanziell unterstützte.

Die 1986 geschaffene und seitdem jährlich verliehene Salomon-Neumann-Medaille würdigt heute besondere Verdienste in der Sozialmedizin.

In dem westlich von Pyritz gelegenen Ackerbürgerstädtchen Bahn (poln. Banie), Kreis Greifenhagen, existierte eine kleinere jüdische Gemeinde, deren Wurzeln in der ersten Hälfte des 18.Jahrhunderts lagen. Früheste Hinweise, dass Juden in Bahn sich aufgehalten haben sollen, stammen aber bereits aus dem späten Mittelalter. Dauerhafte Ansiedlung einiger weniger Familien datiert aus dem 17.Jahrhundert. Der erste Hinweis auf eine Synagoge in der Bischofstraße stammt aus der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts. Ihren Begräbnisplatz legte die Bahner Gemeinde nach 1812 nördlich der Stadt an.

Juden in Banie:

    --- 1812 ..........................  19 jüdische Familien,

    --- um 1850 .......................  94 Juden,

    --- 1861 ..........................  96   “  ,  

    --- 1871 .......................... 103   “  ,

    --- um 1900 ................... ca.  40   “  ,

    --- 1931 ...................... ca.  15   “  ,

--- 1938 ..........................   7   “  .

Angaben aus: Banie, in: sztetl.org.pl

1850/1860 erreichte die Kultusgemeinde mit knapp 100 Angehörigen ihren zahlenmäßigen Höchststand. In der Zeit des Ersten Weltkrieges war die auf wenige Familien dezimierte israelitische Gemeinde - inzwischen Filialgemeinde der Greifenberger Kreisgemeinde - in Auflösung begriffen.

Mitte der 1930er Jahre gab es im Städtchen noch sechs Geschäfte jüdischer Besitzer. Das Synagogengebäude in der Bischofstraße wurde 1935 veräußert.

                                      Synagogenruine in Banie (Aufn. um 1970?)

Überreste des jüdischen Friedhofs zeugen noch heute von der jüdischen Geschichte Bahns.

vgl.  Bahn (Hinterpommern)

Weitere Informationen:

Karl-Heinz Karbe, Salomon Neumann: 1819–1908. Wegbereiter sozialmedizinischen Denkens und Handelns, Leipzig 1983

M.Heitmann/J.H.Schoeps (Hrg.), “Halte fern dem ganzen Land jedes Verderben ...” Geschichte und Kultur der Juden in Pommern, Georg Olms Verlag, Hildesheim/Zürich 1995, S. 60

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 2), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 1041

Wolfgang Wilhelmus, Geschichte der Juden in Pommern, Ingo Koch Verlag, Rostock 2004

Gerhard Salinger, Die einstigen jüdischen Gemeinden Pommerns. Zur Erinnerung und zum Gedenken, New York 2006, Teilband 2, Teil III, S. 320 – 326 (Bahn) und Teilband 3, Teil III, S. 628 – 652 (Pyritz)

Pyrzyce. in: sztetl.org.pl

Ursula Reuter (Red.), aber Gerechtigkeit erhöhet ein Volk. Aus dem Leben von Salomon Neumann, in: Kalonymos – Beiträge zur deutsch-jüdischen Geschichte aus dem Salomon Ludwig Steinheim-Institut an der Universität Duisburg-Essen, 19. Jg./2016, Heft 4, S. 10/11