Quedlinburg (Sachsen-Anhalt)

 Quedlinburg an der Bode - derzeit ca. 22.000 Einwohner - ist eine Kleinstadt nördlich des Harzes im Landkreis Harz – ca. 15 Kilometer südlich von Halberstadt gelegen (Karte von Anhalt von 1897, Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei).

Erste Hinweise auf Ansiedlungen jüdischer Familien in Quedlinburg sind bereits seit Ende des 11./Anfang des 12.Jahrhunderts nachweisbar; hier und in der Vorharz-Region sollen zur Zeit der Kreuzzüge erste Pogrome stattgefunden haben. Die Äbtissin Bertradis stellte 1273 die Juden der Stadt unter ihren Schutz; sie wies die Bürger der Stadt an, die ortsansässigen Juden „in keinerlei Nachteile zu behelligen“. Über die Verfügungsgewalt über die Juden stritten Magistrat und Äbtissin ständig, wobei die Auseinandersetzung eigentlich um die Beherrschung der ganzen Stadt geführt wurde. Zunächst lebten die Juden Quedlinburgs vom Geldhandel, der aber nach 1450 hier keine größere Rolle mehr gespielt haben soll, da nun die Halberstädter Juden diesen Wirtschaftszweig bedienten. Im 13./14.Jahrhundert sollen Juden unmittelbar an der Stadtmauer, im zwischen Pulverturm und Schwertgasse gelegenen „Weingarten“ gelebt haben; in diesem Bereich sollen sich auch der jüdische Friedhof („Jodenkewer“) und die Synagoge befunden haben. Über die genaue Anzahl der damals hier lebenden Juden ist nichts bekannt. Ebenfalls ungeklärt ist ihr Schicksal in der Zeit der Pestpogrome; möglicherweise sollen sie fast gänzlich verschont geblieben sein. Im Jahre 1514 mussten alle Juden auf Weisung des sächsischen Kurfürsten Friedrich III. Quedlinburg verlassen.

Ansicht von Quedlinburg - Stich von Merian, um 1650 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Bis etwa 1800 war die Zahl der Familien, die sich in Quedlinburg niederlassen durften, stark begrenzt; zeitweilig war nur drei Familien gestattet, in der Stadt zu leben. Nach der Auflösung des Reichsstifts Quedlinburg (1802) und der nachfolgenden Episode französischer Herrschaft wurde die Ansiedlung von Juden wesentlich erleichtert. Als sich 1832 die neuzeitliche jüdische Gemeinde bildete, wurde auch ein Begräbnisplatz am Westrand der Stadt, in der Nähe der Westerhäuser Straße beim Münzenberg, angelegt. Der alte mittelalterliche Friedhof bestand damals nicht mehr.

1837 kaufte die jüdische Gemeinde das Haus „Hölle 5“; hier waren ein Synagogenraum, die Religionsschule und die Lehrerwohnung untergebracht; ganz in der Nähe gab es eine Mikwe. Als nach dem Ersten Weltkrieg die jüdische Gemeinde immer kleiner geworden war, musste das baufällige jüdische Gemeindehaus aufgegeben werden; bis 1930 nutzte man dann ein angemietetes Hofgebäude an der Ecke Goldstraße/Schmale Straße für gottesdienstliche Zwecke.

Juden in Quedlinburg:

    --- 1438 ............................   6 jüdische Familien,

--- seit 1465 ................... ca.  12     “       “    ,

    --- ab 1685 .........................   3     “       “    ,

    --- 1810 ............................  47 Juden,

    --- 1816 ............................  75   “  ,

    --- 1849 ............................  68   “  ,

    --- 1871 ............................  66   “  ,

    --- 1895 ............................  80   “  ,

    --- 1905 ............................ 112   “  ,

    --- 1910 ............................  88   “  ,

    --- 1925 ............................  38   “  ,

    --- 1933 ............................  44   “  ,

    --- 1937 ............................  53   “  ,*     *andere Angabe: 35 Pers.

    --- 1939 ............................  16   “  ,

    --- 1942 (Mai) ......................  keine.

Angavben aus: Jutta Dick/Marina Sassenberg (Hrg.), Wegweiser durch das jüdische Sachsen-Anhalt, S. 152

Der Großteil der Quedlinburger Juden verdiente seinen Lebensunterhalt mit mittleren und kleineren Handelsunternehmen; so gab es Pferde-, Leder- und Schnittwarenhändler. Größeren unternehmerischen Erfolg erreichte David Sachs mit einer 1878 gegründeten Samenzucht, die sogar internationale Bedeutung erlangte.

http://static0.akpool.de/images/cards/55/558467.jpg Marktplatz in Quedlinburg (hist. Postkarte, um 1910)

Nach 1910 wanderten zahlreiche junge jüdische Familien aus Quedlinburg ab, zurückblieben meist nur ältere Menschen; Zuzüge gab es kaum.

Nach der NS-Machtübernahme 1933 verließen weitere jüdische Einwohner die Stadt. Der von der NSDAP dominierte Stadtrat setzte Anfang April 1933 die Entlassung jüdischer Beschäftigter in städtischen Betrieben durch; ebenfalls sollten kommunale Aufträge nicht mehr an jüdische Unternehmen gehen.

In der Pogromnacht vom 9. auf den 10.November 1938 wurden die noch wenigen jüdischen Geschäfte, der jüdische Friedhof und das Wohnhaus der jüdischen Familie Sachs verwüstet. Beauftragt mit den Zerstörungen waren einige HJ-Angehörige; vermutlich gehörten zu den Tätern auch ortsansässige SA- oder SS-Männer, die in Zivil auftraten. Aufgehetzte Jugendliche sollen den jüdischen Geschäftsinhaber Richard Herz an einem Strick über den Marktplatz gezerrt und dort geschlagen haben; auf seinem Rücken musste er ein Holzkreuz tragen. In der Folge wurden die sich noch in jüdischen Händen befindenden Geschäfte „arisiert“. Die betroffenen Familien emigrierten daraufhin. Im April 1942 wurden die in Quedlinburg lebenden Juden deportiert. Den Holocaust sollen nur 14 Quedlinburger Juden überlebt haben.

Nach Kriegsende bildete sich in Quedlinburg keine neue jüdische Gemeinde mehr, da nur vier Überlebende bzw. Emigranten hierher zurückkehrten.

Der jüdische Friedhof Quedlinburgs wurde 1947 wieder instandgesetzt. Ende der 1970er Jahre ließen sich aber kaum noch Spuren des früheren Begräbnisplatzes erkennen, da die städtischen Behörden eine „Umgestaltung“ des Friedhofsgeländes (Grabsteine wurden entfernt und entsorgt) vorgenommen hatten. Nach 1989 wurde der Friedhof mit beträchtlichen finanziellen Mitteln – so gut es eben ging - restauriert.

    Eingangstor zum jüdischen Friedhof (Aufn. Hans-Peter Laqueur, 2007)

Mitte der 1990er Jahre war auch die Sanierung des einstigen Synagogengebäudes abgeschlossen.

Haus, in dem der jüdische Betsaal sich befand (Aufn. Raymond Faure)

Eine unscheinbare Tafel trägt den folgenden Text:

Ehemaliges Haus der Jüdischen Gemeinde

1819 - 1903   Synagoge der Jüdischen Gemeinde Quedlinburg mit Wohnung der Lehrers im Erdgeschoß

ab 1857         Juden aus Ditfurt, Gatersleben und Thale gehören zur Gemeinde

1844 - 1853 Dr. Ludwig Philippson, ein jüdischer Reformer predigt hier als Gastrabbiner

nach 1903     Verkauf des Hauses und Umbau. Bis zur nationalsozialistischen Verfolgung nutzt die Gemeinde gemietete Räume.

Zum Gedenken ihrer jüdischen Einwohner angebracht durch die Stadt Quedlinburg am 9.November 1998.

Seit 2017 findet man im Steinweg zwei sog. „Stolpersteine“, die an das jüdische Ehepaar Sommerfeld erinnern, die bis 1938 in Quedlinburg ein Textilgeschäft betrieben.

Stolperstein für Bruno Sommerfeld (Steinweg 81) Stolperstein für Berta Sommerfeld (Steinweg 81) verlegt am Steinweg (Aufn. M., 2017, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

Die David-Sachs-Straße in Quedlinburg erinnert heute an den einst in der Stadt tätigen jüdischen Unternehmer.

Der in Quedlinburg geborene und hier aufgewachsene Bernhard Loeser (1835–1901) begründete zusammen mit seinem Teilhaber Karl Wolff eine Tabakladen-Kette („Loeser & Wolff“) in Berlin; im Jahre 1901 gab es mehr als 60 Tabakwarengeschäfte obig genannter Firma. 

 Seit 1875 wurden in eigenen Betrieben in Ostpreußen Zigarren produziert. B. Loeser gelangte zu Wohlstand; sein Spendenangebot für den Neubau einer Synagoge in Quedlinburg schlug die Gemeinde aber aus, da der Spender den Einbau einer Orgel gewünscht hatte.

 

In Blankenburg - ca. 20 Kilometer westlich von Quedlinburg - sollen bereits um 1200 einige jüdische Familien gelebt haben bzw. ihre Geschäfte von Quedlinburg aus betrieben haben. Das Vorhandensein einer mittelalterlichen Synagoge in Blankenburg ist aber ungewiss.

Für kurze Zeit existierte in Blankenburg eine hebräische Druckerei.

In der Neuzeit besaß Blankenburg nur eine winzige jüdische Gemeinschaft (1913 ca. 25 Pers.), die aber über keinerlei gemeindliche Einrichtungen verfügte. Zu Zusammenkünften traf man sich in einem privaten Betraum.

Im Gefolge der Pogromereignisse von 1938 wurden Juden aus Blankenburg in verschiedene Lager verbracht. In einer Pressemeldung vom 11. Nov. 1938 hieß es: "Juden in in Schutzhaft genommen. Die Empörung über die verbrecherische Mordtat des Juden Grünspan rief im Laufe der letzten Nacht bei der Blankenburger Bevölkerung spontane Demonstrationen gegen Juden hervor. Einige Schaufenster gingen dabei in Trümmer. Zu ihrem eigenen Schutz wurden in Blankenburg wohnhafte Juden in Schutzhaft genommen. Im Jahre 1939 lebten noch zwölf jüdische Bürger in der Kleinstadt.

Weitere Informationen:

Johann Heinrich Fritsch, Die Juden in Quedlinburg, in: Halberstädter Blätter, Jg. 28/November 1823, S. 337 - 352

Herbert Lorenz, Die Juden in Alt-Quedlinburg, in: „Heimatborn“ – Beilage des Quedlinburger Kreisblatts, 4. Jan. 1934

Germania Judaica, Band II/2, Tübingen 1968, S. 668 – 670 und Band III/2, Tübingen 1995, S. 1157 - 1162

Helmut Eschwege, Geschichte der Juden im Territorium der ehemaligen DDR, Dresden 1990, Band I, S. 414 f.

M.Brocke/E.Ruthenberg/K.U.Schulenburg, Stein und Name. Die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland (Neue Bundesländer/DDR und Berlin), in: Veröffentlichungen aus dem Institut Kirche und Judentum, Hrg. Peter v.d.Osten-Sacken, Band 22, Berlin 1994, S. 567/568

Eberhard Brecht, Jüdische Familien in Quedlinburg 1933 - 1945, Maschinenmanuskript, 1995

Eberhard Brecht/Manfred Kummer, Die Juden in Quedlinburg - Geschichte, Ende und Spuren einer ausgelieferten Minderheit, Hrg. Verein zur Bewahrung jüdischen Erbes in Halberstadt und Umgebung e.V., Band 7: Juden in Quedlinburg, Halberstadt 1996

Geschichte jüdischer Gemeinden in Sachsen-Anhalt - Versuch einer Erinnerung, Hrg. Landesverband Jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt, Oemler-Verlag, Wernigerode, S. 216 f.

Manfred Kummer, Quedlinburg, in: Jutta Dick/Marina Sassenberg (Hrg.), Wegweiser durch das jüdische Sachsen-Anhalt, Verlag für Berlin-Brandenburg, Potsdam 1998, S. 150 - 157

Holger Brülls, Synagogen in Sachsen-Anhalt, in: Arbeitsberichte des Landesamtes für Denkmalpflege in Sachsen-Anhalt 3, Verlag für Bauwesen, Berlin 1998, S. 87 - 91

Reinhard Bein, Ewiges Haus: Jüdische Friedhöfe in Stadt und Land Braunschweig, Braunschweig 2004, S. 125/126

Auflistung der in Quedlinburg verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Quedlinburg

Eberhard Brecht, Zerstörte Lebenswelten: Juden in Quedlinburg 1933 – 1945, Mitteldeutscher Verlag Halle/Saale 2019