Randegg/Hegau (Baden-Württemberg)

Datei:Gottmadingen in KN.svg Randegg ist heute ein Ortsteil der Kommune Gottmadingen - westlich von Konstanz gelegen (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

In der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts waren mehr als 40% der gesamten Bevölkerung von Randegg Juden.

Um 1560 (andere Angabe: 1679) sollen sich die ersten jüdischen Familien im reichsritterschaftlichen Dorfe Randegg niedergelassen haben. Nachdem die Region während des Dreißigjährigen Krieges zwei Drittel ihrer Bevölkerung verloren hatte, wurden nach 1650 Juden zur Wiederbelebung der Wirtschaft und für den Wiederaufbau in den Ritterschaftsgebieten angesiedelt, so auch in Randegg. Bis ca. 1800 bildete die Judenschaft Randeggs eine von der christlichen Umgebung isolierte Genossenschaft - dies galt übrigens auch für die anderen jüdischen Gemeinden am Bodensee; die Vorsteher bzw. Rabbiner der Gemeinde hatten eine starke Stellung inne, die den einzelnen ins streng orthodox geprägte jüdische Leben einband.

Eine erste, hölzerne Synagoge gab es hier bereits Ende des 17.Jahrhunderts; um 1800/1810 wurde ein Neubau errichtet, der mitten im Dorfe an der Hauptstraße lag und bis 1938 als Gotteshaus diente. Im Hauptgebäude war der große Betsaal untergebracht, der über beide Stockwerke hinweg reichte. Den Frauen stand die Empore zur Verfügung, die einen Teil des Obergeschosses einnahm; der Zugang führte über eine steile Stiege. Die Plätze in der Synagoge waren erblicher Besitz der einzelnen Familien; durch Anteile an den Baukosten hatte man sich das Recht auf seinen angestammten Platz erworben. An das Synagogengebäude waren das Rabbinat und eine 1844/1845 neu erbaute jüdische Schule angeschlossen.

   Randegger Synagoge (um 1810)

                                       Jüdisches Schulhaus (Skizze um 1870) 

Vor der Einrichtung einer Schule wurden den jüdischen Kindern Elementarkenntnisse vom Rabbiner oder Vorsänger vermittelt, wobei die Unterweisung im Lesen hebräischer Schriften vorrangig war. Erster Lehrer war Leopold Moos; anlässlich seines 50jährigen Dienstjubiläums (1863) erhielt es in einem feierlichen Festgottesdienst die ihm vom Großherzog verliehene Verdienst-Medaille. Die israelitische Volksschule bestand bis 1876; die letzte Ausschreibung dieser Elementarlehrerstelle geschah noch unmittelbar vor dem Ende der Schule.

  Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. Dez. 1875

                     

Anzeigen aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 14.Nov. 1904 und vom 9.Juli 1925

Unter Eljakim Picard (geb. 1822), der an seinem Geburtsort fast fünf Jahrzehnte (von 1856 bis 1903) als Rabbiner tätig war, entwickelte sich die hiesige Gemeinde zu einer stark religiös geprägten Judenschaften Badens. Das seit Mitte des 18.Jahrhunderts in Randegg bestehende Rabbinat endete 1924 mit dem Weggang des letzten Rabbiners Emanuel Donath.

                  aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22.Mai 1924  

Anschließend betreute der Bezirksrabbiner aus Gailingen die hiesige Ortsgemeinde.

Service in Randegg-Baden (4464858879).jpg Gottesdienst in der Synagoge Randegg, um 1910 (Abb. Center for jewish history, NYC, aus: commons.wikimedia.org, CCO)

Der jüdische Friedhof muss vermutlich Ende des 17.Jahrhunderts bzw. im beginnenden 18.Jahrhundert im Gewann „Flözler“ angelegt worden sein; er grenzte unmittelbar an Schweizer Gebiet. In den Jahren zuvor war die Begräbnisstätte in Gailingen genutzt worden.

               Jüdischer Friedhof in Randegg (Gemälde Otto Dix, 1935)

Zwischen 1895 und 1938 gehörten die Juden Villingens als Filialgemeinde der Randegger Kultusgemeinde an.

Juden in Randegg:

    --- 1696 ............................   6 jüdische Familien,

    --- 1722 ............................  11   “         “    ,

    --- 1743 ............................  13   “         “    ,

    --- 1779 ............................  16   “         “    ,

    --- 1806 ............................  39   “         “   (ca. 210 Pers.),

    --- 1825 ............................ 289 Juden (ca. 40% d. Dorfbev.),

    --- 1834 ............................ 194   “  ,

    --- 1849 ............................ 351   “  ,

    --- 1858 ............................ 315   “   (ca. 32% d. Dorfbev.),

    --- 1871 ............................ 286   “  ,

    --- 1875 ............................ 225   “   (ca. 24% d. Dorfbev.),

    --- 1885 ............................ 252   “  ,

    --- 1900 ............................ 179   “  ,

    --- 1905 ............................ 169   “  ,

    --- 1925 ............................  79   “   (ca. 10% d. Dorfbev.),

    --- 1933 ............................  62   “  .

Angaben aus: Samuel Moos, Die Geschichte der Juden im Hegaudorf Randegg, S. 36

Zur Zeit des Synagogenbaus stellten die Juden in dem kleinen Ort etwa ein Drittel der Gesamtbevölkerung; ihre hohe Anzahl drückte sich auch in dem relativ großen Synagogengebäude mit seiner repräsentativen Fassade aus. Die höchste Zahl jüdischer Bewohner wurde um 1850 mit ca. 350 Personen erreicht.

                  In der Zeitschrift „Der Israelit” wird am 24. Oktober 1860 das Randegger Gemeindeleben folgendermaßen geschildert:

Randegg, im Badischen Seekreise. Die hiesige isr. Gemeinde bietet in religiöser Beziehung ein höchst erfreuliches Bild: die verschiedenen wohlthätigen Vereine wetteifern, unsre Synagoge zu schmücken und zu den seit längerer Zeit bestehenden gesellen sich stets neue. So wurde am verflossenen Beschlußfeste in Folge einer ergreifenden Predigt unseres hochverehrten Herrn Rabbiners, E. Piccard, ein Krankenverein für verschämte Arme gegründet, zu dem gleich nach dem Feste 700 Fr. zusammengeschossen wurden. In der Synagoge herrscht wahrhafte Andacht, gepaart mit Anstand und Ordnung. Die Jugend wird im Geiste der Gotteslehre erzogen und viele brave Jünglinge befleißigen sich des Talmudstudiums. ...

Die Randegger Juden lebten damals größtenteils vom Viehhandel und betrieben zumeist eine kleine Landwirtschaft im Nebenerwerb. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es zahlreiche Gewerbetriebe und Läden am Ort, die im Besitz jüdischer Familien waren. Einen streng koscher geführten jüdischen Gasthof (später dann „Hotel zur Krone“) gab es bereits seit den 1840er Jahren im Ort.  

   Anzeigen des Gasthofs „Zur Krone” (um 1875 und 1890)

Mitte des 19.Jahrhunderts setzte mit der vollständigen bürgerlichen Gleichstellung der Juden die Landflucht ein. Auch in Randegg ging nach 1870 der jüdische Bevölkerungsteil erheblich zurück. Nach 1933 mussten die wenigen jüdischen Betriebe aufgeben; wer konnte, wanderte ab.

Während des Novemberpogroms von 1938 wurde die Randegger Synagoge durch ein SS-Kommando aus Radolfzell zerstört; eine Sprengladung ließ die Decke der Synagoge einstürzen; dabei wurden wertvolle Ritualien - allein zehn Thorarollen - vernichtet. Unmittelbar vor der Zerstörung waren die Randegger Juden von einem SS-Trupp eingesperrt worden.

Synagoge nach der Sprengung (aus: S.Moos, Geschichte ...) 

Die Synagogenruine wurde wenig später abgerissen. 

Am 22.Oktober 1940 wurden die 17 damals noch in Randegg lebenden jüdischen Einwohner - zusammen mit Tausenden anderen - ins südfranzösische Gurs deportiert. Mindestens 23 Randegger Juden wurden Opfer der Shoa.

In der Otto-Dix-Straße in Randegg befindet sich seit 1968 in einer Parkanlage ein Gedenkstein, der eine Bronzetafel mit der folgenden Inschrift trägt:

Hier stand die Synagoge der Israelitischen Gemeinde Randegg.

Sie wurde am 10.November 1938 unter der Herrschaft der Gewalt und des Unrechts zerstört.

2013/2014 wurden Grabungen auf dem Synagogenplatzes vorgenommen; dabei wurden die Grundmauern der Synagoge und die ehemalige Mikwe freigelegt.

    

freigelegte Mikwe (links: Aufn. aus: gottmadingen.de  -  rechts: Aufn. Dieter Fleischmann, 2014)

Eine in ihrer Gestaltung ungewöhnliche stählerne Skulptur, in die Leerräume mit 59 Namen hineingestanzt sind, erinnert seit August 2014 auf dem neu gestalteten Randegger Synagogenplatz an jene Bürger, die im Zuge des Pogroms von 1938 aus Randegg vertrieben wurden.

       Skulptur mit 59 Namen (Aufn. Tesche, 2014, aus: suedkurier.de)

Eine dort angebrachte Inschrift lautet: "Hier stand die um 1810 erbaute Synagoge der israelitischen Gemeinde Randegg. 1938 in der Pogromnacht wurde sie zerstört. Jüdische Frauen, Männer und Kinder mussten fliehen, wurden deportiert und ermordet. Der leere Platz ist ein Ort der Trauer und Mahnung. Die Stahlbänder zeigen die Umrisse des jüdischen Gotteshauses. Die Namen erinnern an die jüdischen Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft aus Randegg.“

Der nach 1945 mehrfach schwer geschändete jüdische Friedhof weist heute noch etwa 330 Grabsteine auf.

Blick auf den jüdischen Friedhof (Aufn. Hans Krapf, 2009, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Weitere Informationen:

Otto Denzel, Aus der Geschichte des Schlosses und des Dorfes Randegg im Hegau, in: Festschrift zur 100-Jahrfeier des Gesangvereins Randegg, 1967

F.Hundsnurscher/G.Taddey, Die jüdischen Gemeinden in Baden - Denkmale, Geschichte, Schicksale, Hrg. Archivdirektion Stuttgart, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1968, S. 239 - 243

Paul Sauer, Die Judengemeinden im nördlichen Bodenseeraum, in: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 128.Bd./1980, S. 327 ff.

Harold Hammer-Schenk, Synagogen in Deutschland. Geschichte einer Baugattung im 19. u. 20.Jahrhundert, Hans Christians Verlag, Hamburg 1981, Teil 1, S. 24 und Teil 2, Abb. 12

Gerhard Wilhelm Daniel Mühlinghaus, Der Synagogenbau des 17. u. 18.Jahrhunderts im aschkenasischen Raum, Dissertation, Philosophische Fakultät Marburg/Lahn, 1986, Band 2, S. 288

Samuel Moos, Die Geschichte der Juden im Hegaudorf Randegg, Hrg. im Auftrag der Gemeinde Gottmadingen, Hegau-Bibliothek, Band 42/1986

Joachim Hahn, Erinnerungen und Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, S. 305/306

A.P. Kustermann/D.R.Bauer (Hrg.), Jüdisches Leben im Bodenseeraum - Zur Geschichte des alemannischen Judentums ..., Schwabenverlag, Ostfildern 1994, S. 47 f.

Monika Preuß (Bearb.), Der jüdische Friedhof in Gottmadingen-Randegg, Unveröffentlichte Grunddokumentation des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg, 1995

Dieter Fleischmann, Auf den Spuren des jüdischen Randegg, in: Wolfgang Kramer (Hrg.), Gottmadingen vom Bauerndorf zur Industriegemeinde, Gottmadingen/Radolfzell 1997, S. 513 - 525

Ulrich Baumann, Zerstörte Nachbarschaften. Christen und Juden in badischen Landgemeinden 1862 - 1940, in: Studien zur jüdischen Geschichte Band 7, Dölling und Galitz Verlag, Hamburg 2001

Joachim Hahn/Jürgen Krüger, “Hier ist nichts anderes als Gottes Haus ...” Synagogen in Baden-Württemberg, Teilband 2: Orte und Einrichtungen, Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2007, S. 160 – 162

Jüdische Kultur im Hegau und am See“, in: HEGAU – Zeitschrift für Geschichte, Volkskunde und Naturgeschichte des Gebietes zwischen Rhein, Donau und Bodensee, Jahrbuch 64/2007, S. 59 – 62, S. 103 – 120, S. 121 – 126, S. 197/198 und S. 217 – 224

Helmut Fidler, Jüdisches Leben am Bodensee, Verlag Huber Frauenfeld/Stuttgart/Wien 2011

Randegg, in: alemannia-judaica.de (mit zahlreichen Text- u. Bilddokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Matthias Biehler (Red.), Ein Mahnmal am Straßenrand, in: "Südkurier" vom 22.8.2014

Randegg im Hegau/Gemeinde Gottmadingen (Hrg.), 800 Jahre Randegg, 1214 - 2014: Christliche Gemeinde - Jüdische Gemeinde, Hegau-Bibliothek, Band 152 (Taschenbuch), 2014