Reckendorf (Oberfranken/Bayern)

Datei:Reckendorf in BA.svg Die Ortschaft Reckendorf mit seinen derzeit ca. 2.000 Einwohnern gehört zur Verwaltungsgemeinschaft Baunach - etwa 20 Kilometer nördlich von Bamberg gelegen (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Im oberfränkischen Reckendorf waren zu Beginn des 19.Jahrhunderts fast ein Drittel der Gesamtbevölkerung Juden; damit gehörte die  Gemeinde zu den größeren jüdischen Landgemeinden Bayerns.

Die ersten Juden siedelten sich gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges im stark zerstörten Dorf Reckendorf an; wenig später gründete sich hier eine jüdische Gemeinde, deren Angehörige unter dem Schutz der Herren von Rotenhan standen. Da die Mitgliederzahl der jüdischen Gemeinde in Reckendorf relativ hoch war, befand sich hier zwischen 1762 und 1865/70 ein Ortsrabbinat.

 

Anzeigen aus: „Allgemeine Zeitung des Judentums“ vom 16.Sept. 1850 und aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30.Okt. 1867

Ende der 1850er Jahre wurde das Rabbineramt von einem liberal orientierten Manne bekleidet, dessen Wirken Reformen im Kultusleben brachten; auch der letzte Ortsrabbiner, David Hirsch Haas, setzte diese Bestrebungen fort. Als die Zahl der Gemeindeangehörigen gesunken war, wurde Reckendorf im Jahre 1866 dem Bezirksrabbinat Burgpreppach angegliedert.

Die aus Sandstein errichtete Synagoge wurde 1726 (oder 1732) im Ortskern, am Ahornweg, fertiggestellt; sie wurde im Laufe des 19.Jahrhunderts erweitert und mehrfach renoviert. Nach einer kompletten Neugestaltung des Innenraumes wurde das Gebäude im August 1851 neu eingeweiht.

Darüber berichtete die „Allgemeine Zeitung des Judentums” am 13.11.1851:

Aus dem Baunachsgrunde, Ende September (Privatmitth.). Eine der ersten größten israelitischen Gemeinden des unterfränkisch-aschaffenburgischen Kreises ist Reckendorf, 70 Familien zählend. Am 8. August d.J. feierte diese Gemeinde die Wiedereröffnung ihrer neu restaurierten Synagoge, wohl eine der schönsten Unterfrankens, auf eine ebenso schöne als würdevolle Weise.  Unter dem Andrange einer zahlreichen Volksmenge und vieler Notabilitäten der Umgegend begann Freitag Abends in geregelter Ordnung der Einzug in die Synagoge, an dessen Spitze der Lehrer mit seinem aus der Schuljugend neu gebildeten Chore, hierauf der hiezu berufene Rabbiner Herr Adler aus Burgpreppach, nebst dem Vorsänger, welchen sich sodann sämtliche Kultusmitglieder paarweise anschlossen. Nachdem das Gebet beim Eintritte in die Synagoge, sowie mehrere dem Feste anpassende Psalmen rezitativweise vom Vorsänger und dem Chore andachtsvoll vorgetragen worden waren, folgt der vom Lehrer Schwed zu diesem Zwecke angefasst sinnreiche Einleitungsgesang, hierauf die Festpredigt des Rabbinen, endlich wurden noch einige deutsche Gesänge mehrstimmig angesungen. Sämtliche Vorträge hatten sich des ungeteiltesten Beifalls des anwesenden Publikums zu erfreuen. Nun begann der Abendgottesdienst, und mit diesem ein siegreicher Schritt unserer Liturgie. So gern man hier bei der Festhaltung der hergebrachten Vätersitte verweilt, und die im Kultus bestehenden Formen und Gebräuche im Hause wie in der Synagoge treulich übt, so begrüßte man dennoch mit Freuden den vom Lehrer und Vorsänger gebildeten Chor, welcher von nun an beim feiertäglichen Gottesdienste eingeführt wurde.
Entspricht nun der schöne symmetrische Bau unseres Gotteshauses einerseits allen äußeren Erwartungen, so werden andererseits die herzlichen Empfindungen tief ergriffen und bewegt, wenn auch der Gottesdienst in stiller Andacht, Ruhe und Ordnung mit Choralgesang abgehalten wird – wie dies jetzt geschieht – wonach Tempel und Gebet harmonieren, und den leidigen Indifferentismus allmählich verschwinden machen. S.“

An der Westseite des Gebäudes befand sich der Männer-Eingang; die Frauen betraten über eine Treppe an der Nordseite die als Empore gestaltete „Frauenschul“.

  

vor der Restaurierung (Aufn. J. Hanke um 2000) und danach (Aufn. GFreihalter, 2010, in: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Das Gebäude zählt zu den letzten noch weitgehend erhaltenen Landsynagogen in Franken. Eine Mikwe im Keller eines Privathauses soll bis in die NS-Zeit hinein genutzt worden sein.

Zur Erledigung gemeindlicher Aufgaben war ein Lehrer in Anstellung, der neben der religiösen Unterweisung der Kinder auch Vorbeter- und Schächterdienste ausführte. Angesichts der Gemeindegröße waren diese Verrichtungen zeitweise auf zwei Personen verteilt; ab den 1890er Jahren war es dann nur noch eine Person.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20192/Reckendorf%20AZJ%2020011874.jpg 

Anzeigen aus: "Frankfurter Israelitisches Familienblatt" vom 20. 1.1874 und vom 3.1.1913

Die am Orte seit den 1830er Jahren bestehende jüdische Elementarschule - gegenüber der Synagoge gelegen - musste 1910 wegen Schülermangels schließen. Danach gab es noch eine jüdische Religionsschule, in der die nur noch wenigen jüdischen Kinder von einem auswärtigen Lehrer unterrichtet wurden.

Einen eigenen Bestattungsplatz unterhielt die Judenschaft Reckendorfs am nahe gelegenen Lußberg; die erste Bestattung erfolgte hier im Jahre 1798. Zuvor waren die verstorbenen Gemeindeangehörigen auf dem jüdischen Friedhof in Ebern beigesetzt worden. Wegen der beschwerlichen Überführung der Toten von Reckendorf nach Ebern hatten sich die Reckendorfer Juden schon länger bemüht, am Ort einen Bestattungsplatz anlegen zu dürfen. Der Vorschlag der Ortsherrschaft, den Friedhof im Hof der Synagoge anzulegen, war seitens der Gemeinde abgelehnt worden; schließlich gelang es einen „halben Acker“ für diesen Zweck zu erwerben.

Juden in Reckendorf:

        --- um 1750 .................... ca.  60 jüdische Familien,

    --- 1793 ...........................  63     “       “    ,

    --- 1814 ...........................  67     “       “   (ca. 32% d. Dorfbev.),

    --- 1826 ....................... ca.  80     “       “   ,

    --- 1852 ........................... 303 Juden (ca. 28% d. Dorfbev.),

    --- 1867 ........................... 190   “  ,

    --- 1875 ........................... 138   “   (ca. 13% d. Dorfbev.),

    --- 1890 ...........................  86   “   (ca. 9% d. Dorfbev.),

    --- 1900 ...........................  55   “   (ca. 6% d. Dorfbev.),

    --- 1910 ...........................  32   “  ,

    --- 1925 ...........................  20   “  ,

    --- 1933 ...........................  20   “  ,

    --- 1939 (Mai) .....................  10   “  ,

    --- 1942 (Mai) .....................  keine.

Angaben aus: Klaus Guth (Hrg.), Jüdische Landgemeinden in Oberfranken (1800 - 1942), S. 284

und                 Eva Groiss-Lau, Jüdisches Kulturgut auf dem Land, S. 193 f.

Ab Mitte des 19.Jahrhunderts wanderten die jüdischen Dorfbewohner verstärkt ab; die Zahl der Juden in Reckendorf ging in relativ kurzer Zeit um mehr als die Hälfte zurück. Zu Beginn des 19.Jahrhunderts arbeiteten die Juden hauptsächlich im Handel; später verlagerte sich der Berufsschwerpunkt immer mehr in Richtung Handwerk.

Zu Beginn der NS-Zeit lebten nur noch wenige jüdische Familien im Dorf; nach 1935 machten ihnen örtliche NSDAP-Mitglieder das Leben schwer.

In der „Reichskristallnacht“ 1938 drangen SA-Angehörige, aber auch Dorfbewohner in von Juden bewohnte Häuser ein und zertrümmerten die Inneneinrichtungen. Anschließend wurden die männlichen Bewohner gezwungen, eigenhändig die Synagogeneinrichtung zu zerstören; das Inventar mitsamt der Ritualien wurde auf dem Sportplatz verbrannt. Gegen eine Brandlegung des Synagogengebäudes sollen sich Dorfbewohner gewehrt haben; einige sollen laut ihren Unmut über die NS-Gewalttaten geäußert haben. Der letzte Kultusvorsteher verkaufte das Synagogengebäude an die Kommune Reckendorf; anschließend diente es als Lagerraum und als Kriegsgefangenenunterkunft. Nach dem Krieg war in dem nun privat genutzten Gebäude vorübergehend eine Schuhfabrik, danach ein Lager einer Brauerei untergebracht. Auch das ehemalige jüdische Schulhaus ging 1938 in Privathand über und diente seitdem als Wohnhaus. Bis 1941 war - mit Ausnahme von vier älteren Jüdinnen - allen jüdischen Bewohnern die Emigration gelungen.

Der von einer massiven Steinmauer umgebene Friedhof mit seinen etwa 400 Grabsteinen - darunter gut erhaltene Grabmale aus älterer Zeit - ist heute in einem sehr gepflegten Zustand. Der älteste vorhandene Stein stammt aus dem Jahre 1798.

Friedhof in Reckendorf (Aufn. Jürgen Hanke, um 2010)

Ältere Grabstätten (Aufn. Immanuel Giel, 2003 und GFreihalter, 2010, beide Aufn. aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

2004/2005 wurde das ehemalige Synagogengebäude, das von der politischen Gemeinde erworben wurde, mit Landesmitteln grundlegend saniert; das Gebäude dient heute als „Haus der Kultur“.

Bei den Umbauarbeiten wurde eine Genisa mit einer Vielzahl von Fundstücken entdeckt, so Textil- und Lederreste, Thora-Wimpel aus dem 17. Jahrhundert und auch literarische Relikte. Aus einem Teil der Genisafunde wurde 2007 eine Dauerausstellung zusammengestellt, die auf der Empore Platz fand. Andere Fundstücke sind im Jüdischen Museum in Fürth ausgestellt.

Seit 2006 informiert eine Tafel am Gebäude über die jüdische Ortsgeschichte und über das Schicksal der letzten jüdischen Bewohner, die im Frühjahr 1942 deportiert wurden.

Weitere Informationen:

Seligmann Pfeifer, Kulturgeschichtliche Bilder aus dem jüdischen Gemeindeleben zu Reckendorf, Selbstverlag, Bamberg 1898 (Anm.: S. Pfeifer war Schreiber der jüdischen Gemeinde Reckendorf)

Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945. Geschichte und Zerstörung, Oldenbourg-Verlag, München/Wien 1979, S. 387 - 389

Karl H. Mistele, Jüdische Sachkultur auf dem Lande. Der Nachlaß des Mosche Wolf aus Reckendorf, in: Historischer Verein für die Pflege der Geschichte des ehemaligen Fürstbistums Bamberg 120 (1984), S. 589 - 596

Gerhard Wilhelm Daniel Mühlinghaus, Der Synagogenbau des 17. u. 18.Jahrhunderts im aschkenasischen Raum, Dissertation, Philosophische Fakultät Marburg/Lahn, 1986, Band 2, S. 289

Petra Weiß, Reckendorf, in: Klaus Guth (Hrg.), Jüdische Landgemeinden in Oberfranken (1800 - 1942). Ein historisch-topographisches Handbuch, Bayrische Verlagsanstalt Bamberg, Bamberg 1988, S. 282 - 289

Israel Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern - Eine Dokumentation, Hrg. Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1992, S. 233/234

Michael Trüger, Der jüdische Friedhof in Reckendorf, in: Der Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern, 9. Jg. No. 61 vom März 1994 S. 19 f.

Barbara Lux, Die jüdische Landgemeinde Reckendorf im 19. und 20.Jahrhundert, Magisterarbeit, Universität Bamberg 1994

Eva Groiss-Lau, Jüdisches Kulturgut auf dem Land. Synagogen, Realien und Tauchbäder in Oberfranken, Hrg. Klaus Guth, Deutscher Kunstverlag, München/Berlin 1995, S. 37 f.

H.Christian Haas, Die Synagoge in Reckendorf/Ofr. - Untersuchungen zur Baugeschichte, Bamberg 2002 (Manuskript)

Reckendorf, in: alemannia-judaica.de (mit Text- u. Bilddokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Klaus Guth, Erinnern, Erzählen, Vergessen. Über den Umgang mit Erinnerungen an den jüdischen Alltag auf dem Land während des Dritten Reiches, in: Klaus Guth (Hrg.), Deutsche - Juden - Polen zwischen Aufklärung und Drittem Reich, Michael Imhof Verlag, Petersberg 2005, S. 183 - 187

Herbert Liedel/Helmut Dollhopf, Jerusalem lag in Franken. Synagogen und jüdische Friedhöfe, Echter-Verlag GmbH, Würzburg 2006, S. 122 – 125

A. Hager/H.-Chr. Haas, Reckendorf, in: Mehr als Steine ... Synagogengedenkband Bayern, Band 1, Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg/Allgäu 2007, S. 201 - 208

Adelheid Waschka, Reckendorf – Kultur und Kultus in einer fränkischen Landgemeinde, Hrg. Kommune Reckendorf, 2007 (diverse Aufsätze)

Hans-Peter Süss, Jüdische Archäologie im nördlichen Bayern. Franken und Oberfranken, in: Arbeiten zur Archäologie Süddeutschlands Band 25, Büchenbach 2010, S. 106 - 109

Nicole Grom, Dokumentation des jüdisches Friedhofs in Reckendorf. Geschichte – Begräbniskultur - Bestand, Dissertation an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, Bamberg 2013

Genisa-Ausstellung im "Haus der Kultur - Ehemalige Synagoge Reckendorf, 2014