Rehburg (Niedersachsen)

Datei:Rehburg-Loccum in NI.svg Rehburg ist mit derzeit ca. 11.500 Einwohnern heute ein Ortsteil der Kommune Rehburg-Loccum im Südosten des Landkreises Nienburg/Weser (Karte: Lage von Rehburg-Loccum im Kreis Nienburg/Weser, aus: Hagar 2010, in: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Aus dem Jahre 1707 stammt der ältest erhaltene Schutzbrief eines Juden aus der Region Rehburg/Loccum; in Rehburg selbst sind jüdische Bewohner erst seit ca. 1800 in einem Ratsprotokoll nachweisbar. Kleinhandel und Metzgerei waren die Haupterwerbsgrundlagen der hier lebenden jüdischen Familien.

Im beginnenden 19.Jahrhundert versammelten sich die jüdischen Bewohner zu Gottesdiensten zunächst in privaten Räumlichkeiten. Seit ca. 1835 verfügte die kleine Gemeinde über eine Synagoge in der Mühlentorstraße, die in einem angekauften schon bestehenden Hause untergebracht war; diesem war auch eine Mikwe angeschlossen. Bei der Einweihung der Synagoge war auch der Rehburger Pastor Leopold zugegen, der in seiner Rede u.a. sagte: „Jeden Eingang in dieses Haus und jeder Ausgang aus diesem Haus segne Gott, der Einige, der Ewige, der Allheilige“.

  Ehem. Synagogengebäude (Aufn. aus: stolpersteine-rehburgloccum.de)

Anmerkungen: Nach dem Erwerb des Gebäudes durch die jüdische Gemeinde waren Umbauten vorgenommen worden: So befand sich im Erdgeschoss des rückwärtigen Hausteils der ca. 45m² große Betsaal; eine schmale Empore auf der Westseite war den Frauen vorbehalten. In der Westwand entstand ein kleiner Erker, der als Thora-Schrein diente. In den anderen Räumen waren eine Religionsschule und Wohnräume untergebracht.

Etwa zeitgleich richtete man eine kleine Schule ein, an der anfänglich Elementar-, später dann nur noch Religionsunterricht erteilt wurde; in den letzten Jahren ihres Bestehens war ein Wanderlehrer für die Unterrichtung der wenigen Kinder zuständig. Wegen der rückläufigen Zahl der Gemeindeangehörigen wurden seit der Jahrhundertwende nur noch unregelmäßig Gottesdienste abgehalten. 1934 wurde die Synagoge teilzerstört; mit finanzieller Unterstützung der jüdischen Gemeinde Hannover konnte der Bau erneuert werden.

Ein eigenes Friedhofsgelände stand seit den 1850er Jahren östlich des Ortskerns „Am Gieseberg“ zur Verfügung; das zunächst mit einem Wall umfriedete Areal wurde 1913 mit einer Mauer umgeben.

Der Synagogengemeinde Rehburg, die dem Landrabbinat Hannover unterstand, war auch der nahegelegene Kurort Bad Rehburg angeschlossen.

Juden in Rehburg:

    --- 1848 .......................... 68 Juden (in 14 Familien),*   * Synagogengemeinde

    --- 1861 .......................... 64   “  ,

    --- 1871 .......................... 57   “  ,

    --- 1885 .......................... 34   “  ,

    --- 1895 .......................... 27   “  ,

    --- 1925 .......................... 18   “  ,

    --- 1933 ...................... ca. 15   “  ,

    --- 1939 .......................... 10   “  .

Angaben aus: N.Kratochwill-Gertich/A.C.Naujoks (Bearb.), Rehburg, in: H. Obenaus (Hrg.), Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen ..., Bd. 2, S. 1298

Zu Beginn der 1930er Jahre lebten nur noch sehr wenige Familien in der Kleinstadt. Noch vor dem Novemberpogrom von 1938 verließen weitere Juden Rehburg; die hier verbliebenen mussten miterleben, wie der Innenraum ihrer Synagoge verwüstet und das Inventar auf der Straße verbrannt wurde.

Im Eintrag in der Rehburger Schulchronik hieß es dazu:„ Hier sind noch 5 jüdische Familien wohnhaft, während eine im Laufe des Sommers auswanderte, alle fleißig und harmlos. Die SA durchsuchte die Wohnungen am 10.11.38 vormittags. Man fand nichts Bedeutendes. Die Synagoge hier wurde ausgeräumt (zerschlagen), das Gerümpel auf dem Marktplatz verbrannt.“ Fünf jüdische Männer wurden „in Schutzhaft“ genommen und dem KZ Buchenwald überstellt, wo einer von ihnen ums Leben kam. Im Frühjahr 1939 wurde das Synagogengebäude vom letzten Vorsteher der Gemeinde, Alfred Birkenruth, verkauft.

Anfang 1942 wurden die wenigen noch in Rehburg lebenden Juden – via Gartenbauschule Ahlem - deportiert; die letzte Jüdin verschleppte man noch im Febr. 1945 (!) nach Theresienstadt; sie überlebte als einzige Angehörige der jüdischen Gemeinde Rehburg.

Der jüdische Friedhof an der Düsselburger Straße/Am Gieseberg wurde in der NS-Zeit schwer geschändet und geschlossen; um 1950 wurde dieser wieder instand gesetzt. Er ist mit seinen ca. 35 Grabstätten heute das einzige bauliche Relikt, das noch an die ehemalige kleine jüdische Gemeinde erinnert.

 Jüd. Friedhof Rehburg (Aufn. A. Hindemith, 2014, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

Im Oktober 2014 wurden die ersten sog. „Stolpersteine“ in Rehburg-Loccum verlegt. Allein für die Familie Freundlich sind in der Alten Poststraße in Rehburg acht Steine verlegt worden; die drei abgebildeten "Stolpersteine" erinnern an die Kinder der Familie, die im Ghetto Warschau umkamen.

Stolperstein für Gerda Irmgard Freundlich Stolperstein für Heinz Wolfgang Freundlich Stolperstein für Kurt Freundlich Aufn. Gmbo, 2015, aus: wikipedia.org, gemeinfrei

... verlegt in der Mühlentorstraße Stolperstein Rehburg-Loccum Mühlentorstraße 14 Emmy Goldschmidt Stolperstein Rehburg-Loccum Mühlentorstraße 14 Max Goldschmidt Stolperstein Rehburg-Loccum Mühlentorstraße 26 Jakob Löwenstein Stolperstein Rehburg-Loccum Mühlentorstraße 26 Jeanette Löwenstein

Jüngst wurde das Kassabuch (Zedakabuch) der ehemaligen jüdischen Gemeinde Rehburg wiederentdeckt, das Einkünfte/Ausgaben der Gemeinde aus der Zeit des beginnenden 19.Jahrhunderts (von 1803 bis 1828) dokumentiert hat.

Die hebräischen Schriftzeichen sind zwar übersetzt worden – viele Fragen bleiben aber dennoch offen. ein Blatt des Kassabuches der jüdischen Gemeinde Rehburg (aus: kreizeitung.de)

Weitere Informationen:

Werner Hübner, Rehburg, Geschichte einer kleinen Stadt, Rehburg 1966

Nanca Kratochwill-Gertich/Antje C. Naujoks (Bearb.), Rehburg, in: Herbert Obenaus (Hrg.), Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen, Wallstein-Verlag, Göttingen 2005, Band 2, S. 1298 – 1302

Ulrich Knufinke, Stätten jüdischer Kultur und Geschichte in den Landkreisen Diepholz und Nienburg, hrg. vom Landschaftsverband Weser-Hunte e.V, Nienburg 2012, S. 51 – 53

Gabriele Arndt-Sandrock, Haus der Ewigkeit – Haus des Lebens. Der jüdische Friedhof in Rehburg (Aufsatz), online abrufbar

Stolpersteine für Rehburg-Loccum, in: „Schaumburger Nachrichten“ vom 25.9.2014

Arbeitskreis Stolpersteine Rehburg-Loccum (Bearb.), Sie waren Nachbarn - geflüchtet – deportiert – ermordet (Ausstellung), Rehburg - Loccum 2014

Stolpersteine Rehburg – Loccum. Erinnern – mahnen – Zukunft gestalten, in: stolpersteine-rehburgloccum.de (Anm.: mit biografischen Angaben der Opfer)

Mediengruppe Kreiszeitung, Jüdisches Buch gibt Rätsel auf, in: kreiszeitung.de vom 10.9.2015 (betr. jüngst aufgefundenes Kassabuch der jüdischen Gemeinde Rehburg)

Salomon Ludwig Steinheim-Institut (Bearb.), Kassabuch der jüdischen Gemeinde Rehburg in Transkribierung (mit detaillierten Erläuterungen), PDF-Datei

Beate Ney-Janßen (Red.), Stolpersteine vor der Synagoge, in: „Die Harke“ vom 8.9.2016

Auflistung der in Rehburg/Loccum verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Rehburg-Loccum

Über das Wirtschaften im 19.Jahrhundert. Das Kassabuch der Jüdischen Gemeinde Rehburg, in: Arbeitskreis der Geschichte der Juden. Historische Kommission für Niedersachsen und Bremen, Protokoll des Workshop in der Jüdischen Bibliothek Hannover, Frühjahr 2017