Reichelsheim/Odenwald (Hessen)

Odenwaldkreis Karte Reichelsheim ist eine südhessische Kommune mit derzeit ca. 9.000 Einwohnern im Odenwaldkreis – knapp 30 Kilometer südöstlich von Darmstadt (Karte aus: ortsdienst.de/hessen/odenwaldkreis).

Die jüdische Gemeinde von Reichelsheim gehörte im 19.Jahrhundert zu den größten Gemeinden im Odenwald.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg werden erstmals „Schutzjuden“ in Reichelsheim ansässig. Ihr Aufenthalt ist in den Gerichtsbüchern des Amtes Reichenberg dokumentiert.

Die seit dem 18.Jahrhundert bestehende jüdische Gemeinde weihte im Sommer des Jahres 1817 ihre Synagoge in der Darmstädter Straße ein, die etwa 100 Personen Platz bot; die Festpredigt soll der Rabbiner aus Michelstadt, Seckel Löb Wormser, gehalten haben. Zu den Gemeindeeinrichtungen gehörte auch ein rituelles Bad. 

Im Jahre 1904 wurde die Synagoge umfassend renoviert und mit Festlichkeiten wieder eingeweiht.

aus: "Centralanzeiger für den Odenwald - Erbach-Kreisblatt" vom 23. 8. 1904

Hinweis: Außer der Synagoge bestand noch ein privater Betsaal im Haus von Mosche Veitel, in dem bis ca. 1880 einmal im Monat Mincha gebetet wurde.

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Mikwe (Bildmitte), Reichenbacher Str. (Abb. Hans-Peter Trautmann, in: alemannia-judaica.de)

Für mehrere Jahrzehnte bestand am Orte eine jüdische Elementarschule; diese wurde aber nach einem Antrag der jüdischen Gemeinde aufgelöst, da die jüdischen Kinder nun gemeinsam mit den christlichen beschult werden sollten. Diese Verschmelzung beider Schulen 1850 wurde von den Behörden ausdrücklich unterstützt, wie in einem offiziellen Schreiben deutlich wurde: „ ... Eine derartige Vereinigung beider Schulen scheint umso zweckmäßiger, als dadurch Gelegenheit gegeben wird, in christlichem Sinne auf die Erziehung der israelitischen Kinder einzuwirken und dadurch dem Charakter dieses Volkes allmählich eine andere Richtung anzueignen. ....

 

Stellenanzeigen der Gemeinde Reichelsheim aus "Der Israelit" vom 16.Nov. 1870, vom 8.Juni 1911 und 8.Mai 1924

Mitte der 1850er Jahre erwarb die hiesige Judenschaft ein Bestattungsgelände am Ort; zuvor waren die Verstorbenen auf dem jüdischen Friedhof von Michelstadt beerdigt worden. Der jüdische Friedhof in Reichelsheim wurde auch von den Juden aus Fränkisch-Crumbach und Pfaffen-Beerfurth mitgenutzt; die Friedhofsfläche wurde Ende der 1920er Jahre erweitert.

                                Grabsteinsymbolik (Aufn. J. Hahn, 2008)

Juden in Reichelsheim:

    --- 1808 ...........................  10 jüdische Familien,

--- 1830 ........................... 172 Juden (ca. 30 Familien),

    --- 1852 ........................... 261   “   (ca. 17% d. Bevölk.)

    --- 1875 ........................... 231   “  ,

    --- 1885 ........................... 245   “  ,

    --- 1895 ........................... 194   “  ,

    --- 1905 ........................... 166   “  ,

    --- 1910 ........................... 148   “  ,

    --- 1925 ........................... 121   “  ,

    --- 1930 ........................... 120   “  ,

    --- 1933 ........................... 109   “   (ca. 30 Familien),

    --- 1936 ...........................  93   "  ,

    --- 1939 (Mai) .....................  61   “  ,

    --- 1940 (Jan.) ....................  44   “  ,

             (Dez.) ....................  30   “  ,

    --- 1942 (Jan.) ....................  20   “  ,

             (Sommer) ..................  keine.

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 2, S. 209

und                 Reinhard Grünewald, Gegen das Vergessen - Juden in Reichelsheim, S. 47

Gegen Ende des 19.Jahrhunderts lebten die meisten Juden ihren Lebenserwerb vom Viehhandel; insgesamt gab es hier 29 Viehhändler; die anderen arbeiteten als Makler, Kleinkaufleute und Hausierer. Eine große Mazzenbäckerei belieferte die gesamte Region.

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Geschäftsananzeigen im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 12.Jan. 1917 und in "Der Israelit" vom 2.März 1933  

Zu einem ersten antisemitischen Vorfall kam es in Reichelsheim 1922, als Fenster der Synagoge zerschlagen wurden. Die nach der NS-Machtübernahme einsetzende wirtschaftliche Ausgrenzung - in Reichelsheim waren vor allem die Viehhändler betroffen - führte dazu, dass der drohende Verlust ihrer Existenz zahlreiche jüdische Familien des Ortes in den Folgejahren zwang, Reichelsheim zu verlassen; fast 50 Personen emigrierten in die USA, andere in westeuropäische Länder. Im 1935 forcierten die lokalen Behörden die Ausschaltung der Reichelsheimer Juden aus dem hiesigen Wirtschaftsleben weiter: Sie erließen eine Verordnung, die jedem finanzielle Zuwendungen bzw. Aufträge der Ortsgemeinde entzog, der weiterhin mit jüdischen Geschäftsleuten Kontakt hielt.

Am 10.11.1938 zerstörten Angehörige des SS-Sturms Bensheim im Zusammenwirken mit lokalen NS-Organisationen die Inneneinrichtung der Reichelsheimer Synagoge, schleppten anschließend brennbare Gegenstände, auch die Kultgeräte ins Freie, und zündeten diese an. Die inzwischen aus ihren Wohnungen herausgeholten Juden wurden gezwungen, der Schändung ihres Gotteshauses und der Verbrennung der Kultgegenstände beizuwohnen. Nach der Zerstörung der Synagoge überfielen und demolierten SS-Trupps jüdische Geschäfts- und Wohnhäuser und misshandelten deren Bewohner. Bei diesen Ausschreitungen sollen viele Reichelsheimer zugegen gewesen sein, einige sich auch aktiv an den Gewalttätigkeiten beteiligt haben. Einige Monate später ging das Synagogengebäude in kommunalen Besitz über; nach dessen Abriss errichtete die Kommune auf den Grundmauern ein Verwaltungsgebäude.

Nach Kriegsbeginn wurden die Juden Reichelsheim von der Ortsbehörde in ihrem Bewegungsspielraum weiter eingeengt; so durften sie nur noch zwischen 8 und 9 Uhr ihre Wohnungen verlassen.

                   Aus einem Schreiben des Bürgermeisters vom 29.6.1940 an den Landrat:

„ ... ‘ Die Juden sollen in der Gemeinde beschäftigt werden, damit sie nicht auf der Straße herumlaufen und öffentliches Ärgernis erregen. Da Juden allgemein zu keiner Arbeit fähig sind, können ihnen nur untergeordnete Arbeiten übertragen werden. Diese Arbeiten können von der Gemeinde nicht bezahlt werden, da sie unterbleiben würden ...’  Nach vorstehenden Ratsbeschluß habe ich gehandelt und hätte ich die Juden bezahlt für ihre Faulenzerei, so hätte ich mich bei der arischen Bevölkerung nicht mehr blicken lassen können. Wer Juden schon einmal hat “arbeiten” sehen, der wird nicht verlangen, daß man für diese Tätigkeit auch noch Geld bezahlt. ... Wenn die Juden mit ihrer Behandlung hier nicht zufrieden wären, wären sie längst ausgewandert oder weggezogen. Wir haben noch 36 hier ansässig und ich wäre froh, wenn ich Ihnen morgen berichten könnte, Reichelsheim ist judenfrei. “

Die letzten sechs jüdischen Bewohner Reichelsheims wurden Ende September 1942 via Darmstadt ins "Altersghetto" Theresienstadt „umgesiedelt“.

Am Aufgang zur Michaelskirche ist eine Gedenktafel mit der folgenden Inschrift angebracht:

Hüte dich und bewahre deine Seele gut, dass du die Geschichte nicht vergisst,

die deine Augen gesehen haben, dein Leben lang und tue sie deinen Kindern kund.”

5.Mose 4,9

Zum Gedenken an unsere jüdischen Mitbürger, die Opfer der Gewaltherrschaft des Dritten Reiches wurden.

Die Gemeinde Reichelsheim

In den Gehwegen von Reichelsheim erinnern mehr als 40 sog. „Stolpersteine“ an die Opfer der nationalsozialistischen Diktatur.

Stolpersteine R3 Fünf "Stolpersteine"  (Aufn. Georg-August-Zinn-Schule, Reichelsheim)

2017 wurde an dem jahrzehntelang als Wohn- u. Geschäftshaus genutzten ehemaligen Synagogengebäude (Darmstädter Straße) eine Gedenktafel angebracht, die auf dessen einstige Bestimmung verweist.

Der ehemals gemeinsam mit den benachbarten jüdischen Gemeinden Fränkisch-Crumbach und Pfaffen-Beerfurth betriebene Friedhof ist heute in einem sehr gepflegten Zustand.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20172/Reichelsheim%20Friedhof%20171.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20172/Reichelsheim%20Friedhof%20177.jpg

Eingang zum jüdischen Friedhof und Blick auf den neueren Teil (Aufn. J. Hahn, 2008)

Auf dem Friedhof wurde 2015 ein Gedenkstein aufgerichtet, der die Erinnerung an alle ermordeten Juden aus Reichelsheim, Pfaffen-Beerfurth und Fränkisch-Crumbach wachhalten soll.

 

In Beienheim (früher: Beyenheim) - heute Teil der Stadt Reichelsheim/Wetterau - lebten stets nur wenige jüdische Familien; trotzdem bildeten sie hier eine autonome Gemeinde mit eigenem Betsaal und einem Friedhof, dessen Anlage gegen Mitte des 19.Jahrhunderts erfolgte. Zur Abhaltung ihrer Gottesdienste waren sie aber oft auf die Anwesenheit auswärtiger Juden angewiesen war. Um 1900 lebten vier jüdische Familien im Ort. In einem der von Juden bewohnten Häuser gab es einen Betsaal, der bis in die Zeit des Ersten Weltkrieges regelmäßig genutzt wurde. Gegen Ende der 1920er Jahre schlossen sich die Juden Beienheims der Kultusgemeinde Friedberg an.

Sechs gebürtige Beienheimer Juden wurden Opfer der „Endlösung“.

Auf dem ca. 600 m² großen jüdischen Begräbnisgelände Pfählergasse/Hainpfad („An der Wüstengasse“) befinden sich 17 Grabsteine.

[vgl. auch Friedberg (Hessen)]

 

Im benachbarten Pfaffen-Beerfurth, das bis 1802 zur Kurpfalz gehörte, existierte auch eine kleine selbstständige jüdische Gemeinde, deren Wurzeln im 18.Jahrhundert lagen und die maximal etwa 60 Angehörige (1900) zählte.

Bis in die 1820er Jahre hatten die jüdischen Bewohner Pfaffen-Beerfurths - sie lebten zumeist in ärmlichen Verhältnissen und bestritten ihren Lebenserwerb vom Viehhandel - den Gottesdienst in Reichelsheim besucht; danach nutzte die kleine Judenschaft einen Betraum in verschiedenen Privathäusern am Ort.

In den 1860er Jahren erwarb die Gemeinde ein Gebäude, das man zu einem jüdischen Gemeindezentrum mit Betsaal, Schulstube, Lehrerwohnung und rituellem Bad umbaute. Nach einer regelmäßigen Nutzung der Synagoge fanden nach 1900/1905 keine regelmäßigen Gottesdienste mehr statt, da die für die Abhaltung des Gottesdienstes erforderlich Zahl religionsmündiger Männer nur schwer zu erreichen war.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20141/Pfaffen%20Beerfurth%20Synagoge%20100.jpg Ehem. Synagogengebäude, 2.Haus links im Bild (Gemälde von 1927)

Verstorbene fanden ihre letzte Ruhe auf dem Friedhof in Reichelsheim; der dort bestehende Friedhofsverband bestand aus den Kultusgemeinden Reichelsheim, Fränkisch-Crumbach und Pfaffen-Beerfurth.

Juden in Pfaffen-Beerfurth:

--- 1828 ........................ 34 Juden (in 6 Familien),

--- 1840 ........................ 50   “  ,

--- 1861 ........................ 45   “   (ca. 8% d. Bevölk.),

--- 1871 ........................ 52   “  ,

--- 1900 ........................ 59   “  ,

--- 1910 ........................ 40   “  ,

--- 1925 ........................ 34   “  ,

--- 1933 ........................ 25   “  ,

--- 1939 ........................  6   “  .

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 2, S. 195

Zu Beginn der NS-Zeit lebten im Ort noch ca. 25 jüdische Bewohner; fünf Jahre später waren es nur noch sechs Personen. 1936 wurde das Synagogengebäude veräußert und entging vermutlich damit der Zerstörung. Während des Pogroms im November 1938 wurde hier ebenfalls jüdisches Eigentum geplündert und zerstört und Bewohner misshandelt. Wenig später verließen die wenigen noch hier verbliebenen jüdischen Familien ihren Heimatort. Nachweislich wurden 14 gebürtige bzw. länger in Pfaffen-Beerfurth lebende Juden Opfer der „Endlösung“.

[vgl. Pfaffen-Beerfurth (Hessen)]

 

In Lindenfels – westlich von Reichelsheim gelegen – gab es in den Jahren unmittelbar nach Kriegsende ein Kinderlager, das - von der UNRRA eingerichtet – vorläufige Heimstatt für jüdische Kinder aus Osteuropa (meist aus Polen und Russland) war, die als Waisen überlebt hatten. Jüdische Lehrer und Erzieher - die meisten ebenfalls Überlebende des Holocaust - kümmerten sich um die Jungen und Mädchen, deren Gesamtzahl sich auf etwa 450 belief. Von Lindenfels aus konnten die meisten nach Palästina/Israel auswandern.

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 2, S. 195/196 (Pfaffen-Beerfurth) und S. 209 – 212 (Reichelsheim)

Wolf-Arno Kropat, Kristallnacht in Hessen - Der Judenpogrom vom November 1938. Eine Dokumentation, in: Schriften der Kommission für die Geschichte der Juden in Hessen X, Wiesbaden 1988

Gerd Lode, Die Geschichte der Juden in Reichelsheim, in: ‘Heimatbote’ Gemeindeblatt für die Evang. Michaelsgemeinde Reichelsheim/Odw., 1988

Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 - 1945, Hessen I: Regierungsbezirk Darmstadt, VAS-Verlag, Frankfurt/M. 1995, S. 254/255

Reinhard Grünewald, Gegen das Vergessen - Juden in Reichelsheim, hrg. im Auftrag der Gemeinde Reichelsheim/Odw., Suin Verlag, Lindenfels 1998

Reichelsheim/Odenwald, in: alemannia-judaica.de - unter Mitarbeit von Hans-Peter Trautmann (mit zahlreichen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Beerfurth, in: alemannia-judaica.de (unter Mitarbeit von Hans-Peter Trautmann)

N.N. (Red.), 17 Stolpersteine in Reichelsheim verlegt, in: „Bergsträßer Anzeiger“ vom 28.4.2011

Reinhard Grünewald (Bearb.), Gegen das Vergessen: Stolpersteine in Reichelsheim (Broschüre), hrg. von der Aktionsgruppe Stolpersteine in Reichelsheim, PDF-Datei abrufbar unter: ojc.de/fileadmin/OJC/10pdf/Stolpersteine-Broschuere (mit biografischen Daten der betroffenen jüdischen Familien)

Dirk Zengel (Red.), Reichelsheim. Eine Gedenktafel für die ehemalige Synagoge und eine Gedenkstunde setzen in Reichelsheim Zeichen, in: echo-onlne.de vom 17.6.2017