Reichenbach/Odenwald (Hessen)

Datei:Municipalities in HP.svg Die Ortschaft Reichenbach im Norden des südhessischen Kreises Bergstraße ist heute größter Ortsteil von Lautertal - ca. 25 Kilometer südlich von Darmstadt gelegen (Karte Hagar, 2009, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Seit Mitte des 18.Jahrhunderts lebten nachweislich einzelne jüdische Familien im Dorfe Reichenbach, das zunächst den Grafen von Erbach-Schönberg unterstand, ab 1806 zu Hessen gehörte; der erste bekannte Schutzbrief stammt aus dem Jahr 1786. Auch in den Nachbarorten Elmshausen sowie Schönberg und Zell ließ die gräfliche Herrschaft mehrere jüdische Familien ansiedeln. Die hiesigen Juden waren ihrer Herrschaft zu Schutzgeldzahlungen verpflichtet und lebten zumeist am Rande des Existenzminimums; sie bestritten ihren kärglichen Lebensunterhalt vor allem vom Schacher- und Viehhandel. Um ihre christlichen Untertanen vor „Betrug und Wucher“ der Juden zu schützen, hatten die Erbacher Grafen 1790 eine Verordnung erlassen, die den wirtschaftlichen Umgang miteinander strikt regelte.

Mit dem Zuzug weiterer jüdischer Familien nach Reichenbach gegen Ende des 18.Jahrhunderts wurden die Wurzeln einer kleinen Gemeinde gelegt, die in den 1830/1840er Jahren ihren zahlenmäßigen Höchststand erreichte. Sie umfasste aber zu keiner Zeit mehr als 90 Angehörige. Die Hälfte aller jüdischen Einwohner Reichenbachs trug den Familiennamen „Oppenheimer“. Zu den gemeindlichen Einrichtungen zählte ein 1852 in der Bangertsgasse eingerichtetes Synagogengebäude.

                            Synagoge in Reichenbach (Rekonstruktionsskizze Brigitte Schicker)

Einen eigenen Lehrer beschäftigte die Gemeinde seit 1842.

Verstorbene Gemeindeangehörige wurden auf dem jüdischen Sammelfriedhof in Alsbach/Bergstraße beerdigt; ein eigenes Begräbnisgelände stand in Reichenbach nicht zur Verfügung.

Zur kleinen Gemeinde Reichenbach gehörten auch die wenigen jüdischen Familien aus Elmshausen, Schönberg und Zell. Bis 1923 unterstand die Gemeinde Reichenbach dem liberalen Rabbinat Darmstadt, anschließend war sie dem orthodoxen Rabbinat Darmstadt II zugehörig.

Juden in Reichenbach:

    --- um 1760 ...................... 10 Juden,

    --- 1804 ......................... 37   “  ,

    --- 1816 ......................... 45   “   (in 9 Familien),

    --- 1830 ......................... 52   “   (ca. 6% d. Dorfbev.),

    --- 1843 ......................... 85   “  ,

    --- 1861 ......................... 76   “   (ca. 7% d. Dorfbev.),

    --- 1880 ......................... 68   “  ,

    --- 1900/05 ...................... 49   “   (in 10 Familien),

    --- 1925 ......................... 39   “  ,

    --- 1933 ......................... 34   “  ,

    --- 1939 ......................... 10   “  ,

    --- 1942 (April) ................. keine.

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 2, S. 213

und                 Rudolf Kunz, Die Reichenbacher Juden, S. 285

Die meisten jüdischen Familien lebten im 19.Jahrhundert vom Vieh- und Kleinhandel. Bei der Volkszählung von 1933 wurden in Reichenbach noch 34 jüdische Einwohner registriert; Abwanderung führte alsbald zur völligen Auflösung der kleinen Gemeinde. Gottesdienste konnten wegen fehlenden Minjans in der Synagoge nicht mehr abgehalten werden; so wurde das Gebäude schließlich im Sommer 1938 die Kommune verkauft. Die letzten drei jüdischen Bewohner Reichenbachs bzw. Elmshausens wurden im Frühjahr 1942 deportiert. Namentlich sind zehn Reichenbacher Bürger mosaischen Glaubens bekannt, die dem Holocaust zum Opfer gefallen sind.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2076/Reichenbach%20Synagoge%20010.jpg Kinder vor dem ehem. Synagogengebäude (Aufn. um 1953, aus: Th. Altaras)

Das sich seit 1954 in Privatbesitz befindliche ehemalige Synagogengebäude, das in den Kriegsjahren als Unterkunft für französische Gefangene gedient hatte, wird nach Umbauten zu Wohnzwecken genutzt. An einer Mauer in der Bangertgasse - nahe des ehemaligen Synagogengebäudes - wurde 1988 eine Gedenktafel angebracht.

 

In Elmshausen (Ortsteil von Lauterberg) sind jüngst sog. „Stolpersteine“ verlegt worden.

Im Jahre 2004 wurde zu Ehren von Max Liebster (geb. 1915), der fünf Konzentrationslager überlebte, ein Denkmal enthüllt. Als „Anerkennung für seine ausdauernde Aufklärungs- und Friedensarbeit gegen das Vergessen und für die uneingeschränkte Glaubensfreiheit des einzelnen Menschen“ wurde er zum Ehrenbürger der Gemeinde Lautertal ernannt. Max Liebster lebte bis zu seinem Tode in Frankreich und hatte ständigen Kontakt in den Odenwald.

 

Auf dem Territorium des heutigen Kreises Bergstraße gab es weitere jüdische Gemeinden, so in Auerbach, Bensheim, Biblis, Birkenau, Bürstadt, Groß-Rohrheim, Heppenheim, Lampertheim, Lorsch, Neckarsteinach, Rimbach, Viernheim und Zwingenberg.

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 2, S. 213 f.

Thea Altaras, Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945?, Königstein 1988, S. 122

Rudolf Kunz, Die Reichenbacher Juden, in: Richard Matthes, Reichenbacher Heimatbuch - Aus der Vergangenheit des Dorfes Reichenbach im Odenwald, Hrg. Sparkasse Bensheim, 2., neu bearb. u. erweiterte Aufl., 1987, S. 283 – 291

Thea Altaras, Das jüdische Rituelle Tauchbad und Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945?, Teil II, Königstein 1994, S. 110

Reichenbach/Odenwald, in: alemannia-judaica.de

Max Liebster, Hoffnungsstrahl im Nazisturm. Eine Geschichte über das Überleben des Nazi-Terrors, o.O. 2003

Heinz Eichhorn, Geschichte und Geschichten aus Reichenbach – Die Synagoge in Reichenbach, Aufsatz 2008 (online abrufbar)

Frank Maus, Die Verfolgung und Diskriminierung der jüdischen Gemeinde Reichenbach während der nationalsozialistischen Zeit (in Vorbereitung)