Pfaffen-Beerfurth (Hessen)

Odenwaldkreis Karte Seit 1972 ist das Dorf Pfaffen-Beerfurth ein Ortsteil der Kommune Reichelsheim im hessischen Odenwald-Kreis – ca. 30 Kilometer südöstlich vom Darmstadt gelegen (Karte aus: ortsdienst.de/hessen/odenwaldkreis).

In Pfaffen-Beerfurth, das bis 1802 zur Kurpfalz gehörte, existierte eine kleine selbstständige jüdische Gemeinde, deren Wurzeln im 18.Jahrhundert lagen und die maximal etwa 60 Angehörige (1900) zählte.

Bis in die 1820er Jahre hatten die jüdischen Bewohner Pfaffen-Beerfurths - sie lebten zumeist in ärmlichen Verhältnissen und bestritten ihren Lebenserwerb vom Viehhandel - den Gottesdienst in Reichelsheim besucht; danach nutzte die kleine Judenschaft einen Betraum in verschiedenen Privathäusern am Ort.

In den 1860er Jahren erwarb die Gemeinde ein Gebäude, das man zu einem jüdischen Gemeindezentrum mit Betsaal, Schulstube, Lehrerwohnung und rituellem Bad umbaute. Nach einer regelmäßigen Nutzung der Synagoge fanden nach 1900/1905 keine regelmäßigen Gottesdienste mehr statt, da die für die Abhaltung des Gottesdienstes erforderlich Mindestzahl religionsmündiger Männer nur schwer zu erreichen war.

Ehem. Synagogengebäude, 2.Haus links (Gemälde des Malers Ph. Hotz von 1927)

Zeitweilig hatte die kleine Gemeinde einen Lehrer verpflichtet, der die religiös-rituellen Dinge verrichtete; später übernahmen vermutlich Gemeindeangehörige oder auswärtige Lehrer diese Aufgaben.

Verstorbene fanden ihre letzte Ruhe auf dem Friedhof in Reichelsheim.

Die Gemeinde gehörte seit den 1890er Jahren zum liberalen Rabbinat Darmstadt.

Juden in Pfaffen-Beerfurth:

--- 1828 ........................... 34 Juden (in 6 Familien),

--- 1840 ........................... 50   “  ,

--- 1861 ........................... 45   “   (ca. 8% d. Bevölk.)

--- 1871 ........................... 52   “  ,

--- 1880 ........................... 41   “   (ca. 7% d. Bevölk.),

--- 1900 ........................... 59   “   (ca. 12% d. Bevölk.),

--- 1910 ........................... 40   “  ,

--- 1925 ........................... 34   “  ,

--- 1933 ........................... 25   “  ,

--- 1939 ...........................  6   “  .

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 2, S. 195

In einer Kurznotiz in der Zeitschrift „Der Israelit“ äußert sich der Verfasser in ironischer Weise über den sog. „Erfolg“ des ersten „judenfreien Viehmarkts“:

        http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20141/Pfaffen%20Beerfurth%20Israelit%2003111892.jpgaus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3.Nov. 1892

An der Michelbacher Straße befand sich die Zigarrenfabrik „Oppenheimer & Söhne".

Zu Beginn der NS-Zeit lebten im Ort noch ca. 25 jüdische Bewohner; fünf Jahre später waren es nur noch sechs Personen. Ein Teil von ihnen gelang es, nach Nordamerika zu emigrieren.

1935 ging die Geschichte der jüdischen Gemeinde zu Ende, als die Gemeinderäte von Kirch-Beerfurth und Pfaffen-Beerfurth eine fast gleich lautende Anordnung beschlossen: „Wer mit einem Juden Geschäfte macht oder durch einen Mittelsmann oder Verwandten tätigen lässt, oder sich mit einem Juden in eine Unterhaltung einlässt, oder sogar in seinem Haus duldet, stellt sich außerhalb der Volksgemeinschaft.

1936 wurde das Synagogengebäude veräußert, danach zu einem Wohnhaus umgebaut und entging vermutlich damit der Zerstörung. 1937 wurde die israelitische Gemeinde aufgelöst.

Während des Pogroms im November 1938 wurde hier jüdisches Eigentum geplündert und zerstört, Bewohner misshandelt. Wenig später verließen die wenigen noch hier verbliebenen jüdischen Bewohner ihr Heimatdorf.

Nachweislich wurden 14 gebürtige bzw. länger in Pfaffen-Beerfurth lebende Juden Opfer der „Endlösung“.

1948 standen vor dem Landgericht Darmstadt zwölf Männer, die am 10.November 1938 an den Ausschreitungen gegen die Juden teilgenommen hatten. Ein Teil der Angeklagten wurde zu kurzzeitigen Haftstrafen verurteilt.

vgl. dazu: Reichelsheim (Hessen)

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 2, S. 195/196

Thea Altaras, Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945?, o.O. 1988, S. 169 - 171

Gerd Lode, Die Geschichte der Juden in Reichelsheim, in: ‘Heimatbote’ Gemeindeblatt für die Evang. Michaelsgemeinde Reichelsheim/Odw., 1988

Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 - 1945, Hessen I: Regierungsbezirk Darmstadt, VAS-Verlag, Frankfurt/M. 1995, S. 255

Beerfurth, in: alemannia-judaica.de unter Mitarbeit von Hans-Peter Trautmann, Reicheslheim (mit Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Ernst Hieronymus, 700 Jahre Beerfurth im Gersprenztal 1307 – 2007, hrg. vom Ortsbeirat Beerfurth, 2007, S. 54 - 56 

Volker Karl Hoffmann, Die Strafverfolgung der NS-Kriminalität am Landgericht Darmstadt, Berlin 2013 (Anm.: u.a. zum Ablauf der Pogromnacht in Pfaffen-Beerfurth und dessen justizielle Ahndung nach 1945)  

Jüdisches Leben in Pfaffen-Beerfurth. Stadtrundgang durch Reicheslheim-Beerfurth, in: hr – Pressemitteilung vom 14.11.2015