Piestyan bzw. Pistian/Piešťany (Slowakei)

Etwa 100 Kilometer nordöstlich von Preßburg (Bratislava) liegt die westslowakische Stadt Piestyan bzw. Pistian (slow. Piešťany, ung. Pöstyén), die derzeit etwa 28.000 Einwohner besitzt.

Seit Mitte des 18.Jahrhunderts waren jüdische Familien in Piestyan wohnhaft, die unter dem Schutz des Grafen Forgacs standen.

Eine organisierte jüdische Gemeinde bildete sich im Jahre 1795, als am Orte ca. 50 Familien lebten.

In den Jahren 1893/1894 ließ die orthodox ausgerichtete Gemeinde eine relativ große Synagoge errichten, die in der Nähe der evangelischen Kirche stand und die einen Vorgängerbau ersetzte.

Synagoge links im Bild, hist. Postkarte, um 1925

Nachdem sich Mitte der 1920er Jahre eine liberale Gemeinschaft von der Gemeinde abgespalten hatte, konnte diese 1928 ihre eigene Synagoge einweihen und eine Schule eröffnen.

Bereits seit den 1870er Jahren besuchten die jüdischen Kinder eine eigene Elementarschule.

Ein eigenes Friedhofsgelände wurde bereits zu Beginn jüdischer Ansässigkeit im Ort angelegt.

Juden in Piestyan/Piešťany:

--- 1727 .........................    11 Juden,

--- 1756 .........................    13 jüdische Familien,

--- 1774 .........................    24     “        “   ,

--- um 1790 .................. ca.    50     “        “   ,

--- 1828 .........................   105 Juden,

--- 1869 .........................   140   “  ,

--- 1900 .........................   732   “  ,

--- 1921 ......................... 1.254   “  ,

--- 1930 ......................... 1.344   “  ,

--- 1940 ..................... ca. 1.560   “  ,

--- 1946/47 .................. ca.   250   “  ,

--- 1948 .........................   200   “  .

Angaben aus: The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 2), S. 988

und                  Piešťany, in:dbs.bh.org.il/place/piestany

und                  Piešťany, in: jewishgen.org/yizkor/pinkas_slovakia/slo443

Während der revolutionären 1848er-Unruhen wurden vom hiesigen Pöbel Geschäfte und Wohnungen jüdischer Familien geplündert.

Zur Entwicklung von Piešťany zu einem Kurort trugen die hier lebenden Juden entscheidend bei, da sie die hiesige Wirtschaft mit zahlreichen Geschäften (mehr als 100), Handwerkerbetrieben und Fabriken belebten.

Erneuten Angriffen waren die Juden in der Stadt nach Ende des Ersten Weltkrieges ausgesetzt (Okt. 1920).

Mit der Etablierung des neuen slowakischen Staates eskalierte die antijüdische Politik in der Weise, dass nun von den Behörden die Geschäfte/Betriebe jüdischer Eigentümer geschlossen („Arisierung“) und dass Männer zur Zwangsarbeit verpflichtet wurden.

Im April 1942 begannen die Deportationen, die Auschwitz und Ghettolager auf polnischem Boden zum Ziele hatten.

Über das „Transitlager“ Sered wurden Hunderte jüdischer Bewohner verschleppt; im Laufe des Jahres 1942 waren ca. 90% der in Piešťany lebenden Juden „umgesiedelt“ worden; die Vernichtungs- bzw. Ghettolager haben nur sehr wenige überlebt.

Im Gefolge der deutschen Besetzung der Slowakei wurden alle noch in der Stadt verbliebenen nach Auschwitz-Birkenau verfrachtet.

Die kleine Nachkriegsgemeinde Piešťany löste sich 1949 auf, nachdem deren Angehörige nach Israel bzw. nach Übersee emigriert waren.

Das Synagogengebäude wurde in den 1950er Jahren abgerissen.

Der ältere der beiden jüdischen Friedhöfe ist erhalten; auf dem Gelände befinden sich mehr als 600 relativ Grabsteine.

Weitere Informationen:

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 2), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 987/988

The Jewish Community of Piešťany, Hrg. Beit Hatfutsot – Museum of the Jewish People, online abrufbar unter: dbs.bh.org.il/place/piestany

Francine Shapiro (Bearb.), „Piestany” – Encyclopaedia of Jewish communities, Slovakia (Piešťany, Slovakia), 2003, online abrufbar unter: jewishgen.org/yizkor/pinkas_slovakia/slo443.html

Informationszentrum Piestany (Hrg.), Die Synagoge, online abrufbar unter: pic-piestany.sk/o-meste/pamiatky/detaily

Maros Borský, Synagogue Architecture in Slovakia towards creating a memorial landscape of lost community, Dissertation (Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg), 2005, S. 184