Saarburg (Rheinland-Pfalz)

Saarburg a.d. Saar ist eine Kleinstadt mit derzeit ca. 6.500 Einwohnern im rheinland-pfälzischen Landkreis Trier-Saarburg – ca. 25 Kilometer südlich von Trier gelegen.

Die jüdische Gemeinschaft in Saarburg hat sich stets nur aus sehr wenigen Familien zusammengesetzt. Erstmals wurde 1321 ein Jude in Saarburg namentlich erwähnt; dabei handelte es sich um den als Geldverleiher tätigen Juden Samuel, genannt Malder, der vermutlich aus Frankreich stammte. Da Saarburg in den Memor-Büchern nicht unter den Orten aufgeführt war, in denen Pestpogrome stattfanden, kann davon ausgegangen werden, dass in der ersten Hälfte des 14.Jahrhunderts hier keine bzw. nur sehr wenige Juden gelebt haben. Erst nach 1400 lassen sich wieder einzelne in Saarburg ansässige jüdische Familien nachweisen; eine genaue Auflistung stammt aber erst aus dem Jahre 1697.

Über ein als Bethaus genutztes Gebäude verfügte die kleine jüdische Gemeinschaft seit 1885 am Schlossberg, in der Nähe des Wasserfalls des Flüsschens Leuk; im Erdgeschoss befand sich der Gebetsraum, das Obergeschoss diente Wohnzwecken. Bereits in den Jahrzehnten zuvor hatte es im Ort einen Betraum gegeben.

Das Begräbnisgelände stand den Saarburger Juden im nahen Niederleuken zur Verfügung; der erstmals 1804 urkundlich erwähnte Friedhof wurde vermutlich bereits im 18.Jahrhundert genutzt. Das relativ große Areal diente auch den verstorbenen Juden aus Beurig, Könen und Wawern als letzte Ruhestätte.

Juden in Saarburg:

    --- 1715 .................   6 jüdische Familien,

    --- um 1750 ..............   4     “       “    ,

    --- 1808 .................   2     “       “    ,

    --- 1843 .................  10 Juden,

    --- 1854 .................  16   “  ,

    --- 1861 .................  25   “  ,

    --- 1895 .................  34   “  ,

    --- 1925 .................  11   “  ,

    --- 1933 (Juni) ..........  40   “  ,

    --- 1938 .................  21   “  ,

    --- 1939 (Ende) ..........  keine.

Angaben aus: Rudolf Müller, Die Judengemeinde, in: Saarburg - Geschichte einer Stadt, Band 2

Zu Beginn der NS-Zeit lebten etwa 40 Juden in Saarburg. Bald wurden sie auch hier diskriminiert und entrechtet; immer mehr jüdische Bewohner verließen die Stadt und den Kreis Saarburg.

Im „Trierer Nationalblatt” hieß es am 22.August 1935:

‘Waih geschrieen’ - Raus mit euch !

Saarburg. Ja, ist es möglich, die in Systemzeiten so gehätschelten und bedienerten Juden ziehen es vor, aus zahlreichen Orten unseres Kreises zu entweichen ! Die Krätze löst sich, der Patient, der so lange vom schmutzigen, eklen jüdischen Schorf bedeckt war, hat die Krise überstanden. Denn in den letzten Tagen haben zahlreiche Juden ihren Schnappsack, den sie so lange zum Schaden unserer geplagten Volksgenossen handhabten, auf den Buckel genommen, um sich mit Weib und Kind und Kegel eine neue Heimat zu suchen. So wird aus Freudenburg berichtet ... Die gleichen Meldungen kommem ... aus Zerf und Kirf.

In endlicher Erkenntnis, wirklich überflüssig und lästig zu sein, ziehen sie denn dahin, diese Kinder Israels, nachdem sie Jahrhunderte auch in diesen Gegenden Fürsten und Herren, Bauern und fahrendes Volk begaunert, ausgezogen und ihrem Unglück überlassen haben. ... ‘Waih geschrieen’ - diesmal schert uns das Gejammere einen Katzendreck. Wir rufen ihnen einen guten deutschen Abschiedsgruß zu: Raus mit euch ! Die Zeit des ‘auserwählten’ Volkes ist in Deutschland endgültig zu Ende. ...

Am10. November 1938 versammelte sich in Saarburg eine Menschenmenge auf dem Marktplatz und zog von hier aus zur nahegelegenen Synagoge; die Inneneinrichtung wurde herausgeschleppt und anschließend auf dem Marktplatz zertrümmert und verbrannt; auch einzelne Wohnungen sollen beschädigt worden sein. Eine Zeitungsmeldung des „Saarburger Kreisblatt” berichtete am 11.11.1938:

Auch im Kreise Saarburg kam es in den Orten, wo noch Juden wohnen, zu antijüdischen Kundgebungen und Aktionen. In den Häusern wurden die Fenster eingeschlagen und die Einrichtungsgegenstände zum Teil zertrümmert. Am Abend wurde das Mobiliar der Saarburger Synagoge auf dem Marktplatz verbrannt.

Als Anfang 1939 die „Arisierung“ jüdischen Besitzes in Saarburg abgeschlossen und damit den Saarburger Juden jegliche wirtschaftliche Betätigung genommen war, verließen die allermeisten jüdischen Bewohner die Stadt und siedelten zumeist nach Trier über. Die letzten wurden im Rahmen der sog. „Freimachung“ zu Kriegsbeginn nach Trier verbracht. Wer von hier nicht mehr emigrieren konnte, wurde zwischen Ende 1941 und Anfang 1943 in Sammeltransporten in die „Lager des Ostens“ deportiert. Nachweislich haben 25 Juden aus Saarburg die Deportation nicht überlebt.

Das ehemalige Synagogengebäude wurde 1962 abgerissen. Seit 1982 erinnert dort eine Gedenkplakette an dessen ehemalige gottesdienstliche Nutzung.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20215/Saarburg%20Synagoge%20200.jpg Gedenktafel am Schlossberg (Aufn. J. Hahn, 2009)

2013 wurden in Saarburg für die jüdischen NS-Opfer 32 sog. „Stolpersteine“ in das Straßenpflaster verlegt; die Initiative dafür kam von einem aus mehreren Privatpersonen gebildeten Arbeitskreis.

Stolpersteine“ in der Graf-Siegfried-Straße (aus: geschichte-saarburg.de)

Der jüdische Friedhof in Saarburg-Niederleuken ist nach Freudenburg die größte von insgesamt 15 jüdischen Begräbnisstätten im gesamten Kreisgebiet Trier-Saarburg. Von dem in den 1930er Jahren schwer geschändeten Friedhof blieben nur ca. zwölf Grabsteine unzerstört, die einige Jahre nach Kriegsende wieder aufgerichtet wurden.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20215/Niederleuken%20Friedhof%20221.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20215/Niederleuken%20Friedhof%20210.jpg

Die wenigen erhaltengebliebenen Grabsteine und Relikte zerschlagener Steine (Aufn. J. Hahn, 2009)

In Niederzerf – östlich von Saarburg – lebten ab den 1830er Jahren sehr wenige jüdische Familien; zusammen mit einzelnen Familien aus Greimerath, Pellingen und Schillingen bildeten sie eine winzige Gemeinschaft, die kaum mehr als 20 Personen zählte. Neben einem Betraum gab es einen um 1905 angelegten Friedhof. Ende der 1920er Jahre wurde ein angekauftes Gebäude zu einer Synagoge umgebaut, die 1930 eingeweiht wurde. Doch nur wenige Jahre war das Gotteshaus Mittelpunkt des religiösen Lebens der jüdischen Familien in Niederzerf und Umgebung. Nach vor dem Novemberpogrom 1938 wurde das Gebäude verkauft; 1945 fiel es Kriegseinwirkungen zum Opfer.

An die jüdische Ortsgeschichte erinnert heute noch der kleine Friedhof.

Jüdische Begräbnisstätte in Niederzerf (Aufn. J. Hahn, 2009)  http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20215/Zerf%20Friedhof%20204.jpg

Im gleichnamigen lothringischen Saarburg (Sarrebourg) gründete sich in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts eine israelitische Gemeinde, die schnell wuchs und in den 1880er Jahren mehr als 1.200 Angehörige zählte. Im Zuge der sog. „Hepp-Hepp-Krawalle“ von 1819 war es in der Stadt zu gewaltsamen antijüdischen Ausschreitungen gekommen. An Stelle eines kleinen Bethauses hatte die Gemeinde 1858 einen Synagogenneubau errichten lassen. Ab der Jahrhundertwende ging die Zahl der Juden Sarrebourgs deutlich zurück; zu Beginn der 1930er Jahre lebten dort nur noch etwa 500 Personen mosaischen Glaubens. Zusammen mit den Juden des Elsass wurden in der Zeit der deutschen Okkupation die jüdischen Bewohner Sarrebourgs nach Südfrankreich deportiert; 75 von ihnen wurden Opfer der Shoa.

             

Synagoge in Sarrebourg (Aufn. A., 2014, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Nur wenige Kilometer südwestlich von Saarburg liegt Imlingen (frz. Imling), in dem vor 1700 sich eine israelitische Gemeinde gebildet hatte. Ein Betsaal in einem Privathaus wurde 1846 mit dem Bau einer Synagoge in der Oberstadt abgelöst, in der bis gegen Ende des Ersten Weltkrieges Gottesdienste abgehalten wurden. Auf dem jüdischen Friedhof in Saarburg wurden die verstorbenen Gemeindeangehörigen beerdigt. Reste einer privaten Mikwe haben sich erhalten.

Weitere Informationen:

Germania Judaica, Band II/2, Tübingen 1968, S. 726/727 und Band III/2, Tübingen 1995, S. 1284/1285

Richard Laufner, Die Geschichte der jüdischen Bevölkerung im Gebiet des heutigen Kreises Trier-Saarburg, in: Kreisjahrbuch Trier-Saarburg 1979, S. 166 f.

Arno Kirsch/u.a., Terrormaßnahmen der Nationalsozialisten aus rassischen, politischen und religiösen Gründen im ehemaligen Kreis Saarburg, dargestellt an ausgewählten Beispielen, Arbeit im Rahmen des “Schülerwettbewerbs Deutsche Geschichte” 1980/81

Rudolf Müller, Die Judengemeinde, in: Saarburg - Geschichte einer Stadt, Band 2, Saarburg 1991, S. 25 - 30

Günter Heidt, Auch hier bei uns .... Saarburg und der Nationalsozialismus, in: Saarburg - Geschichte einer Stadt, Band 2, Saarburg 1991, S. 67 ff.

Rudolf Müller, Der Friedhof der jüdischen Gemeinde in Saarburg, in: Landeskundliche Vierteljahrsblätter 3/1993

Cilli Kasper-Holtkotte, Juden im Aufbruch - Zur Sozialgeschichte einer Minderheit im Saar-Mosel-Raum um 1800, in: Schriftenreihe der Gesellschaft zur Erforschung der Juden e.V., Hrg. H.Castritius/u.a., Band 3, Hannover 1996

Rudolf Müller, Vor 60 Jahren: Reichspogromnacht und ‘Entjudung’ der deutschen Wirtschaft - Das Beispiel Saarburg 1938/1939, in: Landeskundliche Vierteljahrsblätter 44/1998, S. 163 - 174

Robert Reichard/Thomas Heidenblut, Synagogen im Landkreis Trier-Saarburg, Trier 1988 (2000), S. 90 - 93

Günter Heidt/Dirk S.Lennartz, Fast vergessene Zeugen - Juden in Freudenburg und im Saar-Mosel-Raum 1321 – 1943,

Saarburg 2000, S. 29 f., S. 151 ff., S. 200 f. und S. 218 f.

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 2), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 1140

Stefan Fischbach/Ingrid Westerhoff (Bearb.), “ ... und dies ist die Pforte des Himmels “. Synagogen. Rheinland-Pfalz Saarland, Hrg. Landesamt für Denkmalpflege, Mainz 2005, S. 329/330 (Saarburg) und S. 413/414 (Niederzerf)

Saarburg, in: alemannia-judaica.de (mit einigen Bild- u. Textdokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Niederleuken (Friedhof), in: alemannia-judaica.de

Niederzerf, in: alemannia-judaica.de

Thomas Müller, Kleine Gedenksteine am Straßenrand. Stolpersteine erinnern auch im Landkreis an Opfer des Nationalsozialismus, in: Jahrbuch des Kreises Trier Saarburg 2008 S. 234 - 239 

Alexander Schumitz (Red.), „Nazi-Dreck schlummert in vielen Köpfen“ - Verfolgung von Juden in Saarburg. Gunter Demnig verlegt in Saarburg 32 Stolpersteine, in: volksfreund.de vom 27.8.2013