Salzhemmendorf (Niedersachsen)

Salzhemmendorf besteht neben der Ortschaft gleichen Namens auch aus den Ortsteilen Ahrenfeld, Benstorf, Hemmendorf, Lauenstein, Levedagsen, Ockensen, Oldendorf, Osterwald, Thüste und Wallensen. Diese elf früher eigenständigen Gemeinden wurden im Rahmen der Gebietsreform (1973) zur Kommune Salzhemmendorf (Landkreis Hameln-Pyrmont) verschmolzen.

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Lauenstein mit Salzhemmendorf im Hintergrund - Stich von 1655 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

In Salzhemmendorf, im damaligen Amt Lauenstein, lassen sich die ersten Ansiedlungen von Juden bis in die 1680er Jahre zurückverfolgen. Im 18. und 19.Jahrhundert lebte der größte Teil der Schutzjuden des Amtes Lauenstein in Hemmendorf. Haupterwerb war neben dem Pferde- und Viehhandel das Hausiergewerbe. In Hemmendorf muss die Zahl der Schutzjuden während der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts relativ hoch gewesen sein, denn von Seiten der Geistlichkeit wurde Klage über eine Schmälerung der Pfarreinkünfte geführt; als Begründung wurde die Zunahme der Schutzjudenfamilien angeführt.

In den ersten Jahrzehnten des 19.Jahrhunderts schien es mit den gemeindlichen Verhältnissen in Hemmendorf nicht zum besten gestellt gewesen zu sein: So hatte kleine Gemeinde zeitweise keinen eigenen Lehrer, man stritt über den Standort der Synagoge und konnte sich auch nicht auf einen Vorsteher einigen (der vom Landrabbiner eingesetzte Vorsteher blieb ohne Autorität). Auch eine um 1830 geschaffene Synagogenordnung konnte die Streitigkeiten nicht beenden. Die Kontroversen führten dazu, dass mehrere Hemmendorfer Juden vom damaligen Vorsteher Abraham Zeckendorf wegen "schlimmen Verhaltens in der Synagoge" mit Geldstrafen belegt wurden. (Anm.: Die erheblichen Differenzen innerhalb der Gemeinde begründete der Landrabbiner mit der Armut der jüdischen Familien.)

Einer der wenigen wohlhabenden Juden im Amt Lauenstein war Alexander Spiegelberg, der als Bankier tätig war und in den 1850er Jahren in Hannover ein Bankhaus gründete.

1843 bildete sich in Salzhemmendorf eine Synagogengemeinde, die dem Landrabbinat Hannover unterstand. Der Gemeinde waren die Orte Banteln, Duingen, Eime, Hemmendorf, Lauenstein und Wallensen angeschlossen; wegen der zu großen Entfernung zum Synagogensitz wurden wenige Jahre später die Orte Banteln und Eime der Synagogengemeinde Gronau zugewiesen. Außer Hemmendorf gaben alle angeschlossenen Ortschaften ihre Betstuben auf; ein in Salzhemmendorf angekauftes Gebäude in der Kampstraße wurde nach mehrjährigem Umbau als neue Synagoge mit Schule und Lehrerwohnung genutzt.

                               Synagogenraum im Erdgeschoss (Skizze A. Katz)

Seit Mitte der 1840er Jahre wurden alle Kinder der Synagogengemeinde in Salzhemmendorf unterrichtet; die jüdische Schule besaß von 1852 bis Anfang des 20.Jahrhunderts den Status einer Elementarschule. Die Unterrichtung der jüdischen Kinder erfolgte in den 1860er Jahren jeweils in den Wintermonaten durch einen Lehrer, der abwechselnd Hemmendorf, Lauenstein und Salzhemmendorf aufsuchte. Nach Auflösung der Schule 1903 besuchten die wenigen jüdischen Kinder die Ortsschule.

Kleine jüdische Friedhöfe gab es in allen Orten der Synagogengemeinde; die älteste Begräbnisstätte ist wohl die in Lauenstein (am Knickbrink), die um 1790 angelegt wurde. Auf dem Salzhemmendorfer Friedhof an der Limberger Straße fanden Begräbnisse von 1810 bis 1932 statt.

Juden in Salzhemmendorf:

        --- 1811 .......................   2 jüdische Familien,

    --- 1861 .......................  27 Juden,

             ................... ca. 100   “  ,*   * Synagogengemeinde

    --- 1885 .......................  20   “  ,

             ................... ca.  85   “  ,*

    --- 1907 .......................  11   “  ,

             ................... ca.  50   “  ,*

    --- 1925 .......................   8   “  ,

             ................... ca.  25   “  .*

Angaben aus: B.Gelderblom (Red.), Salzhemmendorf, in: H.Obenaus (Hrg.), Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen ..., Bd. 2, S. 1336

Von den Angehörigen der Synagogengemeinde konnte man nur eine Familie als wohlhabend bezeichnen: die Kaufleute Carl & Moritz Heilbronn in Salzhemmendorf, die nach dem Ersten Weltkrieg ein stattliches Wohn- und Geschäftshaus (Manufakturwaren und Korngeschäft) erbauten - das heutige Salzhemmendorfer Rathaus. Obwohl die Zahl der Angehörigen der Salzhemmendorfer Gemeinde Ende des 19.Jahrhunderts stark rückläufig war und ein geregeltes Gemeindeleben immer schwieriger wurde, wollten sich die verbliebenen Gemeindeangehörigen nicht der Hamelner Synagogengemeinde anschließen. In den 1930er Jahre setzte sich die Synagogengemeinde Salzhemmendorf nur noch aus wenigen Familien zusammen, die nun zunehmend ausgegrenzt und diskriminiert wurden. Gewalttätiger Höhepunkt waren auch hier die Novembertage von 1938. Das in Salzhemmendorf bestehende Textilgeschäft Carl & Moritz Heilbronn wurde geplündert, sein Inventar auf der Straße verbrannt. SA-Angehörige zerschlugen die Fenster des Betraums und die gesamte Inneneinrichtung; eine Brandlegung des Gebäudes konnte vom Bürgermeister verhindert werden. Einige Männer wurden „in Schutzhaft“ genommen und ins KZ Buchenwald verschleppt.

Nach dem Pogrom gelang es noch einigen Familien zu emigrieren. Die drei letzten jüdischen Einwohnerinnen Hemmendorfs wurden am 28. März 1942 in das Ghetto Warschau deportiert und ermordet. Insgesamt zehn Angehörige der Synagogengemeinde fanden den Tod in den Ghettos und Vernichtungslagern in Osteuropa.

Während der NS-Zeit waren die jüdischen Friedhöfe in den Orten der Salzhemmendorfer Kultusgemeinde geschändet bzw. zerstört worden, die Grabsteine zumeist abgeräumt und das Areal andersweitig genutzt.

Der Friedhof am Limberger Weg in Salzhemmendorf wurde später wieder als ehemaliges Beerdigungsgelände ausgewiesen; auf dem ca. 600 m² großen Gelände findet man heute 17 Grabsteine.

Das mit einer niedrigen Steinmauer umfriedete Friedhofsgelände in Hemmendorf besitzt hingegen keine Grabsteine mehr; nur ein Gedenkstein weist hier auf die ehemalige Bestimmung des Geländes hin.

   Jüdischer Friedhof in Salzhemmendorf (Aufn. Pülm 2005)

Jüdischer Friedhof in Hemmendorf (Aufn. Pülm, 2005)

Um den Ursprung des heute als Rathaus genutzten Gebäudes wieder ins Bewusstsein zu rufen, wurde 2015 am Rathaus eine Gedenktafel angebracht, die an die ehemalige jüdische Eigentümerfamilie Heilbronn erinnert. 

2016 wurden in den Straßen Salzhemmendorfs und Hemmendorfs 18 sog. „Stolpersteine“ verlegt, die an ehemalige jüdische Bewohner erinnern, die Opfer der NS-Gewaltherrschaft geworden sind.

"Stolpersteine" verlegt in Hemmendorf http://www.saale-ith-echo.de/wp-content/uploads/2016/05/2016_04_19_160419-Stolpersteine_9999_30.jpg Aufn. aus: saale-ith-echo.de

Im Flecken Duingen - heute Teil der Samtgemeinde Leinebergland - ist ein winziger jüdischer Friedhof - weit außerhalb der Ortschaft - erhalten, der auf einer Fläche von ca. 70 m² heute noch 13 z.T. erheblich beschädigte Grabsteine besitzt, die aus der Zeit von ca. 1875 bis 1920 datieren. Auf Initiative des Heimat- und Kulturvereins Duingen wurde 2006 mit der Wiederherrichtung des ehemaligen jüdischen Friedhofsgeländes begonnen. Das stark von der Vegetation überwucherte Gelände wurde gesäubert, Grabsteine wieder aufgerichtet und das Areal in einen insgesamt ansehenswerten Zustand versetzt.

 

Jüdischer Friedhof bei Duingen vor und nach der Wiederherstellung (Aufn. B.Gelderblom, 1985 und 2006)

Der Friedhof der jüdischen Gemeinschaft von Lauenstein wurde im Jahre 1787 außerhalb der Ortschaft ("Am Knickbrink") angelegt. Das ca. 220 m² umfassende kleine Gelände – in einer Senke gelegen – wurde in den Novembertagen 1938 von einheimischen Nationalsozialisten zerstört; anschließend ging es an einen privaten Besitzer über, der die Grabsteine entfernen ließ. Nach 1945 wurden die noch vorhandenen sechs Grabsteine wieder aufgerichtet.

Weit außerhalb der Ortschaft Wallensen – heute Ortsteil von Salzhemmendorf – ist eine jüdische Begräbnisstätte vorhanden, auf dem nur noch ein einziger Grabstein vorhanden ist. Während der NS-Zeit sind alle anderen Steine zerstört worden.

Pforte zum jüdischen Friedhof (Aufn. A.Hindemith, 2016, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Im 19.Jahrhundert sollen über Generationen hinweg im Dorf vier jüdische Familien gelebt haben. 1935 verließ die letzte in Wallensen lebende Jüdin Ida Steinberg ihren Heimatort.

Weitere Informationen:

Ulrich Baum, Jüdische Mitbürger, hrg. vom Heimat- und Verkehrsverein Lauenstein e.V., 1987

Ulrich Baum, 1247-1997. 750 Jahre Lauenstein, Lauenstein 1997

Albert Heise, Flecken Hemmendorf. Hemmendorf im Spiegel der Geschichte. Chronik 1 (bis 1802) und Chronik 2 (1803 - 1918), Hemmendorf 1995 (Manuskript)

Bernhard Gelderblom (Red.), Salzhemmendorf, in: Herbert Obenaus (Hrg.), Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen, Wallstein-Verlag, Göttingen 2005, Bd. 2, S. 1336 – 1344

Bernhard Gelderblom, Die jüdische Gemeinde Salzhemmendorf, in: Zur Geschichte der Juden in Hameln und in der Umgebung, Hameln 2007 (Web-Präsentation)

Bernhard Gelderblom, Die Juden in den Dörfern des Fleckens Salzhemmendorf, Holzminden 2013

Bernhard Gelderblom, Jüdischer Friedhof in Wallensen, in: salzhemmendorf.de/geschichte/wallensen

Christian Goeke /Red.), Gegen das Vergessen auch in Salzhemmendorf, in: „Saale-Ith-Echo“ vom 19.7.2015 (betr. „Stolpersteine“)

Christian Goeke (Red.), Gedenken an viel Leid in dunkler Zeit, in: „Saale-Ith-Echo“ vom 29.5.2016 (betr. Verlegung von „Stolpersteinen“)