Schwarza (Thüringen)

Schwarza mit derzeit ca. 1.300 Einwohnern ist heute Teil der Verwaltungsgemeinschaft Dolmar-Salzbrücke im Kreis Schmalkalden-Meiningen - etwa zehn Kilometer nordöstlich von Meiningen gelegen.

Bereits seit Anfang des 15.Jahrhunderts waren einzelne Juden in Schwarza ansässig; sie standen in den Diensten der Henneberger Grafen und waren über längere Zeit als deren Hoffaktoren für die Beschaffung von Finanzmitteln zuständig. Mit dem Zuzug weiterer jüdischer Familien bildete sich eine kleine jüdische Gemeinde, die in den 1680er Jahren ein erstes Bethaus einrichtete. Ab 1750 stieg die Zahl der Juden in der 800 Seelen-Gemeinde Schwarza deutlich an; Grund war die großzügige Ausstellung von Schutzbriefen durch den Grafen von Stolberg. Doch diese Handhabung fand bei den christlichen, aber auch jüdischen Bewohnern wenig Beifall; so beklagte sich der Ortsvorsteher von Schwarza in einem Schreiben, dass „... die zahlreichen, zu Schwarza eingesessenen Juden hätten größtenteils schon selbst kein Brot ... kaum 5 jüdische Familien am Orte seien zur Zeit im Stande, das Schutzgeld und die Gemeindelasten zu tragen ... Der Jude verstehe es nun einmal nicht, sich anders als durch Handel zu ernähren. ..”

Das vorhandene Bethaus - es war mehr als 150 Jahre in Nutzung gewesen - wurde 1839/1841 durch einen Synagogenneubau ersetzt. Anlässlich der Grundsteinlegung im Okt. 1839 erschien ein Bericht in der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums“, der auch über die Situation der Gemeinde informierte:

„ ... In Schwarza bei Meiningen wohnen 40 jüdische Familien, von denen die meisten sich kümmerlich ihr tägliches Brod erwerben. Seit einer langen Reihe von Jahren besteht bereits diese kleine, wahrhaft gottesfürchtige Gemeinde, und besitzt ein eigenes Gotteshaus. Da aber dasselbe mit der Zeit zu klein wurde, beschloß man schon vor mehreren Jahren, ein neues zu erbauen. Viele Opfer von Seiten der wenigen Wohlhabenden daselbst bedurfte es, um endlich die nöthige Summe zusammen zu bringen, aber dennoch gelangte man ans Ziel. – Es wurde ein geräumiger Platz in der Nähe der alten Synagoge gekauft, welchen noch ein Mitglied der Gemeinde, Herr Löb Mayer, durch einen Theil seines daran stoßenden Gartens, ohne die geringste Entschädigung zu verlangen, vergrößerte. – Am 15. Oktober wurde feierlich der Grundstein zum neuen Bau gelegt. Bei dieser Gelegenheit legte der würdige Rabbine, Herr Moses Michel einige Schriften, welche die zeitigen Verhältnisse der Gemeinde enthielten, in den Grundstein, wobei von der Schuljugend gesungen wurde. ... Viele angesehene Christen nahmen Teil nicht bloß an der Festlichkeit, sondern auch an der Freude, welche die ganze Gemeinde belegte. Der Plan dieser neuen Synagoge ist nach der neuesten Bauart; in einem Jahr wird wahrscheinlich das Ganze zur Freude Gottes und der Menschen dastehen. Alsdann wird die alte Synagoge zum Schulhause eingerichtet werden. Besonders verdienen noch die vielfachen Bemühungen des zeitigen Vorstehers, Herrn Löb Simson, welcher den Synagogenbau mit größtem Eifer betrieb, rühmlichst erwähnt zu werden.

Im November 1841 wurde das Synagogengebäude durch den Kissinger Rabbiner Dr. Adler feierlich eingeweiht. Da kurz zuvor der Hennebergische Erbgraf gestorben war, verzichtete man bei der Feier auf öffentliche Musik und „Lustbarkeiten“. Dennoch war die Einweihung ein großes Fest für die gesamte Ortsbevölkerung von Schwarza und die jüdischen Gemeinden der Umgebung. In einem Bericht der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums” vom 4.Dezember 1841 hieß es:

Aus dem Hennebergischen, 15. November (Privatmitth.). Einen schönen Beweis, wie die Scheidewand zwischen Menschen und Menschen in unserer Zeit immer mehr verschwindet, gab die am 5. November a.c. stattgehabte Einweihungsfeier der in geschmackvoller Bauart errichteten Synagoge zu Schwarza, einer nicht unbedeutenden Israelitengemeinde im preuß. Henneberg. Aus Städten und Dörfern von Nah und Fern versammelten sich Tausende von Juden und Christen, um Augenzeugen jener heiligen Feier zu sein. Mittag 1 Uhr begab sich die dortige Gemeinde in die alte Synagoge, zum Letztenmale darin zu beten, .... Nach Beendigung des Gebets bestieg der eigends zu dieser Feier berufene Distriktsrabbine, Herr Dr. Adler von Kissingen, den Predigerstuhl und stellte der Gemeinde ergreifend dar, daß dies enge Haus von jeher ihr Zufluchtsort in allen Lagen ihres Lebens gewesen sei und forderte sie zum Danke gegen Gott auf, für die große Gnade, nun in ein Haus ziehen zu können, das so prächtig aus des Meisters Hand zur Verherrlichung Gottes hervorgegangen sei. Der imposanten Prozession vom alten zum neuen Gotteshause schloß sich eine unzählige Menge in geordneter Reihe ohne Unterschied des Glaubens an. Nachdem nun in geeigneter Weise dem dortigen Amtmanne der Schlüssel zur Synagoge übergeben war, öffneten sich seine geräumigen Hallen, die alle Theilnehmenden aufnahmen. Der Sängerchor stimmte mit Instrumentalbegleitung feierliche Weihegesänge an. Hierauf bestieg der Rabbine die Kanzel und sprach in gediegener Rede nach 2. Buch Mose 25,8 über "die Bestimmung des Gotteshauses und über das Verhalten des Menschen gegen dasselbe", sodaß jedes Gemüt in tiefster Andacht sich durchdrungen fühlte. Nicht unbedeutend sind die Gaben, die Gemeindemitglieder und fremde Glaubensgenossen in diesen Tagen der Synagoge spendeten. Beseligend wird stets die Erinnerung sein, die diese hehre Feier in jedem Augenzeugen hinterlassen hat. Möge nach dem Gotteshause nun auch die Schule die Beachtung der Gemeinde erwerben!

                   Synagoge in Schwarza (Abb. aus Nothnagel/Schwerda/Hausen)

Das alte Synagogengebäude wurde nun zum jüdischen Schulhaus umgebaut.

 

Stellenangebote aus: „Allgemeine Zeitung des Judentums“ von 1842 und 1845

An einem Hang am Ortsrand - in Richtung Meiningen - wurde gegen Ende des 17.Jahrhunderts ein jüdischer Begräbnisplatz angelegt, der in den folgenden Jahrzehnten ständig erweitert wurde. Der älteste lesbare Grabstein stammt aus dem Jahre 1693.

                                       Memorbuch der Gemeinde Schwarza, um 1770

Juden in Schwarza:

         --- um 1670 ........................   8 jüdische Familien,

    --- um 1700 ........................   9     “       “    ,

    --- um 1770 ........................  16     “       “    ,

    --- 1828 ........................... 222 Juden,

    --- 1833 ........................... 253   “  ,

    --- 1848 ........................... 310   “  ,

    --- 1861 ........................... 160   “  ,

    --- 1871 ...........................  71   “  ,

    --- 1883 ...........................  42   “  ,

    --- 1902 ...........................  31   “  ,

    --- 1920 ...........................  25   “  ,

    --- 1924 ...........................  16   “  ,

    --- 1927 ...........................  13   “  ,

    --- 1933 ...........................  12   “  ,

    --- 1936 ...........................   9   “  ,

    --- 1942 (Okt.) ....................   keine.

Angaben aus: Hans Nothnagel (Hrg.), Juden in Südthüringen geschützt und gejagt, S. 195

Ihren Lebensunterhalt verdienten die hier lebenden Juden zumeist im Vieh- und Kleinwarenhandel. Ab Mitte des 19.Jahrhunderts setzte eine starke Abwanderung der Juden aus Schwarza ein, die nunmehr in den industriellen städtischen Zentren ihre wirtschaftliche Zukunft sahen. Einer der Schwarzaer Juden, Moses Simson, wurde der Begründer des größten und bedeutendsten Industrieunternehmens in Südthüringen: der Simson-Werke in Suhl.

[vgl. Suhl (Thüringen)]

Wegen der geringen Zahl der in Schwarza noch verbliebenen Juden musste sich die Gemeinde auflösen; die wenigen noch am Orte wohnenden Juden schlossen sich 1932 dem Synagogengemeinde-Bezirk Suhl an. Zu Beginn der NS-Zeit lebten kaum mehr als zehn jüdische Einwohner in Schwarza. Unter persönlicher Führung des NSDAP-Kreisleiters Otto Recknagel wurde während des Novemberpogroms von 1938 die Inneneinrichtung der Synagoge geschändet und zerstört. In einem Augenzeugenbericht hieß es:... Am späten Nachmittag geschah es, die Dunkelheit war bereits hereingebrochen, als in der ... Hüttengasse, auch Judengasse genannt, ... am Eingang zur Synagoge mitten auf der Straße ein Scheiterhaufen errichtet wurde. ... durch ein Kommando des RAD herangeschafft ... . Kaum war der Scheiterhaufen errichtet, ... da ertönten die Warnsignale der örtlichen Freiwilligen Feuerwehr. Ihre große Handpumpe und der Wagen mit ausfahrbaren Leitern wurden in Position gebracht und zwei Leitern in Richtung zur Spitze der Synagoge ausgefahren. ...“ (aus: Hans Nothnagel, Juden in Südthüringen geschützt und gejagt, S. 189 f.)

Der Anschlag auf die Schwarzaer Synagoge war der Auftakt für die Zerstörung weiterer jüdischer Gotteshäuser in Südthüringen. Die letzten vier noch in Schwarza lebenden Jüdinnen wurden im Jahre 1942 deportiert. Nachweislich wurden sechs gebürtige Schwarzaer Juden in den NS-Vernichtungslagern ermordet.

Anfang der 1980er Jahre wurde das ehemalige Synagogengebäude auf Anordnung der Kommunalverwaltung wegen Baufälligkeit abgebrochen.

An die einstige jüdische Gemeinde von Schwarza erinnert nur noch ihr mehrere Jahrhunderte alter Friedhof; auf diesem finden sich heute noch etwa 70 Grabsteine, die von Mitgliedern der „Aktion Sühnezeichen“ und christlichen Gemeindemitgliedern restauriert wurden.

 

Ansicht vom jüdischen Friedhof in Schwarza (Aufn. S. 2013, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0

Die Irma-Stern-Straße, die frühere Hüttengasse, ist nach der letzten Schwarzaer Jüdin benannt, die am 10.Mai 1942 zusammen mit ihren beiden Kindern ins Ghetto Lodz deportiert wurde und dort ums Leben kam.

Weitere Informationen:

H.Nothnagel/E.Schwerda/L.v.Hausen, Chronik über jüdisches Werden und Vergehen in Schwarza, in: Hans Nothnagel (Hrg.), Juden in Südthüringen geschützt und gejagt. Eine Sammlung jüdischer Lokalchroniken in sechs Bänden, Bd. 1, Verlag Buchhaus Suhl, Suhl 1998, S. 165 ff.

1165 Jahre Schwarza - Festschrift der Gemeinde Schwarza, Schwarza 1992

Zeugnisse jüdischer Kultur - Erinnerungsstätten in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Berlin, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen, Tourist Verlag GmbH, Berlin 1992, S. 285/286

M.Brocke/E.Ruthenberg/K.U.Schulenburg, Stein und Name. Die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland (Neue Bundesländer/DDR und Berlin), in: Veröffentlichungen aus dem Institut Kirche und Judentum, Hrg. Peter v.d.Osten-Sacken, Band 22, Berlin 1994, S. 599 - 604

G. Wölfing, Kleine Henneberger Landeskunde Südthüringens, Hildburghausen 1995

Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus - Eine Dokumentation II, Hrg. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1999, S. 878/879

M.Brocke/Chr. Müller, Haus des Lebens - Jüdische Friedhöfe in Deutschland, Reclam Verlag, Leipzig 2001, S. 213/214

Israel Schwierz, Zeugnisse jüdischer Vergangenheit in Thüringen. Eine Dokumentation, hrg. von der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, Sömmerda 2007, S. 226 - 232

Gerhild Elisabeth Birmann-Dähne, Jüdische Friedhöfe in der Rhön, Michael Imhof Verlag, Petersberg 2018