Schweidnitz (Schlesien)

  Die niederschlesische Stadt Schweidnitz - südwestlich von Breslau gelegen - ist das polnische Swidnica mit derzeit ca. 60.000 Einwohnern.

In Schweidnitz entstand im späten Mittelalter das bedeutendste geistliche jüdische Zentrum Schlesiens.

Schon wenige Jahrzehnte nach der Stadtgründung von Schweidnitz (um 1250) waren Juden hier anzutreffen; ihr Wohnbezirk befand sich in der „Judengasse“, der späteren Töpfergasse, zudem in der Kupferschmiedestraße und der Stockgasse.

Die angesehene jüdische Gemeinde von Schweidnitz - sie verfügte über einen Friedhof unweit der späteren Striegauer Chaussee und seit 1380 über eine Synagoge in der Kupferschmiedegasse - war Sitz eines Rabbinats, dem eine Talmud-Hochschule (Jeschiwa) angegliedert war; dort lehrten im 14. und 15.Jahrhundert berühmte Rabbiner wie Rabbi David von Schweidnitz und Rabbi Oser. Der jeweilige Leiter der Jeschiwa stand als „Judenbischof“ dem jüdischen Gerichtshof vor, dem alle Juden des Herzogtums Schweidnitz unterstanden.

Seitens der Herzöge von Breslau war 1369 den Schweidnitzer Juden - gegen Zahlung eines hohen jährlichen „Toleranzgeldes“ - gewährt worden, „sicheren Leibes und Gutes mit ihren Weibern und Kindern in unseren Städten zu wohnen, ihr Geld auszuleihen und wieder einzumahnen nach jüdischen Sitten.“ Neben dem Geldhandel war auch der mit Waren gestattet; doch konnte der Warenhandel wegen der Konkurrenz mit christlichen Kaufleute kaum ausgeübt werden.

Die wohlhabende Judenschaft von Schweidnitz wurde 1453 nach dem Auftreten des fanatischen Franziskaner-Mönchs Johann von Capistrano in Schlesien wegen angeblicher Hostienschändung angeklagt; unter Folter erfolgte ihr Geständnis. 17 Schweidnitzer Juden wurden daraufhin öffentlich verbrannt; die nicht zum Tode verurteilten Juden vertrieb man aus der Stadt und konfiszierte ihren Besitz. Dieses gewaltsame Vorgehen der Stadtbehörden wurde 1457 durch den neuen Herrscher, den 17jährigen Böhmenkönig König Ladislaus, sanktioniert; zudem schenkte er der Stadt die verlassenen jüdischen Häuser sowie die Begräbnisstätte; die Synagoge wurde in eine Kirche umfunktioniert. Die Stadt Schweidnitz ließ sich gleichzeitig urkundlich verbriefen, für „ewige Zeiten“ keine Juden mehr in ihren Mauern dulden zu müssen.


Schweidnitz - Stich von M. Merian, um 1650 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Bis ins 17.Jahrhundert hielt die Stadt daran fest; nicht einmal zu Jahrmärkten durften jüdische Händler die Stadt betreten. Danach wurde das Verbot allmählich gelockert; aber erst nach Erlaubnis durch den Magistrat und nach Zahlung eines „Einlass-Geldes“ konnten vor allem Juden aus Zülz sich kurzzeitig in der Stadt aufhalten.

Im Gefolge der preußischen Judenemanzipation 1812 ließen sich einige wenige jüdische Familien in Schweidnitz nieder. Als 1815 fünf jüdische Familien hier lebten, erwarben sie ein Gelände, das fortan als Begräbnisplatz genutzt wurde; 1885 wurde die Fläche erweitert und gleichzeitig ein Taharahaus errichtet. Die sich zu Beginn des 19.Jahrhunderts neu konstituierte Synagogengemeinde wuchs besonders ab Mitte des Jahrhunderts stark an. Sie besaß seit 1847 nur einen Betraum in einem Hause am Markt. Ab den 1870er Jahren wurde ein Synagogenneubau geplant; die Finanzierung des Bauvorhabens wurde teils durch kommunale Mittel, teils durch eine Tombola sichergestellt. Ende August 1877 konnte die neue Synagoge am Sedanplatz eingeweiht werden; in Anwesenheit der Schweidnitzer Stadt-Prominenz hielt der Prediger A. Blumenfeld die Weiherede. Das nach den Entwürfen des Regierungsbaumeisters Edwin Oppler im neoromanischen Stil errichtete Bauwerk verfügte über etwa 250 Plätze.

 

Synagoge von Schweidnitz (hist. Aufn., rechts: Postkartenausschnitt)

Die Gemeinde unterhielt einen Prediger, einen Kantor, einen Lehrer und einen Schächter. Der Synagogenbezirk umfasste ursprünglich neben dem Kreis Schweidnitz auch die Kreise Neumarkt, Reichenbach, Striegau und Waldenburg.

Juden in Schweidnitz:

        --- 1812 ...........................     2 jüdische Familien,

    --- 1815 ...........................     5     “       “   ,

    --- 1840 ...........................   137 Juden,

    --- 1849 ...........................   174   “  ,

    --- 1871 ...........................   257   “  (ca. 60 Familien),

    --- 1880 ...........................   339   “  ,

    --- 1905 ...........................   165   “  ,

    --- 1925 ...........................   130   “  (ca. 0,4% d. Bevölk.),

    --- 1933 ...........................   114   “  ,*     * andere Angabe: 146 Pers.

    --- 1937 ...........................    49   “  ,

    --- 1939 ...........................    24   “  ,

    --- 1946 ....................... ca. 2.400   “  ,

    --- 1948 (Febr.) ................... 1.348   “  ,

--- 1949 (Jan.) ................ ca. 1.200   “  ,

--- 1960 ....................... ca.   300   “  .

Angaben aus: B. Brilling, Die jüdischen Gemeinden Mittelschlesiens - Entstehung und Geschichte, S. 19 und S. 170

Um 1880/1890 erreichte die Zahl der Angehörigen der israelitischen Gemeinde ihren Höchststand; gegen Ende der Weimarer Republik setzte sie sich nur noch aus ca. 120 Personen zusammen. Der Großteil von ihnen waren Handel- und Gewerbetreibende; die jüdischen Geschäfte konzentrierten sich um den Ring und die angrenzenden Straßen; so z.B. die Geschäfte von Leopold Prager, Pinkus Laufer, Emil Laqueur u. Erich Kohn & Gallewski Nachf. (alle am Markt), Nestor Stahl (Kupferschmiedstr.), Moritz Neuthal u. Hermann Brock (beide Burgstr.) und Albert Cohn (Langstr.).

Eines der größten Industrie-Unternehmen in Schweidnitz gehörte der Familie Meyer Kauffmann; ursprünglich ein Weißwarengeschäft, hatte die Familie eine eigene Baumwoll- und Leinenmanufaktur aufgebaut. Um 1850 hatte Kauffmann andere Betriebe hinzu erworben, so u.a. in Tannhausen. Sein Sohn setzte die Expansion der Firma fort. Bereits nach dem Ersten Weltkrieg kam es in Schweidnitz zu einzelnen antisemitischen ‚Vorfällen’, die im Laufe der Jahre immer brutaler wurden und auch vor gezielten Angriffen auf einzelne Juden der Stadt nicht zurückschreckten.

Auch in Schweidnitz trug kurz nach der NS-Machtübernahme 1933 die antijüdische Hetze Früchte; bereits vor dem offiziellen Boykott jüdischer Geschäfte am 1.4.1933 hatten Schweidnitzer Juden ihre Geschäfte schließen müssen; dagegen setzten sie sich mit einer Zeitungsanzeige zur Wehr:

„ Die Boykottbewegung legt den deutschen Juden zur Last, die Greuelpropaganda im Ausland verschuldet zu haben. Feierlichst versichern wir deutschen Schweidnitzer Juden, jeder Hetz- und Lügenpropaganda fernzustehen, verurteilen diese aufs schärfste und werden bei jeder sich bietenden Gelegenheit Veranlassung nehmen, das Ausland über das Verwerfliche der Boykottbewegung gegen deutsche Waren zu warnen. Wir Schweidnitzer jüdischen Bürger haben dem Staat gegenüber stets unsere Pflicht erfüllt und werden uns auch in Zukunft durch nichts abhalten lassen, der jetzigen nationalen Regierung gegenüber unsere vaterländischen Pflichten zu erfüllen.”

(aus: „Mittelschlesische Zeitung“ vom 31.3.1933)

Diese „Unterwerfungserklärung“ konnte aber die Boykottmaßnahmen nicht verhindern.

                  In einer Zeitungsmeldung der „Mittelschlesischen Zeitung” vom 1.4.1933 hieß es:

... hat die Reichsregierung bekanntlich Maßnahmen angeordnet, die am heutigen Sonnabend in allen Orten schlagartig einsetzen sollten. Aus diesem Anlaß machte das Straßenbild in Schweidnitz einen belebteren Eindruck. Zu besonderen Maßnahmen kam es jedoch nicht. Bekanntlich waren die hiesigen jüdischen Firmen schon vor Tagen zum Schließen der Geschäfte veranlaßt worden oder hatten sie aus eigenem Antrieb geschlossen gehalten. Heute vormittag sah man einige SA-Leute mit Pinsel und Kleistertopf, die auf die Schaufenster der jüdischen Geschäfte Plakate klebten ... Vor einzelnen jüdischen Geschäften sah man SA-Posten. Sonst ereignete sich nichts.

Die NS-Politik veranlasste immer mehr jüdische Geschäftsleute, ihre Unternehmen in „arische“ Hände zu übergeben und die Stadt zu verlassen; 1937 lebten in Schweidnitz kaum noch 50 Juden.

Vorläufiger Höhepunkt der antijüdischen Maßnahmen in Schweidnitz waren die Ausschreitungen während der „Reichskristallnacht“: SA- und SS-Angehörige setzten die Synagoge in Brand; das Gebäude brannte völlig aus; Monate danach wurde die Ruine abgebrochen. Geschäfte jüdischer Eigentümer und Wohnungen wurden demoliert. Auch der Friedhof wurde geschändet, Grabsteine später beim Wegebau benutzt. Drei jüngere Männer wurden in "Schutzhaft" genommen und nach Buchenwald verschleppt.

Bei Kriegsbeginn lebten noch etwa 25 Juden in Schweidnitz; diese wurden alsbald im „Judenhaus“ am Markt zusammengepfercht. Von hier aus wurden seine Bewohner Ende 1942 zunächst in ein Lager nach Breslau verbracht, anschließend in ein Vernichtungslager; nur einzelne haben überlebt.

In der unmittelbaren Nachkriegszeit erreichten mehrere tausend Juden die Stadt Swidnica - als Zwischenstation auf ihrem Wege nach Westeuropa bzw. Palästina und Übersee. In der Stadt bildete sich für etwa 20 Jahre wieder eine Gemeinde. Bis 1949 war bereits etwa die Hälfte der 2.400 Juden abgewandert, zumeist nach Israel. Gegen Ende 1949 begann das kommunistische Regime mit der Schließung bzw. Auflösung jüdischer Organisationen bzw. Parteien; dies förderte zusätzlich noch die Abwanderung. Anfang der 1960er Jahre lebten nur noch ca. 300 Juden in Swidnica; knapp zehn Jahre später waren es etwa 100 Personen.

Vom Ende des 13. Jahrhunderts angelegten mittelalterlichen Friedhof sind noch wenige Grabsteine erhalten geblieben. Nach Abräumung des Friedhofs um 1455/1460 waren die Steine u.a. für den Haus- und Wegebau benutzt worden; mehrere sind heute im hiesigen Museum zu sehen. Die noch wenigen Grabsteine auf dem (neuen) jüdischen Friedhof verbliebenen Steine sind dem Verfall preisgegeben, das Gelände teilweise von der Vegetation überwuchert.

 Albert Neisser wurde 1855 als Sohn eines jüdischen Arztes in Schweidnitz geboren. Nach einem Medizinstudium übernahm er 1882 als außerordentlicher Professor die Leitung des dermatologischen Klinik in Breslau. Kurz zuvor hatte er die bahnbrechende Entdeckung des Erregers der Gonorrhoe (Tripper) gemacht. Seine Klinik in Breslau entwickelte sich unter der Leitung von Albert Neisser bald zu einem Forschungszentrum von internationalem Ruf. Hochgeehrt als Dermatologe starb er 1916 in Breslau.

 

In der nördlich von Waldenburg liegenden Ortschaft Striegau (poln. Strzegom) bestand schon in der Zeit der böhmischen Könige eine jüdische Gemeinde. 1401 kam es in der Stadt zu einem Pogrom, bei dem ca. 70 Juden ermordet wurden. Um die Mitte des 15.Jahrhunderts wurde dann die etwa 100 Personen zählende Judenschaft wegen angeblichen Hostienfrevels aus der Stadt vertrieben bzw. ermordet, die Synagoge 1455 in die Barbara-Kirche umgewandelt. Dieses Kirchengebäude ist bis auf den heutigen Tag vorhanden.

                                   Barbara-Kirche, ehemals Synagoge

In den 1840er Jahren bildete sich in der Stadt wieder eine Gemeinde, die über einen bereits 1815 angelegten Friedhof und ab 1846 auch über ein Bethaus verfügte.

Juden in Striegau:

        --- 1849 .........................  29 Juden,

    --- 1871 .........................  62   “  ,

    --- 1880 ..................... ca. 180   “  ,

    --- 1900 ......................... 115   “  ,

    --- 1925 ......................... 109   “  ,

    --- 1933 ..................... ca.  70   “  ,

    --- 1937 .........................  17   “  ,

    --- 1939 .........................   2   “  ,

     --- 1946 ..................... ca. 230   “  ,

     --- 1948 (Febr.) ............. ca. 500   “  ,

 --- 1949 (Jan.) .............. ca. 260   “  .

Angaben aus: Strzegom, in: sztetl.org.pl

Die um 1880 etwa 180 Angehörige zählende Gemeinde, der Juden aus dem gesamten Kreisgebiet angehörten, wurde danach infolge Abwanderung immer kleiner; 1900 waren es noch 115 Personen, zu Beginn der NS-Zeit nur noch etwa 75. Wenige Jahre später löste sich die Gemeinde ganz auf.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde Strzegom zu einem Ort jüdischer Ansiedlung in Niederschlesien. 1946 hielten sich ca. 230 Juden in der Stadt auf; ein Jahr später hatte sich deren Anzahl verdoppelt. In dieser Zeit entwickelte sich hier jüdisches Leben mit zahlreichen Organisationen. Ein Merkmal dieser jüdischen Gemeinschaft war die Bildung von Genossenschaften. Ab Ende der 1940er Jahre verließen die meisten Juden die Stadt und emigrierten.

Der kleine jüdische Friedhof von Striegau, der völlig in Vergessenheit geraten und von der Vegetation überwuchert war, ist unlängst wieder seitens einer deutsch-polnischen Initiative freigelegt worden; die ca. 80 noch vorhandenen Grabsteine wurden aufgerichtet. 

vgl. dazu: Striegau (Schlesien)

Weitere Informationen:

Wilhelm Schirrmann, Chronik der Stadt Schweidnitz, Schweidnitz, 1908

Heinrich Schubert, Bilder aus der Geschichte der Stadt Schweidnitz, Schweidnitz 1911, S. 331 f.

Germania Judaica, Band II/2, Tübingen 1968, S. 754/755 und Band III/2, Tübingen 1995, S. 1344/1353

Bernhard Brilling, Die jüdischen Gemeinden Mittelschlesiens - Entstehung und Geschichte, Verlag Kohlhammer, Stuttgart/Berlin/Köln/Mainz, 1972, S. 166 - 172

H.Hammer-Schenk, Synagogen in Deutschland - Geschichte einer Baugattung im 19. u. 20.Jahrhundert (1780 - 1933), Teil 1, S. 329/330 und Teil 2, Abb. 250/251

Theo Johannes Mann, Geschichte der Stadt Schweidnitz. Ein Gang durch 700 Jahre deutscher Kultur in Schlesien, Reutlingen 1985, S. 93 f.

Adelheid Weiser, Die jüdische Gemeinde in Schweidnitz, in: W.Bein/U.Schmilewski, Schweidnitz im Wandel der Zeiten, Würzburg 1990, S. 284 f.

Horst Adler, Materialien zur einer Geschichte der Juden in Schweidnitz im 19. und 20.Jahrhundert, in: „Tägliche Rundschau“, Reutingen, 27/1991, S. 16 – 23 (auch als PDF-Datei abrufbar unter: horst-adler.de/juden.pdf)

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust, New York University Press, Washington Square, New York 2001, Vol. 2, S. 1153 und Vol. 3, S. 1252

Swidnica, in: sztetl.org.pl

Małgorzata Frąckowiak,Swidnica, in: kirkuty.xip.pl

Die Privatsammlung von Horst Adler, 93049 Regensburg, enthält umfangreiches Material über die Stadt und den Landkreis Schweidnitz; ein Teil des Bestandes ist in der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften in Görlitz ausgestellt.