Unsleben (Unterfranken/Bayern)

Unsleben mit seinen derzeit kaum 1.000 Einwohnern ist heute ein Ortsteil der Verwaltungsgemeinschaft Heustreu im Landkreis Rhön-Grabfeld – nur wenige Kilometer nördlich von Bad Neustadt a.d. Saale gelegen.

Zum ersten Male wurden Juden in Unsleben 1680 aktenkundig, und zwar als Altmaterialsammler für den Guss von Glocken. Einer anderen Angabe zufolge sollen bereits 1571 erstmalig Juden in Unsleben erwähnt worden sein. Die Juden des Ortes bildeten bald „ein Dorf im Dorfe“; gefördert wurde ihre Ansiedlung vom Gutsbesitzer von Speßardt, der die Juden zu hohen Schutzgeldern verpflichtete. Die jüdischen Familien waren zunächst in kleinen Wohnungen untergebracht, die der Gutsherr für sie hatte erbauen lassen. Im Laufe des 18.Jahrhunderts durften sie auch selbst Grundstücke und eigene Häuser erwerben. Ihren Lebensunterhalt verdienten sie meist in der Hausiererei, manche arbeiteten auch als Metzger, Gerber oder Färber; daneben gab es auch Vieh- und Landesproduktenhändler. - Laut der Matrikelliste waren für Unsleben 45 Familienvorstände aufgeführt; bis gegen Mitte des 19.Jahrhunderts veränderte sich diese Zahl kaum.

Die jüdische Gemeinde, die dem Bezirksrabbinat Kissingen unterstand, besaß zunächst eine kleine Synagoge, die 1857 durch ein repräsentativeres Gebäude ersetzt wurde. Dieser Bau machte in den 1860er Jahren Schlagzeilen, nachdem er zum Streitobjekt zwischen liberalen und orthodoxen Gruppierungen wurde, als es darum ging, ob die Frauenempore mit einem Gitter versehen werden sollte.

Für die Verrichtung religiös-ritueller Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt. Mit Rabbiner Naftali Hirsch Adler hatte Unsleben von 1810 bis ca.1840 auch einen Rabbiner am Ort.

               

 aus: „Allgemeine Zeitung des Judentums“ vom 8.Aug. 1900 und der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 20.Aug. 1900

Auch ein Gemeindehaus, eine Mikwe, eine Volksschule nannten die hiesige Judenschaft ihr Eigen; zudem bestand seit Ende der 1850er Jahre auch ein eigenes Begräbnisgelände, das an einem Steilhang östlich des Dorfes gelegen war; zuvor waren Verstorbene auf dem jüdischen Bezirksfriedhof in Kleinbardorf beigesetzt worden.

               

Jüdischer Friedhof in Unsleben (Aufn. J. Hahn, 2005)

Juden in Unsleben:

        --- um 1750 ................. ca.  25 jüdische Familien,     

--- 1816 ........................ 202 Juden,

    --- 1840 ........................ 225   “   (ca. 24% d. Bevölk.),  

--- 1867 ........................ 218   “  ,

    --- 1880 ........................ 146   “   (ca. 17% d. Bevölk.),

    --- 1890 ........................ 115   “  ,

    --- 1910 ........................ 138   “   (ca. 15% d. Bevölk.),

    --- 1925 ........................ 114   “  ,

    --- 1933 ........................ 119   “   (ca. 12% d. Bevölk.),

    --- 1935 (Juni) ................. 102   “  ,

    --- 1936 (Okt.) ................. 101   “  ,

    --- 1937 (Febr.) ................ 102   “  ,

    --- 1942 (Febr.) ................  15   “  ,

             (Juni) .................  keine.

Angaben aus: Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945, S. 412

In der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts zogen meist ärmere jüdische Familien aus Unsleben in Städte wie Nürnberg, Fürth oder Frankfurt/Main; einige wohlhabendere Juden emigrierten nach Nordamerika; so soll die jüdische Gemeinde von Cleveland von Auswanderern aus Unsleben begründet worden sein.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20191/Unsleben%20Israelit%2023101890.jpg Geschäftsanzeige des Käse-en-Gros-Geschäftes Liebenthal (um 1890)

Anzeigen aus dem Jahre 1900 http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20156/Unsleben%20Israelit%2023051900.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20192/Unsleben%20Israelit%2013081900.jpg

Anfang der 1930er Jahren lebten in Unsleben etwa 120 Einwohner israelitischen Glaubens.

Erste Inhaftierungen erfolgten im Juli 1934, als zwei jüdische Kaufleute „zu ihrer eigenen Sicherheit in Schutzhaft” genommen wurden; vorausgegangen war eine von der SA bzw. NSDAP initiierte Demonstration vor dem Anwesen des Kaufmanns. Die versammelte Menge soll skandiert haben: „Schlagt den Saujuden tot, verrecken muß er, holt ihn heraus, nach Dachau muß er.” Bei dieser Gelegenheit gingen auch Fensterscheiben zu Bruch. Die beiden inhaftierten Juden wurden erst wieder auf freien Fuß gesetzt, nachdem sie sich verpflichtet hatten, nicht wieder nach Unsleben zurückzukehren.

Zwischen Sommer 1934 und November 1938 verließen fast 60 Juden das Dorf; 30 emigrierten in die USA, mehr als 20 verzogen in größere deutsche Städte. Schon im Vorfeld des Novemberpogroms von 1938 kam es in Unsleben und in der Umgebung zu antisemitischen Ausschreitungen; diese veranlassten die Juden in Unsleben, die Thora-Rollen und andere Kultgeräte aus der Dorfsynagoge zu entfernen und zu verstecken. Mindestens sechs Thorarollen konnten von jüdischen Familien in die USA gerettet werden.*

* Im „Elmhurst Jewish Center“ - einer jüdischen Gemeinde im New Yorker Stadtteil Queens - sind noch heute zwei Thorarollen im Gebrauch; diese Gemeinde geht auf eine Gründung von Unslebener Emigranten in den frühen 1940er Jahren zurück.

In der Pogromnacht wurden zwölf Juden aus Unslebens - Kaufleute und Viehhändler - verhaftet und ins Bezirksgefängnis Bad Neustadt/Saale verbracht. Die Dorfsynagoge an der Ecke Schlossgasse/Kemmenate wurde vom einheimischen Mob demoliert, aber nicht in Brand gesetzt; auch Wohnungen jüdischer Einwohner waren Ziele der Gewalttätigkeiten. 1938/1939 wanderte fast die Hälfte der jüdischen Dorfbevölkerung wegen des wachsenden Druckes der NS-Herrschaft aus, vor allem nach Kuba. Die etwa 15 Juden, die im Dorfe geblieben waren, wurden im Laufe des Jahres 1942 – via Würzburg – nach Izbica/b. Lublin bzw. nach Theresienstadt deportiert.

Der jüdische Gemeindebesitz wurde von der Kommunalverwaltung übernommen: In der teilweise beschädigten Synagoge wurde ein Holzlager eingerichtet und die Räume der einstigen jüdischen Volksschule wurden als Klassenräume der Dorfschule genutzt.

In der einstigen Dorfsynagoge von Unsleben ist heute das „Haus der Bäuerin” untergebracht. Eine kleine Tafel erinnert an die einstige Nutzung des Gebäudes. Auf dem von einer Steinmauer umgebenen jüdischen Friedhof von Unsleben sind heute noch etwa 240 Grabsteine erhalten. 2015 wurde in einem Schülerprojekt des Rhön-Gymnasiums Bad Neustadt – daran beteiligt waren deutsche und israelische Schüler - das Friedhofsareal kartiert, alle Grabsteine erfasst und deren Inschriften transkribiert.

jüdischer Friedhof (Aufn. S., 2012, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

  Gebotstafeln aus der Unslebener Synagoge (Aufn. J. Hahn, 2005)

Seit 1975 erinnert eine Gedenkstele an die jüdischen NS-Opfer; sie sind hier namentlich aufgeführt.

Aus Unsleben stammte der 1810 geborene Lazarus (Elieser) Adler, der sich als Rabbiner in Kissingen (1840-1852) und als Landesrabbiner von Hessen-Nassau (mit Sitz in Kassel) einen Namen machte und Autor zahlreicher Publikationen war. Adler verstarb 1886 in Wiesbaden.

Weitere Informationen:

Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945. Geschichte und Zerstörung, Oldenbourg-Verlag, München/Wien 1979, S. 412/413

Herbert Schultheis, Juden in Mainfranken 1933 - 1945 unter besonderer Berücksichtigung der Deportationen Würzburger Juden, in: Bad Neustädter Beiträge zur Geschichte und Heimatkunde Frankens, Band 1, Verlag Max Rötter, Bad Neustadt a.d. Saale 1980, S. 440 f.

Israel Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern - eine Dokumentation, Hrg. Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1992, S. 126/127

Michael Trüger, Der jüdische Friedhof in Unsleben, in: Der Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern, 9.Jg., No. 62/1994, S. 13

Josef Hesselbach, Die Geschichte der Juden in Unsleben. Referat anlässlich der Denkmaleinweihung

Unsleben, in: alemannia-judaica.de (mit Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Josef Hesselbach, Synagoge in Unsleben wurde Haus der Bäuerin, in: Heimat-Jahrbuch Rhön-Grabfeld 2010, S. 438 - 442

Eckhard Heise, Das jüdische Leben in Unsleben dokumentieren, in „Main-Post“ vom 14.10.2015

Reinhold Albert, Jüdische Friedhöfe im Landkreis Rhön-Grabfeld, in: Schriftenreihe der Kulturagentur des Landkreises Rhön-Grabfeld, Heft 1/2015

Michael Imhof, 400 Jahre Juden in der Rhön, Hrg. Zukunft Bildung Region Fulda e.V., 2017