Unruhstadt (Schlesien)

In Unruhstadt (poln. Kargowa) – im schlesisch-polnischen Grenzgebiet nordöstlich von Grünberg bzw. wenige Kilometer östlich von Züllichau (Sulechów) gelegen – können jüdische Bewohner seit den 1790er Jahren nachgewiesen werden, als der Ort im Zuge der 2. Polnischen Teilung (1793) an Preußen kam; damals stellte der jüdische Bevölkerungsteil immerhin ca. 25% der Einwohnerschaft.

Anm.: Die Gründung der Ortschaft ging zurück auf den Adligen Christoph von Unruh, der diese Siedlung für protestantische Flüchtlinge aus Schlesien in den 1660er Jahren hatte errichten lassen; vermutlich lebten in einem Teil der Siedlung auch jüdische Familien.

Die 1841 durch einen größeren Stadtbrand zerstörte Synagoge auch zahlreiche von jüdischen Familien bewohnte Häuser wurden ein Opfer der Flammen - konnte alsbald wieder in der Mariannenstraße aufgebaut werden; Spenden aus Nachbargemeinden hatten dies ermöglicht. Ende der 1880er Jahre wurde die Synagoge durch Umbaumaßnahmen umgestaltet; in ihrer äußeren Form ähnelte das Gebäude nun der Synagoge von Liegnitz.

                     

                                  Synagoge in Unruhstadt (hist. Postkarte um 1910)               Gemeindesiegel (um 1850)*

                      * Auf dem Siegel war die Aufschrift zu lesen: „VERWALTUNGS BEAMTEN D. ISRAELITISCHEN CORPORATION (auf dem Rand) ZU UNRUHSTADT“

Etwa zwei Kilometer östlich der Stadt – an der Straße nach Wollstein – befand sich auf hügeligem Gelände der Friedhof.

Juden in Unruhstadt:

        --- 1793 ..................... 323 Juden,

    --- 1840 ..................... 392   “  ,

    --- 1848 ..................... 207   “  ,

--- 1857 ..................... 190   “  ,

--- 1871 ..................... 133   “  ,

--- 1887 ..................... 100   “  ,

--- 1901 .....................  69   “  ,

--- 1911 .....................  49   “  ,

--- 1933 .....................  36   “  .

                 Angaben aus: Heppner/Herzberg, Aus Vergangenheit und Gegenwart der Juden und der jüdischen Gemeinden in den Posener Landen, Bromberg 1909, S. 992

Zu Beginn des 19.Jahrhunderts lag der Tuchhandel in Unruhstadt vor allem in jüdischer Hand; als die Exporte nach Russland durch Einfuhrzölle erschwert wurden, wanderten ab den 1820/1830er Jahren jüdische Händler nach Kongresspolen (vor allem in die Gegend von Lodz) ab und trugen hier zum Wachstum der sich bildenden Textilindustrie bei.

Ihren personellen Zenit erreichte die Judenschaft von Unruhstadt um 1840 mit ca. 400 Personen; zur Gemeinde gehörten damals auch die Glaubensgenossen aus dem benachbarten Ort Kopanika.

Die Abwanderung in größere Städten im Westen Deutschlands machte sich ab den 1850er Jahren deutlich bemerkbar. Diese stetig abfallende Tendenz dauerte bis in die 1930er Jahre an, bis schließlich die Gemeinde aufgelöst wurde.

 

Wollsteinerstraße und Marktansicht von Unruhstadt (hist. Aufn., um 1900)

Anfang des 20.Jahrhunderts zählte die Gemeinde lediglich nur noch knapp 70 Personen; dabei handelte sich um eine wohlhabende Gruppe mit erheblichen Vermögen und Immobilienbesitz. Der reichste jüdische Unternehmer war Carl Lichtenstein, der 1914 in der Stadt eine Schokoladenfabrik eingerichtet hatte und dort 400 Arbeiter beschäftigte.

Mit Beginn der NS-Zeit wurden die noch hier lebenden jüdischen Einwohner zum Verkauf ihrer Unternehmen gezwungen und zum Verlassen der Stadt genötigt; dazu zählte auch Carl Lichtenstein, der 1938 seine Fabrik weit unter Wert veräußern musste; Nutznießer war ein örtlich bekannter fanatischer Nationalsozialist. Bereits 1936 war die Synagoge an einen Tischlermeister verkauft worden, der das Gebäude als Holzlager nutzte. Jahrzehnte nach dem Krieg wurde das ehemalige Synagogengebäude nach umfangreichen Umbauten, die das Äußere des Baues völlig veränderten, zu einem Wohnhaus umgestaltet.

Der jüdische Friedhof wurde bei Kampfhandlungen gegen Kriegsende weitestgehend zerstört. Nur wenige Grabsteinrelikte deuten heute noch auf dessen Existenz.

 Spärliche Grabsteinrelikte (Aufn. Józef Plawski, aus: kirkuty.xip.pl)

Weitere Informationen:

Hugo Schmidt, Geschichte der Stadt Grünberg/Schlesien, Verlag Levysohn, Grünberg 1922

Zbigniew Bujkiewicz/Tadeusz Dzwonkowski, Gmina żydowska w Zielonej Górze, „Studia zielonogórskie” No. 2, Zielona Góra 1996, S. 47 - 55

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 2), New York University Press, Washington Square, New York 2001

Kargowa, in: sztetl.org.pl

Joseph Plawski, Kargowa, in: kirkuty.xip.pl