Ungedanken (Hessen)

Ungedanken ist ein südwestlich gelegener Stadtteil von Fritzlar im hessischen Schwalm-Eder-Kreis mit derzeit knapp 1.000 Einwohnern.

In Ungedanken gab es eine jüdische Gemeinde, die gegen Mitte des 19.Jahrhunderts immerhin aus 25 Familien bestand. Die Anfänge einer Gemeinde bildeten sich hier zu Beginn des 17.Jahrhunderts, als jüdische Flüchtlinge aus Ostpolen hier Aufnahme gefunden haben sollen.

Ein Synagogenneubau wurde im Jahre 1864 eingeweiht; zuvor hatten die Gemeindemitglieder private Räumlichkeiten für ihre gottesdienstlichen Zusammenkünfte genutzt. Im neuen Gebäude waren neben dem Betsaal auch eine Mikwe, das Schulzimmer und die Lehrerwohnung untergebracht. Seit ca. 1750 existierte in Ungedanken auch eine jüdische Elementarschule, die bis um 1900 bestanden hat. Gegen Mitte des 19.Jahrhunderts sollen hier etwa 40 bis 50 Kinder Unterricht erhalten haben.

            Ehem. Synagogengebäude (Aufn. um 1960, aus: Th. Altaras)

Ein eigenes Bestattungsgelände stammte bereits aus den Anfängen der Gemeinde.

Zur jüdischen Gemeinde Ungedanken gehörten auch die in Mandern (Waldeck) und Rothhelmshausen lebenden jüdischen Personen.

Juden in Ungedanken:

--- 1861 ........................ 74 Juden (ca. 20% d. Bevölk.),

--- 1871 ........................ 78   “  ,

--- 1885 ........................ 50   “   (ca. 14% d. Bevölk.),

--- 1895 ........................ 27   “  ,

--- 1905 ........................ 28   “   (ca. 9% d. Bevölk.),

--- 1924 ........................ 12   “  ,

--- 1933 ........................ 10   “  ,

--- 1937 ........................ eine jüdische Familie.

Angaben aus: Ungedanken mit Rothhelmshausen, in: alemannia-judaica.de

In Ungedanken gab es eine Thoraschreiberei, die von der Familie Lissauer schon über viele Generationen hinweg betrieben wurde. Die Vorfahren der Familie kamen aus Lissa (Prov. Posen); nachweislich sollen sie dort seit 1654 das Gewerbe der Soferim betrieben haben.

Verkaufsanzeigen aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30.Okt. 1867 und vom 23.Okt. 1890

Gegen Ende des 19.Jahrhunderts wanderten die allermeisten jüdischen Bewohner aus Ungedanken ab - zumeist ins nahe Kassel. In der Zeit nach Ende des Ersten Weltkrieges gelange es dann nicht mehr, regelmäßig einen Minjan zusammenzubringen, so dass Gottesdienste nicht mehr abgehalten werden konnten. Jüdische Männer aus Fritzlar sollen einmal im Jahr durch ihre Anwesenheit einen Gottesdienst ermöglicht haben. Schließlich löste sich aber die Restgemeinde Anfang der 1930er Jahre auf; das Synagogengebäude wurde 1937 verkauft und zu Wohnzwecken umgebaut.

Der inmitten des Dorfes liegende Friedhof erinnert heute mit seinen ca. 65 Grabsteinen an die jüdische Geschichte Ungedankens. Auch der letzte Thoraschreiber der Familie Lissauer hat hier 1912 sein Grab gefunden.

 

Jüdischer Friedhof Ungedanken (Aufn. J. Hahn, 2010  und  Cosal, 2015, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, FrankfurtM. 1971, Bd. 2, S. 315/316

Thea Altaras, Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945?, Teil II/1988, S. 61

Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 - 1945, Hessen II: Regierungsbezirke Gießen und Kassel, VAS-Verlag, Frankfurt/M. 1996, S. 171

Ungedanken mit Rothhelmshausen, in: alemannia-judaica.de

Paulgerhard Lohmann, Jüdische Mitbürger in Fritzlar 1933 - 1949, books on demand, Norderstedt 2006

Anke Schwarz, Jüdische Gemeinden zwischen bürgerlicher Emanzipation und Obrigkeitsstaat. Studien über Anspruch und Wirklichkeit jüdischen Lebens in kurhessischen Kleinstädten im 19.Jahrhundert, Hrg. Kommission für die Geschichte der Juden in Hessen, Wiesbaden 2002, S. 115 - 120 und S. 203 - 229