Adorf (Hessen)

Adorf mit derzeit ca. 1.500 Einwohnern ist heute größter Ortsteil der Kommune Diemelsee im nordhessischen Landkreis Waldeck-Frankenberg und Sitz der Gemeindeverwaltung Diemelsee.

Die ältesten urkundlichen Belege für die Ansässigkeit von Juden in dem zum Fürstentum Waldeck gehörenden Dorf stammen aus dem ausgehenden 18. bzw. dem beginnenden 19.Jahrhundert. Es sind dies Schutzbriefe, die im damaligen Fürstentum nur wenigen jüdischen Zuwanderern erteilt wurden. Voraussetzung war der Nachweis eines Vermögens in bestimmter Höhe und die Ableistung eines Huldigungseides. Als erste Einwohner mosaischen Glaubens, die 1787 mit Schutzbriefen ausgestattet wurden, sind die Stammväter der Familien Lebach, Mosheim und Weiler zu nennen.

Eine organisierte jüdische Gemeinde, die stets nur eine überschaubare Zahl von Familien umfasste, entstand in Adorf vermutlich erst im beginnenden 19.Jahrhundert. Aus einer Schilderung (um 1880/1890): „ ... Eine Gemeinde für sich in dem großen Flecken (Adorf) bildete das Volk Israel. Acht Judenfamilien wohnten am Orte, alle trieben sie Handel, unablässig zäh bemüht, ihr Gut und Geld zu mehren. Die Juden waren neben dem Burgherrn die reichsten Leute in Adorf.”

In den 1830er Jahren erteilte der Waldecker Fürst den Adorfer Juden die Genehmigung zur Einrichtung einer Synagoge, die daraufhin in einem angekauften Fachwerkhaus im Ortskern, Am Kahlenberg, untergebracht wurde.

          

                             Adorfer Synagoge (links im Bild, hist. Aufn.)                        Rekonstruktionsskizze (Waldeckischer Geschichtsverein)

Dass auch in Adorf reformerische Ansätze in der Abhaltung des Gottesdienstes griffen, dokumentiert ein Artikel der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums“ vom 3.Jan. 1848, in dem es u.a. hieß:

Aus dem Fürstenthum Waldeck, 20. Dezember (Privatmitth.). Auch in unserm kleinen Fürstenthum beginnt ein regeres Leben die Synagoge zu ergreifen. Seit zwei Jahren hat die Gemeinde zu Adorf Chorgesang eingeführt, überhaupt möglichst den Zeitforderungen genügt. Freilich erhob sich damals auch in Adorf der Ruf des Unwillens über den Chorgesang; aber wie schnell er sich eingewöhnt, ersieht man daraus, daß an den vergangenen hohen Festen sogar deutsche Choralgesänge ... vorgetragen wurden. So hat auch die Gemeinde zu Mengringhausen auf Veranlassen ihres Lehrers Herrn Heilbrun den 3-jährigen Zyklus der Tora eingeführt, und bemüht sich derselbe durch allsabbatliche gottesdienstliche Vorträge das religiöse Bewußtsein umzugestalten und auf die Höhe der Gegenwart zu erheben. Mögen diesem Beispiele der beiden genannten Gemeinden die anderen bald nachfolgen, ...

Die Gemeinde beschäftigte zeitweise einen Lehrer, der neben der religiösen Unterweisung der Kinder auch als Kantor und Schochet fungierte. Als "Schulstube" diente ein in einem Privathaus angemieteter Raum.

Zu den gemeindlichen Einrichtungen zählte auch ein Friedhof, in Ortsnähe auf dem Dansenberg gelegen; das nachweislich älteste Grab stammt aus dem Jahre 1809. 

Die sehr kleine jüdische Gemeinde Adorf unterstand dem Provinzialrabbinat Kassel.

Juden in Adorf:

    --- 1802 ....................   4 jüdische Familien,

--- 1826 ....................   8     “       “   (ca. 45 Pers.),

    --- 1854 ....................  12     “       “   ,

    --- 1872 ................ ca.  85 Juden,

    --- 1905 ....................  33   “   (ca. 3% d. Bevölk.),

    --- 1910 ....................  26   “  ,

    --- 1933 ....................  20   “  ,

    --- 1939 ....................   3   “  ,

    --- 1942 ....................   keine.

Angaben aus: Schutzbriefe sind die ältesten Zeugnisse jüdischen Lebens, in: HNA - Frankenberger Allgem. 12.1.2003

Bis in die 1930er Jahre hinein waren die wenigen jüdischen Familien in der Dorfgesellschaft integriert und verdienten hier als Kaufleute ihren Lebensunterhalt. Noch bis nach 1933 bestanden am Ort drei jüdische Gewerbebetriebe: das Textilgeschäft von Louis Kann, die Eisenwarenhandlung der Gebr. Mosheim und die "Adorfer Mühle" der Gebr. Mannheimer.

Vor der „Reichskristallnacht“ gelang einigen von ihnen die Emigration nach Übersee. Das seit längerer Zeit ungenutzte Synagogengebäude war schon 1937 verkauft worden; zwei Jahre später wurde das Haus abgerissen, nachdem die Inneneinrichtung während des Novemberpogroms vernichtet worden war. Acht Adorfer Juden wurden Opfer des Holocaust.

Eine Gedenktafel für die Opfer der Adorfer jüdischen Gemeinde suchte man lange Zeit vergebens. Im Frühjahr 2011 wurde dann auf Initiative der Bezirksgruppe Diemelsee des Waldeckischen Geschichtsvereins und des Ortsbeirates von Diemelsee-Adorf ein Gedenkstein mit einer Bronzetafel am Standort des 1939 abgerissenen Synagogengebäudes aufgestellt, auf der namentlich die 15 jüdischen Opfer erscheinen.

(Aufn. Waldeckischer Geschichtsverein)

Auf dem zu Beginn des 19.Jahrhunderts eingerichteten und bis Mitte der 1930er Jahre benutzten jüdischen Friedhofs sind noch ca. 50 Grabsteine zu finden, deren Inschriften aber kaum mehr zu entziffern sind.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20328/Adorf%20Friedhof%20192a.jpg Jüdischer Friedhof am Dansenberg (Aufn. R. Bornemann)

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Jüdische Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/Main, 1971, Bd. 1, S. 26/27

Alfred Emde/Karl Welteke, Adorf - Geschichte eines Waldeckischen Dorfes, o.O. o.J.

Schutzbriefe sind die ältesten Zeugnisse jüdischen Lebens, in: HNA - Frankenberger Allgemeine vom 12.1.2003

Die Toten haben keine Fürsprecher: Jüdischer Friedhof auf dem Dansenberg in Adorf gibt Zeugnis einer erinnerungswerten Vergangenheit, in: HNA- Frankenberger Allgemeine vom 12.1.2003

Bezirksgruppe Diemelsee im Waldeckischen Geschichtsverein/Kommune Diemelsee (Hrg.), Zur jüdischen Geschichte von Adorf (Flyer), 2011

Adorf, in: alemannia-judaica.de (mit Aufnahmen vom jüdischen Friedhof)

Von Gunter Schmidt-Bollmann liegt eine Dokumentation über frühere jüdische Mitbürger und den jüdischen Friedhof am Dansenberg vor.