Deggendorf (Bayern)

Deggendorf mit derzeit ca. 32.000 Einwohnern ist eine Kreisstadt im niederbayerischen Landkreis Deggendorf - im Donautal in der Nähe der Mündung der Isar gelegen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/a6/Stamp_Germany_2002_MiNr2244_Deggendorf.jpgPostwertzeichen von 2002

Im niederbayrischen Deggendorf gab es von ca. 1245 bis zum "Deggendorfer Pogrom" (1338) eine mittelalterliche jüdische Gemeinde. Sie besaß eine Synagoge innerhalb der damaligen Stadtmauern, die aber 1338 völlig zerstört wurde. In der Nacht des 30.September 1338 sollen Bürger der Stadt unter Führung des herzoglichen Richters über die einheimischen Juden hergefallen sein, sie erschlagen und ihre Häuser angezündet haben. Angeblich hatte der Herzog Heinrich II. von Niederbayern nichts vom Pogrom gewusst; trotzdem sprach er die Bürger von jeder Schuld frei; alle geraubten Gegenstände durften sie behalten. Der Deggendorfer Pogrom löste binnen kürzester Zeit eine Welle von Judenmetzeleien in ganz Niederbayern aus; zahlreiche Ortschaften waren davon betroffen, so Cham, Landau, Landshut, Moosburg, Kelheim, Pfarrkirchen, Straubing, Vilshofen u.a.

Darstellung der „Judenverbrennung“ von Deggendorf in der Schedelschen Weltchronik von 1493

Nach der Ermordung bzw. Vertreibung der Juden Deggendorfs entstand im 15.Jahrhundert eine Legende, um den Pogrom zu rechtfertigen. Danach hätten Juden heilige Hostien geschändet. Der wahre Grund für den Pogrom lag aber offenkundig in der hohen Verschuldung der Bürger bei den hiesigen Juden.

Abbildungen aus dem Altöttinger Bilderzyklus zur Hostienschändung in Deggendorf (Stadtmuseum Deggendorf)

Diese Hostienlegende, die jahrhundertelang in abgewandelter Form überdauerte, war die ‚historische’ Grundlage für die sog. „Deggendorfer Gnad“, die Hostienwallfahrt.

Anm.: Erst im Jahre 1992 (!) wurde diese Wallfahrt von kirchlicher Seite ausgesetzt, als der Bischof von Regensburg die „Haltlosigkeit jüdischer Hostienschändung“ als bewiesen erkannte. Seitdem ist an der Kirche eine Hinweistafel mit dem ff.Text angebracht: „Kyrie Eleison. Im Jahre 1338 wurden die Juden Deggendorfs ermordet. Eine Jahrzehnte später zur Rechtfertigung dieses Verbrechens entstandene Legende, wonach die Juden Hostien geschändet haben sollen, ist falsch. Die über Jahrhunderte hin aufrechterhaltene Verleumdung ließ nicht nur das Andenken an die Juden des Mittelalters zu einem Zerrbild werden, sondern schädigte auch den Ruf ihrer Nachkommen bis herein in die jüngste Vergangenheit. Wir bitten die Juden, 'unsere älteren Brüder' (Papst Johannes Paul II) um Vergebung für das ihnen zugefügte Unrecht. Deggendorf im Advent 1993. Manfred Müller - Bischof von Regensburg. Ludwig J. Rösler  Stadtpfarrer Mariä Himmelfahrt Deggendorf."   

Hinweis: Im Deggendorfer Stadtmuseum wird seit 1992 eine Dauerausstellung unter dem Titel „Die Deggendorfer Gnad“ gezeigt; 2014 erschien dazu ein Begleitheft.

Bis ins 19.Jahrhundert hinein war Deggendorf ein „judenfreier“ Ort; ab ca. 1875 lebten wieder vereinzelt jüdische Familien hier; wegen ihrer zu geringen Zahl bildeten sie zu keiner Zeit eine eigene Kultusgemeinde; die Deggendorfer Juden waren der Gemeinde in Straubing angeschlossen.

Verstorbene Deggendorfer Juden wurden in Straubing bzw. in Cham beerdigt.

Juden in Deggendorf:

         --- 1871 ................  2 Juden,

    --- 1880 ................  8   "  ,

    --- 1900 ................ 17   “  ,

    --- 1910 ................ 17   "  ,

    --- 1925 ................ 15   “  ,

    --- 1933 ................ 17   “  ,

    --- 1939 ................ 10   “  .

Angaben aus: Deggendorf, in: alemannia-judaica.de

Zu Beginn der NS-Zeit lebten im Ort 17 jüdische Bewohner; im April 1942 wurden sechs jüdische Bürger aus Deggendorf „in den Osten“, ein Ehepaar im September des gleichen Jahres nach Theresienstadt deportiert.

Nach Kriegsende bestand in Deggendorf etwa für vier Jahre eine große jüdische Gemeinschaft, die sich aus DPs und Überlebenden Theresienstadts zusammensetzte. Das in der Alten Kaserne im Sept. 1945 eingerichtete UNRRA-Camp beherbergte zeitweilig fast 2.000 Personen; den größten Anteil bildeten dann polnische Juden, die nach den Pogromen von 1946 von dort geflüchtet waren. Das Camp verfügte über zahlreiche kulturelle Einrichtungen (wie Kindergarten, Volks- und Berufsschule, Bibliothek) und religiöse Einrichtungen (wie Betstube, Talmud-Thora-Schule, Ritualbad, koschere Küche). Eine eigene Lagerpolizei sorgte für Sicherheit im Camp. Im Lager galt eine eigene Währung.

http://www.hagalil.com/wp-content/uploads/deggendorf-dollar.jpgAbb. aus Sammlung M. Westerholz

Das Camp wurde im Sommer 1949 geschlossen.

Ein Teil des kommunalen Friedhofs war nach 1945 Begräbnisstätte für die hier verstorbenen Juden des UNRRA-Lagers. Seit 1989 erinnert eine Gedenktafel an die hier beerdigten Juden mit der folgenden Inschrift:

Zur Ehre und zum Gedenken den jüdischen Mitbürgern

die an den Folgen unmenschlicher Behandlungen im KZ Theresienstadt hier in Deggendorf verstorben sind.

Den Lebenden zur Mahnung, kommenden Geschlechtern zur Warnung.

Errichtet durch die Stadt Deggendorf 1989

Zur Erinnerung an jüdische Familien wurden in den vergangenen Jahren drei Straßen benannt: Lauchheimer-, Roederer- und Scharfstraße. Zum Gedenken an die in der NS-Zeit deportierten und ermordeten jüdischen Einwohner Deggendorfs sind 2012 zudem acht sog. "Stolpersteine" in das Gehwegpflaster am Pferdemarkt und Stadtplatz eingelassen worden.

https://spd-deggendorf.de/image/2/426/334/5/media/static/lauchheimer_001-51ed49d0d1d9d.jpg fünf "Stolpersteine", Abb. aus: spd-deggendorf.de, 2012

[vgl. Straubing/Bayern ]

Weitere Informationen:

Max Peinkofer, ‘Die Gnad’ geht wieder ein in Deggendorf, in: Deggendorfer Zeitung vom 29.9.1949

Manfred Eder, Die „Deggendorfer Gnad“: Entstehung und Entwicklung einer Hostienwallfahrt im Kontext von Theologie und Geschichte, Dissertation von 1991

Israel Schwierz, Steinerne Zeugen jüdischen Lebens in Bayern - Eine Dokumentation, Hrg. Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1992, S. 336/337

Karl Krotzer, Der Skandal der “Deggendorfer Gnad”. Eine antisemitische Wallfahrt und ihre Abschaffung im Jahr 1992 durch den Regensburger Bischof Manfred Müller, in: Tribüne 32/1993, Heft 125, S. 139 f.

A.Königseder/J.Wetzel, Lebensmut im Wartesaal - Die jüdischen DPs im Nachkriegsdeutschland, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 1994, S. 250/251

Manfred Eder, Die “Deggendorfer Gnad” - Entstehung und Geschichte einer umstrittenen Hostienwallfahrt, in: ‘Denn das Sterben des Menschen hört nie auf ...’ - Aspekte jüdischen Lebens in Vergangenheit u. Gegenwart, Schriften des Stadtarchivs Würzburg, Heft 11, Würzburg 1997, S. 131 f.

Teja Fiedler, Judenhatz. Mein Nachbar, der Mörder, in: STERN- Millenium Heft No.4/2000, S. 20 - 23

Gerhard Langer, Die altbewährte Mär vom „Gottesmord“: Hostienfrevel – Vortrag von 1998, online abrufbar unter: haGalil.com vom 1.7.2001

Johannes Molitor, Deggendorf und die ‘Gnad’, Artikel des Geschichtsvereins Deggendorf, Deggendorf 2002

Jüdische Geschichte in Deggendorf, in: alemannia-judaica.de

Die Deggendorfer Gnad“ – Dauerausstellung im Deggendorfer Stadtmuseum, online abrufbar unter: museen-deggendorf.de

Robert Schlickewitz, „Die Juden zu Deggendorf“ – ein niederbayrisches Volkslied, in: HaGalil März 2009

Michael Westerholz (Red.), Christen und ihre Blutorgien gegenüber Juden, in: haGalil.com vom 30.10.2011

Michael Westerholz (Red.), DP-Camp in der Alten Kaserne von Deggendorf, in: haGalil.com vom 17.7.2011 - 11.8.2011 - 13.9.2011 - 5.10.2011 (Anm.: detaillierte Darstellung)

Deggendorf – Jüdische DP-Gemeinde, in: after-the-shoah.org

Michael Westerholz (Red.), Gedenken an Nazi-Opfer – Zickzack Kurs in Deggendorf, in: haGalil.com vom 4.2.2012