Dittigheim (Baden-Württemberg)

Datei:Tauberbischofsheim im Main-Tauber-Kreis.png Dittigheim mit derzeit ca. 1.000 Einwohnern ist heute einer von sieben Stadtteilen von Tauberbischofsheim im Main-Tauber-Kreis - ca. 30 Kilometer südwestlich von Würzburg gelegen (Karte F. Paul, 2009, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0).

Die Wurzeln einer jüdischen Gemeinde im badischen Dorfe Dittigheim reichen bis ins ausgehende 16./beginnende 17.Jahrhundert zurück. Die Existenz eines Juden in Dittigheim wird erstmals 1622 erwähnt. Nach Ende des Dreißigjährigen Krieges wurden Juden hier in wachsender Zahl ansässig; sie standen unter dem Schutz der Fürstbischöfe von Würzburg und waren diesen zu Abgaben verpflichtet. Die Zahl der jüdischen Familien in Dittigheim vergrößerte sich im Laufe des 18.Jahrhunderts zusehends. Das Zusammenleben mit der christlichen Dorfbevölkerung Dittigheims verlief nicht immer konfliktfrei; ein Grund für die Spannungen war der vermehrte Zuzug von Juden ins Dorf, der bei den christlichen Bewohnern wirtschaftliche Ängste aufkommen ließ; geschürt wurde dieser Zwist durch verschiedene Ortspfarrer, die kaum eine Gelegenheit ausließen, Juden bei der Obrigkeit ‚anzuschwärzen’. Auf dem Wege zur rechtlichen Gleichstellung hatten die hiesigen Juden manche Anfeindungen zu ertragen.

                  In einer der Petitionen der politischen Gemeinden des Taubertales vom 1.3.1837 an die Badische Kammer hieß es:

„ ...Die Erfahrung hat aber gelehrt und lehrt dies noch täglich, daß, wenn gleich der Jude sich einem Handwerke gewidmet hat, dieses bald wieder im Stiche läßt, und dem alten Sauerteige nachhängt, nämlich dem Schacher und Wucher, um dadurch ihren talmudischen Grundsätzen getreu nachzuleben, nachdem es denselben erlaubt ist, die Christen zu betrügen; eine Morallehre, die berechtigt ist, jede bürgerliche Existenz den Juden zu entziehen. ...”

Eine Synagoge existierte vermutlich seit Mitte des 18.Jahrhunderts, die bis zur Auflösung der Gemeinde 1881 benutzt wurde; danach wurde das Gebäude verkauft und als Scheune genutzt. In verschiedenen jüdischen Häusern gab es Mikwen.

Zur Besorgung religiös-ritueller Aufgaben der Gemeinde war - zumindest zeitweise - ein Lehrer angestellt.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20346/Dittigheim%20Amtsblatt%20Seekreis%2011051853.jpg Stellenausschreibung im "Großherzoglich Badischen Anzeige-Blatt für den See-Kreis" vom 11. Mai 1853

Eine jüdische Elementarschule gab es in Dittigheim nicht; 1840 versuchte der Synagogenrat, eine solche am Ort einzurichten, was aber von den Eltern abgelehnt wurde. Sie sahen in einer gemeinsamen Unterrichtung von christlichen und jüdischen Kindern bessere Integrationsmöglichkeiten in die Dorfgesellschaft. 

Ihre Toten begrub die Dittigheimer Judenschaft auf dem jüdischen Verbandsfriedhof im bayerischen Allersheim, danach in Külsheim; erst ab 1875 wurden Verstorbene auf dem Friedhof in Tauberbischofsheim beerdigt.

Die Gemeinde Dittigheim war seit 1827 dem Rabbinatsbezirk Wertheim zugeordnet; anschließend waren das Rabbinat Tauberbischofsheim und zuletzt das Merchingens zuständig.

Juden in Dittigheim:

         --- 1699 ............................   5 jüdische Familien,

    --- 1763 ............................   9     “       “   ,

    --- 1825 ............................  87 Juden (ca. 8% d. Bevölk.),

    --- 1840/41 ......................... 120   “  ,

    --- 1854 ............................ 172   “  ,

    --- 1863 ............................  92   “  ,

    --- 1875 ............................  68   “  ,

    --- 1895 ............................   3   “  .

Angaben aus: F. Hundsnurscher/G. Taddey, Die jüdischen Gemeinden in Baden, S. 270

und                 Elmar Weiß, Die Juden in Dittigheim, S. 341

Mit der 1862 erfolgten völligen bürgerlichen Gleichstellung der Juden durch die Badische Kammer und der damit resultierenden Freizügigkeit begann eine rasche Abwanderung jüdischer Familien aus Dittigheim. Dieser Wegzug war mit negativen Folgen für die Kommune Dittigheim verbunden; so hieß es in einem Schreiben des Oberamtmanns Frey aus dem Jahre 1877: „Eine nicht unbedeutende Einbuße an Einnahmen hat die Gemeindekasse erlitten durch den in jüngster Zeit erfolgten Wegzug von sechs wohlhabenden israelitischen Familien nach Tauberbischofsheim ...” Anfang der 1880er Jahre lösten die wenigen noch in Dittigheim verbliebenen Juden die selbstständige Kultusgemeinde auf und schlossen sich der Synagogengemeinde Tauberbischofsheim an. Das schon jahrelang unbenutzte Synagogengebäude wurde alsbald verkauft und fortan als Wohn- u. Wirtschaftsgebäude genutzt.

Das ehemalige Synagogengebäude in der Synagogengasse 4 hat die Zeiten überdauert; ein farbig bemalter Chuppastein an der Außenmauer ist einziges Relikt des jüdischen Gotteshauses und erinnert heute noch an die Vergangenheit des Gebäudes. Seit 1979 ist das einstige Bethaus im Denkmalbuch des Landes Baden-Württemberg verzeichnet.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2029/Dittigheim%20Synagoge%20153.jpg Chuppastein (Aufn. J. Hahn, 2003)

[vgl. Tauberbischofsheim (Baden-Württemberg)]

Weitere Informationen:

Paul Sauer, Die jüdischen Gemeinden in Württemberg und Hohenzollern, Stuttgart 1966, S. 49

F. Hundsnurscher/G. Taddey, Die jüdischen Gemeinden in Baden, in: Veröffentlichungen der Staatlichen Archivverwaltung Baden-Württemberg, Band 19, Stuttgart 1968, S. 270

Elmar Weiß, Jüdisches Schicksal im Gebiet zwischen Neckar und Tauber, Hrg. Landeszentrale für politische Bildung in Baden-Württemberg, 1979

Elmar Weiß, Die Juden in Dittigheim, in: Dittigheim - Geschichte einer alten Siedlung im Taubertal, Hrg. Interessengemeinschaft Heimatbuch Dittigheim, Tauberbischofsheim 1987, S. 326 - 346

Joachim Hahn, Erinnerungen und Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, S. 354

Dittigheim, in: alemannia-judaica.de (mit Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Joachim Hahn/Jürgen Krüger, “Hier ist nichts anderes als Gottes Haus ...” Synagogen in Baden-Württemberg, Teilband 2: Orte und Einrichtungen, Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2007, S. 475/476